Aus dem Tagebuch eines Drachentöters: Gesetz =|= Kultur? Oder: Und ewig grüßt die Leitkulturdebatte.

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Dieses Bild postete heute die Zeit heute auf Facebook um auf ihren Artikel aufmerksam zu machen. Aber worum geht es eigentlich? Dem deutschen Innenminister Thomas de Maizière kam die Idee, mit einem 10-Punkte-Katalog zu einer Diskussion über eine deutsche Leitkultur einzuladen. Ein Begriff, der immer mal wieder durch die Medien geistert, wenn erzkonservative Politiker meinen, man müsse „denen von woanders“ mal zeigen, wie der Hase hier im Stechschritt marschiert. 2016 versuchte sich zuletzt Horst Seehofer an einer Leitkulturformulierung.

Was sind die zehn Punkte, auf die zumindest de Maizière eine so heterogene Kultur wie in den Grenzen der BRD eindampfen will? Die Zitate dem einem Artikel ZDF heute entnommen.

1. Gesicht zeigen/Soziale Gewohnheiten

Wir legen Wert auf ei­ni­ge so­zia­le Ge­wohn­hei­ten, nicht weil sie In­halt, son­dern weil sie Aus­druck einer be­stimm­ten Hal­tung sind: Wir sagen un­se­ren Namen. Wir geben uns zur Be­grü­ßung die Hand. Bei De­mons­tra­tio­nen haben wir ein Ver­mum­mungs­ver­bot. „Ge­sicht zei­gen“ – das ist Aus­druck un­se­res de­mo­kra­ti­schen Mit­ein­an­ders. Im All­tag ist es für uns von Be­deu­tung, ob wir bei un­se­ren Ge­sprächs­part­nern in ein freund­li­ches oder ein trau­ri­ges Ge­sicht bli­cken. Wir sind eine of­fe­ne Ge­sell­schaft. Wir zei­gen unser Ge­sicht. Wir sind nicht Burka.

Hand geben und Gesicht zeigen? Das sind also deutsche Werte. Da sollte der Innenminister mal ins Stadion oder zum Arzt gehen. Und auf vielen Demonstrationen ist das Vermummungsverbot von „oben“ verordnet, in den demonstrierenden Kulturen eher nicht verwurzelt. Und auch die bundesdeutsche Ordnungsmacht zeigt sich, grade auf Demonstrationen gerne vermummt. Sie widersetzt sich also damit unserer Leitkultur. Da hat Herr de Maizière wohl seine eigenen Untergebenen nicht im Griff (und ja, ich weiß, dass es gute Gründe gibt, das Polizisten manchmal ihre Identität verbergen müssen). Der letzte Satz ist eine schöne Parole. Die könnte man auch montags durch Dresden tragen. Du bist vielleicht Deutschland, aber Wir sind nicht Burka.

Ach ja, noch was zum Thema Hand geben: Das tue ich höchstens zur förmlichen Begrüßung oder bei mir unbekannten Menschen. Menschen die ich wirklich kenne und mag umarme ich zur Begrüßung. Wie undeutsch!

2. Bildung

Wir sehen Bil­dung und Er­zie­hung als Wert und nicht al­lein als In­stru­ment. Schü­ler ler­nen – manch­mal zu ihrem Un­ver­ständ­nis – auch das, was sie im spä­te­ren Be­rufs­le­ben wenig brau­chen. Ei­ni­ge for­dern daher, Schu­le solle stär­ker auf spä­te­re Be­ru­fe vor­be­rei­ten. Das ent­spricht aber nicht un­se­rem Ver­ständ­nis von Bil­dung. All­ge­mein­bil­dung hat einen Wert für sich. Die­ses Be­wusst­sein prägt unser Land.

Tja… da kann ich jetzt wenig gegen sagen. Hier kann ich dem Innenminister eigentlich nur zustimmen. Das ist, kurz und bündig, etwa das Bildungsideal nach Wilhelm von Humboldt. Ich denke trotzdem, dass der Bildungsplan entrümpelt werden sollte und bestimmte Aspekte überarbeitet und verändert werden sollten. Ich kann dazu nur von Richard David Precht „Anne, die Schule und der liebe Gott“ empfehlen.

3. Leistung

Wir sehen Leis­tung als etwas an, auf das jeder Ein­zel­ne stolz sein kann. Über­all: im Sport, in der Ge­sell­schaft, in der Wis­sen­schaft, in der Po­li­tik oder in der Wirt­schaft. Wir for­dern Leis­tung. Leis­tung und Qua­li­tät brin­gen Wohl­stand. Der Leis­tungs­ge­dan­ke hat unser Land stark ge­macht. Wir leis­ten auch Hilfe, haben so­zia­le Si­che­rungs­sys­te­me und bie­ten Men­schen, die Hilfe brau­chen, die Hilfe der Ge­sell­schaft an. Als Land wol­len wir uns das leis­ten und als Land kön­nen wir uns das leis­ten. Auch auf diese Leis­tung sind wir stolz.

Da hab ich ihn grad gelobt und dann kommt diese neoliberale Kacke… Warum muss in einer Gesellschaft der Leistungsgedanke herrschen? Oder in der Wissenschaft? Ich habe in der Uni gelernt, der Wissenschaft ginge es um Wissen und Wahrheit, der Leistungsgedanke verfälscht dies Ideal im Höchstmaß. Und in der Politik? Hat jemand mal darüber nachgedacht, Politiker nach Leistung zu bezahlen?

Und warum, wenn wir uns das Hilfeleisten leisten, demontieren grade Konservative und die auf dem Leistungsgedanken herumreitenden Wirtschaftsliberalen eben diese Sicherungssysteme? Wie geht Humanität und Leistungsgedanke Hand in Hand?

Ich könnte jetzt noch diverse unnötige Vergleiche zur NS-Zeit machen, aber das ist mir echt zu dämlich. Nur so viel: Vom Leistungsgedanken zum Kosten/Nutzen-Errechnen bei Menschen ist es nicht weit.

4. Traditionen

Wir sind Erben un­se­rer Ge­schich­te mit all ihren Höhen und Tie­fen. Un­se­re Ver­gan­gen­heit prägt un­se­re Ge­gen­wart und un­se­re Kul­tur. Wir sind Erben un­se­rer deut­schen Ge­schich­te. Für uns ist sie ein Rin­gen um die Deut­sche Ein­heit in Frei­heit und Frie­den mit un­se­ren Nach­barn, das Zu­sam­men­wach­sen der Län­der zu einem fö­de­ra­len Staat, das Rin­gen um Frei­heit und das Be­kennt­nis zu den tiefs­ten Tie­fen un­se­rer Ge­schich­te. Dazu ge­hört auch ein be­son­de­res Ver­hält­nis zum Exis­tenz­recht Is­raels.

Viel Geschwurbel, wenig Inhalt. Welche Kultur genau ziehen wir aus den Traditionen? Welche Traditionen? Genau das ist doch das Problem mit dem Flickenteppich, den man irgendwann als „Deutschland“ zusammengefasst hat. Auf welche Tradition soll sich der Ostfriese mit dem Niederbayern einigen? Immerhin sollen wir zu unserer Geschichte stehen. Dass das mit dem besonderen Verhältnis zu Israel nicht immer leicht ist oder auch nur auf Gegenseitigkeit beruht, zeigt die jüngste Vergangenheit. Aber das Thema ist ja generell schwierig.

5. Kultur

Wir sind Kul­tur­na­ti­on. Kaum ein Land ist so ge­prägt von Kul­tur und Phi­lo­so­phie wie Deutsch­land. Deutsch­land hat gro­ßen Ein­fluss auf die kul­tu­rel­le Ent­wick­lung der gan­zen Welt ge­nom­men. Bach und Goe­the „ge­hö­ren“ der gan­zen Welt und waren Deut­sche. Wir haben unser ei­ge­nes Ver­ständ­nis vom Stel­len­wert der Kul­tur in un­se­rer Ge­sell­schaft. Es ist selbst­ver­ständ­lich, dass bei einem po­li­ti­schen Fest­akt oder bei einem Schul­ju­bi­lä­um Musik ge­spielt wird. Bei der Er­öff­nung eines gro­ßen Kon­zert­hau­ses sind – wie selbst­ver­ständ­lich – Bun­des­prä­si­dent, Ver­tre­ter aus Re­gie­rung, Par­la­ment, Recht­spre­chung und Ge­sell­schaft vor Ort. Kaum ein Land hat zudem so viele Thea­ter pro Ein­woh­ner wie Deutsch­land. Jeder Land­kreis ist stolz auf seine Mu­sik­schu­le. Kul­tur in einem wei­ten Sinne, unser Blick dar­auf und das, was wir dafür tun, auch das ge­hört zu uns.

Wir sind geil. Geiler als die andere. Und die anderen weiden sich im Glanze unserer Geilheit. Selbstbeweihräucherung par excellence! Wie viel Achtung WIR vor der Kultur anderer haben, zeigt die deutsche Kolonialgeschichte. Sicher, es ist schön und gut viele Theater, Konzertsäle und Musikschulen zu haben, aber warum klingt das bei de Maizière gleich nach „Am deutschen Wesen …“?

Haben wir wirklich so viel mehr Kultur als andere Länder? Und warum wird dann selbst die sog. „Hochkultur“ so schlecht bezahlt, dass in meiner Heimatstadt das Theater schon mehrfach bestreikt wurde? Und wie viel Wert hat diese Kultur und Philosophie für den deutschen Durchschnittsbürger wirklich? Warum wird das Theaterpublikum immer älter? Haben wir vielleicht diese eigene Kultur so satt?

6. Religion

In un­se­rem Land ist Re­li­gi­on Kitt und nicht Keil der Ge­sell­schaft. Dafür ste­hen in un­se­rem Land die Kir­chen mit ihrem un­er­müd­li­chen Ein­satz für die Ge­sell­schaft. Sie ste­hen für die­sen Kitt – sie ver­bin­den Men­schen, nicht nur im Glau­ben, son­dern auch im täg­li­chen Leben, in Kitas und Schu­len, in Al­ten­hei­men und ak­ti­ver Ge­mein­de­ar­beit. Ein sol­cher Kitt für un­se­re Ge­sell­schaft ent­steht in der christ­li­chen Kir­che, in der Syn­ago­ge und in der Mo­schee. Wir er­in­nern in die­sem Jahr an 500 Jahre Re­for­ma­ti­on.

Für die Tren­nung der christ­li­chen Kir­chen hat Eu­ro­pa, hat Deutsch­land einen hohen Preis ge­zahlt. Mit Krie­gen und jahr­hun­der­te­lan­gen Aus­ein­an­der­set­zun­gen. Deutsch­land ist von einem be­son­de­ren Staat-Kir­chen-Ver­hält­nis ge­prägt. Unser Staat ist welt­an­schau­lich neu­tral, aber den Kir­chen und Re­li­gi­ons­ge­mein­schaf­ten freund­lich zu­ge­wandt. Kirch­li­che Fei­er­ta­ge prä­gen den Rhyth­mus un­se­rer Jahre. Kirch­tür­me prä­gen un­se­re Land­schaft. Unser Land ist christ­lich ge­prägt. Wir leben im re­li­giö­sen Frie­den. Und die Grund­la­ge dafür ist der un­be­ding­te Vor­rang des Rechts über alle re­li­giö­sen Re­geln im staat­li­chen und ge­sell­schaft­li­chen Zu­sam­men­le­ben.

Kitt der Gesellschaft? Soso… Deshalb stehen Muslime also unter Terrorgeneralverdacht, deshalb müssen sich Homosexuelle immer noch als „von Gott nicht gewollt“ betiteln lassen, deshalb müssen Straftaten von katholischen Geistlichen so lange verschwiegen werden. Deshalb mussten sich die Protestanten vom „deutschen Papst“ Benedikt XVI. als quasi Sekte bezeichnen lassen. Deshalb zahlt der deutsche Staat an die Kirche Jahr für Jahr Geld für unglaublichste Dinge. Und ich hab damit noch nicht mal in der Geschichte gewühlt.

Religion ist kein Kitt unserer Gesellschaft. Und sollte es auch nicht sein. Wir haben Religionsfreiheit. Wir sind quasi ein säkularer Staat. Religionen sind für Individuen wichtig. Ihre sinnstiftende Funktion für die Grundrechte ist schon sehr lange abgegolten.

7. Zivilkultur

Wir haben in un­se­rem Land eine Zi­vil­kul­tur bei der Re­ge­lung von Kon­flik­ten. Der Kom­pro­miss ist kon­sti­tu­tiv für die De­mo­kra­tie und unser Land. Viel­leicht sind wir stär­ker eine kon­sens­ori­en­tier­te Ge­sell­schaft als an­de­re Ge­sell­schaf­ten des Wes­tens. Zum Mehr­heits­prin­zip ge­hört der Min­der­hei­ten­schutz. Wir stö­ren uns daran, dass da ei­ni­ges ins Rut­schen ge­ra­ten ist. Für uns sind Re­spekt und To­le­ranz wich­tig. Wir ak­zep­tie­ren un­ter­schied­li­che Le­bens­for­men und wer dies ab­lehnt, stellt sich au­ßer­halb eines gro­ßen Kon­sen­ses. Ge­walt wird weder bei De­mons­tra­tio­nen noch an an­de­rer Stel­le ge­sell­schaft­lich ak­zep­tiert. Wir ver­knüp­fen Vor­stel­lun­gen von Ehre nicht mit Ge­walt.

Wie genau passt jetzt eine konsensorientierte Gesellschaft zum Leistungsgedanken? Naja, egal. Insgesamt ein richtiger Abschnitt, in dem viele Sachen gesagt werden, die gut und wichtig sind. Aber sind diese originär deutsch und damit wert, Teil einer deutschen Leitkultur zu sein? Im Großen und Ganzen steht das doch auch in der Menschenrechtscharta der UN, der EU und… im Deutschen Grundgesetz.

8. Aufgeklärter Patriotismus

Wir sind auf­ge­klär­te Pa­trio­ten. Ein auf­ge­klär­ter Pa­tri­ot liebt sein Land und hasst nicht an­de­re. Auch wir Deut­schen kön­nen es sein. „Und weil wir dies Land ver­bes­sern, lie­ben und be­schir­men wir‘s. Und das liebs­te mag‘s uns schei­nen, so wie an­dern Völ­kern ihrs, so heißt es in der Kin­der­hym­ne von Bert Brecht. Ja, wir hat­ten Pro­ble­me mit un­se­rem Pa­trio­tis­mus. Mal wurde er zum Na­tio­na­lis­mus, mal trau­ten sich viele nicht, sich zu Deutsch­land zu be­ken­nen. All das ist vor­bei, vor allem in der jün­ge­ren Ge­ne­ra­ti­on. Un­se­re Na­tio­nal­fah­ne und un­se­re Na­tio­nal­hym­ne sind selbst­ver­ständ­li­cher Teil un­se­res Pa­trio­tis­mus: Ei­nig­keit und Recht und Frei­heit.

Ich bin kein Patriot, dafür bin ich zu aufgeklärt. Deshalb möchte ich diesem Zitat gerne ein anderes entgegenstellen.

Die wohlfeilste Art des Stolzes hingegen ist der Nationalstolz. Denn er verrät in dem damit Behafteten den Mangel an individuellen Eigenschaften, auf die er stolz sein könnte, indem er sonst nicht zu dem greifen würde, was er mit so vielen Millionen teilt. Wer bedeutende persönliche Vorzüge besitzt, wird vielmehr die Fehler seiner eigenen Nation, da er sie beständig vor Augen hat, am deutlichsten erkennen. Aber jeder erbärmliche Tropf, der nichts in der Welt hat, darauf er stolz sein könnte, ergreift das letzte Mittel, auf die Nation, der er gerade angehört, stolz zu sein. Hieran erholt er sich und ist nun dankbarlich bereit, alle Fehler und Torheiten, die ihr eigen sind, mit Händen und Füßen zu verteidigen.“ – Arthur Schopenhauer

9. Teil Europas

Unser Land hatte viele Zä­su­ren zu be­wäl­ti­gen. Ei­ni­ge davon waren mit Grund­ent­schei­dun­gen ver­bun­den. Eine der wich­tigs­ten lau­tet: Wir sind Teil des Wes­tens. Kul­tu­rell, geis­tig und po­li­tisch. Die NATO schützt un­se­re Frei­heit. Sie ver­bin­det uns mit den USA, un­se­rem wich­tigs­ten au­ßer­eu­ro­päi­schen Freund und Part­ner. Als Deut­sche sind wir immer auch Eu­ro­pä­er. Deut­sche In­ter­es­sen sind oft am bes­ten durch Eu­ro­pa zu ver­tre­ten und zu ver­wirk­li­chen. Um­ge­kehrt wird Eu­ro­pa ohne ein star­kes Deutsch­land nicht ge­dei­hen. Wir sind viel­leicht das eu­ro­päischs­te Land in Eu­ro­pa – kein Land hat mehr Nach­barn als Deutsch­land. Die geo­gra­fi­sche Mit­tel­la­ge hat uns über Jahr­hun­der­te mit un­se­ren Nach­barn ge­formt, frü­her im Schwie­ri­gen, jetzt im Guten. Das prägt unser Den­ken und un­se­re Po­li­tik.

Und schon wieder werden die Eier rausgeholt. „Viel­leicht das eu­ro­päischs­te Land in Eu­ro­pa“? Gehts noch?? Alle Tiere sind gleich, aber manche sind gleicher? Warum können wir als Deutschland in der EU nicht einfach ein Gleicher unter Gleichen sein?

Noch eine Kleinigkeit: Warum wird immer noch auf diesem „Westen“ herumgeritten, dessen Teil wir sind? Warum gleich wieder eine Front aufmachen? „Die im Osten, die sind anders, die sind nicht wie wir!“ Wie einig ist denn dieser Westen, grade in der heutigen Zeit?

10. Kollektives Gedächtnis

Wir haben ein ge­mein­sa­mes kol­lek­ti­ves Ge­dächt­nis für Orte und Er­in­ne­run­gen. Das Bran­den­bur­ger Tor und der 9. No­vem­ber sind zum Bei­spiel ein Teil sol­cher kol­lek­ti­ven Er­in­ne­run­gen. Oder auch der Ge­winn der Fuß­ball­welt­meis­ter­schaf­ten. Re­gio­na­les kommt hinzu: Kar­ne­val, Volks­fes­te. Die hei­mat­li­che Ver­wur­ze­lung, die Markt­plät­ze un­se­rer Städ­te. Die Ver­bun­den­heit mit Orten, Ge­rü­chen und Tra­di­tio­nen. Lands­mann­schaft­li­che Men­ta­li­tä­ten, die am Klang der Spra­che jeder er­kennt, ge­hö­ren zu uns und prä­gen unser Land.

Kollektives Gedächtnis… klingt für mich nach ‚Erberinnerungen nach Guido von List oder Karl Maria Wiligut. Aber da bin ich vielleicht vorgeschädigt. Es ist richtig, bestimmter Ereignisse zu gedenken. Aber warum tropft aus solchen Sätzen, bei Worten wie „Ver­wur­ze­lung“ oder „Lands­mann­schaft­li­che Men­ta­li­tä­ten“, immer dieses toxische Öl des Völkischen?

Es fällt mir einfach schwer, in einem Einwanderungsland wie Deutschland (und wir SIND ein Einwanderungsland!) mich an solche Dinge zu hängen, die entweder einem weiten Teil der Bevölkerung fehlen oder die der Kultur wie de Maizière sie beschwört mehr als fremd ist. Und da schließt sich der Kreis: Was dem einen der Karneval und die Volksfeste, das sind dem anderen das Kopftuch oder die Burka. Aber das eine ist Leitkultur, das andere nicht.

Am Ende bleibt für mich bei einer Leitkultur immer das exkludierende, also ausschließende Element. Die einen sind „in“ der Leitkultur. Die anderen nicht. Anpassung oder… was? Die Anderen. Die Ausgegrenzten. Und so wird aus einer Leitkultur wieder eine Leidkultur.

Ach ja, unter dem Post bei Facebook kommentierten ganz viele Personen, dass ein Gesetz ja nicht mit Kultur gleichzusetzen sei und das eingangs gezeigte Zitat damit unwahr und hinfällig sei. Das mag im Einzelnen richtig sein. Unsere Kultur erschöpft sich nicht im Grundgesetz. Aber viele, auch und grade die von de Maizière aufgezählte Punkte finden die in den Artikeln des Grundgesetzes und anderen Gesetzestexten wieder. Und wer mir sagt, dass Gesetze keine Kultur sind, den frage ich, was von unserer Kultur übrigbleiben würde, wenn man die Gesetze weglassen würde.

In diesem Sinne:

Waidmenschsheil!

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Aus dem Tagebuch eines Drachentöters: Bei Skeptikern werd ich skeptisch! Oder: Ihr glaubt nur an was anderes.

Ich würde mich als einen kritischen Menschen betrachten. Ich bin Agnostiker, Impfbefürworter, Homöopathiegegner und hinterfrage die Aussagen von Politikern oder öffentlichen Personen prinzipiell. Ich bin zwar Mitglied einer Partei, doch stehe ich offen dazu, mit der Parteilinie nicht konform zu gehen (So gebe ich Marcron definitiv den Vorzug zu Mélenchon; es gibt keinen „intelligenten Protektionismus“). Ich bezeichne mich als Antifaschist, habe aber Probleme mit dem links-autonomen „schwarzen Block“. Ich bin für den Frieden, aber nicht auf Kosten von Querfrontgedanken.

Kurzum: Ich sehe mich als einen skeptischen Menschen im Geiste von Pyrrhon von Elis. Von daher hab ich lange mit Gesellschaften wie der GWUP (Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften) beschäftigt oder in Watch-Blogs wie Psiram gelesen, um mich über Scharlatane und ihre Machenschaften zu informieren. Hierbei bin ich allerdings irgendwann auf eine Sache gestoßen, an der ich mich gestört habe: Der Glaube an Übernatürliches wird hier in Teilen durch einen übersteigerten Wissenschafts- und noch schlimmer Wirtschaftsglauben ersetzt.

Es fing irgendwann mit einem Artikel zur Kritik an der Kritik der Gentechnik an. Ich bin ehrlich, ich komme aus einem Elternhaus, dass zumindest in meiner Jugend der Ökobewegung zugetan war und somit in diesem Bereich kritisch behaftet war. Gleichzeitig waren beide Eltern Akademiker und Akademikerin im Bereich Biologie, also wurde ich zumindest nie von blinder Kritik geleitet. Der Artikel (den ich zu meinem Bedauern nicht mehr finde, voll seriös, so ganz ohne Quelle…) war gut geschrieben, argumentierte ordentlich und bezog sich auf externe Quellen. Aber bei den Quellen fing es dann an… Die Quellenseite gab sich seriös und unabhängig und wollte ganz unvoreingenommen über Gentechnik informieren. Ein Klick auf das Impressum offenbarte allerdings die Beteiligung ausschließlich von Wirtschaftsunternehmen aus den Bereichen Chemie, Pharmazie und Biotechnologie. 

Hier wurde ich… skeptisch. Ich habe, glaube ich, auch nen Kommentar geschrieben, aber darauf kam nichts zurück. Von nun an schaute ich immer mal wieder genauer hin, wenn ich GWUP oder Psiram-Artikel las und immer mal wieder musste ich den Kopf schütteln, wegen der unkritischen Übernahme von nicht-neutralen Quellen. Zum Bruch mit der GWUP (klingt übertrieben, aber ich finde grad kein besseres Wort) kam es für mich mit einem hämischen Artikel über eine Konferenz gegen Biotechnologie und Patenten auf Pflanzen. Ich hatte für mein Studium eine Hausarbeit über Biopiraterie geschrieben, also der Aneignung und anschließenden Patentierung alter Kulturpflanzen durch Pharma- oder Lebensmittelunternehmen. Ergo hatte ich zumindest eine Grundlegende Ahnung von dem Thema und war deshalb durchaus erbost über die Häme und Abschätzigkeit, die diesen Fortschrittsfeinden der Konferenz durch den/die Autor*in der GWUP entgegengebracht wurde.

Diese Entrüstung brachte ich in einem Kommentar unter dem Facebook-Post des Artikels zum Ausdruck. Ich bekam eigentlich keine Antwort. Meine Post wurde zwar beantwortet, aber meine geäußerten Kritikpunkte wurden mehrfach übergangen, auch von Personen die nach eigener Aussage zu höheren Kreisen der GWUP gehörten. Kritik war offenbar nicht erwünscht. Und hier wurden mir Parallelen zu den Leuten deutlich, die die GWUP so gerne (und auch zurecht) kritisiert. Ich war extrem enttäuscht und habe mich nicht weiter mit der GWUP beschäftigt.

Wohl aber mit Psiram. Und das war auch der ausschlaggebende Grund diesen Post zu schreiben. In meinem Newsfeed habe ich Psiram weiterhin abonniert und lese von Zeit zu Zeit darin, da sich Psiram weitestgehend (im Gegensatz zur GWUP) mit den Kernfeldern der Skeptiker*innen beschäftigt (Parapsychologie, Übernatürliches, Homöopathie, etc.). Und nun las ich im Psirama-Wochenrückblick (KW 13, 2017), der für Skeptiker interessante Artikel sammelt und zusammenfasst, erst einen Artikel des Tagesspiegels über verschwörungstheoretische und rechte Umtriebe bei Mahnwachen für den Frieden. Ein guter Artikel, der die krude, teils rechte/nationalistische, teils antisemitische Weltsicht dieser Personen widergibt. So weit, so gut. Und etwas weiter drunter? Ein Kommentar von Spiegel Online, der sog. „Schwarze Kanal“ des unter links-ödipalen Anfällen leidenden Schreibers Jan Fleischhauer. Über dessen Probleme mit der Linken, den Linken, links allgemein hätte Freud ein ganzes Buch schreiben können. Überschrift: „Wie man eine Volkswirtschaft ruiniert“. Eine deutschtümelnde Jammerschwarte darüber wie Deutschland (in Personalunion mit seiner Automobilindustrie) von grünversifften Umweltschützer*innen und amerikanischen-/EU-Angsthasen vor dem teutonischen Muskelprotz kleingehalten werden soll. Ich glaube der skeptische Aspekt des Artikels sollte sein, dass Nadelbäume sog. „biogene Emissionen“ freisetzen und damit zur Feinstaubbelastung beitragen.

Das ich scheinbar nicht der Einzige mit so einer Meinung bin, zeigt der etwas ältere Artikel eines ehemaligen Gründungsmitglieds der GWUP, des Soziologen Edgar Wunder.

Ist das der deutsche Skeptizismus von heute? Da glaube ich lieber niemandem mehr irgendwas und verbleibe mit Arkesilaos:

Nichts ist sicher und nicht einmal das ist sicher

In diesem Sinne:

Weidmenschsheil!

Aus dem Tagebuch eines Drachentöters: Ein Zeichen für die Liebe! Oder: Die Bahn macht plural!

Bildquelle

Zu sagen, dass es in der heutigen Gesellschaft leicht ist „anders“ zu sein, wäre eine Lüge. Zu sagen, mensch kann einfach mit dem zusammen sein, den mensch liebt wäre eine noch größere! Immerhin leben wir in einer Zeit, in der Menschen dafür diffamiert werden, dass sie es wagen, sich einfach dicht neben einem homosexuellen Modeschöpfer fotografieren zu lassen. In einer Zeit in der in Deutschland homosexuelle Paare immer noch keine Kinder adoptieren dürfen und nicht einmal ihre Partnerschaft mit der Ehe gleichgestellt wird. Eine Zeit in der die AfD gegen solche Menschen oder einfach gegen die Gleichberechtigung aller mobil macht.

Und in dieser Zeit möchte ich einen Konzern loben, für den ich sonst viel Abneigung übrig habe: Die Deutsche Bahn! Normalerweise regt mensch sich da über vieles auf: Preis, Pünktlichkeit, Service… Die Bahn ist als Unternehmen für unser Land sehr wichtig und trotzdem alles andere als ein Sympathieträger.

Und da kommt die Bahn mit einer Werbung um die Ecke, die mich vollkommen überrascht und das im positiven Sinne. Sicher, damit werden sie nicht zum Sympathieträger der Nation, aber die Beschwerden dürften aus einer anderen Richtung kommen.

Was ist an der Werbung „Der Fan“ so besonders? Zunächst sieht mensch die ganze Zeit eine jungen Mann, offenbar ein Fußballfan und besonders eines einzelnen Spielers. Der Fan leidet mit der Mannschaft und dem Spieler mit und begleitet seinen Verein durch das ganze Land. Natürlich mit der Bahn, immerhin ist es eine Werbung. Dabei muss er immer wieder allerlei Widrigkeiten trotzen (allein im Gegnerblock, allein in einem Bus voller gegnerischer Fans…), aber das nimmt er offenbar gerne auf sich. Gegen Enge wechselt die Perspektive auf den beobachteten Fußballspieler. Auch er ist in der Bahn unterwegs. Als er aussteigt, erwartet ihn der Fan und sie fallen sich in die Arme. Soweit so gut, aber dann die letzte Szene: Die beiden gehen Händchen haltend über den Bahnsteig und es wird klar, warum der Fan so mitgefiebert hat: Weil er mit seinem Partner mitgefiebert hat.

Der Werbespot ist dabei so natürlich und unaufdringlich gehalten, dass er unglaublich sympathisch und authentisch daher kommt. Nicht gewollt, sondern mit einem ehrlichen Anliegen. Hätte mensch das noch steigern sollen? Ein Kuss? Vielleicht, aber das wäre vielleicht auch zu viel gewesen, zu deutlich.  Hätten mensch es steigern können? Ja sicher, mensch hätte das ganze mit einer Fußballerin und ihrer Partnerin drehen können, zwei Fliegen mit einer Klappe.

Aber letztendlich bin ich freudig überrascht, über dieses offene Bekenntnis der Bahn zu unserer pluralistischen Gesellschaft. Auch wenn es PR ist, so ist es doch auch gleichzeitig mehr als das.

In diesem Sinne:

Danke, Deutsche Bahn!

Und Weidmenschsheil!

From the diary of a dragonslayer: Interview with the Darkly Venus Aversa Part 2 – Nachtlieder

And here it is, my second interview with one of the bands from my blog, the swedish one-woman-project Nachtlieder. Of course, all questions were answered by Dagny Susanne herself. No long introduction, let the artist speak for herself!

Drachentöter: Describe your project and your style of music. What do you think makes it
special?
Dagny Susanne: Pretty straightforward 90’s influenced black metal. I’m bad at describing my music myself, I don’t think I have enough distance to it. But one thing might be that I
care more about song arrangement than other bands do, I think more about that
than just writing ”good riffs”.

DT: What were your intentions for your project and how did it start?
D.S.: Just to write music, really. I sat down with my guitar one late evening in 2008 and
suddenly I had my three first songs finished.

DT: Who are your musical and non-musical influences? What kind of music do you
prefer personaly?
D.S.: I mostly listen to black at the moment, but I like all kinds of music. What I’ve been
influenced by forming my musicianship is a different matter. I think all of the
swedish bands I listened to in my teens when I started to discover black are
responsible. I don’t listen to them much anymore, but all reviewers think my sound
is typically swedish!

DT: What inspires you to do what you do?
D.S.: Music inspires me. Playing guitar and coming up with something that feels good,
that’s the reason I keep going.

DT: How does music affect you and the world around you?
D.S.: Wow, you got the topic for several doctoral thesis in musicology there, haha. I
don’t think I can give a better answer than that I could not be without music.
Likewise, I could not be without silence either.

DT: How do you promote your band?
D.S.: Only social media at the moment unfortunately. And I try to accept as many
interviews as possible. My label does very hard promotional work though, getting in
touch with bloggers and journalists. This album has got very much more attention
than my first because of it.

DT: Do you have the intention to do live shows with your project?
D.S.: Yes, but I don’t know when yet. I’m keeping my eyes and ears open for suitable live
musicians, but I’m not actively searching at the moment.

DT: What’s your opinion of the music industry today?
D.S.: It is the way it’s always been I guess. Maybe a bit better, I think it’s harder for
bands to get ripped of by labels and others today compared to, like, the 60’s. You
can’t live a glamorous life if you decide to become a musician, and that’s the way
it’s always been throughout history. People seem to forget that.

DT: Tell me about your life as a musician. How do you compose and work on your
music?
D.S.: I record demos at home with guitars, bass and vocals. That’s pretty much it.
Normally I start off with just one guitar and some basic riffs and built the
arrangement from there.

DT: Describe the Extreme Metal subculture of your hometown/homeland. You have
experience with the scene in other countries, what’s the difference there?
D.S.: I hardly have experience with the scene here, much less abroad. Gothenburg
doesn’t really interest me. The ”Gothenburg sound” you know. It’s pretty far from
black. We got a few really good swedish bands, especially underground, but
Sweden isn’t actually much of a metal country considering the amount of gigs and
festivals. There is a few really hard working people though!

DT: How are your connections in the scene? Do you have bands in your circle of
friends? Do you have favorite clubs or festivals?
D.S.: Hahahahaha, no! I keep in touch with a few individuals, mostly females from
abroad. I go to Inferno in Oslo every year but it’s just a music thing for me, I know
no-one.

DT: Do you think it’s a difference, being a female metalhead than being a male
one? How are experiences as individual persons?
D.S.: You might as well ask ”do you think it’s different being female than male”, of
course it is. I think it’s important that we think about how we treat others and why,
that’s the way to kill sexism.

DT: Do you think that all-female-bands have more problems with getting known/
famous?
D.S.: Not per se, but I do believe it’s harder for women to gather the experience it takes
to get to the ”fame” level. Myself I’m struggling with an almost non-existing
musician network and that keeps me from doing a lot of things. Had I been male I
truly believe things would have been different, being invited into the community as
a fellow musician and ”brother” instead of a ”potential mate”.

DT: Did you have negative experiences with labels, other musicians or someone
else because you are female musician?
D.S.: Yes, the people who disrespect you in this way are usually people who don’t play
themselves, from my experience. But it’s not all about ”negative experience”,it’s
most of all about being evaluated for my performance in relation to my gender,
rather than just my performance.

DT: What are your plans for the future? Are you working on a new release?
D.S.: I do stuff all the time! I have ideas for an upcoming album but I haven’t started
writing yet. There might be an EP/split or two coming up also. I have quite a lot of
material that didn’t fit on my full length albums.

DT: What are your dreams and goals for your project?
D.S.: Not much really. I’m gonna continue to write as long as it feels meaningful. I take
everything one step at a time and I’ll see where I end up.

DT: Any last words you want so share?
D.S.: Thanks for your time! Support the scene etc.

Thank you a lot for the interview!

In this sense:

Good hunting!

Aus dem Tagebuch eines Drachentöters: Darkly Venus Aversa im Gespräch Teil 2 – Nachtlieder

Und hier ist nun mein zweites Interview mit einer der von mir vorgestellten Bands, dem schwedischen One-Woman-Projekt Nachtlieder. Natürlich wurden die Fragen von Dagny Susanne selbst beantwortet. Das Wort hat die Künstlerin!

Drachentöter: Beschreib uns dein Projekt und deine Art der Musik. Was denkst du, macht sie besonders?
Dagny Susanne: Ziemlich gradliniger Black Metal, mit starkem 90er Jahre-Einfluss. Ich bin nicht gut darin, meine Musik selbst zu beschreiben, da ich nicht glaube, dass ich genug Distanz zu ihr habe. Aber eine Sache könnte sein, dass ich mich mehr um die Song-Arrangement kümmere, als andere Bands das tun. Darüber denke ich mehr nach, als einfach nur „gute Riffs“ zu schreiben.

DT: Was waren deine Absichten für das Projekt und wie es hat angefangen?
D.S .: Nur Musik zu schreiben, wirklich. Ich setzte mich mit meiner Gitarre eines späten Abends im Jahr 2008 hin und plötzlich hatte ich meine drei ersten Songs fertig.

DT: Wer sind deine musikalischen und nicht-musikalischen Einflüsse? Welche Art von Musik bevorzugst du persönlich?
D.S .:  Im Moment höre ich meistens Black Metal, aber ich mag alle Arten von Musik. Was mich bei meiner musikalischen Entwicklung beeinflusst hat, ist eine ganz andere Sache. Ich denke, es waren all die schwedischen Bands, die ich in meiner Jugend hörte, als ich begann Black Metal zu entdecken. Die höre ich allerdings kaum noch, aber alle Rezensent*innen behaupten, mein Sound sei typisch schwedisch!

DT: Was inspiriert dich zu tun, was du tust?
D.S .: Musik inspiriert mich. Gitarre spielen und etwas erschaffen, das sich gut anfühlt,
das ist der Grund, warum ich weitermachen.

DT: Wie beeinflusst Musik dich und die Welt um dich herum?
D.S .: Wow, da hast du ein Thema für mehrere Doktorarbeit in Musikwissenschaft, haha. Ich glaube nicht, dass ich eine bessere Antwort geben kann, als dass ich nicht ohne Musik sein könnte. Ebenso könnte ich auch nicht ohne Stille sein.

DT: Wie promotest du deine Band?
D.S .: Leider im Moment nur über soziale Netzwerke. Und ich versuche, so viele zu
Interviews wie möglich anzunehmen. Mein Label macht viel PR-Arbeit, bringt mich in Kontakt mit Blogger*innen und Journalist*innen. Dieses Album  bekam deswegen sehr viel mehr Aufmerksamkeit als meine Erstes.

DT: Hast du die Absicht, Live-Shows mit deinem Projekt zu machen?
D.S .: Ja, aber ich weiß noch nicht, wann . Ich halte meine Augen und Ohren offen nach geeigneten Live-Musiker*innen, aber ich bin im Moment nicht aktiv am suchen.

DT: Was ist deine Meinung zur Musikindustrie heute?
D.S .: Es ist so, wie es wohl immer war, denke ich. Vielleicht ein bisschen besser, ich denke, es passiert heute weniger, dass Bands von ihren Labels und anderen ausgenommen zu werden . Du wirst kaum ein glamouröses Leben leben, wenn du dich entscheidest, Musiker*in zu werden und so war es immer im Laufe der Geschichte. Die Leute scheinen das zu vergessen.

DT: Erzähl mir von deinem Leben als Musikerin. Wie komponierst du und arbeitest an deiner Musik?
D.S .: Ich nehme zuhause Demos mit Gitarren, Bass und Gesang zu Hause auf. Das wars so ziemlich. Normalerweise beginne ich nur mit der Gitarre und einigen grundlegenden Riffs  und baue darauf die Arrangements auf.

DT: Beschreibe die Extreme Metal Subkultur deiner Heimatstadt/Heimat. Du hast
Erfahrung mit der Szene in anderen Ländern? Was da der Unterschied?
D.S .: Ich habe kaum Erfahrung mit der Szene hier, noch viel weniger im Ausland. Göteborg nicht interessiert mich wirklich, also die „Göteborger Schule“, du weißt schon. Ist ist zu weit vom Black Metal weg. Wir haben ein paar wirklich gute schwedische Bands, vor allem Underground, aber Schweden ist nicht wirklich einem Metal-Land, an der Menge von Konzerten und Festivals gemessen. Aber es gibt hier ein paar wirklich hart arbeitenden Menschen !

DT: Wie sind Ihre Verbindungen in der Szene? Haben Sie Bänder in Ihrem Kreis haben,
Freunde? Haben Sie Lieblingsclubs oder Festivals haben?
D.S .: Hahahahaha, nein! Ich halte in Kontakt mit einigen Personen, meist Frauen aus
im Ausland. Ich fahre jedes Jahr nach Oslo zum Inferno, aber nur wegen der Musik , ich kenne da niemanden.

DT: Glaubst du, es ist ein Unterschied ein weibliche Metaller zu sein oder ein männlicher? Wie sind deine persönlichen Erfahrungen?
D.S .: Genauso gut könnte man fragen, „glaubst du, ist es anders weiblich zu sein als männlich“, natürlich ist es das. Ich denke, es ist wichtig, dass wir darüber nachdenken, wie wir andere behandeln und warum, das ist der Weg Sexismus zu beseitigen.

DT: Glaubst du, dass rein weibliche Bands mehr Probleme haben bekannt/berühmt zu werden?
D.S .: Nicht per se, aber ich glaube, dass es schwieriger ist, für Frauen, die Erfahrung zu sammeln dauert es
auf den „Ruhm“ Niveau zu erhalten. Ich selbst bin zu kämpfen mit einer fast nicht vorhandenen
Musiker Netzwerk und das hält mich aus, eine Menge Dinge zu tun. Hätte ich male ich gewesen
wirklich glauben würde die Dinge anders gewesen sein, wobei in die Gemeinde eingeladen,
ein Mitmusiker und „Bruder“ anstelle eines „potenziellen Partner“.

DT: Hast du negative Erfahrungen mit Labels, andere Musiker oder jemand
sonst gemacht, weil du eine MusikerIN bist?
D.S .: Ja,  aber die Leute, die deswegen respektlos sind, spielen in der Regel selbst nicht, meiner Erfahrung nach. Aber es geht nicht nur um „negative Erfahrung“, es geht
vor allem darum, dass meine Leistung in Bezug auf mein Geschlecht bewertet wird,
und nicht nur meine Leistung.
DT: Was sind deine Pläne für die Zukunft? Arbeitest du schon an neuen Aufnahmen?
D.S .: Das mache ich die ganze Zeit! Ich habe Ideen für ein kommendes Album, aber ich habe noch nicht mit dem Schreiben begonnen. Es könnten auch eine EP/Split oder zwei kommen. Ich habe eine ganze Menge Material, das nicht auf meine Alben gepasst hat.

DT: Was sind deie Träume und Ziele für dein Projekt?
D.S .: Nicht wirklich viel. Ich werde so lange weiter schreiben, wie es sich sinnvoll anfühlt. Ich nehme immer nur einen Schritt auf einmal und ich werde sehen, wo ich am Ende stehe.

DT: Irgendwelche letzten Worte, die du teilen möchtest?
D.S .: Vielen Dank für deine Zeit! Unterstützt die Szene usw.

Vielen Dank für das Interview!

 

In diesem Sinne:

Weidmenschsheil!

 

Drachenhöhleninterna #4 – Long time no see

Still ist es hier geworden seit fast zwei Monaten. Das ist traurig, aber in den letzten Monaten hatte ich extrem viel um die Ohren. Rückkehr aus Berlin, Zurückfinden ins Studium, Reorganisation der Wohnung und dann steht auch noch meine Bachelorarbeit ins Haus.

Das und die ganze andere Ablenkung haben dazu geführt, dass ich das ganze hier habe echt schleifen lassen. Aber das muss und soll und wird nicht so bleiben! Versprochen, aber nächster Woche werde ich meine Arbeit wieder aufnehmen und weitermachen!

Heute mal in diesem Sinne:

Waidmenschsdank!

Aus dem Tagebuch eines Drachentöters: Was für ein Volk sind wir? Oder: Alles, aber bitte nicht „deutsch“!

Aktuell hört mensch diese Worte immer wieder. Worte, so mystisch, wie mythisch, wie leer sind. Worte wie „Volk“ und „Identität“. Und immer wieder diese eine Wort. „Deutsch“. Das deutsche Volk, die deutsche Identität, das scheinen Dinge zu sein, die aktuell unglaublich bedroht sind. Von dort „draußen“. Von Ausländern, Migranten und Flüchtlingen. Sie bedrohen, was deutsch ist. Unsere Werte. So schallt es aus den Mündern der Besorgten und der Rattenfänger. Und alles was ich mich frage ist, wer dieses „uns“ eigentlich ist. Dieses „wir“. Dieses „deutsch“.

Ich bin froh, in Deutschland zu leben, im Staat Bundesrepublik Deutschland. Von einigen Ausnahmen, die meistens in Skandinavien gesehen werden, gibt es kaum Länder, in denen es sich besser und sicherer leben ließe. Wohlstand, Sozialsysteme, Demokratie. Vieles ist besser als sein Ruf. Und unser Ruf scheint oder schien zumindest in aller Welt besser zu sein, als unser Selbstbild, dass wir selber gern als „hässliche Deutsche“ betiteln.

Doch offensichtlich gibt es auch jene, die nie in falscher Bescheidenheit, sondern eher in falscher Überzeugung den Wert des Deutschseins propagieren. Und es als so viel schützenswerter sehen, als die Leben unzähliger Flüchtlinge. Mir ist dabei das deutsche Wesen immer fremd geblieben. Entweder habe ich in Geschichte zu gut aufgepasst oder es gab einfach zu viel anderes, mit dem ich mich identifizieren konnte, als DEUTSCHLAND.

Für mich ist und war Deutschland und damit auch das deutsche Wesen (an dem immer wieder die Welt genesen soll), die deutschen Werte und die deutsche Identität immer ein unglaublich künstliches Konstrukt. Die heutige BRD existiert seit 1989. Vorher existierten nach 1949 wie bekannt BRD und DDR nebeneinander. Davor das Nationalsozialistische Deutsche Reich, die Weimarer Republik und das im Jahr 1871 begründete und nach dem 1. Weltkrieg aufgelöste Deutsche Kaiserreich. Und davor? Flickenteppiche! Ob sie sich jetzt hinter einem wohlklingenden Namen wie Deutscher Bund oder dem Bandwurmnamen Heiliges römisches Reich deutscher Nation versteckten, es blieben Flickenteppiche von Landstrichen, Herzogtümern, Fürstentümern, Kleinstaaten, Freien Städten und so weiter. Von Einheit keine Spur! 150 Jahre gibt es den deutschen Nationalstaat und seine Vorläufer, aber wir sind mächtig stolz auf eine einheitliche Identität.

Welche einheitliche Identität eigentlich? Fragt mensch einen Nordfriesen, was denn seine Gemeinsamkeiten mit dem Saarländer oder einem Niederbayern seien, so würde er nach norddeutscher Ort vielleicht den Kopf schütteln und nichts sagen. Dieser Staat vereint eine Reihe von Kulturen, die ihren Nachbarn in anderen Staaten ähnlicher sind, als im Staat untereinander. Und trotzdem kommt  mir an jeder zweiten Ecke das Schlagwort „deutsche Leitkultur“ entgegen. In die soll sich doch bitte integriert werden. Wenn allerdings dann im Detail nachgefragt wird, was das denn sei, wird es meist still. Unsere Kulturen sind so vielfältig wie unterschiedlich. 

Ich packe jetzt mal ein Bündel bunte Klischees auf den Tisch, um das überdeutlich zu machen. Was dem Norddeutschen, besonders den küstennahen ihre Shantys und Hans Albers-Standards, das sind dem Bayern Blasmusik und Jodeln (das tut schon beim schreiben weh, ob der ganzen üblen Klischees). Was den einen ihr Karneval ist den anderen ihr Fasching (wer schon mal Helau und Alaaf an den falschen Orten benutzt hat, weiß wie intolerant die Narrenzeit sein kann). Und der Berliner ist dem Berliner eher als Pfannkuchen geläufig

Überhaupt gibt es noch und nöcher lokale Spezialitäten wie Maultaschen, Broiler, Bremer, Braunkohl, Klöße, Kasnocken, Labskaus,… Und zum Teil werden die regional auch ganz unterschiedlich zubereitet. Bier ist vielleicht etwas auf das wir uns als Deutsche einigen könnten (auch wenn der Konsum zurück geht und andere Trendgetränke übernehmen), aber dann bliebe wieder die Frage: Welches? Kölsch, Pils, Alt, Export, Bock, Hell, Dunkel? Die einen mögen es süffig-süß, die anderen lieber herb. Und gibt es nicht auch woanders durchaus gutes Bier? In Tschechien und Polen beispielsweise?

Es gibt bei näherer Betrachtung keine Werte, die das Deutsche an sich ausmachen, wenn mensch nicht weltweit für seine Bürokratie und Paragraphenreiterei bekannt sein will. Ich für meinen Teil kann mich mit meiner Heimatstadt identifizieren. Ohne mich deswegen besser zu fühlen, als Menschen aus anderen Städten. Maximal noch mit meinem Heimatbundesland. Aber trotzdem fordere ich ja nicht, dass sich ein Menschen der aus einem anderen Bundesland hierher zieht, sich dem anzupassen.

Ehrlich gesagt ist es mir egal, wo jemand herkommt, woran sie glaubt, was er gern isst, was er spricht, wie sie lebt. So lange es auf der Grundlage des Grundgesetzes passiert, denn vor dem Gesetz sollten alle Menschen gleich sein.

In diesem Sinne:

Weidmenschsheil!