Aus dem Tagebuch eines Drachentöters – Viele, viele bunte Streifen! oder: Warum mein Avatar nicht in Regenbogenfarben scheint.

Am 26. Juni 2015 urteilte der Supreme Court in den USA in einer historischen und für mich überraschenden Entscheidung, dass in eine Ehe zwischen gleichgeschlechtlichen Personen in allen Bundesstaaten legal und rechtens sein soll. Dies verkündeten sie sogar in äußerst poetischen Worten:

Marriage responds to the

universal fear that a lonely person might call out only to

find no one there. It offers the hope of companionship and

understanding and assurance that while both still live

there will be someone to care for the other.

Quelle: http://www.supremecourt.gov/opinions/14pdf/14-556_3204.pdf , Seite.19

Nach dieser, in meinen Augen, weltbewegenden Entscheidung stellte ich auf facebook meiner Freundesliste das Phänomen fest, auf einmal den eigenen Avatar in den Farben der Regenbogenfahne zu färben. Das ist prinzipiell eine schöne Geste der Solidarität. Theoretisch.
Ich frage mich nur, warum es dafür die Erfolge (oder im Falle Charlie Hebdo das Leid) anderer braucht, um sich mit etwas zu solidarisieren. Nicht falsch verstehen: Ich bin freue mich über die Entscheidung, aber ich verstehe nicht, was das soll. Ein Zeichen? Wofür? Wogegen?

Auf Nachfrage bekam ich die Antwort, dass mensch sich für Freunde in den USA freue oder das mensch damit seine Meinung zu dem Thema ausdrücken wolle. Auch das eine schöne Geste. Theoretisch.
Aber es drängt sich mir eine Frage auf: WARUM ERST JETZT?

Ist ja nicht so, als wäre die prekäre Lage der LGBT-Bewegung in den USA und anderswo erst jetzt auf einmal bekannt geworden. Diese Menschen kämpfen da seit Jahrzehnten. Und jetzt, wo an einem Ort auf der Welt ein großer Schritt bereits getan wurde, zeigen ‚hier‘ die Befürworter*innen Flagge? Ohne einem Einzelnen einen Vorwurf zu machen, aber ich finde das heuchlerisch! Genau wie vor nicht mal einem halben Jahr bei dem Anschlag auf das Satiremagazin Charlie Hebdo. Auf einmal änderten viele Bekannte ihr Profilbild zu „Je suis Charlie“. Oder manchmal bei Tibet. Bei Kobane. Die Liste der Spontansolidarität ist lang. Meist ist es ein radikales Ereignis (wie der Anschlag oder die Supreme Court -Entscheidung), das ein Thema in das mediale Bewusstsein aller zwingt. Aber die meisten dieser ‚Konflikte‘ bestehen schon lange davor und sie werden bestimmt auch noch bestehen, wenn die Personen sich sagen „So, jetzt kann ich die Fahne wieder einholen!“ und ihren Avatar wieder zu einem ’normalen‘ Bild ändern oder die nächste Solidaritätsnummer ansteht. 

Diese schönen bunten Farben in den nun viele Profilbilder leuchten, bringen in meinen Augen niemandem etwas. Sie bringen die CDU nicht zum einlenken, die Rechten/Konservativen zum Nachdenken oder die Sexisten zum Umschwenken. Leider nein, wäre schön, wenn es so einfach wäre. Ich finde diese Art der Solidarität ganz schön einfach, um nicht zu sagen: BILLIG. Mensch riskiert nichts. Aber wer davon wäre bereit, das ganze als ein T-shirt mit einer entsprechender Botschaft durch die Straßen der Heimatstadt zu tragen? Bei dem Risiko beleidigt und (hoffentlich nur verbal) attackiert zu werden, könnte mensch einen Hauch von der ‚Toleranz‘ erfahren, die diese Menschen tagtäglich zu spüren bekommen und erdulden müssen hier zu Lande, wenn sie auf der Straße nur mal das machen, was andere so selbstverständlich tun: Den Menschen küssen, den sie lieben, Händchenhalten, ’normale‘ Pärchendinge. Ich glaube leider, dass nicht viele dazu den Mut aufbrächten. Würde ich das? Das wäre wirklich das Einstehen für den Gedanken. Und wenn viele es täten, vielleicht auch ein Bild, das etwas bewegen könnte.

Ich will jetzt nicht sagen „Ändert euren Avatar!“. Jetzt muss mensch das auch durchziehen, sonst wird diese ‚Meinungsäußerung‘ noch weniger wert. Aber wir alle sollten uns überlegen, ob wir nicht auch etwas tun könnten, was schwerer wiegt. Wirklich ein Zeichen setzen, mehr als ein Statement, das wahrscheinlich eh nur das eigene Netzwerk sieht, das wahrscheinlich eh eine ähnliche Meinung hat. Es gibt Dinge, die ebenso einfach und doch schwer sind und vielleicht wichtiger. Wenn jemand in einem Gespräch eine abfällige Bemerkung über LGBT macht, sagt ihm eure Meinung! Wenn ihr direkte Diskriminierung anderer bemerkt, stellt euch dagegen. Auf der Straße. Im Netz. Im Freundeskreis. Geht zum CSD und habt Spaß. Unterstützt Aktionen und Projekte für ein vorurteilsfreies Miteinander. Egal was. Nur belasst es nicht bei einem bunten Bildchen.

Bringt das den Personen, für die ihr euch freut überhaupt etwas? Die Frage habe ich mir selber in diesem Zusammenhang immer wieder gestellt. Freuen sich LGBT-Aktivisten über solche Aktionen, wie das Umfärben eines Profilbildes? Wie geht es den Menschen dieser Szenen damit? Freuen sie sich über die Anteilnahme? Oder wissen sie, dass das nur eine temporäre Masche ist, die vorbei ist, wenn die Medien die nächste Sau durchs Dorf treiben?

Traurig macht es mich, wenn ein Land, dass sich für so fortschrittlich hält wie Deutschland, in solchen Belangen hinter ach so konservative Staaten wie die USA oder Irland zurückfällt.

Wenn ich bedenke, dass die Gegner der Gleichstellung in den USA waffenstarrende, radikale, aggressive Konservative sind und es trotzdem zu diesem Entschluss kommt, muss ich mich fragen, wie schlecht es um die deutschen Befürworter bestellt sein muss, wenn die sich von einer CDU/CSU in Schach halten lassen…

Weidmenschsheil!

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2 Gedanken zu “Aus dem Tagebuch eines Drachentöters – Viele, viele bunte Streifen! oder: Warum mein Avatar nicht in Regenbogenfarben scheint.

  1. Mag sein, dass das Regenbogenbildchen nichts bringt, wenn man es nur dabei belässt. So, wie ich es aber bisher gesehen habe, ist es bei vielen aber nicht nur ein „ich mach mal, weil“. Bei einem Verwandten von mir entsponn sich auf der FB-Seite auf die Frage „Warum hast du so ein schwules Profilbild?!“ hin eine Diskussion darüber, dass Homosexuelle & Co. ja gar nicht so furchtbar sind *husthust erkenntnis* – vielleicht wird so beim ein oder anderen schon der ein oder andere Gedanke angestoßen? Dass die breite Öffentlichkeit bisher kein oder wenig Bewusstsein dafür hatte, sich darüber keine Gedanken gemacht hat oder es einfach nicht in ihrem Fokus lag, ist zwar blöd, aber verständlich, wenn man sich so manchen „Horizont“ mal so ansieht. Jetzt gibt es aber die Chance, da noch einmal darauf hinzuweisen, darüber zu sprechen u.Ä… Das ist zwar eine Spontansolidarität, aber wenigstens ist es eine, blöd gesagt.
    Ich persönlich bin bisexuell, habe ein buntes Profilbildchen, habe mich aber auch vor dem Urteil des Supreme Court geoutet, weil ich der Meinung bin, dass Totschweigen und Alsnichtnormalbehandeln genau das bewirkt: die Illusion, dass Dinge, die als „abnormal“ behandelt werden, auch genau das sind. Genauso gehe ich mit meinen psychischen Erkrankungen um. Wer mich zu bestimmten Dingen, Einstellungen usw. fragt, bekommt eine ehrliche und offene Antwort, weil ich ganz einfach keine Lust drauf habe, mit einem „Stigma“ durch die Welt zu laufen. Meine Sexualität, meine Erfahrungen und meine Einstellungen zu bestimmten Themen gehören zu mir. Das muss man nicht jedem gleich beim ersten Gespräch unter die Nase reiben, aber wenn sich bei einem Gespräch die Möglichkeit bietet, das Thema darauf kommt usw., spreche ich das auch an… Frei nach dem Motto, wer danach nichts mehr mit mir zu tun haben möchte, kann entweder umlernen oder ist es nicht wert.
    Leider kenne ich aber auch Menschen, die sich aufgrund von Familie und anderem nicht trauen, sich zu outen oder ihre Einstellung da kund zu tun. Wenn jetzt da diese „Solidaritätswelle“ aufkommt, ist es für diese Personen vielleicht leichter, da mitzumachen und dazu zu stehen, auch wenn es von außen vielleicht als Mitläufertum wirkt…
    Just my 2 cents.
    Einen schönen Dienstag noch,
    syntax

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    1. Danke für deine lange Äußerung!
      Ich gebe dir recht. Auch aus so kleinen Gesten kann etwas ‚größeres‘ Entstehen, wenn mensch es nicht dabei belässt. Das ist auch meine Auffassung.
      Mir will immer nicht in den Kopf, dass es Menschen gibt, die so ignorant durch die Welt laufen, dass solche Themen an ihnen vorüber gehen. Grade weil der Fokus ja bereits seit der Entscheidung in Irland gesetzt wurde und damit präsent hätte sein müssen. Aber vielleicht unterschätze ich die Ignoranz.
      Das mit der Offenheit auf Nachfrage halte ich ähnlich. Ich möchte niemandem meine Position aufdrängen, bin aber durchaus offen damit.
      Aber du hast recht, dass es auch/grade in Deutschland noch Gegenden/Milieus gibt, in denen Outings schwer oder unmöglich sind. Ob die Welle dort überhaupt ankommt, mag ich allerdings bezweifeln. Aber die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt.
      Danke für deine 2ct!
      Einen schönen Tag noch und Weidmenschsheil!
      DerDrachentöter

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