Aus dem Tagebuch eines Drachentöters – White, male and privileged! oder: Das Privileg über eigene Privilegien nachzudenken.

White, male and privileged. Ich weiß noch, dass ich diese drei Schlagworte gehasst habe, die ersten Male, als ich sie gelesen habe. Wie viel Unglauben, Trotz und auch Wut in mir hochgekommen ist. Ich habe mich sofort persönlich angegriffen gefühlt und auf dieses Gefühl aggressiv reagiert. „ICH mache doch gar nichts!“, war ein sehr häufiger Gedanke. Da draußen gab es sicher Sexisten und Rassisten, aber ICH gehörte doch nicht dazu.

Begierig hab ich in mich aufgenommen, was ich an Feminismuskritik finden konnte, dass mir keinen zu stumpfen oder hetzerischen Eindruck machte (manN hat ja einen gewissen Anspruch!). Youtube-Kanäle wie der das US-amerikanischen Atheisten/Skeptikers Thunderf00tder sich in vielen Videos über die Unzulänglichkeiten, Dummheiten und Unverschämtheiten des Feminismus aufregt, wurden begierig von mir verschlungen, geliket und geteilt. Natürlich unreflektiert. Ich hatte ja eine Meinung. Wie habe ich getobt, als die Uni Leipzig das generische Feminimum einführen wollte (und hat). Das wäre ja…SEXISTICH! Auch die Vorstellungen von einer genderneutraleren Sprache (ProfX) gingen mir mächtig auf die sprachästhetischen Nerven. Das könne manN ja der deutschen Sprache nicht antun! Wie ging mensch dann mit der Tradition des Landes der Dichter und Denker um?

Ich habe versucht, in den Argumentationen von Vertretern der Critical Whiteness Studies Argumentationslücken oder -schwächen zu finden. Wohl in der Hoffnung, darin selber eine erwachsende Ungleichheit zu finden. Ich wollte einfach sehen, dass „sie“ planten, den ganzen Rassismus einfach nur umzudrehen, anstatt hinzunehmen, dass sie halt historisch ein bisschen Pech hatten und jetzt mit „uns“ an der gemeinsamen Überwindung des Ganzen zu arbeiten. Über Sachen wie das Blue-Eyed-Experiment habe ich mich massiv aufgeregt. Wie konnte es jemensch wagen, Menschen mit blauen Augen (wie auch mich) so zu diskriminieren und wenn auch nur zu wissenschaftlichen Zwecken?

Auch den Vorwurf des Privilegs hab ich versucht zu entkräften. SO gut ginge es mir ja nun auch nicht! Meine Eltern wohnen ja auch nur zur Miete. Kein eigenes Haus. Keine 2+ Autos. Keine teuren Urlaube. Sicher, es hatte mir nie an etwas gefehlt und viele Wünsche waren mir erfüllt worden, aber privilegiert? Ich habe mich als etwas Besseres gesehen, aber das hatte ja wohl damit nichts zu tun. Da ging es ja um Geld. Oder?

Ich hatte damals einfach nichts begriffen. Also, noch weniger als heute.

Ich kann nicht sagen, was für mich der Wendepunkt war, an dem es in meinem Kopf KLICK gemacht hat. Ob es eines der Bücher war, die ich gelesen hatte oder ein Seminar über den Zusammenhang zwischen Sexismus und Technik, das ich an der Uni besucht habe. Vielleicht ist es ein Prozess gewesen und kein einzelner Punkt, aber heute erschreckt es mich, wenn ich mich erinnere, wie ich vor nur wenigen Jahren gedacht und reagiert habe. Ich denke, inzwischen habe ich in Ansätzen verstanden, was mir „White, male and privileged“ sagen will. Und das ich mich nicht angegriffen fühlen muss, aber angesprochen.

Mensch könnte auch eine Gleichung daraus machen:

white + male + X = privileged

Ich bin (sehr) privilegiert. Genau wie die Meisten, die diesen Beitrag lesen können. Ich sitze vor MEINEM Computer, in MEINER (Miet-)Wohnung, mit einem vollen Kühlschrank. Ich kann schreiben und lesen. Ich habe das Privileg über meine Privilegien nachzudenken. Was für ein Geschenk. Ich bin in der ‚Maslowschen Bedürfnishierarchie‚ mit diesem Blog eindeutig bei ‚Selbstverwirklichung‘ angekommen, je nach Version dem höchsten Bedürfnis, das mensch erreichen kann.

 

Allerding sind diese Privilegien so selbstverständlich, dass sie quasi unsichtbar sind und erst auffallen, wenn sie auf einmal fehlen. Von daher wäre es vielleicht manchmal gar nicht, einen Augenblick inne zu halten und zu reflektieren, WELCHE Privilegien mensch hier eigentlich genießt, manN im Besonderen. Natürlich fallen da zuerst die Dinge auf, welche die unteren Stufen der Bedürfnishierarchie umfassen: körperliche Bedürfnisse (Essen, Trinken, Schlaf, Wärme) und Sicherheitsbedürfnisse (Unterkunft, Gesundheit, Sicherheit). Diese sind in den westlichen Nationen meist gewährleistet, ihr Fehlen oder die Einschränkung macht sich deshalb umso gravierender bemerkbar, wie das verletzte Sicherheitsbedürfnis nach Terroranschlägen zeigt. Diese Privilegien sind wichtig und auch sie sollten nie zu selbstverständlich sein, aber viel vertrackter sind solche, die so selbstverständlich sind, dass sie völlig unsichtbar zu sein scheinen: Hautfarbe bzw. Ethnie, Geschlecht, Bildung, sozialer Status und ähnliches. Diese und mehr sind gemeint, wenn von „white, male and privileged“ gesprochen wird.

 

Welche Art von Ressentiments, die auch in unserer angeblich so modernen und aufgeklärten Welt kursieren, können mich denn treffen, als weißer Student aus „gutem Hause“? Ich bin so privilegiert, dass ich mir über die Zugehörigkeit zu einer Subkultur sogar freiwillig ein Merkmal gewählt habe, über das ich diskriminiert werden könnte. Wer mich auf einer rassistischen oder sexistischen Ebene angreifen will, tut dies gegen einen gesellschaftlich immer noch verbreiteten Konsens der Hierarchie und Unterdrückung/Benachteiligung. Es ist hingegen sehr wahrscheinlich, dass von mir Benachteiligung ausgeht, selbst wenn ich dies nicht bewusst will, einfach weil bestimmte Muster so in meinem und dem mich umgebenden Denken verwurzelt sind. Ich will damit nicht dazu auffordern, nach Wegen zu suchen, mich oder andere „WMP-Personen“ zu diskriminieren, auch wenn es manchmal vielleicht verdient wäre oder eine ausgleichende Gerechtigkeit darstellen würde. Viel mehr könnte sich jeder mal im Stillen überlegen, welche Privilegien er genießt und was für ein Zufall das doch im globalen Maßstab ist.

 

In diesem Sinne:

Waidmenschsheil!

Aus dem Tagebuch eines Drachentöters: „You will never be part of Black Metal!“ oder: Geschlecht im extremen Metal.

„Ich sage nicht, daß alle Frauen überflüssig sind, aber es gibt so viele verdammte Schlampen. […] Ich sage nicht, daß ihr alle Schlampen seid, nur die meisten von euch, das ist ein wesentlicher Unterschied.“

Diese Worte stammen von Nattenfrost, dem Sänger der erfolgreichen Black Metal-Band Carpathian Forest, gegen über der Journalistin eines deutschen Metal-Magazins. Äußerungen dieser Art sind im Black Metal nicht ungewöhnlich und der hier ausgedrückte Sexismus ist einer der Gründe, warum diese Musikrichtung und Szene in der öffentlichen Wahrnehmung so einen schlechten Ruf hat. Und trotzdem sieht mensch auf Konzerten von Bands wie Carpathian Forest und anderen Bands dieses Genres einige Anhängerinnen. Und es werden gefühlt immer mehr. Aber warum ist das so? Was bringt Frauen dazu, sich einer Szene aktiv anzuschließen, deren prominente Vertreter sich in solcher Weise äußern? Sie hören die Musik nicht nur für sich im stillen Kämmerlein, sie gehen raus, nehmen Teil und gestalten aktiv mit.

Dabei ist das idealisierte Menschenbild, das der klassische Black Metal zeichnet eins: ‚männlich‘. Dazu kommt noch ‚weiß‘, gerne auch muskulös und bewaffnet. Ein ernster, düsterer Krieger gegen eine feindliche Umwelt, ein Rebell gegen die Gesellschaft. Derartige Gestalte sehen wir auf Plattencovern, sie posieren auf Promofotos und die schreien uns von der Bühne herab an. Es wird eine archaische Männlichkeit zelebriert, die ihre Vorbilder in einer so nie existent gewesenen Vergangenheit sieht. In der Bildsprache und den Songtexten finden sich als Bezüge der angeblichen Vormoderne oft menschenfeindliche Naturszenen, archaische Waffen, eine häufige Darstellung von Gewalt in verschiedenen Formen und ein Habitus der Dominanz . Hier wird der archaische Krieger im Kampf mit einer feindlichen Umwelt (ob in Form von grausamer Natur oder übermächtigen Feinden) als das Idealbild des Mannes geschaffen.

Und wo finden sich die Frauen? Im Großen und Ganzen kann über die Darstellung von Frauen in der fiktiven Welt des Black Metal gesagt werden, dass diese nicht, beziehungsweise kaum stattfindet. Das stellen WIssenschaftler*innen fest, die sich mit der Szene beschäftigen. So schreibt die Musiksoziologin Sarah Chaker in ihrem Buch „Schwarzmetall und Todesblei“: „Ferner kommen Frauen im Black- und Death Metal auf inhaltlicher Ebene […] so gut wie gar nicht vor […].“ Auf einem Gros der Bilddarstellungen des Black Metal findet sich in Abwandlungen das oben erwähnte Männlichkeitsideal wieder: Einzelne Personen in der Einsamkeit einer unwirtlichen Landschaft. Diese Personen sind meist entweder geschlechtslos (Silhouetten oder Kleidung die keine Identifikation zulässt) oder sind offen als Krieger zu erkennen, in diesem Falle meistens auch mit einem dargestellten widerstreitendem Part wie einem Monster oder ähnlichem. Oft wird auch ganz auf eine figürliche Darstellung verzichtet und nur die „feindliche Natur“ (Verschneite Berge, Wälder oder ähnliches) dargestellt, quasi als Projektionsfläche für die Musiker (als einsame Krieger). In den
seltenen Fällen, in denen eine weibliche Darstellung erfolgt, ist ein klares Machtgefälle zu Ungunsten der
Frauen deutlich. Meist werden sie als macht- und willenlose Opfer gezeigt, entweder als Teil einer gesichtslosen Masse von Opfern beiderlei Geschlechts oder, was öfter der Fall ist, in einem klar sexualisierten Zusammenhang. Dabei ist der thematische Zusammenhang unterschiedlich und reicht von reiner Dominanzdarstellung (zum Beispiel das Cover der „Demonrape“-EP der Band Urgehal) bis zu antichristlichen Zusammenhängen, bei welchen die Frauen in das Ordenshabit von Nonnen gekleidet sind.

Eine der wenigen Ausnahmen von dieser Opferrolle ist die Darstellung der Frau als (häufig dämonische) Verführerin, wie zum Beispiel auf dem Cover des Albums „Bitter Suites to Succubi“ der bekannteren Band Cradle of Filth. Auch diese Darstellungen sind sexuell konnotiert, allerdings ist in diesem Falle die weibliche Darstellung auch mit einer Machtposition verbunden. Dieses Bild wird allerdings oft dadurch gebrochen, dass auch hier die Frau nur die Vasallin eines meist männlichen Teufels ist. Auch sind diese Darstellungen eher negativ behaftet, wenn mensch bedenkt, dass die Sukkubus Männer verführen soll (eventuelle Parallele zum Sündenfall) und sie ihn seines Samens, also ihrer Männlichkeit bzw. Manneskraft, beraubt. All das spricht, in meinen Augen, nicht dafür, dass sich Frauen dieser Szene anschließen wollen würden, aber sie tun es offensichlich. Warum?

Nun, das liegt vielleicht daran, dass die eingangs erwähnte Männlichkeitsdarstellung in weiten Teilen (die Ausnahmen wurden oben erwähnt) eines nicht ist: Sexualisiert, bzw. geschlechtsfixiert. Das ‚Männliche‘, was konstruiert wird ist eher an ein bestimmtes Verhalten, einen bestimmten Habitus geknüpft. Grade in der Black Metal-Szene gilt ein hoher Anspruch an Authentizität an Musiker*innen und Szenegänger*innen. Diese Authentizität kann mensch grob an vier Punkten festmachen:

– Ernsthaftigkeit
– dominanter Habitus
– aggressives Gebärden
– generell nonkonformes bzw. rebellisches Verhalten

Dieses Verhalten KANN mensch als ‚männlich‘ betrachten, aber wenn mensch diese Szenegängerinnen des Black Metal betrachtet, wird mensch oft genau diese Punkte feststellen können, teilweise sogar deutlich als bei Szenegängern. Es sollte festgehalten also werden, dass diese ‚Männlichkeit‘ nicht geschlechtlich fixiert ist. Dies mag vielleicht im Archaischen mitschwingen, wird aber nicht betont oder hervorgehoben. Die ‚Weiblichkeit‘ ist vielmehr der Gegenpol, damit ‚Männlichkeit‘ überhaupt existieren kann, ist aber wiederum eine Sammlung an Eigenschaften und Verhaltensweisen. Hier wird deutlich, dass nicht die Frau als Geschlecht abgelehnt wird, sondern ein Frauenbild, das bestimmte stereotype Zuschreibungen enthält: Das Weibliche wir gleichgesetzt mit ’schön‘, ‚freundlich‘, ‚romantisch‘ und damit auch ‚melodisch‘. Das Männliche dagegen ist ernst und aggressiv, gewalttätig und „hässlich“. Jedoch ist offenbar ein kleiner Teil der Frauen nicht mit dem
negativen-weiblichen assoziiert (Szenegängerinnen), sondern machen sich die „männlichen“ Attribute zu eigen, während es auch genug Männer gibt, die nicht „stark“ genug sind, den Idealen des Black Metal zu entsprechen (Männer die nicht Teil der Szene sind).

Die Musiksoziologin Sarah Chaker sieht in Aussagen, wie dem eingangs erwähnten Zitat, Ansichten die nicht dem tatsächlichen Empfinden der Personen entsprechen müssen, sondern eventuell bewusst eingesetzt werden, um nach außen authentisch im Sinne des Männlichkeitsideals der Szene zu erscheinen . In diesen Aussagen steckt jedoch mehr als bloße Frauenfeindlichkeit, in erster Linie wird hier das klare Elitendenken des Black Metal hervor gehoben. Besonders deutlich wird dies an der Aussage von Akhenaten, Kopf hinter dem einflussreichen Solo-Projekt Judas Iscariot: „Die meisten Frauen im Black Metal sind jedoch kindisch, dumm und aus sehr oberflächlichen Gründen im Underground involviert. […] Mit Ausnahme einiger weniger, habe ich eine Nachricht an Euch Mädchen: You will never be a part of Black Metal, no matter how hard you try!“ Was sagt uns das?  Wenigen authentischen Personen (in diesem Fall Frauen) steht eine große
Gruppe aus ‚Posern‘ bzw. ‚Poserinnen‘ gegenüber, Menschen die nur oberflächlich oder gar nicht dazugehören. Nattenfrost betont, dass es ebenfalls eine große Gruppe von Männern gibt, die nicht dem „Ideal“ entsprechen. Auch Akhenaten betont, er habe mit einigen Frauen Kontakt, „die den Umfang und die Bedeutung dieser Kunst verstehen.“

Also kein Sexismus im Black Metal? Tja, so einfach ist es dann auch wieder nicht. Wie im Rest der Gesellschaft ist auch der Black Metal von sexistischen Einflüssen durchdrungen. So gelten viele Bands mit weiblichen Mitgliedern eingefleischten Szenegängern als soft, nicht authentisch,… Auch gegenüber den Szenegängerinnen stößt mensch immer wieder auf sexistische Stereotype und misogyne Aussagen. Die Frau wird als Bedrohung des „Männerkampfbundes“ Black Metal wahrgenommen, die die Freiheit des Mannes einschränkt. Chaker geht davon aus, dass es besonders damit zusammenhängt, dass Frauen für manche Familie und Alltag symbolisieren, die das Eintauchen und Aufgehen in der Szene verhindern. Diese Befürchtung ist aber nicht nur in der Metal-Szene typisch, sondern finden sich wohl in den meisten männerdominierten Szenen.

Im Großen und Ganzen sind geschlechtlich begründete Differenzen aber eher Ausnahme als Regel und beschränken sich meist auf den Austausch zwischen männlichen Geschlechtsgenossen. Gerade in der Black- Metal-Szene sind Einstellung und Motivation der Szenegänger*innen so ähnlich, dass das Geschlecht kaum eine Rolle spielt. Nicht zuletzt sehen die Männer in Szenegängerinnen auch mögliche Partnerinnen, da eine große Interessengrundlage für eine funktionierende
Beziehung vorhanden ist.  Der Vorteil besteht darin, dass eine Partnerin aus der Szene deren Gebräuche und Interna kennt und der Black Metal auch im privaten Bereich eine große Rolle spielen kann, da beide sie als ihren Interessenbereich
betrachten.

Für die Szenegängerin spielt die Suche nach einem Partner allerdings wohl eher eine untergeordnete Rolle. Zwar gaben in einer Befragung 96% der Szenegängerinnen an, einen Partner innerhalb der Szene zu haben, aber dies scheint angesichts der hohen Zahl potentieller Partner und der gemeinsamen Interessen und Erlebnissen nur zu verständlich. Die Volkskundlerin Bettina Roccor stellt die Vermutung auf, dass Anhängerinnen der Heavy-Metal-Szene ihre weibliche Seite verdrängen würden um ernst genommen zu werden und auch versuchen würden keine potentielle Partnerin darzustellen. „In gewisser Weise vermännlichen sie sich selbst, indem sie bei allem mithalten: Sie demonstrieren Mut, Kraft, Können, Wissen und Trinkfestigkeit, übernehmen männliche Diskursformen in Habitus und Sprache.“ Hier widerspricht Sarah Chaker: So kleiden sich viele Szenegängerinnen durchaus körperbetont und anziehend. Sie legen durchaus Wert auf ihr Äußeres und negieren keinesfalls ihre ‚weibliche‘ Seite. Richtig ist, dass der Habitus der Szenegängerinnen dem der Männer in vielem gleicht oder ähnlich ist. Hier stellt sich jedoch die Frage, ob dies als eine ‚Selbst-Vermännlichung‘ zu werten ist. Richtig ist, dass sie ein Verhalten zeigen, dass von der Gesellschaft ‚männlich‘ assoziiert wird. Dies lässt sich aber wahrscheinlicher darauf zurückführen, dass Black-Metal-Szene besonders Frauen anzieht, die sich eher in dem szenetypischen Habitus selbst wiederfinden, als in dem, was nach gesellschaftlichen Konventionen als ‚weiblich‘ gilt. Auch kann nicht behauptet werden, dass sich die Szenegängerinnen diesem Verhalten im Sinne des Patriarchats
unterordnen. Viel mehr unterlaufen sie traditionelle Verhaltensweisen und deuten diese für sich um. Frauen
wie Männer in der Black-Metal-Szene unterwerfen sich dem Szene-Ideal gleichermaßen. Es könnte sogar
behauptet werden, dass Frauen in der Szene eine größere Freiheit im Verhalten haben. Die Szene ermöglicht
es den Szenegängerinnen ihr eigenes Bild von sich zu entwerfen. Sie können das Frau-sein für sich neu
definieren, abseits der gesellschaftlichen Konventionen von ‚Weiblichkeit‘.

Aber das sind nur meine Gedanken dazu. Interessant wäre sicher auch die Betrachtung von Homosexualität oder Trans* innerhalb dieser Szene, aber wie zu erwarten war, hat sich bisher damit niemand auseinander gesetzt. Ich sehe schon: Da kommt Arbeit auf mich zu^^

Waidmenschsheil!

Aus dem Tagebuch eines Drachentöters – Deine Kleidung kotzt mich an! oder: Warum gleiches Recht für alle gelten sollte.

Im grandiosen Blog Mädchenmannschaft durfte ich heute erfahren, dass bestimmte Drachen auch nach Jahren immer wieder ihren Kopf erheben. Eine Schwarzwälder Realschule will ihren Schüler*innen das tragen von „aufreizender Kleidung“ untersagen, um so zu einem „gesunden Schulklima bei[zu]tragen, in dem sich alle wohlfühlen und in dem gesellschaftliche und soziale Werte gelebt und gefördert werden.“

Wie die Bloggerin bereits zweifellos richtig erfasst, geht es dabei in erster Linie darum, den Schülerinnen bestimmte Formen der Kleidung zu verbieten. Zumindest fällt es mir schwer, mir vorzustellen, was sie [die Schule] unter einem aufreizend gekleideten Schüler verstehen könnten. Für mich ist dieses Verbot ein weiteres Zeichen für die Ungleichbehandlung von Körpern und das Messen nach vielerlei Maß.

Gedankenexperiment: An einer Schule, die ein Verbot für ‚aufreizende‘ Kleidung ausgesprochen hat, kommt ein sportlich gebauter Schüler an einem warmen Sommertag mit freiem Oberkörper zur Schule. Wie würde reagiert werden?

Im Zweifelsfall wäre mensch dabei zu ihm sehr höflich und insgesamt würde ihm durch seine Umwelt transportiert werden, dass er gut aussähe. Nun, ich möchte meinen, er würde trotzdem gebeten werden, sich etwas obenrum anzuziehen, aber mit großer Wahrscheinlichkeit nicht unter Bezugnahme auf das Verbot. Denn wenn wir mal ganz ehrlich sind: Der Großteil der Gesellschaft (und ich widerstrebend auch!) denkt bei ‚aufreizend‘ an einen bestimmten Typ Frau in einer bestimmten Art von Kleidung.

Und das ist sexistisch, punkt aus!

Nochmal anders würde reagiert, wenn der Schüler eben nicht sportlich gebaut wäre, sondern vielleicht eher dicklich oder dürr, eben nicht dem gesellschaftlichen ‚Idealbild‘ entsprechend. Er würde wesentlich rascher und wesentlich harscher dazu aufgefordert werden und obendrein würde ihm seine Umwelt transportieren, dass er nun wirklich keinen Körper habe, den er zu zeigen hätte. > Fat shaming und Lookism incoming!

Und wenn es eine Schülerin wäre, die ebenfalls nicht dem gesellschaftlichen ‚Idealbild‘ entspräche? Nun, die könnte einem wirklich Leid tun, da sie sowohl von der fast ausschließlich auf Schülerinnen ausgerichteten und damit sexistischen Regelung der Schule, als auch dem Mobbing ihrer Mitschüler*innen getroffen würde! > (Fat shaming + Lookism) * Sexismus!

Prove me wrong!

Was zeigt mir das? Die Gesellschaft ist diskriminierend… Thanks, Captain Obvious!

Aber worum geht es der Schule?

„gesundes Klima“

Ich will ja nicht mit irgendwelchen Keulen um mich werfen, aber die Anwendung von biologistischen Begriffen auf soziale Zusammenhänge weckt in mir immer ganz ungute Assoziationen. Denn ‚das Gesunde‘ impliziert auch immer die Existenz des Widerparts, ‚dem Kranken‘. Wenn ich die Argumentation der Schule also weiterdenke, kann ich nur zu dem Schluss kommen: „Aufreizende Kleidung“ = Krank!

Für mich ist ‚aufreizend‘ ein Synonym für ‚Zeigen von viel Haut‘, also dem Körper. Der menschliche Körper allerdings ist in meinen Augen so ziemlich das ‚Natürlichste‘ was man finden kann, immerhin kommen wir damit auf die Welt. Wie kann also das Natürlichste ‚krank‘ sein? Und vor allem: Wie kann es für Frauen ‚krank‘ sein, während ich an sonnigen Tagen in jeder Fußgängerzone nackte Männerbäuche ertragen muss? Da fragt mich auch keiner, ob ich das möchte.

Das Ganze erinnert mich in vielen Punkten an die Debatte über das Stillen in der Öffentlichkeit: Etwas natürliches wird als verwerflich gebranntmarkt. Dabei zeigen doch genau diese Aussagen, wie stark der weibliche Körper objektiviert und sexualisiert wird, während der männliche eine Art ‚Sonderstatus‘ erhält.

„in dem sich alle wohlfühlen“

Ich erinnere mich, dass es zu meiner Schulzeit an meiner Schule die Debatte um bauchfreie Tops gegeben hat, beziehungsweise ebenfalls das Verbot, diese zu tragen. Mir und den meisten meiner Mitschülern war das vollkommen egal! Ich habe mich auch damals nie durch einen nackten Bauch abgelenkt gefühlt. So animalisch und triebgesteuert sind Jungen und Männer eben nicht. Aber viele meiner Mitschülerinnen, auch die, die gar nicht so häufig bauchfrei trugen, haben sich eingeschränkt gefühlt in der freien Wahl ihrer Kleidung. Das ganze ging soweit, dass eine junge Lehrerin den Prostet der Schülerinnen durch das Tragen von solchen Tops unterstützte.

Lange Rede, kurzer Sinn: Außer ein paar stark konservativ veranlagten Personen dürfte es mit so einer Regelung kaum jemanden geben, der sich wohler fühlt. Das Argument kann also getrost als unsinnig gesehen werden.

„gesellschaftliche und soziale Werte gelebt und gefördert“

Welche Werte? Freiheit? Absolut nicht! Gleichheit? Das ich nicht lache! Solidarität? Vielleicht solidarisiert sich Sexismus mit Prüderie, aber mehr auch nicht.

Respekt? Hm, Respekt wovor? Vor der Schule als Institution? Den Lehrer*innen? Den Mitschüler*innen? Und wie kann das Zeigen von Haut (an Schulen, im Rahmen des Gesetzes) respektlos sein? Ist doch die ‚aufreizende‘ Kleidung das, was die Gesellschaft, die Medien und diverse Vorbilder an die Jugendlichen heran tragen. Sollte man ein von der Gesellschaft so stark gefördertes Verhalten als respektlos empfinden?

Dann müsste man gleich eine standartisierte Schuluniform für alle fordern, wie an Privatschulen oder in Ländern wie Australien! Gleiches Recht für alle! Denn warum sollte es der Schule gegenüber respektloser sein, sich ‚aufreizend‘ zu kleiden, als andere, nonkonformistische, Kleidungsstile wie ich zu meiner Zeit als Punk oder jetzt als Metalhead. Oder der ‚Hiphop-Gangsta-Style‘? Ich wollte damals ganz bestimmt rebellisch sein und fehlenden Respekt deutlich machen. Dagegen würde eine Schuluniform ‚helfen‘. Lookism und Fat shaming bleiben. Schüler finden einen Weg oder einen Grund, andere auszugrenzen. Vielleicht wäre es wichtiger, mehr „gesellschaftliche und soziale Werte“ des Miteinander zu lehren und zu vermitteln, als sich an irgendwelchen Kleidungsstücken aufzuhalten!

Und ist es nicht viel respektloser, den Lehrenden gegenüber, wenn ich dazwischen rede, nicht mitarbeite, etc.? Wie ich es auch drehe und wende, für mich wird da kein Schuh draus!

In meinen Augen geht es in diesen Fällen, ob jetzt an dieser Schule oder an einer anderen, immer um eines: Es geht um einen Gender-Macht-Diskurs! Bewusst oder unbewusst wird hier von höher gestellten Personen (Lehrer*innen) Macht auf Schwächere aufgeübt. Genauer: Macht darauf, wie sich (junge) Frauen zu kleiden haben und wie nicht. Vorgebrachte Argumente wie der Schutz vor Übergriffen greifen dabei immer wieder auf Mechanismen des Victim Blaming zurück. Der eigentliche Grund ist aber wahrscheinlich meistens, dass die eine Person eine bestimmte Vorstellung von Ästhetik hat und die Macht, diese anderen Personen aufzudrängen.

Das grundlegende Problem ist tief im Denken und Handeln der Gesellschaft vergraben und verwurzelt. Nur durch das ständige Reflektieren und Aufzeigen solcher Strukturen kann sich etwas ändern. Lasst uns jagen gehen!

Waidmenschheil!