Aus dem Tagebuch eines Drachentöters – Deine Kleidung kotzt mich an! oder: Warum gleiches Recht für alle gelten sollte.

Im grandiosen Blog Mädchenmannschaft durfte ich heute erfahren, dass bestimmte Drachen auch nach Jahren immer wieder ihren Kopf erheben. Eine Schwarzwälder Realschule will ihren Schüler*innen das tragen von „aufreizender Kleidung“ untersagen, um so zu einem „gesunden Schulklima bei[zu]tragen, in dem sich alle wohlfühlen und in dem gesellschaftliche und soziale Werte gelebt und gefördert werden.“

Wie die Bloggerin bereits zweifellos richtig erfasst, geht es dabei in erster Linie darum, den Schülerinnen bestimmte Formen der Kleidung zu verbieten. Zumindest fällt es mir schwer, mir vorzustellen, was sie [die Schule] unter einem aufreizend gekleideten Schüler verstehen könnten. Für mich ist dieses Verbot ein weiteres Zeichen für die Ungleichbehandlung von Körpern und das Messen nach vielerlei Maß.

Gedankenexperiment: An einer Schule, die ein Verbot für ‚aufreizende‘ Kleidung ausgesprochen hat, kommt ein sportlich gebauter Schüler an einem warmen Sommertag mit freiem Oberkörper zur Schule. Wie würde reagiert werden?

Im Zweifelsfall wäre mensch dabei zu ihm sehr höflich und insgesamt würde ihm durch seine Umwelt transportiert werden, dass er gut aussähe. Nun, ich möchte meinen, er würde trotzdem gebeten werden, sich etwas obenrum anzuziehen, aber mit großer Wahrscheinlichkeit nicht unter Bezugnahme auf das Verbot. Denn wenn wir mal ganz ehrlich sind: Der Großteil der Gesellschaft (und ich widerstrebend auch!) denkt bei ‚aufreizend‘ an einen bestimmten Typ Frau in einer bestimmten Art von Kleidung.

Und das ist sexistisch, punkt aus!

Nochmal anders würde reagiert, wenn der Schüler eben nicht sportlich gebaut wäre, sondern vielleicht eher dicklich oder dürr, eben nicht dem gesellschaftlichen ‚Idealbild‘ entsprechend. Er würde wesentlich rascher und wesentlich harscher dazu aufgefordert werden und obendrein würde ihm seine Umwelt transportieren, dass er nun wirklich keinen Körper habe, den er zu zeigen hätte. > Fat shaming und Lookism incoming!

Und wenn es eine Schülerin wäre, die ebenfalls nicht dem gesellschaftlichen ‚Idealbild‘ entspräche? Nun, die könnte einem wirklich Leid tun, da sie sowohl von der fast ausschließlich auf Schülerinnen ausgerichteten und damit sexistischen Regelung der Schule, als auch dem Mobbing ihrer Mitschüler*innen getroffen würde! > (Fat shaming + Lookism) * Sexismus!

Prove me wrong!

Was zeigt mir das? Die Gesellschaft ist diskriminierend… Thanks, Captain Obvious!

Aber worum geht es der Schule?

„gesundes Klima“

Ich will ja nicht mit irgendwelchen Keulen um mich werfen, aber die Anwendung von biologistischen Begriffen auf soziale Zusammenhänge weckt in mir immer ganz ungute Assoziationen. Denn ‚das Gesunde‘ impliziert auch immer die Existenz des Widerparts, ‚dem Kranken‘. Wenn ich die Argumentation der Schule also weiterdenke, kann ich nur zu dem Schluss kommen: „Aufreizende Kleidung“ = Krank!

Für mich ist ‚aufreizend‘ ein Synonym für ‚Zeigen von viel Haut‘, also dem Körper. Der menschliche Körper allerdings ist in meinen Augen so ziemlich das ‚Natürlichste‘ was man finden kann, immerhin kommen wir damit auf die Welt. Wie kann also das Natürlichste ‚krank‘ sein? Und vor allem: Wie kann es für Frauen ‚krank‘ sein, während ich an sonnigen Tagen in jeder Fußgängerzone nackte Männerbäuche ertragen muss? Da fragt mich auch keiner, ob ich das möchte.

Das Ganze erinnert mich in vielen Punkten an die Debatte über das Stillen in der Öffentlichkeit: Etwas natürliches wird als verwerflich gebranntmarkt. Dabei zeigen doch genau diese Aussagen, wie stark der weibliche Körper objektiviert und sexualisiert wird, während der männliche eine Art ‚Sonderstatus‘ erhält.

„in dem sich alle wohlfühlen“

Ich erinnere mich, dass es zu meiner Schulzeit an meiner Schule die Debatte um bauchfreie Tops gegeben hat, beziehungsweise ebenfalls das Verbot, diese zu tragen. Mir und den meisten meiner Mitschülern war das vollkommen egal! Ich habe mich auch damals nie durch einen nackten Bauch abgelenkt gefühlt. So animalisch und triebgesteuert sind Jungen und Männer eben nicht. Aber viele meiner Mitschülerinnen, auch die, die gar nicht so häufig bauchfrei trugen, haben sich eingeschränkt gefühlt in der freien Wahl ihrer Kleidung. Das ganze ging soweit, dass eine junge Lehrerin den Prostet der Schülerinnen durch das Tragen von solchen Tops unterstützte.

Lange Rede, kurzer Sinn: Außer ein paar stark konservativ veranlagten Personen dürfte es mit so einer Regelung kaum jemanden geben, der sich wohler fühlt. Das Argument kann also getrost als unsinnig gesehen werden.

„gesellschaftliche und soziale Werte gelebt und gefördert“

Welche Werte? Freiheit? Absolut nicht! Gleichheit? Das ich nicht lache! Solidarität? Vielleicht solidarisiert sich Sexismus mit Prüderie, aber mehr auch nicht.

Respekt? Hm, Respekt wovor? Vor der Schule als Institution? Den Lehrer*innen? Den Mitschüler*innen? Und wie kann das Zeigen von Haut (an Schulen, im Rahmen des Gesetzes) respektlos sein? Ist doch die ‚aufreizende‘ Kleidung das, was die Gesellschaft, die Medien und diverse Vorbilder an die Jugendlichen heran tragen. Sollte man ein von der Gesellschaft so stark gefördertes Verhalten als respektlos empfinden?

Dann müsste man gleich eine standartisierte Schuluniform für alle fordern, wie an Privatschulen oder in Ländern wie Australien! Gleiches Recht für alle! Denn warum sollte es der Schule gegenüber respektloser sein, sich ‚aufreizend‘ zu kleiden, als andere, nonkonformistische, Kleidungsstile wie ich zu meiner Zeit als Punk oder jetzt als Metalhead. Oder der ‚Hiphop-Gangsta-Style‘? Ich wollte damals ganz bestimmt rebellisch sein und fehlenden Respekt deutlich machen. Dagegen würde eine Schuluniform ‚helfen‘. Lookism und Fat shaming bleiben. Schüler finden einen Weg oder einen Grund, andere auszugrenzen. Vielleicht wäre es wichtiger, mehr „gesellschaftliche und soziale Werte“ des Miteinander zu lehren und zu vermitteln, als sich an irgendwelchen Kleidungsstücken aufzuhalten!

Und ist es nicht viel respektloser, den Lehrenden gegenüber, wenn ich dazwischen rede, nicht mitarbeite, etc.? Wie ich es auch drehe und wende, für mich wird da kein Schuh draus!

In meinen Augen geht es in diesen Fällen, ob jetzt an dieser Schule oder an einer anderen, immer um eines: Es geht um einen Gender-Macht-Diskurs! Bewusst oder unbewusst wird hier von höher gestellten Personen (Lehrer*innen) Macht auf Schwächere aufgeübt. Genauer: Macht darauf, wie sich (junge) Frauen zu kleiden haben und wie nicht. Vorgebrachte Argumente wie der Schutz vor Übergriffen greifen dabei immer wieder auf Mechanismen des Victim Blaming zurück. Der eigentliche Grund ist aber wahrscheinlich meistens, dass die eine Person eine bestimmte Vorstellung von Ästhetik hat und die Macht, diese anderen Personen aufzudrängen.

Das grundlegende Problem ist tief im Denken und Handeln der Gesellschaft vergraben und verwurzelt. Nur durch das ständige Reflektieren und Aufzeigen solcher Strukturen kann sich etwas ändern. Lasst uns jagen gehen!

Waidmenschheil!

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3 Gedanken zu “Aus dem Tagebuch eines Drachentöters – Deine Kleidung kotzt mich an! oder: Warum gleiches Recht für alle gelten sollte.

  1. Ey Mann, bist du echt so blöde? Was haben denn Frauen, was Männer nicht am Oberkörper haben? Ein sekundäres Geschlechtsmerkmal vielleicht? Wahrscheinlich hast sogar du mal davon gehört.

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    1. Jap, von gehört, gesehen, etc. Und? Mal ganz ehrlich: Was ändert das, dass irgendwer mal gesagt hat: Brüste = sekundäres Geschlechtsmerkmal? Soll mich das jetzt an der Gleichberechtigung hindern? Das ist eine von Menschen gemachte Konstruktion. Machtausübung! Die Gesellschaft sagt, dass das „Geschlechtsmerkmal“ ist, also böse/unrein/verdorben/“aufreizend“, ergo hat die Frau das gefälligst zu verstecken, ob sie will oder nicht. Das ist eine Gender-Macht-Konstruktion, die mal ganz logisch gesehen, keinen Sinn ergibt.
      Wenn man es biologisch sehen möchte: Die Brüste dienen der Ernährung eines Säuglings, sonst haben sie keine weitere ‚Funktion‘ (biologisch!). Warum sollte man das verstecken? Sinn ergibt es erst, wenn die Brüste zu einem Objekt sexueller Begier gemacht werden (von….Männern?!). Dann ist es unsittlich sie zu zeigen. Und Männer meinen vielleicht auch noch, sie hätten einen ‚exklusiven Anspruch‘ darauf, die Brüste ‚ihrer‘ Frau zu sehen (wieder: Objektivierung!). Aber das hat in meinen Augen nichts mit Biologie zutun, sondern ist die (männliche) Verfügungsmacht über weibliche Körper.
      Wie sieht es ihrer Ansicht nach bei Trans*-Personen aus, die von Geburt an oder durch operative Angleichung über diese von ihnen sog. ’sekundären Geschlechtsmerkmale‘ verfügen?

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  2. Ganz zu schweigen von den Männern die weibliche Brüste entwickeln weil ihr Körperfett genug Östrogen produziert um das zu ermöglichen … habe neulich gelesen, eine findige Bastlerin hat es geschafft, ihre Oben Ohne Fotos auf Instagram zu veröffentlichen, indem sie die bööösen weiblichen Brustwarzen zensierte. Mit Bildern von erlaubten männlichen Brustwarzen. Einfach nur albern, dieser Eiertanz.

    Ich finde nicht, dass in der Schule alles erlaubt sein muss, aber wenn ein Outfit in der Fußgängerzone okay ist – und Hotpants sind das definitiv – dann ist es für die Schule nicht unpassend. Jedenfalls nicht für die Schülerinnen.

    Ob der Lehrer nun sonderlich professionell wirkt wenn er in geblümten Bermudashorts und Sandalen erscheint,ist wieder eine andere Frage, aber extreme Temperaturen erfordern extreme Maßnahmen, insofern – verbieten würde ich das auch dem Lehrkörper nicht.

    Oder man gibt eben einfach Hitzefrei, wenn die Temperaturen derart hoch sind.

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