Aus dem Tagebuch eines Drachentöters: „You will never be part of Black Metal!“ oder: Geschlecht im extremen Metal.

„Ich sage nicht, daß alle Frauen überflüssig sind, aber es gibt so viele verdammte Schlampen. […] Ich sage nicht, daß ihr alle Schlampen seid, nur die meisten von euch, das ist ein wesentlicher Unterschied.“

Diese Worte stammen von Nattenfrost, dem Sänger der erfolgreichen Black Metal-Band Carpathian Forest, gegen über der Journalistin eines deutschen Metal-Magazins. Äußerungen dieser Art sind im Black Metal nicht ungewöhnlich und der hier ausgedrückte Sexismus ist einer der Gründe, warum diese Musikrichtung und Szene in der öffentlichen Wahrnehmung so einen schlechten Ruf hat. Und trotzdem sieht mensch auf Konzerten von Bands wie Carpathian Forest und anderen Bands dieses Genres einige Anhängerinnen. Und es werden gefühlt immer mehr. Aber warum ist das so? Was bringt Frauen dazu, sich einer Szene aktiv anzuschließen, deren prominente Vertreter sich in solcher Weise äußern? Sie hören die Musik nicht nur für sich im stillen Kämmerlein, sie gehen raus, nehmen Teil und gestalten aktiv mit.

Dabei ist das idealisierte Menschenbild, das der klassische Black Metal zeichnet eins: ‚männlich‘. Dazu kommt noch ‚weiß‘, gerne auch muskulös und bewaffnet. Ein ernster, düsterer Krieger gegen eine feindliche Umwelt, ein Rebell gegen die Gesellschaft. Derartige Gestalte sehen wir auf Plattencovern, sie posieren auf Promofotos und die schreien uns von der Bühne herab an. Es wird eine archaische Männlichkeit zelebriert, die ihre Vorbilder in einer so nie existent gewesenen Vergangenheit sieht. In der Bildsprache und den Songtexten finden sich als Bezüge der angeblichen Vormoderne oft menschenfeindliche Naturszenen, archaische Waffen, eine häufige Darstellung von Gewalt in verschiedenen Formen und ein Habitus der Dominanz . Hier wird der archaische Krieger im Kampf mit einer feindlichen Umwelt (ob in Form von grausamer Natur oder übermächtigen Feinden) als das Idealbild des Mannes geschaffen.

Und wo finden sich die Frauen? Im Großen und Ganzen kann über die Darstellung von Frauen in der fiktiven Welt des Black Metal gesagt werden, dass diese nicht, beziehungsweise kaum stattfindet. Das stellen WIssenschaftler*innen fest, die sich mit der Szene beschäftigen. So schreibt die Musiksoziologin Sarah Chaker in ihrem Buch „Schwarzmetall und Todesblei“: „Ferner kommen Frauen im Black- und Death Metal auf inhaltlicher Ebene […] so gut wie gar nicht vor […].“ Auf einem Gros der Bilddarstellungen des Black Metal findet sich in Abwandlungen das oben erwähnte Männlichkeitsideal wieder: Einzelne Personen in der Einsamkeit einer unwirtlichen Landschaft. Diese Personen sind meist entweder geschlechtslos (Silhouetten oder Kleidung die keine Identifikation zulässt) oder sind offen als Krieger zu erkennen, in diesem Falle meistens auch mit einem dargestellten widerstreitendem Part wie einem Monster oder ähnlichem. Oft wird auch ganz auf eine figürliche Darstellung verzichtet und nur die „feindliche Natur“ (Verschneite Berge, Wälder oder ähnliches) dargestellt, quasi als Projektionsfläche für die Musiker (als einsame Krieger). In den
seltenen Fällen, in denen eine weibliche Darstellung erfolgt, ist ein klares Machtgefälle zu Ungunsten der
Frauen deutlich. Meist werden sie als macht- und willenlose Opfer gezeigt, entweder als Teil einer gesichtslosen Masse von Opfern beiderlei Geschlechts oder, was öfter der Fall ist, in einem klar sexualisierten Zusammenhang. Dabei ist der thematische Zusammenhang unterschiedlich und reicht von reiner Dominanzdarstellung (zum Beispiel das Cover der „Demonrape“-EP der Band Urgehal) bis zu antichristlichen Zusammenhängen, bei welchen die Frauen in das Ordenshabit von Nonnen gekleidet sind.

Eine der wenigen Ausnahmen von dieser Opferrolle ist die Darstellung der Frau als (häufig dämonische) Verführerin, wie zum Beispiel auf dem Cover des Albums „Bitter Suites to Succubi“ der bekannteren Band Cradle of Filth. Auch diese Darstellungen sind sexuell konnotiert, allerdings ist in diesem Falle die weibliche Darstellung auch mit einer Machtposition verbunden. Dieses Bild wird allerdings oft dadurch gebrochen, dass auch hier die Frau nur die Vasallin eines meist männlichen Teufels ist. Auch sind diese Darstellungen eher negativ behaftet, wenn mensch bedenkt, dass die Sukkubus Männer verführen soll (eventuelle Parallele zum Sündenfall) und sie ihn seines Samens, also ihrer Männlichkeit bzw. Manneskraft, beraubt. All das spricht, in meinen Augen, nicht dafür, dass sich Frauen dieser Szene anschließen wollen würden, aber sie tun es offensichlich. Warum?

Nun, das liegt vielleicht daran, dass die eingangs erwähnte Männlichkeitsdarstellung in weiten Teilen (die Ausnahmen wurden oben erwähnt) eines nicht ist: Sexualisiert, bzw. geschlechtsfixiert. Das ‚Männliche‘, was konstruiert wird ist eher an ein bestimmtes Verhalten, einen bestimmten Habitus geknüpft. Grade in der Black Metal-Szene gilt ein hoher Anspruch an Authentizität an Musiker*innen und Szenegänger*innen. Diese Authentizität kann mensch grob an vier Punkten festmachen:

– Ernsthaftigkeit
– dominanter Habitus
– aggressives Gebärden
– generell nonkonformes bzw. rebellisches Verhalten

Dieses Verhalten KANN mensch als ‚männlich‘ betrachten, aber wenn mensch diese Szenegängerinnen des Black Metal betrachtet, wird mensch oft genau diese Punkte feststellen können, teilweise sogar deutlich als bei Szenegängern. Es sollte festgehalten also werden, dass diese ‚Männlichkeit‘ nicht geschlechtlich fixiert ist. Dies mag vielleicht im Archaischen mitschwingen, wird aber nicht betont oder hervorgehoben. Die ‚Weiblichkeit‘ ist vielmehr der Gegenpol, damit ‚Männlichkeit‘ überhaupt existieren kann, ist aber wiederum eine Sammlung an Eigenschaften und Verhaltensweisen. Hier wird deutlich, dass nicht die Frau als Geschlecht abgelehnt wird, sondern ein Frauenbild, das bestimmte stereotype Zuschreibungen enthält: Das Weibliche wir gleichgesetzt mit ’schön‘, ‚freundlich‘, ‚romantisch‘ und damit auch ‚melodisch‘. Das Männliche dagegen ist ernst und aggressiv, gewalttätig und „hässlich“. Jedoch ist offenbar ein kleiner Teil der Frauen nicht mit dem
negativen-weiblichen assoziiert (Szenegängerinnen), sondern machen sich die „männlichen“ Attribute zu eigen, während es auch genug Männer gibt, die nicht „stark“ genug sind, den Idealen des Black Metal zu entsprechen (Männer die nicht Teil der Szene sind).

Die Musiksoziologin Sarah Chaker sieht in Aussagen, wie dem eingangs erwähnten Zitat, Ansichten die nicht dem tatsächlichen Empfinden der Personen entsprechen müssen, sondern eventuell bewusst eingesetzt werden, um nach außen authentisch im Sinne des Männlichkeitsideals der Szene zu erscheinen . In diesen Aussagen steckt jedoch mehr als bloße Frauenfeindlichkeit, in erster Linie wird hier das klare Elitendenken des Black Metal hervor gehoben. Besonders deutlich wird dies an der Aussage von Akhenaten, Kopf hinter dem einflussreichen Solo-Projekt Judas Iscariot: „Die meisten Frauen im Black Metal sind jedoch kindisch, dumm und aus sehr oberflächlichen Gründen im Underground involviert. […] Mit Ausnahme einiger weniger, habe ich eine Nachricht an Euch Mädchen: You will never be a part of Black Metal, no matter how hard you try!“ Was sagt uns das?  Wenigen authentischen Personen (in diesem Fall Frauen) steht eine große
Gruppe aus ‚Posern‘ bzw. ‚Poserinnen‘ gegenüber, Menschen die nur oberflächlich oder gar nicht dazugehören. Nattenfrost betont, dass es ebenfalls eine große Gruppe von Männern gibt, die nicht dem „Ideal“ entsprechen. Auch Akhenaten betont, er habe mit einigen Frauen Kontakt, „die den Umfang und die Bedeutung dieser Kunst verstehen.“

Also kein Sexismus im Black Metal? Tja, so einfach ist es dann auch wieder nicht. Wie im Rest der Gesellschaft ist auch der Black Metal von sexistischen Einflüssen durchdrungen. So gelten viele Bands mit weiblichen Mitgliedern eingefleischten Szenegängern als soft, nicht authentisch,… Auch gegenüber den Szenegängerinnen stößt mensch immer wieder auf sexistische Stereotype und misogyne Aussagen. Die Frau wird als Bedrohung des „Männerkampfbundes“ Black Metal wahrgenommen, die die Freiheit des Mannes einschränkt. Chaker geht davon aus, dass es besonders damit zusammenhängt, dass Frauen für manche Familie und Alltag symbolisieren, die das Eintauchen und Aufgehen in der Szene verhindern. Diese Befürchtung ist aber nicht nur in der Metal-Szene typisch, sondern finden sich wohl in den meisten männerdominierten Szenen.

Im Großen und Ganzen sind geschlechtlich begründete Differenzen aber eher Ausnahme als Regel und beschränken sich meist auf den Austausch zwischen männlichen Geschlechtsgenossen. Gerade in der Black- Metal-Szene sind Einstellung und Motivation der Szenegänger*innen so ähnlich, dass das Geschlecht kaum eine Rolle spielt. Nicht zuletzt sehen die Männer in Szenegängerinnen auch mögliche Partnerinnen, da eine große Interessengrundlage für eine funktionierende
Beziehung vorhanden ist.  Der Vorteil besteht darin, dass eine Partnerin aus der Szene deren Gebräuche und Interna kennt und der Black Metal auch im privaten Bereich eine große Rolle spielen kann, da beide sie als ihren Interessenbereich
betrachten.

Für die Szenegängerin spielt die Suche nach einem Partner allerdings wohl eher eine untergeordnete Rolle. Zwar gaben in einer Befragung 96% der Szenegängerinnen an, einen Partner innerhalb der Szene zu haben, aber dies scheint angesichts der hohen Zahl potentieller Partner und der gemeinsamen Interessen und Erlebnissen nur zu verständlich. Die Volkskundlerin Bettina Roccor stellt die Vermutung auf, dass Anhängerinnen der Heavy-Metal-Szene ihre weibliche Seite verdrängen würden um ernst genommen zu werden und auch versuchen würden keine potentielle Partnerin darzustellen. „In gewisser Weise vermännlichen sie sich selbst, indem sie bei allem mithalten: Sie demonstrieren Mut, Kraft, Können, Wissen und Trinkfestigkeit, übernehmen männliche Diskursformen in Habitus und Sprache.“ Hier widerspricht Sarah Chaker: So kleiden sich viele Szenegängerinnen durchaus körperbetont und anziehend. Sie legen durchaus Wert auf ihr Äußeres und negieren keinesfalls ihre ‚weibliche‘ Seite. Richtig ist, dass der Habitus der Szenegängerinnen dem der Männer in vielem gleicht oder ähnlich ist. Hier stellt sich jedoch die Frage, ob dies als eine ‚Selbst-Vermännlichung‘ zu werten ist. Richtig ist, dass sie ein Verhalten zeigen, dass von der Gesellschaft ‚männlich‘ assoziiert wird. Dies lässt sich aber wahrscheinlicher darauf zurückführen, dass Black-Metal-Szene besonders Frauen anzieht, die sich eher in dem szenetypischen Habitus selbst wiederfinden, als in dem, was nach gesellschaftlichen Konventionen als ‚weiblich‘ gilt. Auch kann nicht behauptet werden, dass sich die Szenegängerinnen diesem Verhalten im Sinne des Patriarchats
unterordnen. Viel mehr unterlaufen sie traditionelle Verhaltensweisen und deuten diese für sich um. Frauen
wie Männer in der Black-Metal-Szene unterwerfen sich dem Szene-Ideal gleichermaßen. Es könnte sogar
behauptet werden, dass Frauen in der Szene eine größere Freiheit im Verhalten haben. Die Szene ermöglicht
es den Szenegängerinnen ihr eigenes Bild von sich zu entwerfen. Sie können das Frau-sein für sich neu
definieren, abseits der gesellschaftlichen Konventionen von ‚Weiblichkeit‘.

Aber das sind nur meine Gedanken dazu. Interessant wäre sicher auch die Betrachtung von Homosexualität oder Trans* innerhalb dieser Szene, aber wie zu erwarten war, hat sich bisher damit niemand auseinander gesetzt. Ich sehe schon: Da kommt Arbeit auf mich zu^^

Waidmenschsheil!

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Ein Gedanke zu “Aus dem Tagebuch eines Drachentöters: „You will never be part of Black Metal!“ oder: Geschlecht im extremen Metal.

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