Aus dem Tagebuch eines Drachentöters – White, male and privileged! oder: Das Privileg über eigene Privilegien nachzudenken.

White, male and privileged. Ich weiß noch, dass ich diese drei Schlagworte gehasst habe, die ersten Male, als ich sie gelesen habe. Wie viel Unglauben, Trotz und auch Wut in mir hochgekommen ist. Ich habe mich sofort persönlich angegriffen gefühlt und auf dieses Gefühl aggressiv reagiert. „ICH mache doch gar nichts!“, war ein sehr häufiger Gedanke. Da draußen gab es sicher Sexisten und Rassisten, aber ICH gehörte doch nicht dazu.

Begierig hab ich in mich aufgenommen, was ich an Feminismuskritik finden konnte, dass mir keinen zu stumpfen oder hetzerischen Eindruck machte (manN hat ja einen gewissen Anspruch!). Youtube-Kanäle wie der das US-amerikanischen Atheisten/Skeptikers Thunderf00tder sich in vielen Videos über die Unzulänglichkeiten, Dummheiten und Unverschämtheiten des Feminismus aufregt, wurden begierig von mir verschlungen, geliket und geteilt. Natürlich unreflektiert. Ich hatte ja eine Meinung. Wie habe ich getobt, als die Uni Leipzig das generische Feminimum einführen wollte (und hat). Das wäre ja…SEXISTICH! Auch die Vorstellungen von einer genderneutraleren Sprache (ProfX) gingen mir mächtig auf die sprachästhetischen Nerven. Das könne manN ja der deutschen Sprache nicht antun! Wie ging mensch dann mit der Tradition des Landes der Dichter und Denker um?

Ich habe versucht, in den Argumentationen von Vertretern der Critical Whiteness Studies Argumentationslücken oder -schwächen zu finden. Wohl in der Hoffnung, darin selber eine erwachsende Ungleichheit zu finden. Ich wollte einfach sehen, dass „sie“ planten, den ganzen Rassismus einfach nur umzudrehen, anstatt hinzunehmen, dass sie halt historisch ein bisschen Pech hatten und jetzt mit „uns“ an der gemeinsamen Überwindung des Ganzen zu arbeiten. Über Sachen wie das Blue-Eyed-Experiment habe ich mich massiv aufgeregt. Wie konnte es jemensch wagen, Menschen mit blauen Augen (wie auch mich) so zu diskriminieren und wenn auch nur zu wissenschaftlichen Zwecken?

Auch den Vorwurf des Privilegs hab ich versucht zu entkräften. SO gut ginge es mir ja nun auch nicht! Meine Eltern wohnen ja auch nur zur Miete. Kein eigenes Haus. Keine 2+ Autos. Keine teuren Urlaube. Sicher, es hatte mir nie an etwas gefehlt und viele Wünsche waren mir erfüllt worden, aber privilegiert? Ich habe mich als etwas Besseres gesehen, aber das hatte ja wohl damit nichts zu tun. Da ging es ja um Geld. Oder?

Ich hatte damals einfach nichts begriffen. Also, noch weniger als heute.

Ich kann nicht sagen, was für mich der Wendepunkt war, an dem es in meinem Kopf KLICK gemacht hat. Ob es eines der Bücher war, die ich gelesen hatte oder ein Seminar über den Zusammenhang zwischen Sexismus und Technik, das ich an der Uni besucht habe. Vielleicht ist es ein Prozess gewesen und kein einzelner Punkt, aber heute erschreckt es mich, wenn ich mich erinnere, wie ich vor nur wenigen Jahren gedacht und reagiert habe. Ich denke, inzwischen habe ich in Ansätzen verstanden, was mir „White, male and privileged“ sagen will. Und das ich mich nicht angegriffen fühlen muss, aber angesprochen.

Mensch könnte auch eine Gleichung daraus machen:

white + male + X = privileged

Ich bin (sehr) privilegiert. Genau wie die Meisten, die diesen Beitrag lesen können. Ich sitze vor MEINEM Computer, in MEINER (Miet-)Wohnung, mit einem vollen Kühlschrank. Ich kann schreiben und lesen. Ich habe das Privileg über meine Privilegien nachzudenken. Was für ein Geschenk. Ich bin in der ‚Maslowschen Bedürfnishierarchie‚ mit diesem Blog eindeutig bei ‚Selbstverwirklichung‘ angekommen, je nach Version dem höchsten Bedürfnis, das mensch erreichen kann.

 

Allerding sind diese Privilegien so selbstverständlich, dass sie quasi unsichtbar sind und erst auffallen, wenn sie auf einmal fehlen. Von daher wäre es vielleicht manchmal gar nicht, einen Augenblick inne zu halten und zu reflektieren, WELCHE Privilegien mensch hier eigentlich genießt, manN im Besonderen. Natürlich fallen da zuerst die Dinge auf, welche die unteren Stufen der Bedürfnishierarchie umfassen: körperliche Bedürfnisse (Essen, Trinken, Schlaf, Wärme) und Sicherheitsbedürfnisse (Unterkunft, Gesundheit, Sicherheit). Diese sind in den westlichen Nationen meist gewährleistet, ihr Fehlen oder die Einschränkung macht sich deshalb umso gravierender bemerkbar, wie das verletzte Sicherheitsbedürfnis nach Terroranschlägen zeigt. Diese Privilegien sind wichtig und auch sie sollten nie zu selbstverständlich sein, aber viel vertrackter sind solche, die so selbstverständlich sind, dass sie völlig unsichtbar zu sein scheinen: Hautfarbe bzw. Ethnie, Geschlecht, Bildung, sozialer Status und ähnliches. Diese und mehr sind gemeint, wenn von „white, male and privileged“ gesprochen wird.

 

Welche Art von Ressentiments, die auch in unserer angeblich so modernen und aufgeklärten Welt kursieren, können mich denn treffen, als weißer Student aus „gutem Hause“? Ich bin so privilegiert, dass ich mir über die Zugehörigkeit zu einer Subkultur sogar freiwillig ein Merkmal gewählt habe, über das ich diskriminiert werden könnte. Wer mich auf einer rassistischen oder sexistischen Ebene angreifen will, tut dies gegen einen gesellschaftlich immer noch verbreiteten Konsens der Hierarchie und Unterdrückung/Benachteiligung. Es ist hingegen sehr wahrscheinlich, dass von mir Benachteiligung ausgeht, selbst wenn ich dies nicht bewusst will, einfach weil bestimmte Muster so in meinem und dem mich umgebenden Denken verwurzelt sind. Ich will damit nicht dazu auffordern, nach Wegen zu suchen, mich oder andere „WMP-Personen“ zu diskriminieren, auch wenn es manchmal vielleicht verdient wäre oder eine ausgleichende Gerechtigkeit darstellen würde. Viel mehr könnte sich jeder mal im Stillen überlegen, welche Privilegien er genießt und was für ein Zufall das doch im globalen Maßstab ist.

 

In diesem Sinne:

Waidmenschsheil!

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