Drachenhöhlen-Interna #2: Was da kommen mag.

Da das hier ja jetzt ein Egoblog ist, also ein Blog einer einzelnen Person, habe ich mir über legt, was kann da jetzt kommen?

Ich hatte einen (bisher) Zweiteiler zu Black Metall Theory und grade meinen zweiten Teil von „Male, white and privileged“ veröffentlicht. Dazu kommt, dass ich es aktuell schaffe, relativ regelmäßig was zu schreiben und das mir die Themen nur so um die Ohren fliegen. Traurig, aber da draußen gibt SEHR viele Drachen.

Die MWP-Reihe wird, denke ich,nun öfter erscheinen, weil es mir am Herzen liegt und obendrein recht gutes Feedback erzeugt. Und grade dieses Thema ist leider nahe zu unerschöpflich. Aber das ist ja quasi eine rein kritisierende Reihe. Im grandiosen Onlinemusikmagazin Noisey, dem Musikableger des ebenfalls grandiosen Vice Magazin fand ich kürzlich einen Artikel über Sexismus in der Musikindustrie der zu dem Schluss kam, man müsse aufhören nur zu kritisieren, sondern progressiv dem etwas entgegensetzen.

Ich finde diesen Punkt sehr überzeugend und möchte ebenfalls etwas progressives beitragen. Von daher plane ich eine Reihe in der ich All-female-Bands des Extreme Metall vorstellen. Ich hoffe, dass der erste Teil Anfang nächster Woche erscheint.

Das sind erstmals meine Zukunftspläne. Ich hoffe, ich kann das trotz anstehender Klausurenphase in der Intensität die aktuell beibehalten.

Kurzes Update zu Berlin:

Aktuell nervt mich:

-die ewige Bauzeit des BER, weil ich grad in der Einflugschneise von Tegel untergekommen bin.

-das wahlpolitisch motivierte Vorgehen der Polizei in der Rigaer Straße

-der plumpe Populismus der B.Z.

Aktuell freut mich:

-die wenigen Probleme des U-Bahnnetzes

-das reiche kulturelle Angebot der Stadt

-die erstaunlich geringe Zahl von Hundehaufen auf den Gehwegen, da hab ich Schlimmeres erwartet

In diesem Sinne:

Weidmenschsheil!

 

Aus dem Tagebuch eines Drachentöters – White, male and privileged! Teil 2 oder: Darf ich mitreden oder muss ich sogar?

Mir fällt immer wieder auf, dass bei bestimmten Themen wie gendergerechter Sprache oder Übergriffen wie in Köln oder Sexismus generell immer wieder die gleichen Personen das Wort ergreifen und sich äußern. Diese Personen sind männlich, weiß und auf die eine oder andere Weise privilegiert. Durch ihren Status oder ihre Position zum Beispiel.

Männliche Chefredakteure, Feuilletonisten oder andere Publizisten erklären Betroffenen und dem Rest der Republik, was schlimm sei und was zu fühlen sei (Süddeutsche oder Focus z.B.). Auch bei anderen Debatten diskutieren sie gerne mit, was in Ordnung sei oder wann die Forderungen nach Gleichstellung oder Gendergerechtigkeit überzogen sind. Oder sie sind wie der Chef-Feuilletonist der Welt Andreas Rosenfelder einfach gelangweilt von dem Thema. Ihnen zur Seite springen dann gerne Personen, die neben dem fehlenden „Privileg“ der Männlichkeit gerne vergessen, dass sie trotzdem privilegiert sind und nicht zu den Menschen gehören, die mehrfach betroffen sind. Diese kommen in den medialen Debatten nicht oder nur kaum gehört am Rande vor (ich komme mir trotzdem etwas schäbig vor, sie dafür zu diskriminieren, dass sie nicht so stark diskriminiert werden wie andere, aber das nur am Rande).

Und nun ich als jemand, der weiß, er privilegiert ist und eigentlich in kein Diskriminierungsmuster rein fällt, das ich mir nicht selber ausgesucht habe (ich komme mir zumindest nicht diskriminiert vor). Darf ich mich zu solchen Themen äußern? Sollte ich es vielleicht sogar?

Ja, ich darf mich dazu äußern. Wie alle anderen weißen Männer, mehr oder weniger privilegiert, es auch dürfen. Denn der Art. 5 meines geliebten Grundgesetzes sagt ja im ersten Absatz:

„Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten. Die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und Film werden gewährleistet. Eine Zensur findet nicht statt.“

Ich darf also. Gut. Sollte ich das denn auch? Nun, mein Blog hat keine große Reichweite, wenn überhaupt, ergo stört es wohl niemanden, wenn ich es tue. Aber ich denke es gibt weitaus triftigere Gründe, warum ich sollte wie ich tue:

Die von mir vertretene Meinung findet kaum durch Personen wie mich (also diese weißen, männlichen, privilegierten) statt. In größeren Medien noch seltener. Wo sind die Feuilletonisten, die sich nicht, großspurig, gönnerhaft und damit wieder herablassend chauvinistisch zu einer gleichberechtigten, aufgeklärten und selbstreflektierten Meinung bekennen? Es gibt sie, aber sie gehen unter. Dabei sind sie wichtig, wie ich finde, auch um andere zu überzeugen.

Ich kenne das ja selber von mir, dass Mann sich schnell angegriffen fühlt, wenn einem vorgeworfen wird, weiße, privilegierte Männer wären ein Problem im Rahmen der Gleichberechtigung. Schnell entsteht da im Kopf ein „die Anderen“ (Feministinnen) gegen mich und „Meinesgleichen“. Und das führt dann zu den Shitstorms in Kommentarspalten und der chauvinistischen „Invasion“ in Internetphänomenen wie #aufschrei oder dem neueren #ausnahmslos.

Und wenn über gendergerechte Sprache gesprochen wird, wird neben bei der ästhetischen Verletzung der schönen deutschen Sprache (was in Zeiten, in denen dem ß langsam der Gar ausgemacht wird und man die Straße gerne mal mit Doppel-S schreibt, wie blanker Hohn klingt) gleich eine vermutete Gegendiskriminierung beschworen. Dabei sollte sich doch jeder Mann, der sich von der weiblichen oder mit Gender* gekennzeichneten Form ausgeschlossen fühlt, klar machen: In der „weiblichen“ Form, steckt die „männliche“ immer schon mit drin. Also wo ist euer Problem?

Der aufgeklärte, weiße, privilegierte Mann muss in dieser Gleichung vom Teil des Problems zum Teil der Lösung werden. Er muss sagen, was er denkt, unterstützen, wo es wichtig ist und, auch das ist wichtig, einfach mal den Mund halten, wenn es der Sache dient.

Der von mir durchaus geschätzte Stand-Up-Comedian Moritz Neumeier hat sich mehrfach darüber beschwert, dass Menschen ein von ihnen wahrgenommenen Missstand ansprechen, obwohl sie nicht von ihm betroffen sind. Ich finde das zu kurz gedacht. Denn nicht immer haben die Betroffenen die Möglichkeit, sich für ihre Sache stark zu machen. Weil sie keine Lobby haben und keine Möglichkeit „den Hebel“ anzusetzen. Oder sie werden mit anderen diffamierenden Bezeichnungen, die ihnen eine Meinungsäußerung zu dem Thema absprechen, mundtot gemacht. Wenn jetzt alle schwiegen, weil sie nicht betroffen sind, enden wir, überspitzt formuliert, so, wie es der evangelische Theologe Martin Niemöller so treffend formulierte.

Deswegen sehe ich es als meine Pflicht als Demokrat und aufgeklärter Mensch, einen Missstand anzuprangern und auf ihn hinzuweisen, wenn ich ihn sehe, ganz gleich, ob ich selber betroffen bin. Es ist meine Pflicht, denen zu helfen, die sich nicht selbst helfen können und die zu unterstützen, die Unterstützung brauchen. Sonst wird in Zukunft vielleicht irgendjemand eine Niemöller-Replik schreiben müssen:

Als sie die Flüchtlinge an den EU-Außengrenzen verhungern ließen, 
habe ich geschwiegen,
ich war ja kein Flüchtling.

Als sie die LGBT-Community aus der Gesellschaft ausschlossen,
habe ich geschwiegen,
ich gehörte ja nicht zu ihnen.

Als sie die Frauenrechte immer weiter beschnitten, 
habe ich geschwiegen,
ich bin ja keine Frau.

Als sie entschieden, dass Angehörige von Subkukturen wieder „asoziale Subjekte“ sind,
gab es keinen mehr,
der noch protestieren konnte.“

In diesem Sinne:

Weidmenschsheil!

 

Aus dem Tagebuch eines Drachentöters: GENDERWAHN!!!11elf Oder: Ein Lehrstück manipulativer Medien.

Die Berliner Verkehrsbetriebe bieten mir jeden Tag einen tollen Service: In vielen S-Bahnen und U-Bahnen sind an der Decke kleine Bildschirme montiert, auf denen mir Wetter, Kulturtipps und eben Nachrichten präsentiert werden. So weit so schlecht, denn wessen Nachrichten werden mir da präsentiert? Die der B.Z.! Einem Boulevardblatt aus dem Haus Ullstein, einer 100%igen Springer. Also quasi ein Schwesterblatt der BILD.

Und heute Morgen, also Montag, also der Tag von dem schon Kater Garfield wusste ihn zu verabscheuen, ballert mir die B.Z. ungefragt folgende Schlagzeile um die Augen:

„Der Gender-Wahn kostet Berlin fast eine Million Euro“

Nun wird mensch, wenn mensch diesen Blog verfolgt, vielleicht merken, dass ich zum Thema Gender/Gleichberechtigung/Sexismus eine Meinung habe. Und offensichtlich eine andere als die B.Z., denn bei dem Wort „Genderwahn“ (Warum, zur Hölle, muss heute alles mit Binde-Strichen ge-trennt werden?) klappen sich mir die Fußnägel hoch. Warum? Nun, zum einen, weil dieses Wort meist aus einer (rechts-)konservativen Ecke schallt, wenn es um Dinge wie Homosexualität oder Gleichberechtigung auf Lehrplänen geht. In der Nähe meiner Uni zum Beispiel wurden an einigen Laternen Aufkleber der „Jungen Freiheit“ gefunden, dem Sprachrohr der sog. „Neuen Rechten“, mit der Aufschrift „Genderwahn? Nein, danke!“. Im Sprachduktus sogar wesentlich höflicher und ohne diesen lächerlichen Bindestrich, in der Botschaft aber genauso reaktionär.

Nun was wollte die B.Z. mir eigentlich vermitteln, unter dieser Überschrift?

Es geht um die Umbenennung des Berliner „Studentenwerk“ in „Studierendenwerk“, eine Maßnahme der Gleichberechtigung, die auch in anderen Bundesländern in letzter Zeit angedacht und/oder durchgeführt wird. Mit mehr oder weniger gleichem Presseecho.

Zunächst mal gleich wieder Entwarnung! Es geht um eine vorgeschlagene Änderung des Studentenwerksgesetzes, mit der voraussichtlich 800.000€ für sämtliche Änderungen veranschlagt werden. Änderungen wie Schilder, Schriftzüge, Stempel, Briefköpfe,…

Aber die B.Z. vermutet, wahrscheinlich zu Recht, wo die Meinung ihrer Leser hingeht und färbt und framed ihren Artikel nach allen Regeln der Kunst. Zunächst spricht die Überschrift von „fast 1 Millionen“, es sind aber „nur“ 800.000, also fehlen ganze 200.000 bis zur Millionen, ein Fünftel, aber für Schlagzeilen macht sich die Millionen einfach besser.

Eingeleitet wird der Artikel mit „Ampelfrauen, Unisexklos und jetzt das!“, womit auf weitere skandalöse Geldverschwendungen hingewiesen wird. Ampelfrauen! Skandal! Wenn mensch recherchiert, findet mensch jedoch schnell heraus, dass die Pläne auf Eis liegen, weil die diskutierten Designvorschläge den Sozialdemokraten zu klischeehaft waren. Ampelfrauen? Fehlanzeige!

Und diese unverschämten Unisextoiletten? Die gibt es tatsächlich! Die öffentlichen Gebäude des Berliner Bezirks Friedrichshain-Kreuzberg sollen Unisextoiletten erhalten. Dabei werden keine neuen gebaut, ergo kein Raum „verschwendet“, sondern eine bestehende Toilette für ca. 350€ umgebaut. Wahnsinn! Berlin stürzt sich in Unkosten!!Das an anderen Stellen viel sinnfreier viele Millionen in Großprojekte wie einen Flughafen gepumpt werden? Egal! Genderwahn!!!!!!!!

Es wird sogar erwähnt, dass der Vorschlag zu den Änderungen von Studierenden selbst kam und sich der Begriff des „Studierenden“ bereits durchgesetzt habe. Diese Sätze sind grade zu verschwindend klein zwischen Fotos abgebildet. Auf zweien sind Studierende zu sehen, aber natürlich keine die diesen Vorstoß begrüßen. Relativ geschickt sucht mensch sich eine Philosophie-Studentin und einen Chemie-Studenten, die den Plänen wenig abgewinnen können. O-Ton: „Totaler Quatsch! Letztendlich ist das nur Aktionismus der Politiker“. Dann wird noch ein 75 jähriger CDU-Mann zitiert, dem die Namensänderung zu dem Preis „nicht sinnvoll“ erscheint. Eine Grünen-Politikerin dagegen weist darauf hin, dass andere Bundesländer die Namensänderung längst vollzogen haben. Keine Konstellation, die überrascht. Natürlichen „müssen“ die Grünen dafür sein, das passt zum Artikel.

Will übrigens mal jemand raten, wer für diesen “Artikel“ verantwortlich zeichnet? Zwei Männer. Zwei Männer kriegen nicht einmal eine Din A4 Seite neutralen Bericht hin. Arme deutsche Medienlandschaft!

Am Ende bleibt wenig Belastbares vom Artikel. Die anderen Beispiele des Genderwahns sind schlicht falsch oder in ihren Kosten exorbitant. Noch ist eh nichts beschlossen, der Änderungsvorschlag wurde noch nicht einmal diskutiert, dies geschieht erst im Februar. Und statt Studierende zu zeigen, die sich diese Änderung gewünscht haben, wird billig suggeriert, dass diese Änderung gar nicht dem Ansinnen der Studierenden entspricht. Aber kein Wort darüber, dass der unfertige BER-Flughafen Berlin pro Monat ca. 17 Millionen Euro kostet. Für einen Monat Flughafen könnte mensch das Studierendenwerk also 17 Mal umbenennen. Studentenwerk, Studierendenwerk, Studentinnenwerk, StudentInnenwerk, Student_innenwerk, Student*innenwerk, Studentixwerk. Und immer noch 10 Millionen über! Davon könnte mensch doch was Soziales machen! Naja…

Hauptsache Stimmung gegen Gleichberechtigung gemacht! SO kennen wir den Springer Verlag und seine Machwerke.

In diesem Sinne: Lasst euch vom Wahn gegen Gleichstellung nicht verrückt machen!

Weidmenschsheil!

Aus dem Tagebuch eines Drachentöters: Black Metal Theory Teil 2: Was sie ist und was sie will. Oder: Transcendental Black Metal is in fact nihilism, however it is a double nihilism and a final nihilism, a once and for all negation of the entire series of negations.

Hier er nun, der zweite Teil meiner kleinen Reihe über Black Metal Theory. Nach ich im ersten Teil nur mit dem eventuellen Entstehen, Orten, Veranstaltungen und Protagonist*Innen die Seite gefüllt habe, widme ich mich dieses Mal der inhaltlichen Auseinandersetzung mit der Thematik.

Vorher ein kleiner Nachtrag zu den Protagonist*Innen. Ich wollte einfach wissen, ob sich in der Reihe der Akteur*Innen dieser Szene auch Personen finden, die in der Szene in Form von Musiker*Innen oder Journalist*Innen tätig sind. Also Personen, die in der, ich nenne es mal ‚Wertschöpfungskette‘, obwohl ‚Werkschöpfungskette‘ treffender wäre, der Szene tätig sind und nicht, wie die Black Metal-Theoretiker*Innen oder auch ich, nur auf dem Aufbauen, was andere geschaffen habe. Drittverwertung nennt mensch dies in Medienkreisen, glaube ich. Lange Rade, gar kein Sinn, ich habe also die Personenlisten der Bücher und Symposien durchgegooglet um vielleicht fündig zu werden.

Das Ergebnis war recht deutlich. Viele Wissenschaftler*Innen oder Personen aus dem universitären Umfeld aus unterschiedlichen Themenbereichen (Philosophie, kritische Theorie, Religionswissenschaften), einige Autor*Innen/Journalist*Innen/Blogger*Innen (Wie der Musikjournalist Brandon Stosuy der für das Onlinemagazin Pitchfork schreibt), deren Werke sich im düsteren Themenbereich verorten lassen und auch ein paar Künstler*Innen. Musiker*Innen sind wenige darunter. Als prominentestes Beispiel wäre hier Hunter Hunt-Hendrix, Gitarrist und Sänger der Band Liturgy, zu nennen, von dem auch das Zitat im Titel dieses Blogeintrags stammt. Er ist auch außerhalb der Szene bereits mit philosophisch-theoretischen Texten aufgefallen (wie hier im Vice). Diese Band wird von der Szene allerdings wohl häufig kritisch betrachtet und mit dem oft wenig rühmlichen Label „Hipster Black Metal“ belegt.

Mensch kann also durchaus sagen, dass es eine Intelligenzia ist, die sich dem Thema widmet. In wie weit das gut ist, auch dass sich so wenige Musiker*Innen oder ähnliches Szenepersonal an der Diskussion beschäftigt, soll hintenan gestellt werden.

Nun aber zum Kern des Ganzen: Was ist Black Metal Theory? Was macht sie aus? Und was will sie?

“Not black metal. Not theory. Not not black metal. Not not theory.” —Nicola Masciandaro

Zunächst sollte mensch wohl sagen, dass es DIE Black Metal Theory nicht gibt. Wer erwartet hier ein geschlossenes Konzept mit klaren Merkmalen zu finden, irrt. Irrt gewaltig. Aber das ist wohl auch kaum der Anspruch. Jede Theoretiker*In nähert sich dem Objekt der Betrachtung (zur Erinnerung: Black Metal!) aus ihrer Fachrichtung oder künstlerisch- bzw. interessegeleiteten Perspektive.

Nicht umsonst sind diese Symposien Orte des Austauschs und der Diskussion, ein Umstand der in den Büchern zu diesen Veranstaltungen leider nicht Rechnung getragen wird. Als Beispiel „Hideous Gnosis: Black Metal Theory Symposium 1 „, der Sammelband zur ersten Veranstaltung (link in Teil 1 :P): Hier werden die verschriftlichten Vorträge unkommentiert abgedruckt, eine echte Einleitung oder Vorstellung der Autoren gibt es nicht. Stattdessen äußern sich einige Autor*Innen in einem Statement, dass ihre Perspektive vielleicht grob zusammenfasst. Hier jetzt die Aussagen von zweien der vier im letzten Eintrag näher vorgestellten Personen

„Otherwise music is no different from the indifferent howling of the wind that black metal seeks to evoke, but always for somebody, if only just for oneself, to place oneself at the very limit of oneself where one is dissolved to NOTHING.“ —Scott Wilson

„Ansonsten unterscheidet sich Musik nicht von der indifferenten Heulen des Windes, das der Black Metal hervorrufen versucht , aber immer für jemanden, wenn auch nur für einen selbst, um an das eigene äußersten Limit zu gehen, wo mensch sich auflöst ins NICHTS“ (grob, in etwa, sinngemäß)

„Via dissonant resonances within and among these three phenomenal nodes, black metal vibrationally unhinges the order of things, tritonely crushes all holy trinities, annihilates every binding of the chain of being.“ —Nicola Masciandaro

„Durch dissonante Resonanzen innerhalb und zwischen diesen drei phänomenalen Knoten, bringt der Black Metal vibrierend die Ordnung der Dinge aus dem Gleichgewicht, zermalmt dreitonal alle heiligen Trinitäten, vernichtet jede Bindung der Kette des Seins“ (sinngemäß, machs besser)

Aus diesen beiden und dem in der Überschrift verwendeten Zitat werden einige Grundsätze deutlich, die sich durch die Black Metal Theory ziehen: Negation, Nihilismus (Alles Seiende sei im Prinzip sinnlos, weshalb alle Werte und Ziele abzulehnen sind) und Black Metal als quasi mythische Kraft.

Doch so diffus, wie das jetzt wirkt, sind die dann folgenden Text (meist) nicht! Es wäre auch vermessen anzunehmen, dass bei so einer starken Assoziation diverser Protagonist*Innen mit dem universitären Umfeld, diese alle wissenschaftlichen Grundsätze fahren lassen um bloß pathetisch dahin zu schwadronieren. Vielmehr wird der Black Metal in Einzelteilen dekonstruiert, um ihn mit der Realität abzugleichen. Textanalyse. Ideenanalyse. Wie lassen sich Konzepte des Black Metal, der grade von vielen Szenegänger*Innen als mehr als Musik, sondern als Lebenseinstellung beschrieben wird, umsetzen. Wie ist kann das Verhältnis zur Natur gestaltet werden (ein wichtiges Thema seit dem Aufkommen „schwarz-grüner“ Bands wie Wolves in the Throne Room)? Was bedeutet Suizid im Konzept des Black Metal, wie ist er zu werten?

Es sind interessante Ideenkonzepte, die dort aufgestellt und durchdacht werden. Auch auf viele Denker*Innen und Theoretiker*Innen aus Richtungen wie Existenzialismus (Albert Camus) oder Strukturalismus (Michel Foucault) wird Bezug genommen. Und dabei wird immer wieder Rückgriff aus Szene“produkte“ wie Liedtexte oder Konzepte gesucht.

Für wen der Black Metal wirklich eine Lebenseinstellung ist, der findet hier zahlreiche Denkanstöße oder mögliche Sichtweisen. Da ist es schon fast verwunderlich, dass dieser Diskurs nicht aus der Szene selbst erwachsen ist, sondern aus dem wissenschaftlichen Umfeld in diese Szene getragen wird. In weiten Teilen lesen sich diese Texte, wie etwa „Open a vein – Suicidal Black Metal and Enlightment“ von Janet Silk, der sich mit dem Suizid und verschiedenen religiösen/philosophischen Blickwinkeln darauf beschäftigt, exakt wie eine theoretische Grundlage auf der der Depressive Suicidal Black Metal sich textlich aufbaut. Musiker*Innen und Rezipient*Innen müssten vor zustimmender Begeisterung aufschreien.

Und doch…

Die Szene reagiert sehr verhalten auf die Schriften der selbsternannten Black Metal Theoretiker*Innen. Dies ist kein neues Phänomen, reagiert grade die Metalszene doch meist eher unwillig, wenn es um die theoretische Vereinnahmung „ihrer“ Szene durch Dritte geht, wie schon Rolf F. Nohr und Herbert Schwaab bemerkten, als sie im Jahr 2010 die Veranstaltungsreihe „Metal matters“ an der HBK Braunschweig durchführten. Die Szene lässt sich ungern sezieren und vorschreiben wie ihr Tun und Handeln zu deuten ist.

Und genau hier krankt die Black Metal Theory. Sie theoretisiert an denen vorbei, die sich aktiv in der Szene betätigen, ob jetzt als Musiker*In, Journalist*In oder einfach als Szenegänger*In, der Konzerte besucht und Tonträger kauft. Einer Szene die einen nicht zu übersehenden elitären Anspruch in sich trägt steht damit eine „intellektuelle Elite“ gegenüber. Kaum Überschneidungen, denn außer Irtenkauf, der auch Artikel für die Legacy Artikel verfasst hat und Hunter Hunt-Hendrix, der in der Szene einen umstrittenen Ruf hat, ist es ein, gefühltes, Eindringen von Außen, was der durchschnittlichen Szenegänger*In eher gegen den Strich gehen dürfte. Offenbar wird das Theoriegebäude, auch wenn es sich in meinen Augen durchaus dem nach außen hin praktizierten Denken und Handeln deckt, als fremd und damit anmaßend wahrgenommen.

So finden sich auf dem Blog und am Ende des ersten Symposiumsbandes Kommentare wie der folgende:

„What a bunch of fucking hipster shit! Christ almighty. What is it with assholes having to build altars to every-fucking-thing? Falsers. All of you.“ —Your mother said…

„Was für ein Haufen verdammter Hipsterscheiße! Gott verdammt. Was ist los mit euch, das ihr einen Altar für jedes scheiß Ding errichten müsst? Poser. Ihr alle“

Ein weiteres Problem der Black Metal Theory wird durch das oben gebrachte Zitat ihres Masterminds Nicola Masciandaro deutlich:

“Not black metal. Not theory. Not not black metal. Not not theory.”

„Kein Black Metal. Keine Theorie. Nicht kein Black Metal. Nicht keine Theorie“

Es ist also eine Theorie ohne einen theoretischen, ergo wissenschaftlichen Anspruch. Das gibt auch die Herausgeberin des Helvete-Journals Zareen Price im Vorwort der ersten Ausgabe unumwunden zu. Para-akademisch nennt sie die Black Metal Theory und dies wird leider auch in vielen Texten sehr deutlich. So ist auf dem Metal matters-Blog in der der Rezension von „Hideous Gnosis: Black Metal Theory Symposium 1“ zu lesen:

„(…)das größte Problem ist, dass oftmals Wissenschaftlichkeit durch unerträglichen Jargon vorgegaukelt wird, hinter dem sich aber nur antrainierte akademische Reflexe verstecken. (…)deren (diverse Theoretiker) Texte zu erklären oder auch nur das eigene Verständnis nachzuweisen, dann kann man sich vorstellen, wie produktiv diese Analyse wissenschaftlich gesehen ist, vom Unterhaltungs- und Informationswert für Nichtwissenschaftler ganz zu schweigen. Der Jargon klingt oftmals so, als wolle sich ein Autor angesichts eines populärkulturellen Themas unbedingt seiner Wissenschaftlichkeit versichern, die er allerdings anstatt über eine kluge Analyse leider über eine gewisse Sprache definiert; im schlimmsten Fall weiß man nicht, ob man es nicht mit einer Parodie zu tun hat. Das andere Extrem des Konferenzbandes besteht darin, dass einige Texte wie expressionistische Manifeste wirken, die weder Argumente noch Thesen präsentieren, aber dafür assoziativ und mit oft lächerlich pompöser Rhetorik vorgehen (…).“

Die Sprache der Texte schwankt zwischen wissenschaftlichen Fachwörtern und einer schwelgerischen Verklärung der besprochenen Themen. Die lässt zwar eine gewisse Nähe zu den Inhalten und der Szene bzw. ihrer Musik vermuten, beißt sich jedoch aufs schwerste mit dem theoretischen Anstrich, der schon allein durch den Begriff „Theorie“ suggeriert wird. Diesem wird die Black Metal Theory nicht gerecht. In ihrem Schwanken zwischen begeisterter Nähe und wissenschaftlicher Distanz verliert sie sich bis an die Sinnlosigkeit. Von den sich weltweit immer mehr etablierenden Metal Studies (wissenschaftliche Untersuchung des Phänomens Metal aus verschiedensten Blickwinkeln) sind diese Gedanken spiele weit entfernt.

Was bleibt am Ende? Bei aller Kritik rückt der (extreme) Metal durch diese Auseinandersetzung mehr ins Blickfeld der „echten“ Wissenschaften und ermöglicht eine weiterreichende Erfassung, auch auf Grundlage von Texten der Black Metal Theory. Und letzten Endes bleiben für die Szenegänger*In immer noch Texte, in denen er geistige Anregung findet, sich inhaltlich mit seiner Musik auseinander zu setzen, so dies gewünscht ist.

Ich für meinen Teil, werde die Texte weiter lesen, da sie durchaus interessant sind. Ihren theoretischen Wert mal bei Seite gelassen.

In diesem Sinne:

Weidmenschsheil!

Aus dem Tagebuch eines Drachentöters: Astan – Ein Nachruf auf die Gruft. Oder: Warum in grauen Kisten schwarze Kleinode schlummern.

 

Manchmal lohnt sich suchen und stöbern in alten Sachen und fast vergessenen Kitzen. Wie oft findet mensch dort Schätze der eigenen Vergangenheit, die mensch fast gänzlich vergessen hatte und deren Entdeckung einem wohlige Schauer der Erinnerung bescheren. Manchmal kann mensch diese alten Dinge ganz neu entdecken.

Zurzeit arbeite ich als Praktikant im Archiv der Jugendkulturen e.V. in Berlin. Und dieses Praktikum erweist sich immer wieder als ein Wühlen in der Geschichte. Nicht unbedingt der direkten eigenen, aber als Zugehöriger einer bis mehrerer solcher Szenen ist es doch Geschichte, die auch mich betrifft. Dort Stapeln sich Magazine und Fanzines über Punk, Metal und Gothic, aber auch Hiphop, Techno und alle möglichen anderen. Schön ordentlich (meistens^^ wozu gäbe es sonst Praktikanten) verpackt und sortiert in bürokratisch grauen Pappschachteln. Es sind spezielle Archivarskartons, die auf Grund von fehlender Säure, die sonst meist bei der Papierherstellung verwendet werden, das Papier nicht angreifen und so eine lange, sichere Lagerung dieser Artefakte ermöglichen.

Und manchmal darf ich diesen Kisten ihre Geheimnisse entreißen. Gestern war es meine Aufgabe, aus der Gothic-Sammlung eventuell falsch eingeordnete Metal-Fanzines zu entfernen (es werden Praktikanten gerne in ihren eventuellen Fachgebieten eingesetzt). Ich habe meine Aufgabe natürlich beflissentlich befolgt, konnte aber nicht umhin, einige der anderen Magazine zu beschauen.

Dabei ist mir ein Kleinod in die Hände gefallen, dem ich gerne diesen Nachruf widmen möchte: Das Astan Magazin. Untertitel: Mehr als Musik. Und genau dieses „Mehr“ ist es, weshalb ich dieses Magazin so bemerkenswert und einzigartig finde. Zunächst fand ich die die äußere Ästhetik sehr ansprechend. Klar, Frauen auf dem Cover eines Goth-Magazins sind jetzt absolut nichts Besonderes, aber irgendwas war „etwas“ anders. Das Cover zeigte in schwarz/weiß eines Frau, die hinter einem Zahnrad saß, wobei ihre Beine durch zwei Löcher im Zahnrad ragten, auf das sie sich mit den Armen stützte. Ihre bloße Haut war wie von Öl verschmiert.  Das Bild wirkte in keiner Weise aufreizend oder objektivieren, es war auch nicht im klassischen Sinne schön, aber es zog meinen Blick auf sich, so dass ich mich den Inhalten zugewandt habe.

Eines der Titelthemen befasste sich mit Vergewaltigung als Maßnahme der Kriegsführung. Ein verstörendes und ungewöhnliches Thema für ein Gothic-Magazin. Ich lass den Artikel. Er befasste sich mit Geschehnissen des Balkankonflikts und war weder reißerisch noch prätentiös geschrieben, wohl aber verschreckend in seiner Direktheit. Dieser bewegende Artikel brachte mich dazu, auch die anderen Ausgaben näher zu betrachten. Diese wiesen nicht solche grandiosen Cover auf, sondern waren in der Gestaltung eher klassisch für Gothic-Zeitschriften gehalten, aber immer mit der Spur mehr Ästhetik und weniger Objektivierung des Weiblichen als es gemeinhin heute oft der Fall ist.

Ich fand zahlreiche durchaus politische Artikel. Über Tierversuche, neonazistische Tendenzen in der Gothic-Szene, Sexismus und Pelzproduktion. Alle herausragend geschrieben. Auch Personen- und Bandportraits waren gut geschrieben und blickten mehr als ein paar Mal über den bloßen Tellerrand der Szene hinaus. Und unter dem Editorial prangte unter einer Fledermaus immer der Slogan „Schwarz statt braun“. Sehr sympathisch. Ich warf einen Blick in die Redaktionsliste und fand fast ausschließlich weibliche Namen. Ein Umstand den ich durchaus bemerkenswert fand, der aber auch die vielen guten Artikel über weibliche Personen wie Cosma Shiva Hagen oder die Musikerin Björk erklärten. Natürlich fanden sich auch viele szenetypische Artikel über Themen wie Kirchen/Friedhöfe, Satanismus, musikalische und andere Szenegrößen und dergleichen. Eben „mehr“, mehr als Musik.

Irgendwann musste ich die schönen Hefte dann leider bei Seite legen und mich wieder meiner Aufgabe widmen, aber später recherchierte (googlete) ich noch über das Magazin. Bedauerlicherweise war das Printmagazin 2007 eingestellt worden und es war nur die Veranstaltungsagentur Astan geblieben. Sehr bedauerlich. Besonders weil das Astan ein Magazin war, das für die Szene Trends setze und aus Themen/Bands/etc. aufmerksam machte, die dann von anderen Gothic-Magazinen aufgegriffen wurden. Laut der Autorin und Musikerin Bianca Stücker (Violet/The Violet Tribe) verdanken einige Acts wie die Band Untoten, die heute in der Szene einiges Renommee genießen, ihre Bekanntheit der Promotion durch Astan.

Das Magazin ist fort, die Bands und Trends sind geblieben. Und so wandert ein kleines Stück Szenegeschichte zu den Akten und harrt seiner Wiederentdeckung durch andere Schatzsucher.

Was sagt mir das? Es lohnt sich manchmal, alte Kisten aufzumachen, wenn auch metaphorisch, um Schätze der Vergangenheit wieder ans Licht der Gegenwärtigkeit zu bringen. Auch Altes kann Neues sein.

In diesem Sinne:

Weidmenschsheil!

Aus dem Tagebuch eines Drachentöters: Offen und neugierig, aber wie? Oder: „Wie süß ist alles erste Kennenlernen. Du lebst so lange nur als du entdeckst“

Ist gibt so viele schöne Momente der ersten Entdeckung. Der Moment in dem mensch zum ersten Mal einen anderen lieben Menschen entdeckt. Der Moment in dem mensch zum ersten Mal einen neuen schönen Ort entdeckt. Oder auch der Moment, in dem mensch zum ersten Mal eine Band hört, die einem unbekannt war und die einen verzaubert oder entzückt. Im Neuen kann so viel Freude liegen, wenn mensch sich selbst die Möglichkeit gibt, es für sich zu entdecken.

Die Welt ist jeden Tag voll von neuen Dingen. Unendlich viele, meist alltägliche und kleine Dinge. Darum fallen sie meist auch gar nicht auf. Manchmal zum eigenen Leidwesen, denn neu ist ja trotz allem nicht gut, sondern erstmal anders oder unbekannt. Der Lieblingsimbiss erhöht die Preise? Erst beim Bezahlen gemerkt. Die Freundin hat eine neue Brille, der Freund einen neuen Haarschnitt? Erst gemerkt, als unwirsch drauf hingewiesen wurde. Unangenehm, aber manchmal unvermeidbar. Selektive Wahrnehmung ist schließlich eine gute Sache, hindert sie unser Gehirn daran, in einer Informationsflut unterzugehen.

Es lohnt sich, das Neue zu bemerken, denn schließlich kann darin eine neue Chance liegen, für Freue, Wissensgewinn oder einfach vermiedenen Ärger. Aber was braucht mensch für die Entdeckungsreise ins Alltägliche? Gute Nachricht: Es müsste eigentlich alles bereits vorhanden sein. Unnötig ist eine umfangreiche Expeditionsvorbereitung. Weder teure Ausrüstung muss erworben, noch ortskundige Führer angeworben werden. Der Führer ist mensch selbst und die Ausrüstung sind nur offene Augen, offene Ohren und, als allerwichtigstes, ein offener Geist!

Grad an diesem mangelt es im Alltag oft. Blind geht mensch ausgetretene Wege und merkt nicht, wie sich Dinge am Rand dieser Pfade verändern. Beziehungsweise nimmt mensch diese Veränderungen als Ärgernis war und nicht als Chance. Lässt sich grade auch sehr gut in der öffentlichen Debatte erkennen: Offen werden Wut und Ablehnung gegen die neuen Menschen in unserem Land geäußert. Kriese, Lawine, Katastrophe, alle erdenklichen Negativierungen werden ins Feld geführt. Die wenigen Menschen, die an diesen Umständen etwas Positives finden, werden beschimpft oder schlicht überhört und übertönt. Dabei liegt auch da eine Chance. Aber das ist nicht mein Thema. Mir geht es um die Blindheit, die mensch viel unbemerkter mit sich herum trägt. Eingeprägte Stereotype, festgefügte Bilder, geliebte Feindbilder. Sowas hat mensch im Kleinen mehr als genug. Niemand ist dagegen gefeit, helfen doch Kategorisierungen, im Alltäglichen eine Ordnung und eine Sicherheit herzustellen. Aber zu oft bleiben diese Kategorien lange unreflektiert.

Kleines Beispiel, was mir vor wenigen Wochen deutlich wurde. Ich höre verschiedenste Musikrichtungen, von Oper bis Black Metal. Aber es gab immer ein paar Genres, denen ich mich aktiv verwehrt habe. Ich hatte regelrechte Ressentiments aufgebaut. Gegen Hardcore, Metalcore und alle diese ähnlich gearteten Spielarten die zwischen Punk und Metal ihre Heimat gefunden haben. „Keine Musik“ hab ich geschimpft, Bands aus diesen Genres aus Prinzip keine Chance gegeben und besonders die Hörer angefeindet. Alle übereinen Kamm geschoren. Scheiß Optik, scheiß Verhalten (Violent Dancing), also auch scheiß Musik. Unreflektiert, komplett.

Aber es gab auch niemanden, der diese Kruste aus Vorurteilen aufgebrochen hätte. Im Kreise von Gleichgesinnten saß mensch im eigenen Saft der Gedanken und bestärkte sich. Und dann lernt mensch eine neue Person kennen, die sehr sympathisch ist, aber von sich sagte, dass Metalcore ihre liebste Musikrichtung ist. Was macht mensch, respektive ich, da? Realitätsabgleich! Reflektion! Endlich mal! Optik… Nope. Stimmt nicht mit meinem Bild überein. Die Ansichten zum Verhalten auf Konzerten? Sind quasi identisch zu meinen. Was heißt das für die Musik? Überprüfen! Paar Empfehlungen geben lassen, Spotify anwerfen und ab auf die Ohren. Und was soll ich sagen? Neu, schön, teilweise mitreißend, teilweise bewegend. Einige Bands wurden gleich Dauergäste in meiner Playlist.

Das war für mich auch quasi das Schlüsselerlebnis für diesen Text, quasi ein Appell für die Chance des Neuen. Jeden Tag sind da neue Dinge um uns herum, oft unbemerkt, aber vielleicht mit dem Potential dazu ganz neue, positive Aspekte unseres Lebens zu werden.

Deshalb mein Schlussappell:

Holt eure alten Vorurteile aus dem Schrank und stellt sie auf den Prüfstand. Wenn sie noch stimmen, gut, wenn nicht: Umso besser!

Reibt den Staub des Alltags aus euren Augen und schaut euch die Welt um euch an! Da gibt es immer was zu entdecken! Probleme die mensch anpacken muss, aber auch Chancen die genutzt werden wollen. Oder alles zusammen!

In diesem Sinne: Lasst die Jagd beginnen!

Weidmenschsheil!

Aus dem Tagebuch eines Drachentöters: Black Metal Theory Teil 1: Wer, wo und warum? Oder: Wenn aus der Musik der Gedanke entspringt.

Ich höre ja nun Black Metal. Unter anderem. Ich höre auch vieles andere, aber einen Großteil der Musik, die ich gerne und oft höre, lässt sich grob irgendwie unter dieses Genrelabel quetschen, mal gut, mal weniger gut.

Und ich interessiere mich für Szenen, Subkulturen, wie auch immer man es nennen will. Auf einer Meta-Ebene, also aus wissenschaftlicher Sicht. Was macht eine bestimmte Szene aus, wie definiert sie sich (selber) und wie gestaltet sich diese Definition aus.

Diese beiden Punkte gehen sehr gut zusammen, da die Black Metal-Szene von innen wie von außen ein faszinierender Kosmos ist. Da kann man aus den verschiedensten Winkeln drauf schauen und entdeckt immer wieder Neues oder kann Bekanntes neu denken. Zum Beispiel aus Sicht der Gender Theory, wie ich schon mal an anderer Stelle festgestellt habe (Hier nämlich). Da ich obendrein Freund der Selbstreflexion bin, finde ich es begrüßenswert, wenn eine Szene sich selber reflektiert und über sich nachdenkt.

Und hier kommt die Black Metal Theory um die Ecke. Also eine selbstreflektierende-philosophische Strömung, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, die Essenz des Black Metal von der Musik weg zu bringen. Vielmehr soll eine Weltanschauung des Black Metal begründet oder aus den bisherigen musikalischen Werken herauskristallisiert werden.

Klingt spannend? Oh ja! Klingt obskur? Auf jeden Fall! Klingt nützlich und erstrebenswert? Das wollen wir mal sehen!

Woher stammt die Theorie des Black Metal? Nun, das ist in der heutigen Zeit schwer zu sagen. Vielleicht entsprang sie aus langen Threads obskurer Internetforen. Vielleicht erwuchs sie aus alkoholinduzierten philosophischen Gesprächen, in je nach Land verrauchten oder nicht verrauchten, Szenekneipen. Oder sie war schon von Anfang an dabei, als die ersten Bands ihre Schritte im jungfräulichen norwegischen Schnee machten (und ja, ich weiß, dass das schon die zweite Welle ist, danke).

Der erste wichtige Ort, der sich mir als Nicht-Eingeweihtem erschließt, ist allerdings wesentlich profaner: Es ist Brooklyn, der zweitdichtest besiedelte Stadtteil der Weltmetropole New York! Denn genau dort fand am 12. Dezember im Jahr 2009 das erste Black Metal Theory-Symposium unter dem Titel „Hideous Gnosis“, was man in etwa mit „scheußliche/entsetzliche (Er-)Kenntnis“ übersetzen kann, statt. Und dem Begriff ‚Gnosis‘ versteht man gemeinhin eine Art Geheimlehre, zurückzuführen auf meist frühchristliche Gruppen oder Sekten im 2. bis 3. Jahrhundert. Egal. Brooklyn!

Dort traf sich, so weiß das Onlinemagazin ‚Telepolis‘ zu berichten „eine Gruppe von Akademikern, Journalisten und Künstlern“ um Vorträge zu halten und zu diskutieren. Daraus entstanden ist dann das Buch „Hideous Gnosis: Black Metal Theory Symposium 1“, in dem die Vorträge in schriftlicher Form mit Bildern und Fotos gesammelt wurden. (Für interessierte Leser*Innen findet sich eine pdf-Ausgabe hier!)

Dieses Treffen blieb jedoch nicht das einzige, denn bereits im Januar 2011 folgte ein weiteren Symposium unter dem Titel  „Melanchology“ (Neologismus für die „Ökologie der Melancholie“?) in der Kingston University London. Im November gleichen Jahres war ein Symposium in der irischen Hauptstadt Dublin zu vermelden. Dort traf man sich unter dem verheißungsvollen Titel „P.E.S.T.“, was eine Abkürzung für „Philial Epidemic Strategy Tryst“ darstellt. Man könnte dies wohl ganz grob mit „filiales epidemisches Strategie-Treffen“ übersetzen. Und erst im April vergangenen Jahres traf man sich unter dem Titel „Mors Mystica“ (lat. „Mysteriöser Tod“) erneut in Brooklyn.

Diese Treffen sind jedoch nicht die einzigen Ausformungen, in denen die Black Metal Theory zu Tage tritt. Die Szene ist durchaus als rege zu bezeichnen, verfügt sie doch neben Buchveröffentlichungen wie dem besagten „Hideous Gnosis: Black Metal Theory Symposium 1“, der Veröffentlichung zum zweiten Treffen Melancology: Black Metal Theory and Ecology oder dem davon unabhängigen Werk „Black Metal: Beyond the Darkness“, auch über ein Theorie-Journal, das unter dem klangvollen Namen „Helvete“ herausgegeben wird (zu diesem Zeitpunkt zwei Ausgaben; Webpräsenz hier). Dieser Name ist nicht nur das schwedische und norwegische Wort für „Hölle“, auch der legendäre Plattenladen der frühen Szeneikone Øystein „Euronymous“ Aarseth, Dreh- und Angelpunkt der damaligen Szene, trug diesen Namen.

Da haben wir also Veranstaltungen (zumindest einige, szeneinterne, gibt sicher noch mehr) und Publikationen (auch da nur einige) dieser Denkschule, so sie denn eine ist, erfasst. Wie sieht es, bevor wir uns wirklich dem Inhalt widmen, mit den Protagonisten, wenn man sie so nennen darf, aus? Wer schreibt da, wer redet da? Sind es Musiker oder Journalisten, die der Szene selbst entstammen? Sind es einsame Denker, die jetzt aus ihren dunklen Kammern ans Mondeslicht treten? Oder haben sie eher einen oberflächlichen Szenebezug?

Zu diesem Zweck greife ich mir vier Personen raus, die mir auf Grund ihres Wirkens dafür prädestiniert zu sein scheinen. Da wären Nicola Masciandaro (Herausgeber von „Hideous Gnosis: Black Metal Theory Symposium 1“), Scott Wilson (Herausgeber von „Melancology: Black Metal Theory and Ecology“), Amelia Ishmael (Herausgeberin des Helvete-Journals) und als letztes den einzigen Deutschen, dessen Name in diesem Zusammenhang öfter zu lesen ist, Dominik Irtenkauf (Autor/Redner auf einigen Symposien).

Wie beginnen? Ganz „klassisch“: Google bemühen. Außerdem werden die Amazon-Autorenseiten konsultiert um etwaige andere Werke der Personen zu durchforsten.

Bei Nicola Masciandaro (übrigens ein Mann) finden prompt den Grund für Brooklyn als Ort des ersten Symposiums: Er ist Professor für Englisch am hiesigen Brooklyn College (siehe hier). Studierte, unter anderem in Yale, Mediävistik bis zur Doktortitel. Neben Büchern über englische Literatur und das Mittelalter verfasste er bereits früh Werke über die harten Formen des Metal (u.a. „Black Sabbath’s ‚Black Sabbath‘: A Gloss on Heavy Metal’s Originary Song.“). In allen diesen Bereichen zeichnet er sich durch hohe Aktivität aus und betreibt nebenbei auch einen eigenen Blog. Er ist also ein Sprach- und Altertumswissenschaftler, mit dem Hang zum Philosophischen. Woher genau sein Interesse für den Black Metal herrührt, kann bei dieser sehr oberflächlichen Recherche nicht erfasst werden. Auch das letzte Buch, welches von ihm herausgegeben wurde, „Floating Tomb: Black Metal Theory“ (Mimesis, 2015), ist ein Sammelband zur Black Metal Theory. Er scheint einer der Hauptakteure dieser Szene zu sein.

Auch der Zweite im Bunde trägt akademische Würden: Scott Wilson ist Professor für Medien- und Kulturwissenschaften an der, schau einer an, Kingston University London (siehe hier), dem Ort des zweiten Symposiums. Auch sein Studienfach lässt auf eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Thema nah. Er veröffentlichte auch weitere Schriften über Subkulturen (u.a.  „From forests unknown: Eurometal and the political/audio unconscious“) und arbeitete mehrfach mit Nicola Masciandaro zusammen. Er schreibt durchaus auch politische Texte über Konsum, Recht und Gesellschaft. Auch hier ist die Herkunft des Interesses an Black Metal nicht klar zu erkennen, aber laut seinem Profil auf der Universitätsseite ist sein Hauptinteresse Black Music in GB, wozu in weitem Rahmen auch der Metal als ein später Nachfahre des Blues zählen dürfte. Auch er betreibt einen privaten Blog.

Amelia Ishmael hingegen bezeichnet sich selber eher als Künstlerin, Autorin und Kuratorin, auch wenn sie am den drei führenden Kunsthochschulen der USA studierte und unteranderem in „Modern Art History, Theory, and Criticism“ einen Master-Abschluss erwarb. Laut ihrer eigenen Website sieht sie ihre Arbeit aber nicht als rein wissenschaftlich an, sondern bezeichnet sie als „para-academic“ und das Helvete als eine Publikation experimenteller Literatur und der Kunst, was dem Anspruch der durch die vorhergehenden beiden Akteure durchscheint vielleicht zu Wider laufen mag. Wenn ich mich dem Inhalt zuwende, wird aber ihre Position in dieser Szene durchaus berechtigt wirken. Warum sie sich dem Black Metal verbunden fühlt, kann in der Ästhetik und Bildsprache der Szene vermutet werden, Spekulation.

Als letztes nun Dominik Irtenkauf. Er studierte Deutsche Philologie, Philosophie und Komparatistik in Münster und ist heute freischaffender Autor von Prosa- und Sachtexten tätig. Unter anderem schreibt er für das oben erwähnte Onlinemagazin Telepolis, schrieb Rezensionen für die Pop-Zeitschrift und veröffentlichte in Schwarz & Magisch, einer Zeitschrift über Okkultes. Sein schöpferischen Grundsätze fasste er hier folgend zusammen: „Wissenschaft und Poesie müssen zusammengebracht werden. Die Phantasie ist die synthetisierende Brücke.“ All diese Versatzstücke seines Handelns und Schaffens scheinen eine Beschäftigung mit der Black Metal Theory nahezulegen. Ihn leitet neben dem philosophischen Interesse wohl auch die Leidenschaft für die Musik und Inhalte des Black Metal, wie ein Interviewausschnitt nahelegt: „Ansonsten bin ich begeisterter Musikliebhaber, alles was rockt und fetzt, spricht mich an. (…) Mein Ziel geht eigentlich gegen das Leben. Ich sehe Menschen, die in Schubladen denken, die gerne Fremde katalogisieren, die nur das Beste haben wollen, und das aber möglichst billig, besser noch umsonst. Alles, was lebt, will sich bestätigt wissen, will überleben, alles vernichten, was ihm schadet. Dieses rücksichtslose Wollen, die Begierde, die Wollust versuche ich durch schreiberische Askese zu bekämpfen. Ich versuche, mich von diesen Begierden zu befreien, einen Raum zu suchen, der Ideale ewig bewahren kann. Keine Zweckgemeinschaft der Liebe, keine Ausbeutung, kein hemmungsloser Konsum. „

Damit haben ich kurz vier Personen kurz vorgestellt, die vielleicht auf den ersten Blick wenig eint, die aber in der Black Metal Theory ein gemeinsames Interessenfeld gefunden haben, so wie es scheint aber aus den unterschiedlichsten Motivationen heraus. Bestimmt würde jede weitere Person einen weiteren sehr individuellen Mosaikstein dazu beitragen. Kann es gut gehen, wenn so diverse Köpfe gemeinsam an eine Idee hindenken? Tun sie das denn überhaupt? Nun, es reicht offensichtlich für diverse Symposien und Veröffentlichungen.

Halt! Ich habe ja noch eigentlich nichts über die Black Metal Theory inhaltlich gesagt!

Ja, das war so beabsichtigt. Oben steht „Teil 1“ richtig? Richtig! Deshalb hier ein kleiner Ausblick auf den (hoffentlich sehr bald erscheinenden) Black Metal Theory Teil 2: Was sie ist und was sie will. 

Weidmenschsheil!