Aus dem Tagebuch eines Drachentöters: Black Metal Theory Teil 1: Wer, wo und warum? Oder: Wenn aus der Musik der Gedanke entspringt.

Ich höre ja nun Black Metal. Unter anderem. Ich höre auch vieles andere, aber einen Großteil der Musik, die ich gerne und oft höre, lässt sich grob irgendwie unter dieses Genrelabel quetschen, mal gut, mal weniger gut.

Und ich interessiere mich für Szenen, Subkulturen, wie auch immer man es nennen will. Auf einer Meta-Ebene, also aus wissenschaftlicher Sicht. Was macht eine bestimmte Szene aus, wie definiert sie sich (selber) und wie gestaltet sich diese Definition aus.

Diese beiden Punkte gehen sehr gut zusammen, da die Black Metal-Szene von innen wie von außen ein faszinierender Kosmos ist. Da kann man aus den verschiedensten Winkeln drauf schauen und entdeckt immer wieder Neues oder kann Bekanntes neu denken. Zum Beispiel aus Sicht der Gender Theory, wie ich schon mal an anderer Stelle festgestellt habe (Hier nämlich). Da ich obendrein Freund der Selbstreflexion bin, finde ich es begrüßenswert, wenn eine Szene sich selber reflektiert und über sich nachdenkt.

Und hier kommt die Black Metal Theory um die Ecke. Also eine selbstreflektierende-philosophische Strömung, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, die Essenz des Black Metal von der Musik weg zu bringen. Vielmehr soll eine Weltanschauung des Black Metal begründet oder aus den bisherigen musikalischen Werken herauskristallisiert werden.

Klingt spannend? Oh ja! Klingt obskur? Auf jeden Fall! Klingt nützlich und erstrebenswert? Das wollen wir mal sehen!

Woher stammt die Theorie des Black Metal? Nun, das ist in der heutigen Zeit schwer zu sagen. Vielleicht entsprang sie aus langen Threads obskurer Internetforen. Vielleicht erwuchs sie aus alkoholinduzierten philosophischen Gesprächen, in je nach Land verrauchten oder nicht verrauchten, Szenekneipen. Oder sie war schon von Anfang an dabei, als die ersten Bands ihre Schritte im jungfräulichen norwegischen Schnee machten (und ja, ich weiß, dass das schon die zweite Welle ist, danke).

Der erste wichtige Ort, der sich mir als Nicht-Eingeweihtem erschließt, ist allerdings wesentlich profaner: Es ist Brooklyn, der zweitdichtest besiedelte Stadtteil der Weltmetropole New York! Denn genau dort fand am 12. Dezember im Jahr 2009 das erste Black Metal Theory-Symposium unter dem Titel „Hideous Gnosis“, was man in etwa mit „scheußliche/entsetzliche (Er-)Kenntnis“ übersetzen kann, statt. Und dem Begriff ‚Gnosis‘ versteht man gemeinhin eine Art Geheimlehre, zurückzuführen auf meist frühchristliche Gruppen oder Sekten im 2. bis 3. Jahrhundert. Egal. Brooklyn!

Dort traf sich, so weiß das Onlinemagazin ‚Telepolis‘ zu berichten „eine Gruppe von Akademikern, Journalisten und Künstlern“ um Vorträge zu halten und zu diskutieren. Daraus entstanden ist dann das Buch „Hideous Gnosis: Black Metal Theory Symposium 1“, in dem die Vorträge in schriftlicher Form mit Bildern und Fotos gesammelt wurden. (Für interessierte Leser*Innen findet sich eine pdf-Ausgabe hier!)

Dieses Treffen blieb jedoch nicht das einzige, denn bereits im Januar 2011 folgte ein weiteren Symposium unter dem Titel  „Melanchology“ (Neologismus für die „Ökologie der Melancholie“?) in der Kingston University London. Im November gleichen Jahres war ein Symposium in der irischen Hauptstadt Dublin zu vermelden. Dort traf man sich unter dem verheißungsvollen Titel „P.E.S.T.“, was eine Abkürzung für „Philial Epidemic Strategy Tryst“ darstellt. Man könnte dies wohl ganz grob mit „filiales epidemisches Strategie-Treffen“ übersetzen. Und erst im April vergangenen Jahres traf man sich unter dem Titel „Mors Mystica“ (lat. „Mysteriöser Tod“) erneut in Brooklyn.

Diese Treffen sind jedoch nicht die einzigen Ausformungen, in denen die Black Metal Theory zu Tage tritt. Die Szene ist durchaus als rege zu bezeichnen, verfügt sie doch neben Buchveröffentlichungen wie dem besagten „Hideous Gnosis: Black Metal Theory Symposium 1“, der Veröffentlichung zum zweiten Treffen Melancology: Black Metal Theory and Ecology oder dem davon unabhängigen Werk „Black Metal: Beyond the Darkness“, auch über ein Theorie-Journal, das unter dem klangvollen Namen „Helvete“ herausgegeben wird (zu diesem Zeitpunkt zwei Ausgaben; Webpräsenz hier). Dieser Name ist nicht nur das schwedische und norwegische Wort für „Hölle“, auch der legendäre Plattenladen der frühen Szeneikone Øystein „Euronymous“ Aarseth, Dreh- und Angelpunkt der damaligen Szene, trug diesen Namen.

Da haben wir also Veranstaltungen (zumindest einige, szeneinterne, gibt sicher noch mehr) und Publikationen (auch da nur einige) dieser Denkschule, so sie denn eine ist, erfasst. Wie sieht es, bevor wir uns wirklich dem Inhalt widmen, mit den Protagonisten, wenn man sie so nennen darf, aus? Wer schreibt da, wer redet da? Sind es Musiker oder Journalisten, die der Szene selbst entstammen? Sind es einsame Denker, die jetzt aus ihren dunklen Kammern ans Mondeslicht treten? Oder haben sie eher einen oberflächlichen Szenebezug?

Zu diesem Zweck greife ich mir vier Personen raus, die mir auf Grund ihres Wirkens dafür prädestiniert zu sein scheinen. Da wären Nicola Masciandaro (Herausgeber von „Hideous Gnosis: Black Metal Theory Symposium 1“), Scott Wilson (Herausgeber von „Melancology: Black Metal Theory and Ecology“), Amelia Ishmael (Herausgeberin des Helvete-Journals) und als letztes den einzigen Deutschen, dessen Name in diesem Zusammenhang öfter zu lesen ist, Dominik Irtenkauf (Autor/Redner auf einigen Symposien).

Wie beginnen? Ganz „klassisch“: Google bemühen. Außerdem werden die Amazon-Autorenseiten konsultiert um etwaige andere Werke der Personen zu durchforsten.

Bei Nicola Masciandaro (übrigens ein Mann) finden prompt den Grund für Brooklyn als Ort des ersten Symposiums: Er ist Professor für Englisch am hiesigen Brooklyn College (siehe hier). Studierte, unter anderem in Yale, Mediävistik bis zur Doktortitel. Neben Büchern über englische Literatur und das Mittelalter verfasste er bereits früh Werke über die harten Formen des Metal (u.a. „Black Sabbath’s ‚Black Sabbath‘: A Gloss on Heavy Metal’s Originary Song.“). In allen diesen Bereichen zeichnet er sich durch hohe Aktivität aus und betreibt nebenbei auch einen eigenen Blog. Er ist also ein Sprach- und Altertumswissenschaftler, mit dem Hang zum Philosophischen. Woher genau sein Interesse für den Black Metal herrührt, kann bei dieser sehr oberflächlichen Recherche nicht erfasst werden. Auch das letzte Buch, welches von ihm herausgegeben wurde, „Floating Tomb: Black Metal Theory“ (Mimesis, 2015), ist ein Sammelband zur Black Metal Theory. Er scheint einer der Hauptakteure dieser Szene zu sein.

Auch der Zweite im Bunde trägt akademische Würden: Scott Wilson ist Professor für Medien- und Kulturwissenschaften an der, schau einer an, Kingston University London (siehe hier), dem Ort des zweiten Symposiums. Auch sein Studienfach lässt auf eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Thema nah. Er veröffentlichte auch weitere Schriften über Subkulturen (u.a.  „From forests unknown: Eurometal and the political/audio unconscious“) und arbeitete mehrfach mit Nicola Masciandaro zusammen. Er schreibt durchaus auch politische Texte über Konsum, Recht und Gesellschaft. Auch hier ist die Herkunft des Interesses an Black Metal nicht klar zu erkennen, aber laut seinem Profil auf der Universitätsseite ist sein Hauptinteresse Black Music in GB, wozu in weitem Rahmen auch der Metal als ein später Nachfahre des Blues zählen dürfte. Auch er betreibt einen privaten Blog.

Amelia Ishmael hingegen bezeichnet sich selber eher als Künstlerin, Autorin und Kuratorin, auch wenn sie am den drei führenden Kunsthochschulen der USA studierte und unteranderem in „Modern Art History, Theory, and Criticism“ einen Master-Abschluss erwarb. Laut ihrer eigenen Website sieht sie ihre Arbeit aber nicht als rein wissenschaftlich an, sondern bezeichnet sie als „para-academic“ und das Helvete als eine Publikation experimenteller Literatur und der Kunst, was dem Anspruch der durch die vorhergehenden beiden Akteure durchscheint vielleicht zu Wider laufen mag. Wenn ich mich dem Inhalt zuwende, wird aber ihre Position in dieser Szene durchaus berechtigt wirken. Warum sie sich dem Black Metal verbunden fühlt, kann in der Ästhetik und Bildsprache der Szene vermutet werden, Spekulation.

Als letztes nun Dominik Irtenkauf. Er studierte Deutsche Philologie, Philosophie und Komparatistik in Münster und ist heute freischaffender Autor von Prosa- und Sachtexten tätig. Unter anderem schreibt er für das oben erwähnte Onlinemagazin Telepolis, schrieb Rezensionen für die Pop-Zeitschrift und veröffentlichte in Schwarz & Magisch, einer Zeitschrift über Okkultes. Sein schöpferischen Grundsätze fasste er hier folgend zusammen: „Wissenschaft und Poesie müssen zusammengebracht werden. Die Phantasie ist die synthetisierende Brücke.“ All diese Versatzstücke seines Handelns und Schaffens scheinen eine Beschäftigung mit der Black Metal Theory nahezulegen. Ihn leitet neben dem philosophischen Interesse wohl auch die Leidenschaft für die Musik und Inhalte des Black Metal, wie ein Interviewausschnitt nahelegt: „Ansonsten bin ich begeisterter Musikliebhaber, alles was rockt und fetzt, spricht mich an. (…) Mein Ziel geht eigentlich gegen das Leben. Ich sehe Menschen, die in Schubladen denken, die gerne Fremde katalogisieren, die nur das Beste haben wollen, und das aber möglichst billig, besser noch umsonst. Alles, was lebt, will sich bestätigt wissen, will überleben, alles vernichten, was ihm schadet. Dieses rücksichtslose Wollen, die Begierde, die Wollust versuche ich durch schreiberische Askese zu bekämpfen. Ich versuche, mich von diesen Begierden zu befreien, einen Raum zu suchen, der Ideale ewig bewahren kann. Keine Zweckgemeinschaft der Liebe, keine Ausbeutung, kein hemmungsloser Konsum. „

Damit haben ich kurz vier Personen kurz vorgestellt, die vielleicht auf den ersten Blick wenig eint, die aber in der Black Metal Theory ein gemeinsames Interessenfeld gefunden haben, so wie es scheint aber aus den unterschiedlichsten Motivationen heraus. Bestimmt würde jede weitere Person einen weiteren sehr individuellen Mosaikstein dazu beitragen. Kann es gut gehen, wenn so diverse Köpfe gemeinsam an eine Idee hindenken? Tun sie das denn überhaupt? Nun, es reicht offensichtlich für diverse Symposien und Veröffentlichungen.

Halt! Ich habe ja noch eigentlich nichts über die Black Metal Theory inhaltlich gesagt!

Ja, das war so beabsichtigt. Oben steht „Teil 1“ richtig? Richtig! Deshalb hier ein kleiner Ausblick auf den (hoffentlich sehr bald erscheinenden) Black Metal Theory Teil 2: Was sie ist und was sie will. 

Weidmenschsheil!

 

 

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