Aus dem Tagebuch eines Drachentöters: Astan – Ein Nachruf auf die Gruft. Oder: Warum in grauen Kisten schwarze Kleinode schlummern.

 

Manchmal lohnt sich suchen und stöbern in alten Sachen und fast vergessenen Kitzen. Wie oft findet mensch dort Schätze der eigenen Vergangenheit, die mensch fast gänzlich vergessen hatte und deren Entdeckung einem wohlige Schauer der Erinnerung bescheren. Manchmal kann mensch diese alten Dinge ganz neu entdecken.

Zurzeit arbeite ich als Praktikant im Archiv der Jugendkulturen e.V. in Berlin. Und dieses Praktikum erweist sich immer wieder als ein Wühlen in der Geschichte. Nicht unbedingt der direkten eigenen, aber als Zugehöriger einer bis mehrerer solcher Szenen ist es doch Geschichte, die auch mich betrifft. Dort Stapeln sich Magazine und Fanzines über Punk, Metal und Gothic, aber auch Hiphop, Techno und alle möglichen anderen. Schön ordentlich (meistens^^ wozu gäbe es sonst Praktikanten) verpackt und sortiert in bürokratisch grauen Pappschachteln. Es sind spezielle Archivarskartons, die auf Grund von fehlender Säure, die sonst meist bei der Papierherstellung verwendet werden, das Papier nicht angreifen und so eine lange, sichere Lagerung dieser Artefakte ermöglichen.

Und manchmal darf ich diesen Kisten ihre Geheimnisse entreißen. Gestern war es meine Aufgabe, aus der Gothic-Sammlung eventuell falsch eingeordnete Metal-Fanzines zu entfernen (es werden Praktikanten gerne in ihren eventuellen Fachgebieten eingesetzt). Ich habe meine Aufgabe natürlich beflissentlich befolgt, konnte aber nicht umhin, einige der anderen Magazine zu beschauen.

Dabei ist mir ein Kleinod in die Hände gefallen, dem ich gerne diesen Nachruf widmen möchte: Das Astan Magazin. Untertitel: Mehr als Musik. Und genau dieses „Mehr“ ist es, weshalb ich dieses Magazin so bemerkenswert und einzigartig finde. Zunächst fand ich die die äußere Ästhetik sehr ansprechend. Klar, Frauen auf dem Cover eines Goth-Magazins sind jetzt absolut nichts Besonderes, aber irgendwas war „etwas“ anders. Das Cover zeigte in schwarz/weiß eines Frau, die hinter einem Zahnrad saß, wobei ihre Beine durch zwei Löcher im Zahnrad ragten, auf das sie sich mit den Armen stützte. Ihre bloße Haut war wie von Öl verschmiert.  Das Bild wirkte in keiner Weise aufreizend oder objektivieren, es war auch nicht im klassischen Sinne schön, aber es zog meinen Blick auf sich, so dass ich mich den Inhalten zugewandt habe.

Eines der Titelthemen befasste sich mit Vergewaltigung als Maßnahme der Kriegsführung. Ein verstörendes und ungewöhnliches Thema für ein Gothic-Magazin. Ich lass den Artikel. Er befasste sich mit Geschehnissen des Balkankonflikts und war weder reißerisch noch prätentiös geschrieben, wohl aber verschreckend in seiner Direktheit. Dieser bewegende Artikel brachte mich dazu, auch die anderen Ausgaben näher zu betrachten. Diese wiesen nicht solche grandiosen Cover auf, sondern waren in der Gestaltung eher klassisch für Gothic-Zeitschriften gehalten, aber immer mit der Spur mehr Ästhetik und weniger Objektivierung des Weiblichen als es gemeinhin heute oft der Fall ist.

Ich fand zahlreiche durchaus politische Artikel. Über Tierversuche, neonazistische Tendenzen in der Gothic-Szene, Sexismus und Pelzproduktion. Alle herausragend geschrieben. Auch Personen- und Bandportraits waren gut geschrieben und blickten mehr als ein paar Mal über den bloßen Tellerrand der Szene hinaus. Und unter dem Editorial prangte unter einer Fledermaus immer der Slogan „Schwarz statt braun“. Sehr sympathisch. Ich warf einen Blick in die Redaktionsliste und fand fast ausschließlich weibliche Namen. Ein Umstand den ich durchaus bemerkenswert fand, der aber auch die vielen guten Artikel über weibliche Personen wie Cosma Shiva Hagen oder die Musikerin Björk erklärten. Natürlich fanden sich auch viele szenetypische Artikel über Themen wie Kirchen/Friedhöfe, Satanismus, musikalische und andere Szenegrößen und dergleichen. Eben „mehr“, mehr als Musik.

Irgendwann musste ich die schönen Hefte dann leider bei Seite legen und mich wieder meiner Aufgabe widmen, aber später recherchierte (googlete) ich noch über das Magazin. Bedauerlicherweise war das Printmagazin 2007 eingestellt worden und es war nur die Veranstaltungsagentur Astan geblieben. Sehr bedauerlich. Besonders weil das Astan ein Magazin war, das für die Szene Trends setze und aus Themen/Bands/etc. aufmerksam machte, die dann von anderen Gothic-Magazinen aufgegriffen wurden. Laut der Autorin und Musikerin Bianca Stücker (Violet/The Violet Tribe) verdanken einige Acts wie die Band Untoten, die heute in der Szene einiges Renommee genießen, ihre Bekanntheit der Promotion durch Astan.

Das Magazin ist fort, die Bands und Trends sind geblieben. Und so wandert ein kleines Stück Szenegeschichte zu den Akten und harrt seiner Wiederentdeckung durch andere Schatzsucher.

Was sagt mir das? Es lohnt sich manchmal, alte Kisten aufzumachen, wenn auch metaphorisch, um Schätze der Vergangenheit wieder ans Licht der Gegenwärtigkeit zu bringen. Auch Altes kann Neues sein.

In diesem Sinne:

Weidmenschsheil!

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