Aus dem Tagebuch eines Drachentöters: Black Metal Theory Teil 2: Was sie ist und was sie will. Oder: Transcendental Black Metal is in fact nihilism, however it is a double nihilism and a final nihilism, a once and for all negation of the entire series of negations.

Hier er nun, der zweite Teil meiner kleinen Reihe über Black Metal Theory. Nach ich im ersten Teil nur mit dem eventuellen Entstehen, Orten, Veranstaltungen und Protagonist*Innen die Seite gefüllt habe, widme ich mich dieses Mal der inhaltlichen Auseinandersetzung mit der Thematik.

Vorher ein kleiner Nachtrag zu den Protagonist*Innen. Ich wollte einfach wissen, ob sich in der Reihe der Akteur*Innen dieser Szene auch Personen finden, die in der Szene in Form von Musiker*Innen oder Journalist*Innen tätig sind. Also Personen, die in der, ich nenne es mal ‚Wertschöpfungskette‘, obwohl ‚Werkschöpfungskette‘ treffender wäre, der Szene tätig sind und nicht, wie die Black Metal-Theoretiker*Innen oder auch ich, nur auf dem Aufbauen, was andere geschaffen habe. Drittverwertung nennt mensch dies in Medienkreisen, glaube ich. Lange Rade, gar kein Sinn, ich habe also die Personenlisten der Bücher und Symposien durchgegooglet um vielleicht fündig zu werden.

Das Ergebnis war recht deutlich. Viele Wissenschaftler*Innen oder Personen aus dem universitären Umfeld aus unterschiedlichen Themenbereichen (Philosophie, kritische Theorie, Religionswissenschaften), einige Autor*Innen/Journalist*Innen/Blogger*Innen (Wie der Musikjournalist Brandon Stosuy der für das Onlinemagazin Pitchfork schreibt), deren Werke sich im düsteren Themenbereich verorten lassen und auch ein paar Künstler*Innen. Musiker*Innen sind wenige darunter. Als prominentestes Beispiel wäre hier Hunter Hunt-Hendrix, Gitarrist und Sänger der Band Liturgy, zu nennen, von dem auch das Zitat im Titel dieses Blogeintrags stammt. Er ist auch außerhalb der Szene bereits mit philosophisch-theoretischen Texten aufgefallen (wie hier im Vice). Diese Band wird von der Szene allerdings wohl häufig kritisch betrachtet und mit dem oft wenig rühmlichen Label „Hipster Black Metal“ belegt.

Mensch kann also durchaus sagen, dass es eine Intelligenzia ist, die sich dem Thema widmet. In wie weit das gut ist, auch dass sich so wenige Musiker*Innen oder ähnliches Szenepersonal an der Diskussion beschäftigt, soll hintenan gestellt werden.

Nun aber zum Kern des Ganzen: Was ist Black Metal Theory? Was macht sie aus? Und was will sie?

“Not black metal. Not theory. Not not black metal. Not not theory.” —Nicola Masciandaro

Zunächst sollte mensch wohl sagen, dass es DIE Black Metal Theory nicht gibt. Wer erwartet hier ein geschlossenes Konzept mit klaren Merkmalen zu finden, irrt. Irrt gewaltig. Aber das ist wohl auch kaum der Anspruch. Jede Theoretiker*In nähert sich dem Objekt der Betrachtung (zur Erinnerung: Black Metal!) aus ihrer Fachrichtung oder künstlerisch- bzw. interessegeleiteten Perspektive.

Nicht umsonst sind diese Symposien Orte des Austauschs und der Diskussion, ein Umstand der in den Büchern zu diesen Veranstaltungen leider nicht Rechnung getragen wird. Als Beispiel „Hideous Gnosis: Black Metal Theory Symposium 1 „, der Sammelband zur ersten Veranstaltung (link in Teil 1 :P): Hier werden die verschriftlichten Vorträge unkommentiert abgedruckt, eine echte Einleitung oder Vorstellung der Autoren gibt es nicht. Stattdessen äußern sich einige Autor*Innen in einem Statement, dass ihre Perspektive vielleicht grob zusammenfasst. Hier jetzt die Aussagen von zweien der vier im letzten Eintrag näher vorgestellten Personen

„Otherwise music is no different from the indifferent howling of the wind that black metal seeks to evoke, but always for somebody, if only just for oneself, to place oneself at the very limit of oneself where one is dissolved to NOTHING.“ —Scott Wilson

„Ansonsten unterscheidet sich Musik nicht von der indifferenten Heulen des Windes, das der Black Metal hervorrufen versucht , aber immer für jemanden, wenn auch nur für einen selbst, um an das eigene äußersten Limit zu gehen, wo mensch sich auflöst ins NICHTS“ (grob, in etwa, sinngemäß)

„Via dissonant resonances within and among these three phenomenal nodes, black metal vibrationally unhinges the order of things, tritonely crushes all holy trinities, annihilates every binding of the chain of being.“ —Nicola Masciandaro

„Durch dissonante Resonanzen innerhalb und zwischen diesen drei phänomenalen Knoten, bringt der Black Metal vibrierend die Ordnung der Dinge aus dem Gleichgewicht, zermalmt dreitonal alle heiligen Trinitäten, vernichtet jede Bindung der Kette des Seins“ (sinngemäß, machs besser)

Aus diesen beiden und dem in der Überschrift verwendeten Zitat werden einige Grundsätze deutlich, die sich durch die Black Metal Theory ziehen: Negation, Nihilismus (Alles Seiende sei im Prinzip sinnlos, weshalb alle Werte und Ziele abzulehnen sind) und Black Metal als quasi mythische Kraft.

Doch so diffus, wie das jetzt wirkt, sind die dann folgenden Text (meist) nicht! Es wäre auch vermessen anzunehmen, dass bei so einer starken Assoziation diverser Protagonist*Innen mit dem universitären Umfeld, diese alle wissenschaftlichen Grundsätze fahren lassen um bloß pathetisch dahin zu schwadronieren. Vielmehr wird der Black Metal in Einzelteilen dekonstruiert, um ihn mit der Realität abzugleichen. Textanalyse. Ideenanalyse. Wie lassen sich Konzepte des Black Metal, der grade von vielen Szenegänger*Innen als mehr als Musik, sondern als Lebenseinstellung beschrieben wird, umsetzen. Wie ist kann das Verhältnis zur Natur gestaltet werden (ein wichtiges Thema seit dem Aufkommen „schwarz-grüner“ Bands wie Wolves in the Throne Room)? Was bedeutet Suizid im Konzept des Black Metal, wie ist er zu werten?

Es sind interessante Ideenkonzepte, die dort aufgestellt und durchdacht werden. Auch auf viele Denker*Innen und Theoretiker*Innen aus Richtungen wie Existenzialismus (Albert Camus) oder Strukturalismus (Michel Foucault) wird Bezug genommen. Und dabei wird immer wieder Rückgriff aus Szene“produkte“ wie Liedtexte oder Konzepte gesucht.

Für wen der Black Metal wirklich eine Lebenseinstellung ist, der findet hier zahlreiche Denkanstöße oder mögliche Sichtweisen. Da ist es schon fast verwunderlich, dass dieser Diskurs nicht aus der Szene selbst erwachsen ist, sondern aus dem wissenschaftlichen Umfeld in diese Szene getragen wird. In weiten Teilen lesen sich diese Texte, wie etwa „Open a vein – Suicidal Black Metal and Enlightment“ von Janet Silk, der sich mit dem Suizid und verschiedenen religiösen/philosophischen Blickwinkeln darauf beschäftigt, exakt wie eine theoretische Grundlage auf der der Depressive Suicidal Black Metal sich textlich aufbaut. Musiker*Innen und Rezipient*Innen müssten vor zustimmender Begeisterung aufschreien.

Und doch…

Die Szene reagiert sehr verhalten auf die Schriften der selbsternannten Black Metal Theoretiker*Innen. Dies ist kein neues Phänomen, reagiert grade die Metalszene doch meist eher unwillig, wenn es um die theoretische Vereinnahmung „ihrer“ Szene durch Dritte geht, wie schon Rolf F. Nohr und Herbert Schwaab bemerkten, als sie im Jahr 2010 die Veranstaltungsreihe „Metal matters“ an der HBK Braunschweig durchführten. Die Szene lässt sich ungern sezieren und vorschreiben wie ihr Tun und Handeln zu deuten ist.

Und genau hier krankt die Black Metal Theory. Sie theoretisiert an denen vorbei, die sich aktiv in der Szene betätigen, ob jetzt als Musiker*In, Journalist*In oder einfach als Szenegänger*In, der Konzerte besucht und Tonträger kauft. Einer Szene die einen nicht zu übersehenden elitären Anspruch in sich trägt steht damit eine „intellektuelle Elite“ gegenüber. Kaum Überschneidungen, denn außer Irtenkauf, der auch Artikel für die Legacy Artikel verfasst hat und Hunter Hunt-Hendrix, der in der Szene einen umstrittenen Ruf hat, ist es ein, gefühltes, Eindringen von Außen, was der durchschnittlichen Szenegänger*In eher gegen den Strich gehen dürfte. Offenbar wird das Theoriegebäude, auch wenn es sich in meinen Augen durchaus dem nach außen hin praktizierten Denken und Handeln deckt, als fremd und damit anmaßend wahrgenommen.

So finden sich auf dem Blog und am Ende des ersten Symposiumsbandes Kommentare wie der folgende:

„What a bunch of fucking hipster shit! Christ almighty. What is it with assholes having to build altars to every-fucking-thing? Falsers. All of you.“ —Your mother said…

„Was für ein Haufen verdammter Hipsterscheiße! Gott verdammt. Was ist los mit euch, das ihr einen Altar für jedes scheiß Ding errichten müsst? Poser. Ihr alle“

Ein weiteres Problem der Black Metal Theory wird durch das oben gebrachte Zitat ihres Masterminds Nicola Masciandaro deutlich:

“Not black metal. Not theory. Not not black metal. Not not theory.”

„Kein Black Metal. Keine Theorie. Nicht kein Black Metal. Nicht keine Theorie“

Es ist also eine Theorie ohne einen theoretischen, ergo wissenschaftlichen Anspruch. Das gibt auch die Herausgeberin des Helvete-Journals Zareen Price im Vorwort der ersten Ausgabe unumwunden zu. Para-akademisch nennt sie die Black Metal Theory und dies wird leider auch in vielen Texten sehr deutlich. So ist auf dem Metal matters-Blog in der der Rezension von „Hideous Gnosis: Black Metal Theory Symposium 1“ zu lesen:

„(…)das größte Problem ist, dass oftmals Wissenschaftlichkeit durch unerträglichen Jargon vorgegaukelt wird, hinter dem sich aber nur antrainierte akademische Reflexe verstecken. (…)deren (diverse Theoretiker) Texte zu erklären oder auch nur das eigene Verständnis nachzuweisen, dann kann man sich vorstellen, wie produktiv diese Analyse wissenschaftlich gesehen ist, vom Unterhaltungs- und Informationswert für Nichtwissenschaftler ganz zu schweigen. Der Jargon klingt oftmals so, als wolle sich ein Autor angesichts eines populärkulturellen Themas unbedingt seiner Wissenschaftlichkeit versichern, die er allerdings anstatt über eine kluge Analyse leider über eine gewisse Sprache definiert; im schlimmsten Fall weiß man nicht, ob man es nicht mit einer Parodie zu tun hat. Das andere Extrem des Konferenzbandes besteht darin, dass einige Texte wie expressionistische Manifeste wirken, die weder Argumente noch Thesen präsentieren, aber dafür assoziativ und mit oft lächerlich pompöser Rhetorik vorgehen (…).“

Die Sprache der Texte schwankt zwischen wissenschaftlichen Fachwörtern und einer schwelgerischen Verklärung der besprochenen Themen. Die lässt zwar eine gewisse Nähe zu den Inhalten und der Szene bzw. ihrer Musik vermuten, beißt sich jedoch aufs schwerste mit dem theoretischen Anstrich, der schon allein durch den Begriff „Theorie“ suggeriert wird. Diesem wird die Black Metal Theory nicht gerecht. In ihrem Schwanken zwischen begeisterter Nähe und wissenschaftlicher Distanz verliert sie sich bis an die Sinnlosigkeit. Von den sich weltweit immer mehr etablierenden Metal Studies (wissenschaftliche Untersuchung des Phänomens Metal aus verschiedensten Blickwinkeln) sind diese Gedanken spiele weit entfernt.

Was bleibt am Ende? Bei aller Kritik rückt der (extreme) Metal durch diese Auseinandersetzung mehr ins Blickfeld der „echten“ Wissenschaften und ermöglicht eine weiterreichende Erfassung, auch auf Grundlage von Texten der Black Metal Theory. Und letzten Endes bleiben für die Szenegänger*In immer noch Texte, in denen er geistige Anregung findet, sich inhaltlich mit seiner Musik auseinander zu setzen, so dies gewünscht ist.

Ich für meinen Teil, werde die Texte weiter lesen, da sie durchaus interessant sind. Ihren theoretischen Wert mal bei Seite gelassen.

In diesem Sinne:

Weidmenschsheil!

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