Aus dem Tagebuch eines Drachentöters: GENDERWAHN!!!11elf Oder: Ein Lehrstück manipulativer Medien.

Die Berliner Verkehrsbetriebe bieten mir jeden Tag einen tollen Service: In vielen S-Bahnen und U-Bahnen sind an der Decke kleine Bildschirme montiert, auf denen mir Wetter, Kulturtipps und eben Nachrichten präsentiert werden. So weit so schlecht, denn wessen Nachrichten werden mir da präsentiert? Die der B.Z.! Einem Boulevardblatt aus dem Haus Ullstein, einer 100%igen Springer. Also quasi ein Schwesterblatt der BILD.

Und heute Morgen, also Montag, also der Tag von dem schon Kater Garfield wusste ihn zu verabscheuen, ballert mir die B.Z. ungefragt folgende Schlagzeile um die Augen:

„Der Gender-Wahn kostet Berlin fast eine Million Euro“

Nun wird mensch, wenn mensch diesen Blog verfolgt, vielleicht merken, dass ich zum Thema Gender/Gleichberechtigung/Sexismus eine Meinung habe. Und offensichtlich eine andere als die B.Z., denn bei dem Wort „Genderwahn“ (Warum, zur Hölle, muss heute alles mit Binde-Strichen ge-trennt werden?) klappen sich mir die Fußnägel hoch. Warum? Nun, zum einen, weil dieses Wort meist aus einer (rechts-)konservativen Ecke schallt, wenn es um Dinge wie Homosexualität oder Gleichberechtigung auf Lehrplänen geht. In der Nähe meiner Uni zum Beispiel wurden an einigen Laternen Aufkleber der „Jungen Freiheit“ gefunden, dem Sprachrohr der sog. „Neuen Rechten“, mit der Aufschrift „Genderwahn? Nein, danke!“. Im Sprachduktus sogar wesentlich höflicher und ohne diesen lächerlichen Bindestrich, in der Botschaft aber genauso reaktionär.

Nun was wollte die B.Z. mir eigentlich vermitteln, unter dieser Überschrift?

Es geht um die Umbenennung des Berliner „Studentenwerk“ in „Studierendenwerk“, eine Maßnahme der Gleichberechtigung, die auch in anderen Bundesländern in letzter Zeit angedacht und/oder durchgeführt wird. Mit mehr oder weniger gleichem Presseecho.

Zunächst mal gleich wieder Entwarnung! Es geht um eine vorgeschlagene Änderung des Studentenwerksgesetzes, mit der voraussichtlich 800.000€ für sämtliche Änderungen veranschlagt werden. Änderungen wie Schilder, Schriftzüge, Stempel, Briefköpfe,…

Aber die B.Z. vermutet, wahrscheinlich zu Recht, wo die Meinung ihrer Leser hingeht und färbt und framed ihren Artikel nach allen Regeln der Kunst. Zunächst spricht die Überschrift von „fast 1 Millionen“, es sind aber „nur“ 800.000, also fehlen ganze 200.000 bis zur Millionen, ein Fünftel, aber für Schlagzeilen macht sich die Millionen einfach besser.

Eingeleitet wird der Artikel mit „Ampelfrauen, Unisexklos und jetzt das!“, womit auf weitere skandalöse Geldverschwendungen hingewiesen wird. Ampelfrauen! Skandal! Wenn mensch recherchiert, findet mensch jedoch schnell heraus, dass die Pläne auf Eis liegen, weil die diskutierten Designvorschläge den Sozialdemokraten zu klischeehaft waren. Ampelfrauen? Fehlanzeige!

Und diese unverschämten Unisextoiletten? Die gibt es tatsächlich! Die öffentlichen Gebäude des Berliner Bezirks Friedrichshain-Kreuzberg sollen Unisextoiletten erhalten. Dabei werden keine neuen gebaut, ergo kein Raum „verschwendet“, sondern eine bestehende Toilette für ca. 350€ umgebaut. Wahnsinn! Berlin stürzt sich in Unkosten!!Das an anderen Stellen viel sinnfreier viele Millionen in Großprojekte wie einen Flughafen gepumpt werden? Egal! Genderwahn!!!!!!!!

Es wird sogar erwähnt, dass der Vorschlag zu den Änderungen von Studierenden selbst kam und sich der Begriff des „Studierenden“ bereits durchgesetzt habe. Diese Sätze sind grade zu verschwindend klein zwischen Fotos abgebildet. Auf zweien sind Studierende zu sehen, aber natürlich keine die diesen Vorstoß begrüßen. Relativ geschickt sucht mensch sich eine Philosophie-Studentin und einen Chemie-Studenten, die den Plänen wenig abgewinnen können. O-Ton: „Totaler Quatsch! Letztendlich ist das nur Aktionismus der Politiker“. Dann wird noch ein 75 jähriger CDU-Mann zitiert, dem die Namensänderung zu dem Preis „nicht sinnvoll“ erscheint. Eine Grünen-Politikerin dagegen weist darauf hin, dass andere Bundesländer die Namensänderung längst vollzogen haben. Keine Konstellation, die überrascht. Natürlichen „müssen“ die Grünen dafür sein, das passt zum Artikel.

Will übrigens mal jemand raten, wer für diesen “Artikel“ verantwortlich zeichnet? Zwei Männer. Zwei Männer kriegen nicht einmal eine Din A4 Seite neutralen Bericht hin. Arme deutsche Medienlandschaft!

Am Ende bleibt wenig Belastbares vom Artikel. Die anderen Beispiele des Genderwahns sind schlicht falsch oder in ihren Kosten exorbitant. Noch ist eh nichts beschlossen, der Änderungsvorschlag wurde noch nicht einmal diskutiert, dies geschieht erst im Februar. Und statt Studierende zu zeigen, die sich diese Änderung gewünscht haben, wird billig suggeriert, dass diese Änderung gar nicht dem Ansinnen der Studierenden entspricht. Aber kein Wort darüber, dass der unfertige BER-Flughafen Berlin pro Monat ca. 17 Millionen Euro kostet. Für einen Monat Flughafen könnte mensch das Studierendenwerk also 17 Mal umbenennen. Studentenwerk, Studierendenwerk, Studentinnenwerk, StudentInnenwerk, Student_innenwerk, Student*innenwerk, Studentixwerk. Und immer noch 10 Millionen über! Davon könnte mensch doch was Soziales machen! Naja…

Hauptsache Stimmung gegen Gleichberechtigung gemacht! SO kennen wir den Springer Verlag und seine Machwerke.

In diesem Sinne: Lasst euch vom Wahn gegen Gleichstellung nicht verrückt machen!

Weidmenschsheil!

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