Aus dem Tagebuch eines Drachentöters – White, male and privileged! Teil 2 oder: Darf ich mitreden oder muss ich sogar?

Mir fällt immer wieder auf, dass bei bestimmten Themen wie gendergerechter Sprache oder Übergriffen wie in Köln oder Sexismus generell immer wieder die gleichen Personen das Wort ergreifen und sich äußern. Diese Personen sind männlich, weiß und auf die eine oder andere Weise privilegiert. Durch ihren Status oder ihre Position zum Beispiel.

Männliche Chefredakteure, Feuilletonisten oder andere Publizisten erklären Betroffenen und dem Rest der Republik, was schlimm sei und was zu fühlen sei (Süddeutsche oder Focus z.B.). Auch bei anderen Debatten diskutieren sie gerne mit, was in Ordnung sei oder wann die Forderungen nach Gleichstellung oder Gendergerechtigkeit überzogen sind. Oder sie sind wie der Chef-Feuilletonist der Welt Andreas Rosenfelder einfach gelangweilt von dem Thema. Ihnen zur Seite springen dann gerne Personen, die neben dem fehlenden „Privileg“ der Männlichkeit gerne vergessen, dass sie trotzdem privilegiert sind und nicht zu den Menschen gehören, die mehrfach betroffen sind. Diese kommen in den medialen Debatten nicht oder nur kaum gehört am Rande vor (ich komme mir trotzdem etwas schäbig vor, sie dafür zu diskriminieren, dass sie nicht so stark diskriminiert werden wie andere, aber das nur am Rande).

Und nun ich als jemand, der weiß, er privilegiert ist und eigentlich in kein Diskriminierungsmuster rein fällt, das ich mir nicht selber ausgesucht habe (ich komme mir zumindest nicht diskriminiert vor). Darf ich mich zu solchen Themen äußern? Sollte ich es vielleicht sogar?

Ja, ich darf mich dazu äußern. Wie alle anderen weißen Männer, mehr oder weniger privilegiert, es auch dürfen. Denn der Art. 5 meines geliebten Grundgesetzes sagt ja im ersten Absatz:

„Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten. Die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und Film werden gewährleistet. Eine Zensur findet nicht statt.“

Ich darf also. Gut. Sollte ich das denn auch? Nun, mein Blog hat keine große Reichweite, wenn überhaupt, ergo stört es wohl niemanden, wenn ich es tue. Aber ich denke es gibt weitaus triftigere Gründe, warum ich sollte wie ich tue:

Die von mir vertretene Meinung findet kaum durch Personen wie mich (also diese weißen, männlichen, privilegierten) statt. In größeren Medien noch seltener. Wo sind die Feuilletonisten, die sich nicht, großspurig, gönnerhaft und damit wieder herablassend chauvinistisch zu einer gleichberechtigten, aufgeklärten und selbstreflektierten Meinung bekennen? Es gibt sie, aber sie gehen unter. Dabei sind sie wichtig, wie ich finde, auch um andere zu überzeugen.

Ich kenne das ja selber von mir, dass Mann sich schnell angegriffen fühlt, wenn einem vorgeworfen wird, weiße, privilegierte Männer wären ein Problem im Rahmen der Gleichberechtigung. Schnell entsteht da im Kopf ein „die Anderen“ (Feministinnen) gegen mich und „Meinesgleichen“. Und das führt dann zu den Shitstorms in Kommentarspalten und der chauvinistischen „Invasion“ in Internetphänomenen wie #aufschrei oder dem neueren #ausnahmslos.

Und wenn über gendergerechte Sprache gesprochen wird, wird neben bei der ästhetischen Verletzung der schönen deutschen Sprache (was in Zeiten, in denen dem ß langsam der Gar ausgemacht wird und man die Straße gerne mal mit Doppel-S schreibt, wie blanker Hohn klingt) gleich eine vermutete Gegendiskriminierung beschworen. Dabei sollte sich doch jeder Mann, der sich von der weiblichen oder mit Gender* gekennzeichneten Form ausgeschlossen fühlt, klar machen: In der „weiblichen“ Form, steckt die „männliche“ immer schon mit drin. Also wo ist euer Problem?

Der aufgeklärte, weiße, privilegierte Mann muss in dieser Gleichung vom Teil des Problems zum Teil der Lösung werden. Er muss sagen, was er denkt, unterstützen, wo es wichtig ist und, auch das ist wichtig, einfach mal den Mund halten, wenn es der Sache dient.

Der von mir durchaus geschätzte Stand-Up-Comedian Moritz Neumeier hat sich mehrfach darüber beschwert, dass Menschen ein von ihnen wahrgenommenen Missstand ansprechen, obwohl sie nicht von ihm betroffen sind. Ich finde das zu kurz gedacht. Denn nicht immer haben die Betroffenen die Möglichkeit, sich für ihre Sache stark zu machen. Weil sie keine Lobby haben und keine Möglichkeit „den Hebel“ anzusetzen. Oder sie werden mit anderen diffamierenden Bezeichnungen, die ihnen eine Meinungsäußerung zu dem Thema absprechen, mundtot gemacht. Wenn jetzt alle schwiegen, weil sie nicht betroffen sind, enden wir, überspitzt formuliert, so, wie es der evangelische Theologe Martin Niemöller so treffend formulierte.

Deswegen sehe ich es als meine Pflicht als Demokrat und aufgeklärter Mensch, einen Missstand anzuprangern und auf ihn hinzuweisen, wenn ich ihn sehe, ganz gleich, ob ich selber betroffen bin. Es ist meine Pflicht, denen zu helfen, die sich nicht selbst helfen können und die zu unterstützen, die Unterstützung brauchen. Sonst wird in Zukunft vielleicht irgendjemand eine Niemöller-Replik schreiben müssen:

Als sie die Flüchtlinge an den EU-Außengrenzen verhungern ließen, 
habe ich geschwiegen,
ich war ja kein Flüchtling.

Als sie die LGBT-Community aus der Gesellschaft ausschlossen,
habe ich geschwiegen,
ich gehörte ja nicht zu ihnen.

Als sie die Frauenrechte immer weiter beschnitten, 
habe ich geschwiegen,
ich bin ja keine Frau.

Als sie entschieden, dass Angehörige von Subkukturen wieder „asoziale Subjekte“ sind,
gab es keinen mehr,
der noch protestieren konnte.“

In diesem Sinne:

Weidmenschsheil!

 

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s