Aus dem Tagebuch eines Drachentöters – White, male and privileged! Teil 3 oder: Wie viel Sicherheit verträgt (Meinungs-)Freiheit?

 

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Dieser Text enthält Passagen, die manche Personen in ihren Gefühlen verletzen könnten!

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Es brodelt und kocht an den US-amerikanischen Universitäten. Die Studierenden begehren auf gegen die Institutionen, klagen an und stehen auf gegen Dozierende und Dekanats-Angehörige. An immer mehr Universitäten brechen die Proteste aus und bereits mehrere Lehrende haben ihre Position verloren oder aufgegeben.

Die Studierenden kämpfen gegen Rassismus und Diskriminierung. So formierten sich an der University of Missouri der Prostest auch im Internet unter #Mizzou nach mehreren rassistischen Angriffen, unter anderem Hakenkreuzschmierereien. Auch an anderen Universitäten richtet sich der Protest gegen die Diskriminierung von Minderheiten und Kulturen, aber auch gegen Sexismus und Frauenfeindlichkeit.  Klingt doch sehr gut. Unterstützenswert. Und dann kommt es wieder: „Ja, aber…“

Der, zugegebener Maßen extreme und nicht repräsentative, Fall des Oberlin College, einer kleinen elitären Universität in Ohio zeigt, was bei den Protesten möglicherweise schief läuft. Die Kantine der Uni hatte den Speiseplan um asiatisch angehauchte Gerichte, wie zum Beispiel eine Sushibar erweitert und musste dafür mehr Kritik als Lob einstecken. Warum? Die Kantine sieht sich dem Vorwurf der „kulturellen Aneignung“ schuldig, so die Meinung der Studierenden. Angehörige einer privilegierten Mehrheit hätten demnach kein Recht, in der Kultur von unterprivilegierten Minderheiten zu wildern.

Wenn weiße Amerikaner ein aus einer anderen Kultur stammendes „Gericht nehmen, es verändern und als authentisch anpreisen“, echauffierte sich eine Studentin in der New York Times, „dann machen sie sich der kulturellen Aneignung schuldig“.
Angehörige einer privilegierten Mehrheit, so meinten die Studierenden, hätten kein Recht, in der Kultur von unterprivilegierten Minderheiten zu wildern. Weder bei Mode, Religion oder wie in diesem Fall Essen.

Dieser Vorwurf ist nicht neu und prinzipiell nicht falsch. So gibt es häufiger Vorwürfe, dass weiße Künstler*Innen die „Vorherrschaft“ in ursprünglich von Persons of Colour (PoC) geprägten Musikrichtungen (Hiphop/Rap) an sich reißen würden und die damit verbundene Kultur finanziell ausschlachten würden.

Soweit, so problematisch. Allerdings stellt sich mir dann die Frage, wann eine Adaption „in Ordnung“ ist und wann eine Kultur vor Adaptierung geschützt werden muss. Wer darf was adaptieren? Wer nicht? Darf es keine weißen Rapper*Innen geben und sollte es weißen Personen verboten werden, sich Rasta Zöpfe zu flechten, die ganz klar einer anderen Kultur/Religion entstammen? Die Liste an Beispielen ist lang, aber auf Grund meiner Szeneverortung kommt mir besonders eins in den Sinn: Blues und Soul Musik. Diese fand durch die menschenverachtende Sklaverei Eingang in die US-amerikanische Kultur und ist die Grundlage viele anderer Musikrichtungen, anderen Entwicklungsgeschichte auch der Black Metal steht. Dieser wäre damit die Folge einer Entwicklung von kulturellem Raubgut. Ist dies damit auch problematisch? Ich weiß es nicht. Auch die deutsche Kultur ist durchdrungen von Versatzstücken kolonialer, post-kolonialer und anderer „fremder“ Einflüsse. Aber zurück zum Thema…

Die Stimmung an deren US-amerikanischen Unis ist aufgeheizt. Es geht auch um „kritische“ Halloweenkostüme wie mexikanische Sombreros, Federschmuck oder schwarz geschminkte Gesichter (ok, dass führt auch in Europa öfters zurecht zu harscher Kritik). Der Knackpunkt kommt jetzt: Eine Dozentin an der „Elite“-Universität Yale, die dies öffentlich hinterfragte, weil es doch grade jungen Leuten offenstehen sollte, sich provokant zu gebärden, sieht sich massiven Rücktrittsforderungen gegenüber. Als ihr Mann, der Master des Silliman College, mit den Protestführern einen offenen Meinungsaustausch führen wollte, wurden einige Studierende aggressiv. „Mich ekelt vor dir!“, schrie eine Studentin. Auch der Dekan des kalifornischen Claremont McKenna College trat zurück, nachdem ihm PoC-Studierende vorwarfen, ihre Beschwerden über ein rassistisches Klima an der Uni zu überhören.

Auch viele Studentinnen fordern Einschränkungen der Lehrinhalte, die ihrer Meinung nach unangemessen sind. So fordern sie an der Columbia University in New York eine Trigger Warnung (Warnung vor Inhalten, die Opfer von sexueller Gewalt oder Rassismus an ihre Erlebnisse erinnern und so eventuell psychologische Traumata bei ihnen wachrufen.) für die Besprechung des Werks „Metamorphosen“ des antiken Dichters Ovid, da dies die Beschreibung einer Vergewaltigung enthält.

„Wie so viele andere Werke im westlichen Kanon sind Ovids Metamorphosen voll von traumatisierenden und anstößigen Inhalten, die die Identität von Studenten im Klassenzimmer marginalisieren. Für Opfer von sexueller Gewalt, für Mitglieder ethnischer Minderheiten oder für sozioökonomisch benachteiligte Studenten sind diese Texte, die vor Geschichten von Ausgrenzung und Unterdrückung nur so strotzen, deshalb schwer zu lesen.“

Für die Bibliothek von Universitäten wird die Kenntlichmachung solcher Bücher mit einem „Trigger Warning“-Aufkleber gefordert. Es geht z.T. soweit, dass Studentinnen fordern, in Jura-Vorlesungen bestimmte Inhalte, wie Vergewaltigung nicht durchzunehmen, ja ganze Begriffe zu meiden.

Die Protestierenden berufen sich dabei auf ihre Rechte, während sie andere Rechte mit Füßen treten. So wurde einem Fotografen, der über die Proteste berichten wollte, der Zugang zu einem Zeltlager der Demonstrierenden verweigert. Eine eine Assistenzprofessorin, welche sich an den Protesten beteiligte, drohte: „Wer hilft mir, diesen Reporter hier wegzuschaffen. Ich brauche Muskeln.“ Viele Dozierende sind eingeschüchtert und folgen der Schere im Kopf, aus Angst zum Ziel der Protestierenden zu werden und am medialen Pranger zu landen, gegen den viele sich wehrlos fühlen.

Puh, starker Tobak…

Ich bin ehrlich gesagt hin und her gerissen. Auf der einen Seite gibt es wohl an den US-amerikanischen Universitäten (wie auch an den deutschen, nicht zu vergessen!) einiges an, zum Teil strukturellem, Sexismus und Rassismus. Diesen gilt es zu bekämpfen. Aber es stellt sich mir hier klar die Frage der Verhältnismäßigkeit.

Ist es gerechtfertigt, Menschen um den Job zu bringen, auch wenn sie nicht rassistisch oder sexistisch sind, sondern lediglich nicht so radikal sind, wie mensch selber? Und diese Person auch nur bei der Vermutung an den medialen Pranger des Internets zu stellen?

NEIN. Ich finde nicht. Struktureller Sexismus und Rassismus sind zu bekämpfen und in einem OFFENEN Dialog zu überwinden. Den scheuen aber sowohl die US-amerikanischen Studierenden (Beispiel Reporter vor dem Camp und Rücktritt der Dozentin), als auch einige deutsche (Beispiel Münkler Watch).

Und ich lehne auch ein Verbot von „kulturellen Aneignung“ ab. Kultureller Austausch darf nicht von Sittenwächtern eingeschränkt werden, erst recht nicht, auf gesetzlicher Basis, da dies der Willkür Tür und Tor öffnet („Entartete Kunst“, anyone?). Beispiel Heavy Metal: Mensch muss ihn als Produkt von kulturellem Raubgut sehen und sollte sich dieser Vergangenheit auch bewusst sein, aber gleichzeitig hat sich der Metal wieder in alle Kulturkreise verbreitet und wird von diesen wieder in eine eigene Form übersetzt. Diese Adaption sollte NIEMALS mit einer Herabwürdigung des Ursprungs einhergehen, aber alles andere Bedeutet vor allem eins: Abschottung, Abgrenzung und als Folge wieder Ausgrenzung! Das heißt, vielleicht führt dieser, eher linke, Protest zu einer Verhärtung des Systems, in dem die Angst vor den Anschuldigungen eine reaktionäre/rechte Gegenbewegung auslöst. Ein offener, gleichberechtigter Dialog ganz im Sinne von Jürgen Habermas wäre viel zielführender.

Ich hoffe mal, dieser Text verletzt niemanden, aber ich hab ja, der Schere im Kopf folgend, eine Trigger Warnung vornan gestellt.

In diesem Sinne: Schaut über den Tellerrand und lasst euch inspirieren, aber immer mit Respekt!

Weidmenschsheil!

Quellen:

http://www.zeit.de/2016/03/diskriminierung-universitaeten-usa-kulturelle-aneignung-minderheiten-studenten-protest/seite-2#infoboxusstudentenprotesteglossar-4

http://www.zeit.de/studium/2015-11/studentenproteste-usa-extremismus-rassendiskriminierung-mizzou

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