Aus dem Tagebuch eines Drachentöters: Liberté toujours! Oder: Das sind keine Menschen, das sind Raucher!

„Mami, was sind das für Menschen?“, lässt der Komiker Dieter Nuhr in einem Programm ein Kind seine Mutter fragen, als es Personen in einer dieser gläsernen Raucherlaunch erblickt. Darauf antwortet die Mutter mit dem Satz, der den zweiten Teil meines Eintragstitels bildet. Dem voran steht der Slogan, mit der spanisch-französische Tabakkonzern Altadis S.A. seit langem seine Zigarettenmarke Gaulouises bewirbt. Damit sollte klar sein, worum es in diesem Eintrag gehen soll: Das Rauchen.

Ich gestehe hiermit öffentlich, ganz anonym: Ja, ich bin Raucher. Wieder. Ich bin der Massenmörder mit dem Glimmstängel. Der Sensenmann der Passivraucher. Ich rauche und genieße das auch noch. Die besondere Schwere der Schuld steht also fest. Das ist zumindest manchmal das Gefühl, dass mir vermittelt wird. Direkt oder durch die Medien. Dabei gestaltet sich die Wirklichkeit eigentlich anders. In meiner Wohnung wird nicht geraucht! Wegen meiner Katzen und weil ich es widerlich finde, wenn kalter Rauchgeruch im Raum hängt oder sich der Inhalt des Qualms auf dem Mobiliar absetzt. Rauchen in der Küche geht für mich gar nicht, da mache ich doch mein Essen.

Mir sind die negativen Folgen des Rauchens bekannt. Die Medien lassen einem, zum Glück, kaum eine andere Wahl. Und ich kenne die Bilder von Raucherlunge, -bein oder anderen körperlichen Folgen in Bild und Video, noch bevor sie sich auf der Schachtel finden. Ich weiß, dass es quasi Selbstmord auf Raten ist. All das weiß ich. Und rauche trotzdem. Wieder. Ich betone das, weil ich erst vor circa zwei Monaten wieder damit angefangen habe. Nach mehr als 3 Jahren Rauchfreiheit. Warum, sei dahin gestellt.

Ich rauche gerne. Und doch wieder nicht. Ich genieße den Vorgang. Und das aus verschiedenen Gründen. Ich kann dabei entspannen. Was zum einen bestimmt an den Inhaltsstoffen liegt, zum anderen aber einfach an dem Ritual des Rauchens, wie ich es nenne. Ich ziehe mich aus einer Situation heraus, gehe an einen anderen Ort und begehe dort dem Vorgang. Rituale geben Sicherheit. Eine Struktur zum Festhalten. Das Rauchen eröffnet mir eine kleine Pause. Auf der Arbeit und in der Freizeit. Wer gönnt sich auf der Arbeit sonst kleine Pausen, bei denen mensch sich aus der Arbeitsatmosphäre entfernt, also in meinem Fall vom Schreibtisch aufsteht und raus geht? Sonst würde ich wohl die ganze Zeit da sitzen. Unterbrochen vom kurz Gang zur Kaffeemaschine. Droge Nummer 2, aber anderes Thema. Rauchen. So habe ich von Freunden gehört, die in der Gastronomie arbeiten, dass die Raucher*Innen Rauchpausen bekommen, die Nichtraucher*Innen aber nichts Äquivalentes. Die süchtige Person hat einen Vorteil.

Ein weiterer Punkt ist der nicht zu unterschätzende soziale Aspekt des Rauchens. Raucher*Innen sind eine Gemeinschaft, ein Effekt, der sich durch die immer stärkere Reglementierung und Verbannung noch verstärkt haben dürfte. Raucher*Innen kommen unglaublich leicht ins Gespräch. „Haste ma‘ Feuer?“, und schon ist mensch im Gespräch. Ich hab das an fremden Orten immer gern genutzt. Raucherecke aufsuchen und Kontakte knüpfen. Ein Thema gibt es immer: Anti-Raucherpolitik. Auch das gemeinsame Rauchen mit Kolleg*Innen ist doch immer ein kommunikativer Akt. Oder wer würde sich anschweigen, während jeder für sich seine Lunge teert? Die Frage, ob mensch mit rauchen kommt, heißt ja nicht, dass mensch sich alleine nicht traut. Es ist vielmehr eine Verabredung zum Unterhalten. Und dabei rauchen. Die Zigarette ist ein Ermöglicher.

Der letzte Punkt, warum ich rauche, dürfte mit Abstand der dümmste sein: Als Zeitvertreib. Klingt traurig, ist leider hoch ritualisiert. Mensch kommt an die Haltestelle des ÖPNV (Bus oder Tram, denn auf vielen S- und U-Bahnstationen Berlins herrscht Rauchverbot. Auch ohne die gelben Quadrate der DB) und es sind noch 5-9 Minuten bis zur Ankunft des Was-auch-immer. Was tun? Tja. Und dann rauche ich. Ein verbreitetes Phänomen, dass sich im Volksglauben niederschlägt, mensch könne mit dem Anzünden des Tabakopfers die Ankunft des Gefährts beschwören. Klappt auch. Manchmal. Vielleicht. Oder die Zeit scheint kürzer. Dämliche Angewohnheit.

Warum schreibe ich das hier überhaupt? Ich rate niemandem zum Rauchen. Im Gegenteil. Fangt bloß nie an. Ist ungesund, kostet viel Geld und mensch kommt schwer wieder los. Ich bin dankbar für das Rauchverbot in den meisten Kneipen, Restaurants und öffentlichen Einrichtungen. Die Luft ist besser, mensch kriegt nicht überall Kopfschmerzen wegen Sauerstoffmangel und stinkt nicht widerwärtig nach kaltem Qualm, wenn mensch wieder nach Hause kommt. Kaut lieber Kaugummi und macht Sport. Damit fange ich jetzt auch wieder an. Vielleicht hilft es beim Aufhören.

Aber ich wünsche mir, dass Raucher*Innen nicht zu unglaublich niedergemacht werden. Ich will nicht von jeder Depp*In erklärt bekommen, dass es ungesund ist. Ich rauche nicht in der Nähe von Kindern und mache keiner minderjährigen Person Tabak zugänglich. Auch weil das zu teuer ist (Ironie). Habe ich kein Recht auf freiwillige Selbstschädigung? (Doch, habe ich) Und wenn mir jemand sagt, dass ich das Gesundheitswesen belaste, dann sage ich: Erstens kriegt der Staat über die Tabaksteuer eine Menge Geld. Und zweitens beschwert sich auch kaum jemand bei Alkoholkonsumenten (schon ein wenig), bei Adipösen (bestimmt auch) oder bei Leuten die in einem ungesunden Maß Sport treiben oder was andere tun. Lasst die Leute doch sich selber schaden, sie bekommen doch die Quittung. Wichtig ist doch das keine unbeteiligten Dritten zu Schaden kommen.

Ich weiß immer noch nicht, warum ich das hier schreibe. Musste einfach mal raus.

In diesem Sinne: Raucht nicht! Hört auf! Du, genau, du: Leg die Kippe weg!

Weidmenschsheil!

 

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