Aus dem Tagebuch eines Drachentöters – White, male and privileged! Teil 4. Oder: Auch Worte sind Taten.

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Dieser Text enthält Passagen, die manche Personen in ihren Gefühlen verletzen könnten!

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Ich bin ein Freund von extremer Musik. Laut, schnell, grelle Gitarren, Double Bass, Growl, Scream, Shout, sowas eben. Ich hör auch anderes, aber wenn es blackt, doomt oder deatht hör ich doch schon eher hin, als wenn es dudelt, popt oder hopt. Mit diesen Stilrichtungen geht natürlich nicht nur extreme Musik, sondern auch ein besonderer Habitus einher. Wie zeigt mensch sich, wie gibt mensch sich. Sowohl auf, als auch vor der Bühne. Die Extreme finden sich natürlich auch in den Texten wieder. Hier geht es seit den jungen Jahren der Rockmusik um Provokation. Immer extremere Themen, immer extremer aufbereitet. Hatte man früher nur eine „sympathy for the devil“, wird heute lautstark verschiedensten Göttern und Dämonen gehuldigt, Krieg besungen und von Gewalt getextet. 

Ein normaler Vorgang, weil eine immer radikalere Botschaft von Nöten ist um an zu ecken. Dies führt zur allerlei Stilblühten.  Am offensichtlichsten ist das Kokettieren mit  rechtsextremen Inhalten oder anderen menschenverachtenden Ansichten. Allerdings führt dies meist dazu, dass eine Band zur Unperson wird, für größere Teile der Gesellschaft und Szene untragbar (es sei denn, man trägt ein Geweih und einen Punkt im Logo). Aber mir geht es um eine andere Erscheinung, die viel stärker unter dem Radar bleibt und nur von wenigen engagierten Personen und nur selten von den Medien aufgegriffen wird: Frauenfeindlichkeit (Misogynie) und Sexismus.

Woran denkt man bei diesem Thema zuerst? Deutschrap vielleicht. Interpreten wie der frühe Sido oder King Orgasmus One wurden schon von den Medien für bestimmtes Gebaren und bestimmte Texte  gerügt. Viele Künstler dieses Genres pflegen ein Männlichkeitsverständnis, das sich an sexistischen Klischees und einer Abwertung von Personen die diesem nicht entsprechen orientiert.

Aber dieses Männlichkeitsverständnis findet sich genauso in vielen anderen Subkulturen. Wo explizite Männlichkeit eine große Rolle spielt, ist Sexismus oft nicht weit. Beispiel wäre hier die Skinhead-Szene (Schusterjungs – Mein Engel). Frauen werden als „Anhängsel“ gesehen und eigenen sich höchstens als Sexobjekt. Aber es muss gar nicht mal so offensichtlich sein. Ost reicht auch schon, dass eine Szene männlich dominiert ist, wie sie Skate-Szene. „Ganz gut für ein Mädchen“, möchte Respekt ausdrücken, drückt aber unverhohlen Vorurteile aus. Frauen werden zu „Mädchen“, also quasi verniedlicht und mensch unterstellt ihnen, dass eine bestimmte Tätigkeit von Frauen kaum so gut betrieben werden könnte, wie von Männern. Das die Besonderheit von einer fähigen nicht männlichen Person aber in erster Linie daher rühren, dass diese in einer männlich dominierten Szene nur schwer Fuß fassen können, wird gerne vernachlässigt. Vielleicht gäbe es viel mehr weibliche oder sogar trans* Rapper*Innen, Skater*Innen und so weiter, wenn der Habitus der Szene sie nicht versuchen würde, sie auszuschließen. Nur um das klar zu stellen: Kaum eine Szene/Subkultur kann sich hierbei wirklich ausnehmen!

Auch in der extremen Musik sind Frauen (und Trans*Personen sowieso) eine Seltenheit. Sie werden belächelt, geschmäht oder sogar offen und aggressiv angegriffen und ausgeschlossen. „You will never be part of Black Metal!“, tönte Akhenaten, Kopf hinter dem einflussreichen Solo-Projekt Judas Iscariot in Richtung der Szenegängerinnen. Nicht männliche Personen haben einen schweren Stand in diesen Szenen, von ihnen wird mehr erwartet. Sie müssen eine bessere Szenekenntnis haben, „härter“ sein und mehr aushalten um nur einen äquivalenten Status zu haben, wie ein männlicher Szenegänger. Eine Duldung erhalten sie oft nur durch diese Anstrengung oder die Zurverfügungstellung von Sexualität, welche ihnen dann im gleichen Atemzug wieder vorgeworfen wird (Es mag Ausnahmen geben!).

Doch das ist das, was quasi „vor der Bühne“ stattfindet. Wie sieht es auf der Bühne aus? Grade in den extremeren Spielarten des Death Metal, aber auch im Metalcore, dem Black Metal und selbst im Power Metal findet sich Sexismus in unterschiedlichsten Formen. Ich sage vorneweg, dass ich mich hier erstmal mit gegen Frauen gerichteten Sexismus beschäftige. Eine ernsthafte Auseinandersetzung mit Trans*Personen und Homosexuellen finden im Szenekontext häufig erst gar nicht statt. Meistens nur beschränkt auf kurze abfällige Bemerkungen über „fags“. Wie zumindest radikale Teile der Szene zu diesem Thema stehen, sollte seit den frühen Tagen des Black Metal klar sein (Mord durch Emperor-Schlagzeuger). Auch der bekennende Homosexuelle Gaahl  (Wardruna, Ex-Gorgoroth) wurde nach seinem Outing von Teilen der Black Metal-Community mit Schmähungen überzogen. An Frauen arbeiten sich jedoch ganze Szenen ab, Entschuldigung für die Objektivierung! 

Viele Metal-Genres (aber auch viele andere Musikarten) kennen runtergebrochen zwei verschiedene Frauentypen: Die Reine und die Verdorbene. Die Reine ist eine gute Seele, treue Frau eines Helden, die keusch zurück bleibt und dessen Tod beweint oder eine gute Zauberin, ein Engel oder ähnliches. Diese Figur ist entweder gänzlich unsexualisiert oder einem einzigen Mann „zugehörig“. Die Verdorbene ist gerne Hexe, Dämonin (Sukkubus) oder ähnliches. Ungebunden (auch sexuell), willensstark und meistens irgendwie böse. Oft ist sie eine Verführerin, die Männer ins Unglück stürzt. Nennt mich paranoid, aber warum ist die sexuell befreite Frau tendenziell eher böse als die Frau, die treu zu einem Mann steht, während es bei Männern keinen Unterschied macht?

Der Power Metal erschöpft sich meistens darin, die Frau als schmückendes Beiwerk des strahlenden Helden abzubilden, als Preis für seine Taten (diverse Manowar-Cover). Textlich finden sie sich kaum wieder. Ist vielleicht auch besser so, wäre wohl kaum mehr schmeichelhaft. Ähnlich wie im Power Metal hält es meist auch der Pagan Sektor, der von vergangenen „Helden“ singt.

Jetzt wirds in meinen Augen/Ohren abartig. In Genres wie Death Metal und Grindcore werden nicht selten und explizit Vergewaltigungen und Morde (gerne auch in Verbindung) an Frauen grade zu zelebriert. Bis ins Detail werden solche Szenerien ausgeschmückt und auf CD gebannt und von Bühnen herunter gebrüllt, mitgesungen und beklatscht. Ein vielgescholtenes Beispiel dafür geben zum Beispiel Debauchery mit ihren vielsagenden Track „Chainsaw Masturbation“ ab (Wer sich das dazugehörige Shirt anschauen will, soll das wo anders tun!). Die Band Cemetery Rapist macht in ihrem Namen schon deutlich, wo es hingeht. Aus dem Grindcore ging mit dem Porngrind ein ganzes Genre hervor, dass sich ausschließlich mit mit sexuellen/pronographischen Inhalten beschäftigt (und darunter eben auch Vergewaltigung!). Auch der Black Metal ist alles andere als schuldfrei. Beispiel haft ist hier zum Beispiel die deutsche Gruppe Eisregen, die sich grad in ihrer frühen Phase in Tötungsfantasien ergingen. Beispielhaft wären hier Songs wie „1000 tote Nutten“, „19 Nägel für Sophie“, „Futter für die Schweine“ oder nur als Beispiel für Lookism/Fatshaming der Song „Kathie das Kuchenschwein“. Aber auch internationale Szenegrößen geben sich solchen Fantasien hin, wie zum Beispiel die Band Urgehal auf den Albumcovern von „Through Thick Fog Till Death“ und „Demonrape“ zeigt.  Fragt man solche „Künstler“ dann nach solchen Texten, dann geht es da nur um Fantasien, die mit der Realität nichts zu tun haben, mensch sei absolut kein Frauenfeind. Das es nicht nur bei Worten bleibt, zeigt der Fall von Satyricon, deren Sessiongitarristen Steinar Gundersen and A.O. Gronbech auf einer Tour in Kanada wegen Vergewaltigung eines weiblichen Groupies festgenommen wurden. Auch Gorgoroth-Gittarist Infernus wurde 2006 eines „schweren sexuellen Übergriffes“ (nicht Vergewaltigung) für schuldig befunden

Stellt sich mir doch die Frage, warum ergehen sich solche Bands dann in solchen Texten? Provokation? In einer Welt die auch heute voller Gewalt gegen Frauen ist? Gewalt, die leider absolut alltäglich ist und dennoch wenig mediale Beachtung bekommt? Naja, für die meisten Musiker wahrscheinlich.

Diese Songtexte sind sicher keine Aufforderung, soweit kann man nicht gehen, aber sie schaffen seinen Raum. Einen Raum „in dem Männer noch Männer sein dürfen“. In dem eine klare Rangordnung herrscht, aus dem Frauen ausgegrenzt werden, weil sie Frauen sind.  Sie festigen damit eine bestimmte gesellschaftliche Struktur, denn diese „Kunst“ findet ja nicht im Vakuum statt, sondern wird von Individuen in einer Gesellschaft für andere Individuen in einer Gesellschaft produziert. Man(n) mache sich einfach mal folgendes Bild: Du befindest dich in einem Konzertraum voller vielleicht alkoholisierter, auf jeden Fall durch Adrenalin und Endorphin enthemmter Frauen, von denen dir viele körperlich überlegen sind. Und oben auf der Bühne schmettert eine Sängerin fröhlich ein Lied über Kastration. Angenehme Situation? Ich glaube nicht! Für Frauen auf Extreme Metal-Konzerten bestimmt aber keine seltene. Schließlich sind sie fast auf allen Konzerten in einer deutlichen Minderheit.  Sexuelle Übergriffe sind auch auf Metal Festivals zu finden. Es muss ja keine Vergewaltigung sein. Eine Hand an der falschen Stelle, herabwürdigende Bemerkungen, es fängt im Kleinen an! Nur weil eine leicht bekleidete, weibliche Person crowdsurfen will, ist dass keine Aufforderung/Entschuldigung, sie in einer Weise anzufassen, die mehr ist, als das Weitertragen auf der Menge! Ich höre jetzt diverse Männer und Frauen protestieren, dass das ja gar nicht stimmen würde und dass man sich ja kaum irgendwo sicherer fühlen könnte als auf einem Szenekonzert, wo jeder auf jeden Acht gibt. Aber ist das wirklich so? Ganz ehrlich? Ich bin male, white und privileged und ich sehe das anders. Ich ende mit diesem schönen Zitat:

„Eine Frau muss nackt und sturzbetrunken über ein Festival laufen können, ohne dass ihr etwas zustößt.“(Quelle)

Hier der Artikel des Noisey Magazins, der mich zu dem Eintrag bewegt hat.

In diesem Sinne:

Weidmenschsheil!

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