Aus dem Tagebuch eines Drachentöters: Politik und Musik. Oder: Wir sind eine unpolitische Band!

 

Es ist ja weithin bekannt, dass es einige Musiker*Innen gibt, die ihre Musik nutzen, um ihre Weltanschauung zu propagieren und zum Ausdruck zu bringen. Ob das eine negative Sache ist, hängt auch immer ein bisschen davon ab, WER das macht und um WELCHE Weltanschauung es sich dabei handelt.

Politische Statements gibt es viele. Dabei geht es um unterschiedlichste Themen, sei es Empowerment für Frauen und/oder People of Colour (PoC) wie es Beyoncé bei ihrem Auftritt beim Superbowl kürzlich gezeigt hat, Engagement gegen Rechtsradikalismus/für Weltoffenheit, wie es einige Bands/Künstler*Innen machen oder auch um die Verbundenheit zu einer wie auch immer gearteten Heimat, wie es Frei.Wild immer mal wieder thematisieren. All das ist LEGITIM, weil es sich im Rahmen von Gesetzen abspielt. Ich muss es nicht mögen oder kann es als gefährlich oder abzulehnend ansehen, aber so lange sich eine Künstler*In auf dem Boden des Gesetzes befindet greift die so viel beschworene Meinungsfreiheit (Zur Erinnerung: Art. 5, Grundgesetz und Art. 11, Charta der Grundrechte der Europäischen Union). Meistens wird mit politisch motivierter Musik allerdings Musik aus dem rechten Spektrum oder auch durchaus aus dem linken Spektrum gemeint, also Lager die sich explizit als politische Bewegung ansehen.

Aber diese Einordnung ist einfach zu ungenau. Es gibt nicht nur rechte und linke Musik, sondern jede andere Richtung wird sich auch musikalisch wiederspiegeln. Einfach weil eine politische Gesinnung eine gute Motivation und Inspiration für künstlerisches Schaffen ist. Politik ist kein eindimensionales Spektrum.

Das Politiklexikon (Schubert, Klaus/Martina Klein, 5. Aufl. Bonn: Dietz 2011) bietet verschiedene Definitionen des Begriffes „Politik“. Im Allgemeinen sagt es:

Politik bezeichnet jegliche Art der Einflussnahme und Gestaltung sowie die Durchsetzung von Forderungen und Zielen, sei es in privaten oder öffentlichen Bereichen. 

Und weiter:

Politik bezeichnet die aktive Teilnahme an der Gestaltung und Regelung menschlicher Gemeinwesen.

Das sind natürlich sehr weite Definitionen, aber der Begriff ist auch unglaublich schwierig. Er bedeutet eben nicht NUR das was mensch im klassischen Sinne „Staatskunst“, also das Handeln des Staates und das Handeln in staatlichen Angelegenheiten, nennt. Eigentlich muss mensch sagen, wenn mensch sich vom „Staatskunst“-Begriff entfernt gilt: Alles ist Politik oder alles kann Politik sein! Denn wer das Kommunikationsmodell der vier Seiten nach Schulz von Thun kennt, weiß: In einer Aussage steckt auch immer ein Appell, sprich eine Handlungsaufforderung. Und eine Aussage die von einer Musiker*In getätigt wird, also vor und für Publikum, sendet einen Appell an eine große Gruppe, wäre also theoretisch eine „Art der Einflussnahme und Gestaltung sowie die Durchsetzung von Forderungen und Zielen“.

Ich behaupte also: JEDE Musiker*In ist in gewisser Weise politisch tätig, auch wenn er sich nicht aktiv in der „Staatskunst“ engagiert!

Denn Musik findet, auch wenn einige Menschen das vielleicht anders sehen, ja nicht in einem Vakuum statt, also in einem sozialen/gesellschaftlichen. Sowohl Produzierende als auch Rezipierende sind Teil einer Gesellschaft, beeinflusst von einer Gesellschaft und ihren Werten. Wir sind alle Teil von sozialen Netzen (Nein, nicht die im Internet, sondern das Geflecht von Beziehungen zu Menschen an sich) und seit unserer Geburt nehmen wir unsere Umwelt war, reflektieren sie und werden von ihr beeinflusst und geformt (Plus Genetik, aber das führt jetzt zu weit). Wir können dies nicht immer unbedingt wahrnehmen oder beeinflussen, dieser Prozess passiert eben einfach. Und so wie die Politik Teil der Gesellschaft ist, ist sie Teil von uns. 

Was bedeutet das? Nun, zunächst muss mensch sagen, dass jede Musiker*In/Band, die von sich behauptet „unpolitisch“ zu sein, sich entweder nicht bewusst ist, dass sie sich politisch äußert oder sie lügt schlicht und ergreifend, weil sie ihre eigentliche politische Ausrichtung nicht explizit preisgeben will. Das kann unterschiedliche Gründe haben und muss noch nicht mal etwas negatives sein.

Was aber bedeutet das für die Musikhörer*In? Tja. Da muss ich auf den Standardspruch aus meinem Studium zurückgreifen: Es kommt drauf an! Es gibt Bands, die sich als unpolitisch bezeichnen, weil sie sich nicht einer bestimmten politischen Richtung zugeordnet sehen wollen, denn damit gehen ja viele Probleme einher (Publikumsverlust, Absage von Auftritten, Proteste, etc.). Ich muss ehrlich zugeben, dass mir noch keine Band begegnet ist, der „vorgeworfen“ wurde eher links zu sein und die sich daraufhin als „unpolitisch“ bezeichnet hätte. Umgekehrt gab es einige Bands, denen rechte Tendenzen „vorgeworfen“ wurde, dem mit dem „Unpolitisch“-Statement begegneten, aber durchaus Kontakte zu Personen mit eindeutig rechter Gesinnung aufwiesen. Daher werde ich immer hellhörig, wenn ich das „Wort“ unpolitisch auch nur höre!

Allerdings gibt es auch Bands/Musiker*Innen, die zum Beispiel offenkundig rechts(radikal) sind, dies sich aber nicht unbedingt in den Texten wiederspiegelt. Hier soll als Beispiel das Soloprojekt Burzum genommen werden, weil dies auch in der Black Metal Szene häufig ein Streitpunkt ist. Kristian „Varg“ Vikernes, derzeitiger offizieller Name übrigens Louis Cachet, wird gerne als Begründer des NSBM (National Socialist Black Metal) bezeichnet und hat sich mehrfach offen rechts bekannt und geäußert. Über seine damalige (es ist ruhig geworden um ihn) politische Ausrichtung gab es also keine Fragen. Trotzdem strotzen die Texte von Burzum in keiner Weise von seiner menschenverachtenden Weltsicht, mensch müsste sie schon mit sehr viel Mühe und Not hinein interpretieren. Ist Burzum also eine rechte Band? Nein und Ja! Nein, weil sich in den Texten vielleicht Bezüge zu sog. „alten Werten“ finden, aber die findet sich auch in so viel anderem Liedgut (ich sag nur deutscher Schlager!), dass sie nicht prinzipiell als rechts gelten können. Außerdem kann mensch nicht bestreiten, dass Burzum für den Black Metal richtungsweisend waren. Ja, weil die Band keine Band ist, sondern eben ein Soloprojekt, ergo IST Burzum Kristian  Vikernes. Grade bei so einer markanten Persönlichkeit ist es schwer, diese vom künstlerischen Schaffen zu trennen.

Und genau hier liegt eines der größten Probleme von Musik und Politik: Die Trennung von Schöpfer und Werk. Diese ist nur schwer zu vollziehen, grade, wenn es sich um eine durchaus medienwirksame Person wie Kristian Vikernes oder auch den Varg-Frontmann Philipp „Freki“ Seiler oder den Frei.Wild-Frontmann Philipp Burger handelt (hier geht es nicht darum, ob die beiden Letztgenannten rechtem Gedankengut nachhängen, sondern dass beide in der ihrer Vergangenheit „Auffälligkeiten“ haben, die mensch entweder in Zusammenhang mit ihrem heutigen Wirken bringen kann oder eben nicht). Weitere Beispiele lassen sich quer durch die musikalische Landschaft finden, von dem Was-auch-immer Hans Entertainment mit seinen fragwürdigen Äußerungen über Krawallbrüder und ihr zwielichtiges Umfeld bis hin zur italienischen Black Metal Band Forgotten Tomb die wegen früherer Aussagen vom deutschen Extreme-Metal-Magazin Legacy lange Zeit mit einer Mediensperre belegt waren (inzwischen nicht mehr offenbar).

Keiner dieser Bands/Musiker*In würde ich in ihrem aktuellen Wirken ein aktives Propagieren von rechter Ideologie vorwerfen! Allerdings muss mensch sich immer vor Augen führen, dass die Texte dieser Musik von Menschen gemacht wurden, die ein bestimmtes Weltbild vertreten. Und irgendwie wird dies ihr Handeln beeinflussen. Vielleicht nicht merklich oder so, dass es einen Einfluss hat. Wenn einem die Musik einfach gut gefällt, steht es jedem Menschen frei, sie zu hören (Meinungsfreiheit, remember?), aber mensch sollte sich fragen, ob mensch wirklich eine Band unterstützen will, die möglicher Weise diesem Gedankengut nahe steht. Das muss jede*r selber wissen, aber vielleicht lohnt es, einmal darüber nachzudenken.

In diesem Sinne:

Weidmenschsheil!

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