Aus dem Tagebuch eines Drachentöters: Rechts vor links! Oder: Ist rechts hip und links spießig?

 

Es ist zurzeit nicht zu verhehlen, dass rechte oder rechtsgerichtete Ideen aktuell Oberwasser haben. Sie dominieren den medialen Diskurs in jeder Hinsicht, ob jetzt durch das Aufgreifen dieser Ideen bis tief in die Mitte der Gesellschaft oder die ständigen Berichte über rechte bis zu rechtsextremen Taten und Aktivitäten (Anschläge, Demos, Interviews, Talkshows,…). Nicht nur die Ideen werden in fast allen etablierten Parteien (positiv) rezipiert, auch die rechten Szenen und Gruppen sind präsent, auf der Straße, im Netz, in den Köpfen.

Und was kommt von links? Wenig und das nicht wirklich laut. Die Linke kämpft seit langen mit inneren Streitigkeiten um Richtung und Programmatik. Attac kämpft mit Mitliederschwund und Überalterung. Die Blockupy-Bewegung machte zuletzt eher negative Schlagzeilen. Die traditionell eher linke Hausbesetzerszene sieht sich in Berlin und anderswo mit massivem Kräfteaufgebot des Staats konfrontiertHäuser werden ohne Rücksicht geräumt oder sind von Räumung bedroht. „Linke“ Hochburgen werden zurückgedrängt und attackiert. Auch ihre Wortmeldungen zu tagespolitischen Themen wie den Übergriffen in Silvesternacht in Köln und anderswo sind selten, irgendwie leer und verhallen in der Medienlandschaft ohne großes Echo. Wenn es ein vermeintlich linkes Thema in die großen Tagesmedien verirrt, sind es gerne alte ehemalige RAF-Mitglieder die so oder so ihr Auskommen finden wollen. Nach außen dringen fast nur Rückzugsgefechte.

Warum ist „links“ so in der Krise? Ist „links“ überhaupt in der Krise?

Mensch muss einfach feststellen, dass das konservative und das rechte Lager eine unglaubliche Energie an den Tag legt, wenn es um Adaption und Mimikry linker Inhalte und Symbole geht. Die früher eher links-alternative Friedensbewegung  sah sich in jüngster Vergangenheit einer versuchten Übernahme durch ein rechts, verschwörungsgläubiges Klientel ausgesetzt. Es wurde spät und oft zu spät reagiert, menschchmal sogar die Querfront gesucht. Auch Kapitalismuskritik von rechts ist auch schon seit Jahren kein ungewohntes Bild mehr. Ganze Stile und Strömung wurden gekapert und übersetzt, wie der sogenannte „schwarze Block“ der auf der rechten Seite unter dem Label der „Nationalen Autonomen“ firmiert. Ché Guevara und Palästinenser-Tücher (Kufiya), irgendwann mal klare Symbole der linken Szene wurden genauso übernommen wie der Kleidungsstil des Hardcore-Punk oder der Hipster („Nipster“). Rechtsrock ist zwar immer noch eine Szenegröße, aber daneben etablieren sich immer mehr „arisierte“ Musikrichtungen. Angefangen beim Black Metal (NSBM), dem erwähnten Hatecore ist inzwischen eine andere Hochburg der nicht-rechten Kultur vereinnahmt worden: Seit einiger Zeit mehren sich rechte Hiphop/Rap-Interpret*innen wie MaKss Damage, Dee Ex oder King Bock. Dazu bietet die rechte Szene inzwischen mehrere durchaus hochqualitative Mode-Label wie das bekannte Thor Steinar oder auch Ansgar Aryan. Die Kleidungsstücke sind nicht günstig, gut verarbeitet und dem modernen Stil des Mainstreams nachempfunden, aber immer mit der kleinen oder großen Spur Szene-Stil und Codes.

Die rechte Szene hat es verstanden sich zu öffnen, adaptiv zu sein und in ihrer Art und Weise sogar innovativ und kreativ zu sein. Und „die“ linke Szene? Hier herrschen Lagerkämpfe, interne Streitigkeiten und eine gefühlte intellektuelle Ratlosigkeit. Was ist heute links? Was nicht? Die frühere Trennschärfe zum gesellschaftlichen Mainstream ist kaum noch vorhanden. Eigentlich müsste es als Erfolg gewertet haben, wie konsensfähig frühere linke Kernthemen inzwischen geworden sind. Aber in einer Zeit, in der eine Kanzlerin Merkel doch den Atomausstieg forciert und ein Winfried Kretschmann Ministerpräsident wird, fehlen scheinbar zunehmend Schlagworte und Kampfbegriffe. Oft muss mensch sich damit begnügen, eine radikale Version von gesellschaftlichen Konsensthemen zu vertreten. Eine Grundproblematik die ich sehe ist, dass der rechte Rand aktiv bestrebt ist, in die Mitte der Gesellschaft zu drängen, Themen zu besetzen und einen gesamtgesellschaftlichen Diskurs in ihrem Sinne zu prägen (wobei sie aktuell sehr erfolgreich sind!), während es grade unter jungen Linken eher das Bestreben gibt, sich vom Mainstream abzugrenzen. Um es mal überspitzt zu verdeutlichen: Während „die Linken“ den Staat überwinden wollen, trachten „die Rechten“ danach ihn zu übernehmen und zu instrumentalisieren. Ganz weit zurück gedacht weiß ich, was schon mal funktioniert hat.

Dabei eröffnet doch grade diese Verschiebung der Gesamtgesellschaft nach links Räume, um für Themen zu kämpfen die vorher zurückgestellt wurden. Doch wie will mensch den Kampf gegen Sexismus und Chauvinismus aktiv führen, wenn selbst weite Teile des eigenen Lagers diese grundlegenden Werte nicht verinnerlicht haben? Auch besteht offenbar im linken Spektrum wirklich ein Problem damit, wenn die Idealer einer multikulturellen Gesellschaft auf die Realität einer Silvesternacht treffen. Dieser Artikel in der taz trifft es meiner Meinung nach recht gut, was grad schief läuft. Die Ereignisse in Köln waren eben KEIN Alltags-Sexismus und müssen genau deswegen auch besonders behandelt werden. Kultur und Herkunft auszublenden und zu sagen, dass es in unserem Land genauso Sexismus gibt, ist in erster Linie eins: Positiver Sexismus! Es ist haargenau das gleiche Schema, mit dem auf konservativer Seite gerne Armut in Deutschland relativiert wird: Mit der Aussage, dass es woanders doch viel schlimmer sei. Nur ist woanders in diesem Fall hier. Der Mechanismus ist der gleiche: Relativierung! Das ist einer linken Bewegung die mutige Antifaschist*innen, Kommunist*innen und Anarchist*innen hervorgebracht hat unwürdig!

Aber warum geht der gesellschaftliche Diskurs aktuell so ohne weiteres dazu über, konservatives, rechtspopulistisches oder rechtes Gedankengut oder zumindest die Begrifflichkeiten und Slogans, wo doch die linken Bewegungen und Menschen, die aus ihnen hervorgegangen sind, über Jahrzehnte für ein immer gesellschaftsübergreifenderes  Meinungsbild gesorgt haben? Ich denke das hat mehrere Gründe. Zum einen die immer auftretende Rebellion der jüngeren Generation gegen die ältere Generation und ihre Vertreter (Eltern, Lehrer, Politiker,…). Schöne Beispiele sind natürlich immer die Grünen und andere Personen, die dem links-alternativen Spektrum entstammen. Viele sind inzwischen „Teil des Systems“. Kaum ein Kabarettist, der sich nicht schon über die politische Herkunft vieler Lehrer dieser Generation lustig gemacht hat. Mensch kann also sagen, dass das „System“ inzwischen zu vielen Teilen aus Leuten besteht, die früher (radikal) links waren und „dagegen“. Zum anderen: Stillstand bedeutet Tod. Ich weiß, ganz schön pathetisch. Aber dem rechten Rand kann mensch zum Beispiel keinen Stillstand vorwerfen, wie oben bereits gezeigt. Vielleicht mögen viele alte Ideen im Hintergrund noch wirken, aber sie haben gelernt, es anders zu verpacken, sich anders zu geben und in anderen Formen zu erscheinen. Sie haben sich, ihre Erscheinung und ihre Ideologie den Umständen angepasst. Über den adaptiven Charakter habe ich mich ja bereits ausgelassen.

Und die Linken? Schon früh galten linke Bewegungen als durchaus intellektuell. Neue Ideen wurden hervorgebracht, diskutiert und ausprobiert. Und auch modisch haben „die Linken“ früher viele Trends gesetzt und Stile hervorgebracht. Was hätten „die Rechten“ den sonst so gut übernehmen können, was links nicht bereits etabliert worden war. Aber diese innovative Kraft ist offenbar erschöpft. Links setzt keine Trends mehr, weder modisch noch gedanklich. Ich kenne mehr rechte Modemarken als linke, was ganz schön traurig und mitunter hinderlich ist. Früher trug mensch den Ché oder den roten Stern und wurde als der Szene zugehörig erkannt. Heute müsste ich bei den ganzen schwarz vermummten Gestalten SEHR nach rangehen um zu erkennen, wo die Person sich einordnet, aber dann ist es vielleicht schon zu spät. Links ist nicht modisch, nicht modern. Links ist heute doch meist eher eine Anti-Haltung, mensch ist als „Linker“ in erster Linie dagegen: Gegen Faschismus, gegen Sexismus, gegen Gentrifizierung, gegen Kapitalismus usw. Links sein ist inzwischen ein negativer Begriff, was bedeutet der sich weniger über eigene Werte definiert, sondern über die Abgrenzung/Ablehnung anderer Werte und Positionen. Eine Haltung die dem italienischen Faschismus ursprünglich zu Eigen war. Das Problem ist, dass so eine Anti-Haltung klare Grenzen benötigt, beziehungsweise schafft/fordert. „Wer nicht für uns ist, ist gegen uns“. Da bleibt wenig Raum für Reflektion. Am deutlichsten wird das bei einer der großen informellen Bewegungen innerhalb der linken Szene, der Antifa. Von den historischen Wurzeln inzwischen so gut wie komplett gelöst (abgesehen vielleicht vom Logo), haben die meisten Antifa-Gruppen den gemeinsamen Nenner gegen „Nazis“ (Rechts, Faschisten,…) zu sein. Andere, eigene Werte finden da sich eher am Rand und sind auch meist wieder Gegen-Haltungen (beliebt: Anti-Kapitalismus). Wenn mensch weiß, wer der Feind ist, hat der Tag Struktur. Aber so verkommt Linkssein zu einer reinen Reaktion. Gegen-Demo. Nicht mehr aktiv, sondern nur noch reaktiv. Aber das ist in keiner Weise konstruktiv. Wo bleiben die Gegenentwürfe? Und zwar nicht die x-te Wiederholung aus alter Männer Bücher! Neue, an die heutige Welt, die heutigen Gesellschaften, die heutigen Probleme angepasste Ideen und Lebensentwürfe!

Es ist doch alles da! Vordenker, deren Ideen aufgegriffen und weiterentwickelt werden können (Aus! Pfui! Leg „Das Kapital“ weg!), alte Ideale die mit neuem Leben gefüllt werden können (Liberalismus zum Beispiel, und zwar nicht die FDP-Parodie). Es gibt große und hehre Ziele, die mensch erreichen kann. Denn meiner Meinung haben „die Rechten“ etwas, dass mensch sonst eher bei religiösen Fundamentalist*innen aller Couleur findet, was „die Linken“ seit dem Scheitern des Stalinismus/real-existierenden Sozialismus kaum noch haben: Den Glauben an Ideale. Mögen nicht nur in meinen Augen falsche und menschenverachtende Ideale sein. Aber an ein Ideal zu glauben, dass war einmal eine linke Tugend. Wie hätten sonst die vielen Sozialist*innen, Sozialdemokrat*innen, Kommunist*innen und Anarchist*innen sich so todesmutig gegen das dritte Reich gestellt? Sucht neue Ideale. Oder füllt alte Ideale mit neuem Leben.

Und verabschiedet euch endlich von der Hetze gegen den Staat und seine Bediensteten. Die Polizist*innen, die zwischen einer rechten Demo und einer linken (Gegen!)Demo stehen sind nicht da, weil sie „die Faschist*innen schützen“ wollen. Sondern weil das deutsche Grundgesetz jedem Menschen Meinungsfreiheit und körperliche Unversehrtheit zusichert. Das Grundgesetz ist nicht nur die Grundlage des deutschen Staates, sondern auch eine gesetzliche Umsetzung linker Ideen. Denn Freiheit, wusste schon Rosa Luxemburg, ist immer auch die Freiheit des Andersdenkenden.

In diesem Sinne:

Weidmenschsheil!

Quelle Titelbild: https://www.flickr.com/photos/agfreiburg/6820039111/

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