Aus dem Tagebuch eines Drachentöters: Kultur im Archiv. Oder: Das Aufbewahren der Asche?

 

Aktuell bin ich Berlin und mache ein Praktikum im Rahmen meines Studiums. Ich bin hierhergekommen, um an einem Ort zu arbeiten, der so in Deutschland einzigartig sein dürfte: Dem Archiv der Jugendkulturen (AdJ). Da Archiv ist ein im Jahr 1997 unter anderem vom Jugendkulturforscher Klaus Farin gegründeter eingetragener Verein (e.V.), der es sich zur Aufgabe gemacht hat, Material aus und über Jugendkulturen zu sammeln, aufzubereiten, zu erforschen und der Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen. Es erhebt dabei den Anspruch, eine von Werturteilen freie, dennoch kritische und differenzierte Auseinandersetzung mit Jugendkulturen und Szenen zu ermöglichen. Das AdJ ist quasi das Gedächtnis deutscher und internationaler Subkulturen.

Aber was tut das Archiv im genauen und warum ist diese Arbeit in meinen Augen so unglaublich wichtig? Das Kernstück des AdJ ist auf jeden Fall die Bibliothek/Sammlung. Der Bibliotheksbestand umfasst über 8000 Bücher und Broschüren, mehr als 40.000 Fanzines, Zeitschriften, Zeitungen, 600 Magister- und Diplomarbeiten, über 7.000 CDs, LPs, MCs, DVDs und Videos sowie zehntausende Zeitungsartikel, Poster und Flyer aus allen erdenklichen Jugendkulturen. Die thematischen Bereiche erstrecken sich von Skateboarding über Science Fiction, Fußball, Comic, Skinheads, Punk, Rap/Hiphop, Graffiti, Techno bis hin zu Heavy Metal oder Gothic. Auch der Bereich der Popkultur wird ebenfalls erfasst. Ein Großteil dieser Sammlung ist für die Öffentlichkeit jederzeit in der Präsenzbibliothek einsehbar. Natürlich bemühen sich die Mitarbeiter*innen, die Bestände immer zu erweitern und auf einem möglichst aktuellen Stand zu halten. Neben eigenen Einkäufen lebt das Archiv von Spenden und Nachlässen von anderen Archiven oder privaten Sammlungen. So wurde vor kurzem der Bestand des aufgelösten Berliner Rock- und Pop-Archiv, das versuchte die West- und Ostberliner Musikgeschichte seit 1958 zu dokumentieren, aufgenommen und eingepflegt.

Ein besonderes Augenmerk wird bei dieser Arbeit auf das Sammeln sogenannter „Fanzines“ gelegt, also aus der entsprechenden Szene heraus oft in Eigenarbeit verlegte nicht-professionelle Erzeugnisse. In diesem Bereich ist besonders die Sammlung von deutschen Punk-Fanzines hervorzuheben, die das Wirken der Szene von ihrem Beginn Ende der 1970er Jahre protokollieren. Die hier zusammengetragenen Bestände dürften in dieser Größe deutschlandweit einzigartig sein. Ein starker Fokus liegt natürlich auch auf der Stadt Berlin und ihrer Subkulturgeschichte. Dies ist nicht der Lage des Archivs geschuldet, sondern auch dem besonderen historischen Status der Stadt Berlin in der Zeit der Teilung und Wiedervereinigung Deutschlands, die viel Freiraum für die Entfaltung der Szenen bot. 

Neben dem reinen Zurverfügungstellen dieser Materialien werden diese natürlich auch zu wissenschaftlichen Zwecken und Projekten genutzt. Die Ausstellung „Der zweite Blick„, die sich mit verschiedenen Szenen und deren Aspekten beschäftigt, zieht zurzeit als Wanderausstellung  durch viele Stationen im gesamten Bundesgebiet. Weitere aktuelle Projekte sind unter anderem das „Berliner Pop- und Subkulturarchiv„, das seinen Fokus auf den besonderen Umstands Berlins richtet, sowie die „Diversity Box„, die sich mit Homo- und Transfeindlichkeit Kontext von Jugendkulturen und der Gesamtgesellschaft befasst. Ein weiteres, dauerhaftes, Projekt ist das „Graffitiarchiv„, welches sich sich seit 2009 den Themen Graffiti und Streetart widmet. Dabei geht es um politische Bildungsarbeit, Öffentlichkeitsarbeit sowie die Organisation von Graffiti-Workshops, bei denen Jugendlichen der (legale) Umgang mit Streetart nahe gebracht wird.  Es wird also deutlich, dass das AdJ mehr ist, als ein Ort an dem Vergangenes bewahrt wird. Natürlich werden die Bestände genutzt um historisch zu arbeiten, aber es ist auch das Ansinnen der Mitarbeiter*innen den aktuellen Jugendkulturen und ihren Entwicklungen auf der Spur zu bleiben. Zu dem Zweck werden auch aktuelle Publikationen aus den Szenen bezogen und inhaltlich erfasst.

Das Archiv arbeitet zum einen natürlich selbst wissenschaftlich, aber es bietet auch Schüler*innen, Student*innen, Journalist*innen und Wissenschaftler*innen den Bestand an, um aus den Quellen Inhalte für eigene Arbeiten zu ziehen. Einige dieser Abschlussarbeiten werden wiederum in die Bibliothek des Archivs aufgenommen und stehen somit der Öffentlichkeit kostenlos zur Verfügung.

Doch es ist leider alles andere als eitel Sonnenschein! Das Führen eines Archivs und eines Vereins kostet Geld. Auch die Mitarbeiter wollen bezahlt werden, auch wenn viele aus Idealismus bei der Sache sind. Einen Teil des Auskommens  bestreitet das Archiv aus den Mitgliedsbeiträgen des (Förder)Vereins, weitere Mittel müssen mühsam bei Stiftungen und Fördermitteln von Stadt, Bund und anderen privaten Organisation organisiert werden. Dies ist oft eine Zitterpartie, da sich viele Antragssteller*innen um nicht-wachsende Töpfe streiten. Oft können Mitarbeiter nur für den Zeitraum eines Projekts beschäftigt und bezahlt werden. Archivarisches Arbeiten und Forschen ist nicht billig!

Für seinen Stellenwert und Bedeutung für die einzelnen Szenen ist das Archiv der Jugendkulturen leider erstaunlich unbekannt. Dabei wird hier quasi das Gedächtnis ganzer Generationen von Punks, Skins, Hiphopper oder Waver aufbewahrt. Wer WIRKLICH was über den Ursprung der eigenen Szene erfahren will und sich nicht mit fragwürdigen Wikipediaartikeln zufrieden gibt, der sollte das Archiv nutzen und unterstützen. Es lohnt sich! Kann doch die Asche der Geschichte durchaus den Funken enthalten, der ein Feuer zum Lodern bringt.

In diesem Sinne:

Weidmenschsheil!

Blog des AdJ

Website des Archivs der Jugendkulturen

Das AdJ bei Facebook

Unterstütze das Archiv!

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