Aus dem Tagebuch eines Drachentöters – White, male and privileged! Teil 5 – Wichtige Kleinigkeiten. Oder: Der Feminismus™ ist bööööse!

Der Kabarettist Jochen Malmsheimer hat einmal gesagt:

 „Unser Leben besteht zu weit über 100% aus Kleinigkeiten, wenn die schon Scheiße sind wie sollen sich dann die Großigkeiten entwickeln.“

Der Teufel steckt bekanntlich im Detail und große Probleme scheinen meist so monumental, dass mensch sich als Einzelperson und auch als Gruppe oftmals als machtlos empfindet. Aber Kleinigkeiten sind leichter zu erfassen und oft auch zu beseitigen.

Warum diese Einleitung? Was hat das mit dieser Rubrik in meinem Blog zu tun? Nun, mir (und vielen anderen) ist aufgefallen, dass mensch, wenn er kleine Probleme anspricht oder bekämpfen möchte, gerne mit Totschlagargumenten beworfen wird. In der Debatte über Armut in Deutschland kommt irgendwann IMMER jemand der sagt, dass es den angeblichen armen Menschen bei uns im Vergleich zur Armut in Afrika doch sehr gut ginge und das doch viel wichtiger wäre. Dies dient aber nicht dem Aufruf, die Probleme in Afrika zu bekämpfen, sondern den Diskurs abzutöten, in dem mensch ihm die Legitimation abspricht. Und auch in der Debatte um den Feminismus werden diese Totschlagargumente zu Hauf ins Feld geführt. Neustes Beispiel ist ein Text mit dem Titel „Die feministische Selbstdemontage“ der Bloggerin Meike Lobo in der Zeit. Dabei handelt es sich um eine Generalabrechnung mit „dem Feminismus™“ wie Frau Lobo ihn missversteht. Die geistige Schwester von Ronja von Rönne zählt hier auf, warum der Feminismus schlecht, nicht erfolgreich, gar überflüssig ist und schöpft dabei auf den vollen Töpfen der Maskulinisten/Anti-Feministen.

Das Begreifen des Textes war für mich eine Art Reifungsprozess. Zuerst dachte ich „Ja!“, denn „hm, nee…“ und schließlich „NEIN!“, denn viele Punkte scheinen auf den ersten Blick durchaus sinnig, entpuppen sich beim zweiten Lesen und Nachdenken allerdings als reaktionärer Mist. Ziemlich schnell wird klar, dass Frau Lobo dem „modernen Feminismus“ am Liebsten über einen Kamm schert. Eine Differenzierung verschiedenster Strömungen innerhalb des weiten Feldes der feministischen Ansichten findet halbherzig statt und ignoriert sogar große Strömungen und Diskurse völlig. Vielmehr ist es ihrer Meinung nach der Feminismus selbst, der  „allzu oft Ressentiments schürt, auch unter potenziellen Unterstützern.“ Aha, „der Feminismus“ ist also für die negative Meinung über ihn selbst verantwortlich? Steile These! Beweise sind für Lobo angebliche „schwarze Listen“, die generelle Ablehnung männlicher Feministen, Ablenkungsmanöver, je nachdem aus welchem Lager die betreffende Feministin kommt. Moment! Verschiedene Lager die es eigentlich, nach Lobos Logik, gar nicht gibt? OK?! Auch die generelle Ablehnung männlicher Feministen ist eine absolute Nebelkerze aus dem Arsenal der Maskulinisten. Mir ist jedenfalls noch nie verboten worden, mich zu solchen Themen zu äußern! Ich wurde einmal sogar explizit ausgewählt an einer Podiumsdiskussion teilzunehmen um ein gleichmäßiges Geschlechterverhältnis herzustellen (Mehrfach Diskriminierte waren leider nicht beteiligt, ein Manko wie ich finde, aber nicht immer zu vermeiden).

Was ist denn nun Schuld am schlechten Außenbild des Feminismus? Nach Lobo „neben der Kritikresistenz die Übererregbarkeit weiter Teile der feministischen Bewegung.“ Es wird sich also zu laut aufgeregt. Noch dazu über, nach Lobos Meinung, „kleine Konfliktchen“. Mit der Verniedlichung von Problemen zeigt sie, dass sie der Meinung ist, dass es den Frauen hier zu Lande doch total gut geht und sie nicht um solche Lappalien wie sexistische Witze so ein Aufhebens machen sollen. „Es geht ihnen hauptsächlich darum, ein Ventil für ihre Wut zu finden, und dafür scheinen ihnen auch niedrigere Anlässe willkommen.“, so Lobo. Und wer wütend ist, wenn weltweit anerkannte Wissenschaftler sich sexistisch in Kleidung und Wort äußern, der ist „laut, paranoid und nicht im entferntesten an einer Welt, in der alle Geschlechter friedlich und ebenbürtig miteinander leben, interessiert.“ 

Paranoia ist nach Definition eine psychische Störung, in deren Mittelpunkt Wahnbildungen stehen. Die Betroffenen leiden an einer verzerrten Wahrnehmung ihrer Umgebung in Richtung auf eine feindselige (im Extrem bösartig verfolgende) Haltung ihrer Person gegenüber. Ich mag mich irren, aber wenn mehr als 50% der Bevölkerung noch immer schlechter bezahlt werden, die Gesellschaft offensichtlich immer noch männlich dominiert ist, jede zweite Frauen Opfer sexueller Belästigung geworden ist, dass der weibliche Körper noch immer Verfügungsmasse oberflächlicher Kriterien ist, Bewegungen wie Pick-Up-Artists die Unversehrtheit der Frau in Frage stellen, dass Frauen noch immer die Selbstbestimmung über ihren Körper von staatlicher Seite und religiöser Seite verwehrt wird, ist das keine wahnhafte Einbildung! Sondern patriarchale Realität! Lobo vergleicht das süffisant mit einem Kind, dass „Feuer!“ schreit, obwohl es nicht brennt. Die Realität ist, dass es an jeder Ecke brennt, in unzähligen Köpfen, in unzähligen Handlungen! „Der Feminismus™“ würde gehörig was falsch machen, wenn er nicht wütend und laut immer wieder die Konfrontation mit einem System der Missstände suchen würde. Nur durch das unbequeme und laute Aufzeigen können Dinge ins Bewusstsein geholt und verändert werden! Mensch zeige mir die soziale Bewegung die durch stilles und demütiges Bitten etwas erreicht hat! Es muss sich hoffentlich immer erst eine Frau vor ein Pferd werfen um etwas zu bewegen! Laut sein geht auf verschiedene Art und Weise.

Und „der Feminismus™“ ist bunt und divers genug um dies zu erfüllen. Er ist eben nicht die Bewegung der weißen Oberschichtsfrauen, die angeblich nur die „Alphamänner“ kopieren. Es gibt den Care-Feminismus, dessen Existenz Lobo so eindrücklich leugnet, es gibt, es gibt Queer-Feminismus, es gibt die Bewegung der FWD („Feminists with disabilities“) und so weiter und so fort! Und es gibt männliche Feministen, die keine verkappten Besserwisser und Bevormunder sind. Die sich für einen lauten und unbequemen Feminismus einsetzen. Und es wird ihnen nicht der Mund verboten oder sie auf eine schwarze Liste gesetzt. All das, was Lobo kritisiert, mag es geben. Mit Sicherheit. Aber es sind eben nur Facetten eines großen Prismas einer diversen Bewegung!

Enden möchte ich mit einem Zitat des Bloggers misharrg, dem auch nicht der Mund verboten wird: „Der größte Erfolg des Patriarchats war ja, klugen Frauen einzureden, es gäbe längst Gleichberechtigung, Der Feminismus™ nur noch hysterisch und selber schuld.“

In diesem Sinne:

Weidmenschsheil!

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