Aus dem Tagebuch eines Drachentöters: Darkly Venus Aversa Teil 9 – Myrkur. Oder: Viel Feind, viel Ehr!

Bildquelle: Encyclopaedia Metallum

Diesmal decke ich quasi zwei Länder auf einmal ab. Die One-Woman-Show Myrkur stammt aus Dänemark, begann jedoch erst in den USA unter diesem Namen zu musizieren. Und diese Musik beziehungsweise die Musikerin hat jetzt schon hohe Wellen geschlagen.

Aber erstmal zur Historie. Myrkur (Isländisch, „Dunkelheit“) wurden erst im Jahr 2013 von der gebürtigen Dänin Amalie Bruun gegründet, nachdem sie in die USA ausgewandert ist. Ihr Pseudonym ist gleich dem Bandnamen. Zurzeit steht das Projekt beim US-amerikanischen Label Relapse Records (u.a. MortalsToxic Holocaust und Razor) unter Vertrag. Für ihre Live-Auftritte versammelt sie um sich Musiker verschiedener Bands wie Øyvind Myrvoll (Nidingr), Morten Bergeton Iversen aka Teloch (u.a. Mayhem und Nidingr) und Stian Kårstad aka Sir (u.a. God Seed und Nidingr). Trotz des erst kurzen Bestehens des Projekts/der Band kann diese bereits auf eine ansehnliche Zahl an Veröffentlichungen zurück blicken. Das Werk umfasst bis dato ein Demo, drei Singles, die EP „Myrkur“ und das full-length Album „M„. Dabei fallen die Bewertungen je nach Plattform und Rezensent sehr unterschiedlich aus, von schlecht bis sehr gut ist so gut wie alles vorhanden.

Dies bringt mich zu einem Punkt, der Myrkur aus der Riege der bisherigen Bands heraus stechen lässt: Die Kontroverse! Von Anfang fand ein starker und sehr emotionaler „Diskurs“ um die Musik und das Projekt an sich statt. Dabei ging es oftmals wohl weniger um die Qualität der Musik an sich, sondern um die Person Bruuns, ganz deutlich gesagt: Um ihr Geschlecht! In kaum einem mir bekannten Diskurs um eine Band trat der Sexismus in der Art krasser Form zu Tage. Warum es grade Myrkur traf, mag vor allem zwei Gründe haben. Zum einen wird (Post) Black Metal (evtl. könnte mensch die Band mit der sehr fragwürdigen Bezeichnung „Hipster Black Metal“ versehen) gespielt und zum anderen fand das Projekt rasch über die Szene hinaus Aufmerksamkeit. Dies resultierte ins besondere von der Seite der „traditionellen“ Black Metal Community zu einer Reaktion die mensch als Shitstorm bezeichnen müsste, der sogar in mehreren Morddrohungen gegen Bruun gipfelte. Auslöser durfte schlicht und einfach der Fakt sein, dass manche Leute (bzw. Männer) in einer Frau, die Black Metal macht und damit auch noch über die Szene hinaus Bekanntheit generiert, eine Bedrohung für den „trven“ (wer besonders hart ist schreibt das mit V!) und harten Black Metal sehen. Ich finde das extrem abstoßend und traurig, aber es ist leider nicht neu, dass sich ein Teil des Black Metal Community durch aggressive Abgrenzung definiert. Hier ein Artikel des Vive-Ablegers Noisey zu den Vorfällen. Auf Grund dieser Ereignisse ist es inzwischen auch nicht mehr möglich, sich z.B. via Facebook persönlich an die Musikerin zu wenden.

Dabei sollte es doch um die Musik gehen. Mir geht es jedenfalls um die Musik und deshalb beschäftige ich mich auch hier mit dem Werk „M“, das in der Deluxe Version bei Spotify jedem/jeder zum Hören zur Verfügung steht. In dieser Deluxe Version umfasst das Album 12 Tracks bei einer Spielzeit von 41:52 Minuten. Die Wertungen in der Encyclopaedia Metallum gehen von 4% bis 85%, was verdeutlicht, wie sehr dieses Projekt spaltet und polarisiert. Die Texte sind in dänischer Sprache gehalten, weshalb ich mich auf die Wirkung der Musik konzentriere.

Tracklist:

  1. Skøgen skulle dø
  2. Hævnen
  3. Onde børn
  4. Vølvens spådom
  5. Jeg er guden, i er tjenerne
  6. Nordlys
  7. Mordet
  8. Byssan lull
  9. Dybt i skoven
  10. Skaði
  11. Norn
  12. Skaði – Demo

„Skøgen skulle dø“ („Die Hure soll sterben“) beginnt mit klarem weiblichen Gesang und einer Mischung auf Geigen- und Gitarrenklängen. Dann setzt ein schleppendes Schlagzeug ein und typische post black metallisch anmutende Gitarrenparts begleiten den Gesang den Rest des Songs, der mit düsteren, ruhigen Tönen ausklingt. Unheiverheißende Gitarren leiten auch den nächsten Song, „Hævnen“ („Rache“), ein. Der Song ist vom Tempo eher schleppend, der Gesang besteht aus keifenden, sehr dumpfen Screams, die sich mit hellem Klargesang abwechseln. Auch die Musik schwankt zwischen schnellen, aggressiven und ruhigen, melodischen Parts. Mit diesen ruhigen Parts endet der relativ kurze, aber nicht weniger intensive Song. „Onde børn“ („Böse Kinder“) beginnt mit den hohen, flirrenden Gitarren, die im Post Black Metal/Blackgaze oft verwendet werden. Diese sind mit einem starken Hall-Effekt unterlegt. Dazu erklingt wieder Bruuns klarer Gesang.  Der nächste Song, Vølvens spådom („Weissagung der Seherin“; das erste der 16 Götterlieder des „Königsbuchs“ Codex Regius), besteht aus sphärischem Klargesang, die nicht musikalisch Begleitet werden und den Text eben dieses Götterliedes rezitieren. Nach etwas über anderthalb Minuten endet das kürzeste Stück der Platte. „Jeg er guden, i er tjenerne“ („Ich bin der Gott, im Gewand“) setzt auf den gleichen Gesang, wartet aber wieder mit schleppendem Schlagzeug und Gitarrenklängen auf. Mit Klavierspiel beginnt dann „Nordlys“ („Nordlicht“), der sich von sphärischen Klängen und klarem Gesang begleitet durch das gesamte Stück zieht. Ein sehr ruhiges, bedächtiges Lied. „Mordet“ („Attentat“) hingegen steigt mit schnellen, rockigen Gitarren ein. Hier finden sich auch wieder die dumpfen Screams. Von einem etwas ruhigeren Teil in der Mitte abgesehen, dass bisher schnellste und härteste Stück. Ganz anders wieder das nächste Stück, der schwedische Folksong „Byssan lull“ („Byssans Flaute“). Hier sind wieder nur ruhige Klavierklänge und Brunns klarer Gesang zu hören.“Dybt i skoven“ („Tief in den Wäldern“) ist quasi eine Symbiose der bisherigen Elemente, hier paaren sich der klare Gesang mit elektrischen Gitarren und Schlagzeug zu einer eingängigen Melodie. „Skaði“ (Nordische Göttin der Jagd und des Winters) ist das, was einem klassischen Black Metal Song am nächsten kommt, mit schnellen Gitarren und Schlagzeugparts, was musikalisch sehr gut zur Thematik eines harschen Winters und der Jagd passt. Hier zeigt Bruun, dass sie Black Metal kann, wenn sie will. „Norn“ (altnordisch für „Norne“) als abschließender Song des Albums ist ein rein instrumentales Klavierstück. Ein stimmungsvoller Abschluss. Als Bonus gibt es dann noch eine raue Demo-Version von „Skaði“

„M“ ist ein ungewöhnliches Album und Myrkur spielen auch eine ungewöhnliche Form des Black Metal. Melodische und harte Parts halten sich die Waage, eine Mischung aus sphärischen, ambientigen und harschen Klängen. Diese Musik muss in Black Metal polarisieren, ist sie doch selbst für den experimentierfreudigen Post Black Metal/Blackgaze ungewöhnlich. Einige Stücke sind fraglos diesem Genre zuzuordnen, der Rest ist eher folklorische Musik, die einem Bilder von Skalden, den skandinavischen Hofdichtern, vergleichbar mit den mittelalterlichen Minnesängern, ins Gedächtnis ruft. Zwischen diesen gegensätzlichen Elementen schafft Myrkur ein sehr eindrückliches Bild ihrer skandinavischen Heimat. Wer hier klassische, harsche Black Metal-Klänge erwartet wird wahrscheinlich vor den Kopf gestoßen sein, so mensch sich nicht darauf einlässt und sich der Bilderwelt von Natur und Mythen hingibt, die Bruun mit ihrer Musik malt. Myrkur bricht mit Erwartungen und Konventionen, was, so mensch sich darauf einlässt, eine wundervolle musikalische Reise bedeutet. Nichts für den eingefleischten Headbanger, aber für jeden der Gefallen an musikalischen Bildern hat. Die musikalisch eingeschlagene Linie findet sich auch in der Bildsprache wieder. Auch hier bricht Myrkur mit Konventionen, so zeigt sich  Bruun zum Beispiel in weißen Gewändern vor skandinavischer Kulisse.

Ich kann hier keine einzelne Hörempfehlung aussprechen, das Album sollte in seiner Gesamtheit gehört und genossen werden. Eher was für Menschen, die auch mit Folk Musik und Ambient etwas anfangen können, als für die, die nur auf harte, raue Klänge stehen.

In diesem Sinne:

Weidmenschsheil!

 

Myrkur bei Facebook
Myrkurs Homepage
Myrkur bei Instagram
Myrkur bei Spotify
Myrkur bei YouTube

 

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s