Aus dem Tagebuch eines Drachentöters: Die „Causa Böhmermann“ Oder: Bashing statt Diskurs

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Das Schmähgedicht des, in meinen Augen, Ausnahme-Satirikers Jan Böhmermann  in seiner Sendung Neo Magazin Royal schlägt riesige mediale Wellen. Bis in die hohen Kreise der Bundespolitik erregt es die Gemüter und wirft die Frage auf, ob Satire denn nun wirklich alles darf.

Das Gedicht als solches ist wirklich nur eine Aneinanderreihung von Beleidigungen und Stereotypen. Es ist weder lustig noch gut, aber das will es ja auch nicht sein. Wichtig sind nämlich die Sätze, in die Böhmermann  sein Gedicht einbettete. Sie machen deutlich, DASS es sich wirklich um Satire handelt. Im Gegensatz zum Lied der Satiresendung extra 3, dass die Einbestellung des deutschen Botschafters zur Folge hatte und das sich wirklich mit Missständen auseinandersetzt, ging es hier um die größtmögliche Überspitzung und das triggern möglichst starker Reaktionen. Und nach diesen Maßstäben muss mensch sagen, war Böhmermann sehr erfolgreich Es war so harsch formuliert, dass es die Bundeskanzlerin zu einem Kommentar durch ihren Pressesprecher Seibert veranlasst hat, während sie sich mit keinem Wort zur extra 3-„Affäre“ geäußert hat.

Nicht zu unrecht schreiben viele Medien deshalb der „Causa Böhmermann“ den Charakters eines Offenbarungseides zu. Ein offensichtlicher Versuch der Einflussnahme seitens des türkischen Machthabers im Falle extra 3 löste keine Reaktion oder Kritik des Bundeskanzleramts in Richtung Türkei aus, aber das vollkommen überzogene und in keinem Punkt ernst gemeinte Schmähgedicht führt zu einer Kritik an der Sendung/ihren Machern.  Kaum deutlicher hätte die Kanzlerin ein Scheitern ihrer Politik und eine Erpressbarkeit durch die Türkei deutlicher formulieren können. Die Vorfälle um extra 3 und Neo Magazin Royal haben deutliche politische Sprengkraft und schüren in der Bevölkerung Zweifel an Merkels Handeln.

Aber das ist nur eines der Probleme, die ich mit der ganzen Sache habe, ebenso gravierend finde ich die Verzerrung des Diskurses durch die Geschehnisse. Die Aufmerksamkeit liegt nun bei Böhmermann und der in letzter Zeit so oft gestellten Frage „Darf mensch das?“ und nicht auf den Tatsächlichen Verfehlungen Erdoğans. Und die häufen sich in den letzten Monaten/Jahren. Punkte wie der im extra 3-Lied erwähnte Prunkpalast ohne Baugenehmigung im Naturschutzgebiet, die Aufdeckung von Waffenlieferungen an den sog. „Islamischen Staat“, die daraus resultierte Festnahme von Journalisten der Zeitung Cumhuriyet, sein Vorgehen gegen Demonstrationen am Weltfrauentag, all das sind gute Gründe, sich mit Erdoğan und seiner Politik auseinanderzusetzen. Aber was leider wirklich folgt sind Unterstützungsbekundungen für Böhmermann (in Ordnung!), Trittbrettfahrer-Aktionen wie das Lied Hallervordens (armselig!) und ein allgemeines Bashing gegen Türken und die Türkei. Es scheint, als hätten viele nur drauf gewartet, mal wieder mit  breiter Akzeptanz gegen Türken, die Türkei und in Deutschland lebende Menschen mit türkischen Wurzeln zu hetzen. Dabei zeigen Reaktionen wie die Demonstration in Köln, bei der viele Unterstützer der als „Graue Wölfe“ bekannten faschistischen Milliyetçi Hareket Partisi (MHP, dt: Partei der Nationalistischen Bewegung) in meinen Augen vor allem eins: Das massive, jahrzehntelange Versagen der Integration dieser Menschen von Politik UND Gesellschaft. Diese Menschen „fühlen“ sich nicht als Deutsche, weil „wir“ ihnen fast nie (von Mesut Özil mal abgesehen) das Gefühl geben, zu sein wie wir, gleichberechtigter Teil unserer Gesellschaft zu sein. Natürlichen suchen sie sich dann eine andere Identität und greifen auf ihre Wurzeln zurück! Und warum sie nicht in die Türkei gehen, wenn sie die Türkei so lieben? Weil es dort quasi das gleiche wäre: Sie wären eben keine „echten“ Türken in den Augen ihrer Landsleute. Wahrscheinlich sprechen viele von ihnen nicht mal fließend türkisch, wie es der Kabarettist Serdar Somuncu einmal sagte. Sie sind gefangen zwischen den Welten und wollen einfach nur anerkannt werden. Von wem auch immer. Und Erdoğan gibt ihnen dieses Gefühl! Oft spricht er vor Türken und Türkischstämmigen in Deutschland. Deshalb unterstützen sie ihn und reagieren verärgert auf das Gedicht. Wunder, oh Wunder!

Vielleicht sollten wir einfach mal einen Gang runter schalten! Die Causa Böhmermann ihren rechtlichen und politischen Weg gehen lassen, Böhmermann trotzdem den Rücken stärken, die tatsächlichen Missstände in der Türkei ins Rampenlicht zerren und die deutsche Politik in ihrem Umgang mit Erdoğan kritisieren und einfach die Menschen mit türkischen Wurzeln, die zum Teil schon seit vielen Jahrzehnten in unserem Land leben als das anerkennen, was sie sind: Deutsche! Deutsche mit dem Geschenk einer weiteren Kultur. Schließlich sehen wir auch Friesen und Bayern als Deutsche, obwohl den Sprache und Kultur uns ebenfalls fremd scheint. 

In diesem Sinne:

Weidmenschsheil!

 

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