Aus dem Tagebuch eines Drachentöters: Was für ein Volk sind wir? Oder: Alles, aber bitte nicht „deutsch“!

Aktuell hört mensch diese Worte immer wieder. Worte, so mystisch, wie mythisch, wie leer sind. Worte wie „Volk“ und „Identität“. Und immer wieder diese eine Wort. „Deutsch“. Das deutsche Volk, die deutsche Identität, das scheinen Dinge zu sein, die aktuell unglaublich bedroht sind. Von dort „draußen“. Von Ausländern, Migranten und Flüchtlingen. Sie bedrohen, was deutsch ist. Unsere Werte. So schallt es aus den Mündern der Besorgten und der Rattenfänger. Und alles was ich mich frage ist, wer dieses „uns“ eigentlich ist. Dieses „wir“. Dieses „deutsch“.

Ich bin froh, in Deutschland zu leben, im Staat Bundesrepublik Deutschland. Von einigen Ausnahmen, die meistens in Skandinavien gesehen werden, gibt es kaum Länder, in denen es sich besser und sicherer leben ließe. Wohlstand, Sozialsysteme, Demokratie. Vieles ist besser als sein Ruf. Und unser Ruf scheint oder schien zumindest in aller Welt besser zu sein, als unser Selbstbild, dass wir selber gern als „hässliche Deutsche“ betiteln.

Doch offensichtlich gibt es auch jene, die nie in falscher Bescheidenheit, sondern eher in falscher Überzeugung den Wert des Deutschseins propagieren. Und es als so viel schützenswerter sehen, als die Leben unzähliger Flüchtlinge. Mir ist dabei das deutsche Wesen immer fremd geblieben. Entweder habe ich in Geschichte zu gut aufgepasst oder es gab einfach zu viel anderes, mit dem ich mich identifizieren konnte, als DEUTSCHLAND.

Für mich ist und war Deutschland und damit auch das deutsche Wesen (an dem immer wieder die Welt genesen soll), die deutschen Werte und die deutsche Identität immer ein unglaublich künstliches Konstrukt. Die heutige BRD existiert seit 1989. Vorher existierten nach 1949 wie bekannt BRD und DDR nebeneinander. Davor das Nationalsozialistische Deutsche Reich, die Weimarer Republik und das im Jahr 1871 begründete und nach dem 1. Weltkrieg aufgelöste Deutsche Kaiserreich. Und davor? Flickenteppiche! Ob sie sich jetzt hinter einem wohlklingenden Namen wie Deutscher Bund oder dem Bandwurmnamen Heiliges römisches Reich deutscher Nation versteckten, es blieben Flickenteppiche von Landstrichen, Herzogtümern, Fürstentümern, Kleinstaaten, Freien Städten und so weiter. Von Einheit keine Spur! 150 Jahre gibt es den deutschen Nationalstaat und seine Vorläufer, aber wir sind mächtig stolz auf eine einheitliche Identität.

Welche einheitliche Identität eigentlich? Fragt mensch einen Nordfriesen, was denn seine Gemeinsamkeiten mit dem Saarländer oder einem Niederbayern seien, so würde er nach norddeutscher Ort vielleicht den Kopf schütteln und nichts sagen. Dieser Staat vereint eine Reihe von Kulturen, die ihren Nachbarn in anderen Staaten ähnlicher sind, als im Staat untereinander. Und trotzdem kommt  mir an jeder zweiten Ecke das Schlagwort „deutsche Leitkultur“ entgegen. In die soll sich doch bitte integriert werden. Wenn allerdings dann im Detail nachgefragt wird, was das denn sei, wird es meist still. Unsere Kulturen sind so vielfältig wie unterschiedlich. 

Ich packe jetzt mal ein Bündel bunte Klischees auf den Tisch, um das überdeutlich zu machen. Was dem Norddeutschen, besonders den küstennahen ihre Shantys und Hans Albers-Standards, das sind dem Bayern Blasmusik und Jodeln (das tut schon beim schreiben weh, ob der ganzen üblen Klischees). Was den einen ihr Karneval ist den anderen ihr Fasching (wer schon mal Helau und Alaaf an den falschen Orten benutzt hat, weiß wie intolerant die Narrenzeit sein kann). Und der Berliner ist dem Berliner eher als Pfannkuchen geläufig

Überhaupt gibt es noch und nöcher lokale Spezialitäten wie Maultaschen, Broiler, Bremer, Braunkohl, Klöße, Kasnocken, Labskaus,… Und zum Teil werden die regional auch ganz unterschiedlich zubereitet. Bier ist vielleicht etwas auf das wir uns als Deutsche einigen könnten (auch wenn der Konsum zurück geht und andere Trendgetränke übernehmen), aber dann bliebe wieder die Frage: Welches? Kölsch, Pils, Alt, Export, Bock, Hell, Dunkel? Die einen mögen es süffig-süß, die anderen lieber herb. Und gibt es nicht auch woanders durchaus gutes Bier? In Tschechien und Polen beispielsweise?

Es gibt bei näherer Betrachtung keine Werte, die das Deutsche an sich ausmachen, wenn mensch nicht weltweit für seine Bürokratie und Paragraphenreiterei bekannt sein will. Ich für meinen Teil kann mich mit meiner Heimatstadt identifizieren. Ohne mich deswegen besser zu fühlen, als Menschen aus anderen Städten. Maximal noch mit meinem Heimatbundesland. Aber trotzdem fordere ich ja nicht, dass sich ein Menschen der aus einem anderen Bundesland hierher zieht, sich dem anzupassen.

Ehrlich gesagt ist es mir egal, wo jemand herkommt, woran sie glaubt, was er gern isst, was er spricht, wie sie lebt. So lange es auf der Grundlage des Grundgesetzes passiert, denn vor dem Gesetz sollten alle Menschen gleich sein.

In diesem Sinne:

Weidmenschsheil!

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