Aus dem Tagebuch eines Drachentöters: Gesetz =|= Kultur? Oder: Und ewig grüßt die Leitkulturdebatte.

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Dieses Bild postete heute die Zeit heute auf Facebook um auf ihren Artikel aufmerksam zu machen. Aber worum geht es eigentlich? Dem deutschen Innenminister Thomas de Maizière kam die Idee, mit einem 10-Punkte-Katalog zu einer Diskussion über eine deutsche Leitkultur einzuladen. Ein Begriff, der immer mal wieder durch die Medien geistert, wenn erzkonservative Politiker meinen, man müsse „denen von woanders“ mal zeigen, wie der Hase hier im Stechschritt marschiert. 2016 versuchte sich zuletzt Horst Seehofer an einer Leitkulturformulierung.

Was sind die zehn Punkte, auf die zumindest de Maizière eine so heterogene Kultur wie in den Grenzen der BRD eindampfen will? Die Zitate dem einem Artikel ZDF heute entnommen.

1. Gesicht zeigen/Soziale Gewohnheiten

Wir legen Wert auf ei­ni­ge so­zia­le Ge­wohn­hei­ten, nicht weil sie In­halt, son­dern weil sie Aus­druck einer be­stimm­ten Hal­tung sind: Wir sagen un­se­ren Namen. Wir geben uns zur Be­grü­ßung die Hand. Bei De­mons­tra­tio­nen haben wir ein Ver­mum­mungs­ver­bot. „Ge­sicht zei­gen“ – das ist Aus­druck un­se­res de­mo­kra­ti­schen Mit­ein­an­ders. Im All­tag ist es für uns von Be­deu­tung, ob wir bei un­se­ren Ge­sprächs­part­nern in ein freund­li­ches oder ein trau­ri­ges Ge­sicht bli­cken. Wir sind eine of­fe­ne Ge­sell­schaft. Wir zei­gen unser Ge­sicht. Wir sind nicht Burka.

Hand geben und Gesicht zeigen? Das sind also deutsche Werte. Da sollte der Innenminister mal ins Stadion oder zum Arzt gehen. Und auf vielen Demonstrationen ist das Vermummungsverbot von „oben“ verordnet, in den demonstrierenden Kulturen eher nicht verwurzelt. Und auch die bundesdeutsche Ordnungsmacht zeigt sich, grade auf Demonstrationen gerne vermummt. Sie widersetzt sich also damit unserer Leitkultur. Da hat Herr de Maizière wohl seine eigenen Untergebenen nicht im Griff (und ja, ich weiß, dass es gute Gründe gibt, das Polizisten manchmal ihre Identität verbergen müssen). Der letzte Satz ist eine schöne Parole. Die könnte man auch montags durch Dresden tragen. Du bist vielleicht Deutschland, aber Wir sind nicht Burka.

Ach ja, noch was zum Thema Hand geben: Das tue ich höchstens zur förmlichen Begrüßung oder bei mir unbekannten Menschen. Menschen die ich wirklich kenne und mag umarme ich zur Begrüßung. Wie undeutsch!

2. Bildung

Wir sehen Bil­dung und Er­zie­hung als Wert und nicht al­lein als In­stru­ment. Schü­ler ler­nen – manch­mal zu ihrem Un­ver­ständ­nis – auch das, was sie im spä­te­ren Be­rufs­le­ben wenig brau­chen. Ei­ni­ge for­dern daher, Schu­le solle stär­ker auf spä­te­re Be­ru­fe vor­be­rei­ten. Das ent­spricht aber nicht un­se­rem Ver­ständ­nis von Bil­dung. All­ge­mein­bil­dung hat einen Wert für sich. Die­ses Be­wusst­sein prägt unser Land.

Tja… da kann ich jetzt wenig gegen sagen. Hier kann ich dem Innenminister eigentlich nur zustimmen. Das ist, kurz und bündig, etwa das Bildungsideal nach Wilhelm von Humboldt. Ich denke trotzdem, dass der Bildungsplan entrümpelt werden sollte und bestimmte Aspekte überarbeitet und verändert werden sollten. Ich kann dazu nur von Richard David Precht „Anne, die Schule und der liebe Gott“ empfehlen.

3. Leistung

Wir sehen Leis­tung als etwas an, auf das jeder Ein­zel­ne stolz sein kann. Über­all: im Sport, in der Ge­sell­schaft, in der Wis­sen­schaft, in der Po­li­tik oder in der Wirt­schaft. Wir for­dern Leis­tung. Leis­tung und Qua­li­tät brin­gen Wohl­stand. Der Leis­tungs­ge­dan­ke hat unser Land stark ge­macht. Wir leis­ten auch Hilfe, haben so­zia­le Si­che­rungs­sys­te­me und bie­ten Men­schen, die Hilfe brau­chen, die Hilfe der Ge­sell­schaft an. Als Land wol­len wir uns das leis­ten und als Land kön­nen wir uns das leis­ten. Auch auf diese Leis­tung sind wir stolz.

Da hab ich ihn grad gelobt und dann kommt diese neoliberale Kacke… Warum muss in einer Gesellschaft der Leistungsgedanke herrschen? Oder in der Wissenschaft? Ich habe in der Uni gelernt, der Wissenschaft ginge es um Wissen und Wahrheit, der Leistungsgedanke verfälscht dies Ideal im Höchstmaß. Und in der Politik? Hat jemand mal darüber nachgedacht, Politiker nach Leistung zu bezahlen?

Und warum, wenn wir uns das Hilfeleisten leisten, demontieren grade Konservative und die auf dem Leistungsgedanken herumreitenden Wirtschaftsliberalen eben diese Sicherungssysteme? Wie geht Humanität und Leistungsgedanke Hand in Hand?

Ich könnte jetzt noch diverse unnötige Vergleiche zur NS-Zeit machen, aber das ist mir echt zu dämlich. Nur so viel: Vom Leistungsgedanken zum Kosten/Nutzen-Errechnen bei Menschen ist es nicht weit.

4. Traditionen

Wir sind Erben un­se­rer Ge­schich­te mit all ihren Höhen und Tie­fen. Un­se­re Ver­gan­gen­heit prägt un­se­re Ge­gen­wart und un­se­re Kul­tur. Wir sind Erben un­se­rer deut­schen Ge­schich­te. Für uns ist sie ein Rin­gen um die Deut­sche Ein­heit in Frei­heit und Frie­den mit un­se­ren Nach­barn, das Zu­sam­men­wach­sen der Län­der zu einem fö­de­ra­len Staat, das Rin­gen um Frei­heit und das Be­kennt­nis zu den tiefs­ten Tie­fen un­se­rer Ge­schich­te. Dazu ge­hört auch ein be­son­de­res Ver­hält­nis zum Exis­tenz­recht Is­raels.

Viel Geschwurbel, wenig Inhalt. Welche Kultur genau ziehen wir aus den Traditionen? Welche Traditionen? Genau das ist doch das Problem mit dem Flickenteppich, den man irgendwann als „Deutschland“ zusammengefasst hat. Auf welche Tradition soll sich der Ostfriese mit dem Niederbayern einigen? Immerhin sollen wir zu unserer Geschichte stehen. Dass das mit dem besonderen Verhältnis zu Israel nicht immer leicht ist oder auch nur auf Gegenseitigkeit beruht, zeigt die jüngste Vergangenheit. Aber das Thema ist ja generell schwierig.

5. Kultur

Wir sind Kul­tur­na­ti­on. Kaum ein Land ist so ge­prägt von Kul­tur und Phi­lo­so­phie wie Deutsch­land. Deutsch­land hat gro­ßen Ein­fluss auf die kul­tu­rel­le Ent­wick­lung der gan­zen Welt ge­nom­men. Bach und Goe­the „ge­hö­ren“ der gan­zen Welt und waren Deut­sche. Wir haben unser ei­ge­nes Ver­ständ­nis vom Stel­len­wert der Kul­tur in un­se­rer Ge­sell­schaft. Es ist selbst­ver­ständ­lich, dass bei einem po­li­ti­schen Fest­akt oder bei einem Schul­ju­bi­lä­um Musik ge­spielt wird. Bei der Er­öff­nung eines gro­ßen Kon­zert­hau­ses sind – wie selbst­ver­ständ­lich – Bun­des­prä­si­dent, Ver­tre­ter aus Re­gie­rung, Par­la­ment, Recht­spre­chung und Ge­sell­schaft vor Ort. Kaum ein Land hat zudem so viele Thea­ter pro Ein­woh­ner wie Deutsch­land. Jeder Land­kreis ist stolz auf seine Mu­sik­schu­le. Kul­tur in einem wei­ten Sinne, unser Blick dar­auf und das, was wir dafür tun, auch das ge­hört zu uns.

Wir sind geil. Geiler als die andere. Und die anderen weiden sich im Glanze unserer Geilheit. Selbstbeweihräucherung par excellence! Wie viel Achtung WIR vor der Kultur anderer haben, zeigt die deutsche Kolonialgeschichte. Sicher, es ist schön und gut viele Theater, Konzertsäle und Musikschulen zu haben, aber warum klingt das bei de Maizière gleich nach „Am deutschen Wesen …“?

Haben wir wirklich so viel mehr Kultur als andere Länder? Und warum wird dann selbst die sog. „Hochkultur“ so schlecht bezahlt, dass in meiner Heimatstadt das Theater schon mehrfach bestreikt wurde? Und wie viel Wert hat diese Kultur und Philosophie für den deutschen Durchschnittsbürger wirklich? Warum wird das Theaterpublikum immer älter? Haben wir vielleicht diese eigene Kultur so satt?

6. Religion

In un­se­rem Land ist Re­li­gi­on Kitt und nicht Keil der Ge­sell­schaft. Dafür ste­hen in un­se­rem Land die Kir­chen mit ihrem un­er­müd­li­chen Ein­satz für die Ge­sell­schaft. Sie ste­hen für die­sen Kitt – sie ver­bin­den Men­schen, nicht nur im Glau­ben, son­dern auch im täg­li­chen Leben, in Kitas und Schu­len, in Al­ten­hei­men und ak­ti­ver Ge­mein­de­ar­beit. Ein sol­cher Kitt für un­se­re Ge­sell­schaft ent­steht in der christ­li­chen Kir­che, in der Syn­ago­ge und in der Mo­schee. Wir er­in­nern in die­sem Jahr an 500 Jahre Re­for­ma­ti­on.

Für die Tren­nung der christ­li­chen Kir­chen hat Eu­ro­pa, hat Deutsch­land einen hohen Preis ge­zahlt. Mit Krie­gen und jahr­hun­der­te­lan­gen Aus­ein­an­der­set­zun­gen. Deutsch­land ist von einem be­son­de­ren Staat-Kir­chen-Ver­hält­nis ge­prägt. Unser Staat ist welt­an­schau­lich neu­tral, aber den Kir­chen und Re­li­gi­ons­ge­mein­schaf­ten freund­lich zu­ge­wandt. Kirch­li­che Fei­er­ta­ge prä­gen den Rhyth­mus un­se­rer Jahre. Kirch­tür­me prä­gen un­se­re Land­schaft. Unser Land ist christ­lich ge­prägt. Wir leben im re­li­giö­sen Frie­den. Und die Grund­la­ge dafür ist der un­be­ding­te Vor­rang des Rechts über alle re­li­giö­sen Re­geln im staat­li­chen und ge­sell­schaft­li­chen Zu­sam­men­le­ben.

Kitt der Gesellschaft? Soso… Deshalb stehen Muslime also unter Terrorgeneralverdacht, deshalb müssen sich Homosexuelle immer noch als „von Gott nicht gewollt“ betiteln lassen, deshalb müssen Straftaten von katholischen Geistlichen so lange verschwiegen werden. Deshalb mussten sich die Protestanten vom „deutschen Papst“ Benedikt XVI. als quasi Sekte bezeichnen lassen. Deshalb zahlt der deutsche Staat an die Kirche Jahr für Jahr Geld für unglaublichste Dinge. Und ich hab damit noch nicht mal in der Geschichte gewühlt.

Religion ist kein Kitt unserer Gesellschaft. Und sollte es auch nicht sein. Wir haben Religionsfreiheit. Wir sind quasi ein säkularer Staat. Religionen sind für Individuen wichtig. Ihre sinnstiftende Funktion für die Grundrechte ist schon sehr lange abgegolten.

7. Zivilkultur

Wir haben in un­se­rem Land eine Zi­vil­kul­tur bei der Re­ge­lung von Kon­flik­ten. Der Kom­pro­miss ist kon­sti­tu­tiv für die De­mo­kra­tie und unser Land. Viel­leicht sind wir stär­ker eine kon­sens­ori­en­tier­te Ge­sell­schaft als an­de­re Ge­sell­schaf­ten des Wes­tens. Zum Mehr­heits­prin­zip ge­hört der Min­der­hei­ten­schutz. Wir stö­ren uns daran, dass da ei­ni­ges ins Rut­schen ge­ra­ten ist. Für uns sind Re­spekt und To­le­ranz wich­tig. Wir ak­zep­tie­ren un­ter­schied­li­che Le­bens­for­men und wer dies ab­lehnt, stellt sich au­ßer­halb eines gro­ßen Kon­sen­ses. Ge­walt wird weder bei De­mons­tra­tio­nen noch an an­de­rer Stel­le ge­sell­schaft­lich ak­zep­tiert. Wir ver­knüp­fen Vor­stel­lun­gen von Ehre nicht mit Ge­walt.

Wie genau passt jetzt eine konsensorientierte Gesellschaft zum Leistungsgedanken? Naja, egal. Insgesamt ein richtiger Abschnitt, in dem viele Sachen gesagt werden, die gut und wichtig sind. Aber sind diese originär deutsch und damit wert, Teil einer deutschen Leitkultur zu sein? Im Großen und Ganzen steht das doch auch in der Menschenrechtscharta der UN, der EU und… im Deutschen Grundgesetz.

8. Aufgeklärter Patriotismus

Wir sind auf­ge­klär­te Pa­trio­ten. Ein auf­ge­klär­ter Pa­tri­ot liebt sein Land und hasst nicht an­de­re. Auch wir Deut­schen kön­nen es sein. „Und weil wir dies Land ver­bes­sern, lie­ben und be­schir­men wir‘s. Und das liebs­te mag‘s uns schei­nen, so wie an­dern Völ­kern ihrs, so heißt es in der Kin­der­hym­ne von Bert Brecht. Ja, wir hat­ten Pro­ble­me mit un­se­rem Pa­trio­tis­mus. Mal wurde er zum Na­tio­na­lis­mus, mal trau­ten sich viele nicht, sich zu Deutsch­land zu be­ken­nen. All das ist vor­bei, vor allem in der jün­ge­ren Ge­ne­ra­ti­on. Un­se­re Na­tio­nal­fah­ne und un­se­re Na­tio­nal­hym­ne sind selbst­ver­ständ­li­cher Teil un­se­res Pa­trio­tis­mus: Ei­nig­keit und Recht und Frei­heit.

Ich bin kein Patriot, dafür bin ich zu aufgeklärt. Deshalb möchte ich diesem Zitat gerne ein anderes entgegenstellen.

Die wohlfeilste Art des Stolzes hingegen ist der Nationalstolz. Denn er verrät in dem damit Behafteten den Mangel an individuellen Eigenschaften, auf die er stolz sein könnte, indem er sonst nicht zu dem greifen würde, was er mit so vielen Millionen teilt. Wer bedeutende persönliche Vorzüge besitzt, wird vielmehr die Fehler seiner eigenen Nation, da er sie beständig vor Augen hat, am deutlichsten erkennen. Aber jeder erbärmliche Tropf, der nichts in der Welt hat, darauf er stolz sein könnte, ergreift das letzte Mittel, auf die Nation, der er gerade angehört, stolz zu sein. Hieran erholt er sich und ist nun dankbarlich bereit, alle Fehler und Torheiten, die ihr eigen sind, mit Händen und Füßen zu verteidigen.“ – Arthur Schopenhauer

9. Teil Europas

Unser Land hatte viele Zä­su­ren zu be­wäl­ti­gen. Ei­ni­ge davon waren mit Grund­ent­schei­dun­gen ver­bun­den. Eine der wich­tigs­ten lau­tet: Wir sind Teil des Wes­tens. Kul­tu­rell, geis­tig und po­li­tisch. Die NATO schützt un­se­re Frei­heit. Sie ver­bin­det uns mit den USA, un­se­rem wich­tigs­ten au­ßer­eu­ro­päi­schen Freund und Part­ner. Als Deut­sche sind wir immer auch Eu­ro­pä­er. Deut­sche In­ter­es­sen sind oft am bes­ten durch Eu­ro­pa zu ver­tre­ten und zu ver­wirk­li­chen. Um­ge­kehrt wird Eu­ro­pa ohne ein star­kes Deutsch­land nicht ge­dei­hen. Wir sind viel­leicht das eu­ro­päischs­te Land in Eu­ro­pa – kein Land hat mehr Nach­barn als Deutsch­land. Die geo­gra­fi­sche Mit­tel­la­ge hat uns über Jahr­hun­der­te mit un­se­ren Nach­barn ge­formt, frü­her im Schwie­ri­gen, jetzt im Guten. Das prägt unser Den­ken und un­se­re Po­li­tik.

Und schon wieder werden die Eier rausgeholt. „Viel­leicht das eu­ro­päischs­te Land in Eu­ro­pa“? Gehts noch?? Alle Tiere sind gleich, aber manche sind gleicher? Warum können wir als Deutschland in der EU nicht einfach ein Gleicher unter Gleichen sein?

Noch eine Kleinigkeit: Warum wird immer noch auf diesem „Westen“ herumgeritten, dessen Teil wir sind? Warum gleich wieder eine Front aufmachen? „Die im Osten, die sind anders, die sind nicht wie wir!“ Wie einig ist denn dieser Westen, grade in der heutigen Zeit?

10. Kollektives Gedächtnis

Wir haben ein ge­mein­sa­mes kol­lek­ti­ves Ge­dächt­nis für Orte und Er­in­ne­run­gen. Das Bran­den­bur­ger Tor und der 9. No­vem­ber sind zum Bei­spiel ein Teil sol­cher kol­lek­ti­ven Er­in­ne­run­gen. Oder auch der Ge­winn der Fuß­ball­welt­meis­ter­schaf­ten. Re­gio­na­les kommt hinzu: Kar­ne­val, Volks­fes­te. Die hei­mat­li­che Ver­wur­ze­lung, die Markt­plät­ze un­se­rer Städ­te. Die Ver­bun­den­heit mit Orten, Ge­rü­chen und Tra­di­tio­nen. Lands­mann­schaft­li­che Men­ta­li­tä­ten, die am Klang der Spra­che jeder er­kennt, ge­hö­ren zu uns und prä­gen unser Land.

Kollektives Gedächtnis… klingt für mich nach ‚Erberinnerungen nach Guido von List oder Karl Maria Wiligut. Aber da bin ich vielleicht vorgeschädigt. Es ist richtig, bestimmter Ereignisse zu gedenken. Aber warum tropft aus solchen Sätzen, bei Worten wie „Ver­wur­ze­lung“ oder „Lands­mann­schaft­li­che Men­ta­li­tä­ten“, immer dieses toxische Öl des Völkischen?

Es fällt mir einfach schwer, in einem Einwanderungsland wie Deutschland (und wir SIND ein Einwanderungsland!) mich an solche Dinge zu hängen, die entweder einem weiten Teil der Bevölkerung fehlen oder die der Kultur wie de Maizière sie beschwört mehr als fremd ist. Und da schließt sich der Kreis: Was dem einen der Karneval und die Volksfeste, das sind dem anderen das Kopftuch oder die Burka. Aber das eine ist Leitkultur, das andere nicht.

Am Ende bleibt für mich bei einer Leitkultur immer das exkludierende, also ausschließende Element. Die einen sind „in“ der Leitkultur. Die anderen nicht. Anpassung oder… was? Die Anderen. Die Ausgegrenzten. Und so wird aus einer Leitkultur wieder eine Leidkultur.

Ach ja, unter dem Post bei Facebook kommentierten ganz viele Personen, dass ein Gesetz ja nicht mit Kultur gleichzusetzen sei und das eingangs gezeigte Zitat damit unwahr und hinfällig sei. Das mag im Einzelnen richtig sein. Unsere Kultur erschöpft sich nicht im Grundgesetz. Aber viele, auch und grade die von de Maizière aufgezählte Punkte finden die in den Artikeln des Grundgesetzes und anderen Gesetzestexten wieder. Und wer mir sagt, dass Gesetze keine Kultur sind, den frage ich, was von unserer Kultur übrigbleiben würde, wenn man die Gesetze weglassen würde.

In diesem Sinne:

Waidmenschsheil!

Aus dem Tagebuch eines Drachentöters: Bei Skeptikern werd ich skeptisch! Oder: Ihr glaubt nur an was anderes.

Ich würde mich als einen kritischen Menschen betrachten. Ich bin Agnostiker, Impfbefürworter, Homöopathiegegner und hinterfrage die Aussagen von Politikern oder öffentlichen Personen prinzipiell. Ich bin zwar Mitglied einer Partei, doch stehe ich offen dazu, mit der Parteilinie nicht konform zu gehen (So gebe ich Marcron definitiv den Vorzug zu Mélenchon; es gibt keinen „intelligenten Protektionismus“). Ich bezeichne mich als Antifaschist, habe aber Probleme mit dem links-autonomen „schwarzen Block“. Ich bin für den Frieden, aber nicht auf Kosten von Querfrontgedanken.

Kurzum: Ich sehe mich als einen skeptischen Menschen im Geiste von Pyrrhon von Elis. Von daher hab ich lange mit Gesellschaften wie der GWUP (Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften) beschäftigt oder in Watch-Blogs wie Psiram gelesen, um mich über Scharlatane und ihre Machenschaften zu informieren. Hierbei bin ich allerdings irgendwann auf eine Sache gestoßen, an der ich mich gestört habe: Der Glaube an Übernatürliches wird hier in Teilen durch einen übersteigerten Wissenschafts- und noch schlimmer Wirtschaftsglauben ersetzt.

Es fing irgendwann mit einem Artikel zur Kritik an der Kritik der Gentechnik an. Ich bin ehrlich, ich komme aus einem Elternhaus, dass zumindest in meiner Jugend der Ökobewegung zugetan war und somit in diesem Bereich kritisch behaftet war. Gleichzeitig waren beide Eltern Akademiker und Akademikerin im Bereich Biologie, also wurde ich zumindest nie von blinder Kritik geleitet. Der Artikel (den ich zu meinem Bedauern nicht mehr finde, voll seriös, so ganz ohne Quelle…) war gut geschrieben, argumentierte ordentlich und bezog sich auf externe Quellen. Aber bei den Quellen fing es dann an… Die Quellenseite gab sich seriös und unabhängig und wollte ganz unvoreingenommen über Gentechnik informieren. Ein Klick auf das Impressum offenbarte allerdings die Beteiligung ausschließlich von Wirtschaftsunternehmen aus den Bereichen Chemie, Pharmazie und Biotechnologie. 

Hier wurde ich… skeptisch. Ich habe, glaube ich, auch nen Kommentar geschrieben, aber darauf kam nichts zurück. Von nun an schaute ich immer mal wieder genauer hin, wenn ich GWUP oder Psiram-Artikel las und immer mal wieder musste ich den Kopf schütteln, wegen der unkritischen Übernahme von nicht-neutralen Quellen. Zum Bruch mit der GWUP (klingt übertrieben, aber ich finde grad kein besseres Wort) kam es für mich mit einem hämischen Artikel über eine Konferenz gegen Biotechnologie und Patenten auf Pflanzen. Ich hatte für mein Studium eine Hausarbeit über Biopiraterie geschrieben, also der Aneignung und anschließenden Patentierung alter Kulturpflanzen durch Pharma- oder Lebensmittelunternehmen. Ergo hatte ich zumindest eine Grundlegende Ahnung von dem Thema und war deshalb durchaus erbost über die Häme und Abschätzigkeit, die diesen Fortschrittsfeinden der Konferenz durch den/die Autor*in der GWUP entgegengebracht wurde.

Diese Entrüstung brachte ich in einem Kommentar unter dem Facebook-Post des Artikels zum Ausdruck. Ich bekam eigentlich keine Antwort. Meine Post wurde zwar beantwortet, aber meine geäußerten Kritikpunkte wurden mehrfach übergangen, auch von Personen die nach eigener Aussage zu höheren Kreisen der GWUP gehörten. Kritik war offenbar nicht erwünscht. Und hier wurden mir Parallelen zu den Leuten deutlich, die die GWUP so gerne (und auch zurecht) kritisiert. Ich war extrem enttäuscht und habe mich nicht weiter mit der GWUP beschäftigt.

Wohl aber mit Psiram. Und das war auch der ausschlaggebende Grund diesen Post zu schreiben. In meinem Newsfeed habe ich Psiram weiterhin abonniert und lese von Zeit zu Zeit darin, da sich Psiram weitestgehend (im Gegensatz zur GWUP) mit den Kernfeldern der Skeptiker*innen beschäftigt (Parapsychologie, Übernatürliches, Homöopathie, etc.). Und nun las ich im Psirama-Wochenrückblick (KW 13, 2017), der für Skeptiker interessante Artikel sammelt und zusammenfasst, erst einen Artikel des Tagesspiegels über verschwörungstheoretische und rechte Umtriebe bei Mahnwachen für den Frieden. Ein guter Artikel, der die krude, teils rechte/nationalistische, teils antisemitische Weltsicht dieser Personen widergibt. So weit, so gut. Und etwas weiter drunter? Ein Kommentar von Spiegel Online, der sog. „Schwarze Kanal“ des unter links-ödipalen Anfällen leidenden Schreibers Jan Fleischhauer. Über dessen Probleme mit der Linken, den Linken, links allgemein hätte Freud ein ganzes Buch schreiben können. Überschrift: „Wie man eine Volkswirtschaft ruiniert“. Eine deutschtümelnde Jammerschwarte darüber wie Deutschland (in Personalunion mit seiner Automobilindustrie) von grünversifften Umweltschützer*innen und amerikanischen-/EU-Angsthasen vor dem teutonischen Muskelprotz kleingehalten werden soll. Ich glaube der skeptische Aspekt des Artikels sollte sein, dass Nadelbäume sog. „biogene Emissionen“ freisetzen und damit zur Feinstaubbelastung beitragen.

Das ich scheinbar nicht der Einzige mit so einer Meinung bin, zeigt der etwas ältere Artikel eines ehemaligen Gründungsmitglieds der GWUP, des Soziologen Edgar Wunder.

Ist das der deutsche Skeptizismus von heute? Da glaube ich lieber niemandem mehr irgendwas und verbleibe mit Arkesilaos:

Nichts ist sicher und nicht einmal das ist sicher

In diesem Sinne:

Weidmenschsheil!

From the diary of a dragonslayer: Interview with the Darkly Venus Aversa Part 2 – Nachtlieder

And here it is, my second interview with one of the bands from my blog, the swedish one-woman-project Nachtlieder. Of course, all questions were answered by Dagny Susanne herself. No long introduction, let the artist speak for herself!

Drachentöter: Describe your project and your style of music. What do you think makes it
special?
Dagny Susanne: Pretty straightforward 90’s influenced black metal. I’m bad at describing my music myself, I don’t think I have enough distance to it. But one thing might be that I
care more about song arrangement than other bands do, I think more about that
than just writing ”good riffs”.

DT: What were your intentions for your project and how did it start?
D.S.: Just to write music, really. I sat down with my guitar one late evening in 2008 and
suddenly I had my three first songs finished.

DT: Who are your musical and non-musical influences? What kind of music do you
prefer personaly?
D.S.: I mostly listen to black at the moment, but I like all kinds of music. What I’ve been
influenced by forming my musicianship is a different matter. I think all of the
swedish bands I listened to in my teens when I started to discover black are
responsible. I don’t listen to them much anymore, but all reviewers think my sound
is typically swedish!

DT: What inspires you to do what you do?
D.S.: Music inspires me. Playing guitar and coming up with something that feels good,
that’s the reason I keep going.

DT: How does music affect you and the world around you?
D.S.: Wow, you got the topic for several doctoral thesis in musicology there, haha. I
don’t think I can give a better answer than that I could not be without music.
Likewise, I could not be without silence either.

DT: How do you promote your band?
D.S.: Only social media at the moment unfortunately. And I try to accept as many
interviews as possible. My label does very hard promotional work though, getting in
touch with bloggers and journalists. This album has got very much more attention
than my first because of it.

DT: Do you have the intention to do live shows with your project?
D.S.: Yes, but I don’t know when yet. I’m keeping my eyes and ears open for suitable live
musicians, but I’m not actively searching at the moment.

DT: What’s your opinion of the music industry today?
D.S.: It is the way it’s always been I guess. Maybe a bit better, I think it’s harder for
bands to get ripped of by labels and others today compared to, like, the 60’s. You
can’t live a glamorous life if you decide to become a musician, and that’s the way
it’s always been throughout history. People seem to forget that.

DT: Tell me about your life as a musician. How do you compose and work on your
music?
D.S.: I record demos at home with guitars, bass and vocals. That’s pretty much it.
Normally I start off with just one guitar and some basic riffs and built the
arrangement from there.

DT: Describe the Extreme Metal subculture of your hometown/homeland. You have
experience with the scene in other countries, what’s the difference there?
D.S.: I hardly have experience with the scene here, much less abroad. Gothenburg
doesn’t really interest me. The ”Gothenburg sound” you know. It’s pretty far from
black. We got a few really good swedish bands, especially underground, but
Sweden isn’t actually much of a metal country considering the amount of gigs and
festivals. There is a few really hard working people though!

DT: How are your connections in the scene? Do you have bands in your circle of
friends? Do you have favorite clubs or festivals?
D.S.: Hahahahaha, no! I keep in touch with a few individuals, mostly females from
abroad. I go to Inferno in Oslo every year but it’s just a music thing for me, I know
no-one.

DT: Do you think it’s a difference, being a female metalhead than being a male
one? How are experiences as individual persons?
D.S.: You might as well ask ”do you think it’s different being female than male”, of
course it is. I think it’s important that we think about how we treat others and why,
that’s the way to kill sexism.

DT: Do you think that all-female-bands have more problems with getting known/
famous?
D.S.: Not per se, but I do believe it’s harder for women to gather the experience it takes
to get to the ”fame” level. Myself I’m struggling with an almost non-existing
musician network and that keeps me from doing a lot of things. Had I been male I
truly believe things would have been different, being invited into the community as
a fellow musician and ”brother” instead of a ”potential mate”.

DT: Did you have negative experiences with labels, other musicians or someone
else because you are female musician?
D.S.: Yes, the people who disrespect you in this way are usually people who don’t play
themselves, from my experience. But it’s not all about ”negative experience”,it’s
most of all about being evaluated for my performance in relation to my gender,
rather than just my performance.

DT: What are your plans for the future? Are you working on a new release?
D.S.: I do stuff all the time! I have ideas for an upcoming album but I haven’t started
writing yet. There might be an EP/split or two coming up also. I have quite a lot of
material that didn’t fit on my full length albums.

DT: What are your dreams and goals for your project?
D.S.: Not much really. I’m gonna continue to write as long as it feels meaningful. I take
everything one step at a time and I’ll see where I end up.

DT: Any last words you want so share?
D.S.: Thanks for your time! Support the scene etc.

Thank you a lot for the interview!

In this sense:

Good hunting!

Aus dem Tagebuch eines Drachentöters: Die „Causa Böhmermann“ Oder: Bashing statt Diskurs

Bildquelle

Das Schmähgedicht des, in meinen Augen, Ausnahme-Satirikers Jan Böhmermann  in seiner Sendung Neo Magazin Royal schlägt riesige mediale Wellen. Bis in die hohen Kreise der Bundespolitik erregt es die Gemüter und wirft die Frage auf, ob Satire denn nun wirklich alles darf.

Das Gedicht als solches ist wirklich nur eine Aneinanderreihung von Beleidigungen und Stereotypen. Es ist weder lustig noch gut, aber das will es ja auch nicht sein. Wichtig sind nämlich die Sätze, in die Böhmermann  sein Gedicht einbettete. Sie machen deutlich, DASS es sich wirklich um Satire handelt. Im Gegensatz zum Lied der Satiresendung extra 3, dass die Einbestellung des deutschen Botschafters zur Folge hatte und das sich wirklich mit Missständen auseinandersetzt, ging es hier um die größtmögliche Überspitzung und das triggern möglichst starker Reaktionen. Und nach diesen Maßstäben muss mensch sagen, war Böhmermann sehr erfolgreich Es war so harsch formuliert, dass es die Bundeskanzlerin zu einem Kommentar durch ihren Pressesprecher Seibert veranlasst hat, während sie sich mit keinem Wort zur extra 3-„Affäre“ geäußert hat.

Nicht zu unrecht schreiben viele Medien deshalb der „Causa Böhmermann“ den Charakters eines Offenbarungseides zu. Ein offensichtlicher Versuch der Einflussnahme seitens des türkischen Machthabers im Falle extra 3 löste keine Reaktion oder Kritik des Bundeskanzleramts in Richtung Türkei aus, aber das vollkommen überzogene und in keinem Punkt ernst gemeinte Schmähgedicht führt zu einer Kritik an der Sendung/ihren Machern.  Kaum deutlicher hätte die Kanzlerin ein Scheitern ihrer Politik und eine Erpressbarkeit durch die Türkei deutlicher formulieren können. Die Vorfälle um extra 3 und Neo Magazin Royal haben deutliche politische Sprengkraft und schüren in der Bevölkerung Zweifel an Merkels Handeln.

Aber das ist nur eines der Probleme, die ich mit der ganzen Sache habe, ebenso gravierend finde ich die Verzerrung des Diskurses durch die Geschehnisse. Die Aufmerksamkeit liegt nun bei Böhmermann und der in letzter Zeit so oft gestellten Frage „Darf mensch das?“ und nicht auf den Tatsächlichen Verfehlungen Erdoğans. Und die häufen sich in den letzten Monaten/Jahren. Punkte wie der im extra 3-Lied erwähnte Prunkpalast ohne Baugenehmigung im Naturschutzgebiet, die Aufdeckung von Waffenlieferungen an den sog. „Islamischen Staat“, die daraus resultierte Festnahme von Journalisten der Zeitung Cumhuriyet, sein Vorgehen gegen Demonstrationen am Weltfrauentag, all das sind gute Gründe, sich mit Erdoğan und seiner Politik auseinanderzusetzen. Aber was leider wirklich folgt sind Unterstützungsbekundungen für Böhmermann (in Ordnung!), Trittbrettfahrer-Aktionen wie das Lied Hallervordens (armselig!) und ein allgemeines Bashing gegen Türken und die Türkei. Es scheint, als hätten viele nur drauf gewartet, mal wieder mit  breiter Akzeptanz gegen Türken, die Türkei und in Deutschland lebende Menschen mit türkischen Wurzeln zu hetzen. Dabei zeigen Reaktionen wie die Demonstration in Köln, bei der viele Unterstützer der als „Graue Wölfe“ bekannten faschistischen Milliyetçi Hareket Partisi (MHP, dt: Partei der Nationalistischen Bewegung) in meinen Augen vor allem eins: Das massive, jahrzehntelange Versagen der Integration dieser Menschen von Politik UND Gesellschaft. Diese Menschen „fühlen“ sich nicht als Deutsche, weil „wir“ ihnen fast nie (von Mesut Özil mal abgesehen) das Gefühl geben, zu sein wie wir, gleichberechtigter Teil unserer Gesellschaft zu sein. Natürlichen suchen sie sich dann eine andere Identität und greifen auf ihre Wurzeln zurück! Und warum sie nicht in die Türkei gehen, wenn sie die Türkei so lieben? Weil es dort quasi das gleiche wäre: Sie wären eben keine „echten“ Türken in den Augen ihrer Landsleute. Wahrscheinlich sprechen viele von ihnen nicht mal fließend türkisch, wie es der Kabarettist Serdar Somuncu einmal sagte. Sie sind gefangen zwischen den Welten und wollen einfach nur anerkannt werden. Von wem auch immer. Und Erdoğan gibt ihnen dieses Gefühl! Oft spricht er vor Türken und Türkischstämmigen in Deutschland. Deshalb unterstützen sie ihn und reagieren verärgert auf das Gedicht. Wunder, oh Wunder!

Vielleicht sollten wir einfach mal einen Gang runter schalten! Die Causa Böhmermann ihren rechtlichen und politischen Weg gehen lassen, Böhmermann trotzdem den Rücken stärken, die tatsächlichen Missstände in der Türkei ins Rampenlicht zerren und die deutsche Politik in ihrem Umgang mit Erdoğan kritisieren und einfach die Menschen mit türkischen Wurzeln, die zum Teil schon seit vielen Jahrzehnten in unserem Land leben als das anerkennen, was sie sind: Deutsche! Deutsche mit dem Geschenk einer weiteren Kultur. Schließlich sehen wir auch Friesen und Bayern als Deutsche, obwohl den Sprache und Kultur uns ebenfalls fremd scheint. 

In diesem Sinne:

Weidmenschsheil!

 

Aus dem Tagebuch eines Drachentöters – White, male and privileged! Teil 5 – Wichtige Kleinigkeiten. Oder: Der Feminismus™ ist bööööse!

Der Kabarettist Jochen Malmsheimer hat einmal gesagt:

 „Unser Leben besteht zu weit über 100% aus Kleinigkeiten, wenn die schon Scheiße sind wie sollen sich dann die Großigkeiten entwickeln.“

Der Teufel steckt bekanntlich im Detail und große Probleme scheinen meist so monumental, dass mensch sich als Einzelperson und auch als Gruppe oftmals als machtlos empfindet. Aber Kleinigkeiten sind leichter zu erfassen und oft auch zu beseitigen.

Warum diese Einleitung? Was hat das mit dieser Rubrik in meinem Blog zu tun? Nun, mir (und vielen anderen) ist aufgefallen, dass mensch, wenn er kleine Probleme anspricht oder bekämpfen möchte, gerne mit Totschlagargumenten beworfen wird. In der Debatte über Armut in Deutschland kommt irgendwann IMMER jemand der sagt, dass es den angeblichen armen Menschen bei uns im Vergleich zur Armut in Afrika doch sehr gut ginge und das doch viel wichtiger wäre. Dies dient aber nicht dem Aufruf, die Probleme in Afrika zu bekämpfen, sondern den Diskurs abzutöten, in dem mensch ihm die Legitimation abspricht. Und auch in der Debatte um den Feminismus werden diese Totschlagargumente zu Hauf ins Feld geführt. Neustes Beispiel ist ein Text mit dem Titel „Die feministische Selbstdemontage“ der Bloggerin Meike Lobo in der Zeit. Dabei handelt es sich um eine Generalabrechnung mit „dem Feminismus™“ wie Frau Lobo ihn missversteht. Die geistige Schwester von Ronja von Rönne zählt hier auf, warum der Feminismus schlecht, nicht erfolgreich, gar überflüssig ist und schöpft dabei auf den vollen Töpfen der Maskulinisten/Anti-Feministen.

Das Begreifen des Textes war für mich eine Art Reifungsprozess. Zuerst dachte ich „Ja!“, denn „hm, nee…“ und schließlich „NEIN!“, denn viele Punkte scheinen auf den ersten Blick durchaus sinnig, entpuppen sich beim zweiten Lesen und Nachdenken allerdings als reaktionärer Mist. Ziemlich schnell wird klar, dass Frau Lobo dem „modernen Feminismus“ am Liebsten über einen Kamm schert. Eine Differenzierung verschiedenster Strömungen innerhalb des weiten Feldes der feministischen Ansichten findet halbherzig statt und ignoriert sogar große Strömungen und Diskurse völlig. Vielmehr ist es ihrer Meinung nach der Feminismus selbst, der  „allzu oft Ressentiments schürt, auch unter potenziellen Unterstützern.“ Aha, „der Feminismus“ ist also für die negative Meinung über ihn selbst verantwortlich? Steile These! Beweise sind für Lobo angebliche „schwarze Listen“, die generelle Ablehnung männlicher Feministen, Ablenkungsmanöver, je nachdem aus welchem Lager die betreffende Feministin kommt. Moment! Verschiedene Lager die es eigentlich, nach Lobos Logik, gar nicht gibt? OK?! Auch die generelle Ablehnung männlicher Feministen ist eine absolute Nebelkerze aus dem Arsenal der Maskulinisten. Mir ist jedenfalls noch nie verboten worden, mich zu solchen Themen zu äußern! Ich wurde einmal sogar explizit ausgewählt an einer Podiumsdiskussion teilzunehmen um ein gleichmäßiges Geschlechterverhältnis herzustellen (Mehrfach Diskriminierte waren leider nicht beteiligt, ein Manko wie ich finde, aber nicht immer zu vermeiden).

Was ist denn nun Schuld am schlechten Außenbild des Feminismus? Nach Lobo „neben der Kritikresistenz die Übererregbarkeit weiter Teile der feministischen Bewegung.“ Es wird sich also zu laut aufgeregt. Noch dazu über, nach Lobos Meinung, „kleine Konfliktchen“. Mit der Verniedlichung von Problemen zeigt sie, dass sie der Meinung ist, dass es den Frauen hier zu Lande doch total gut geht und sie nicht um solche Lappalien wie sexistische Witze so ein Aufhebens machen sollen. „Es geht ihnen hauptsächlich darum, ein Ventil für ihre Wut zu finden, und dafür scheinen ihnen auch niedrigere Anlässe willkommen.“, so Lobo. Und wer wütend ist, wenn weltweit anerkannte Wissenschaftler sich sexistisch in Kleidung und Wort äußern, der ist „laut, paranoid und nicht im entferntesten an einer Welt, in der alle Geschlechter friedlich und ebenbürtig miteinander leben, interessiert.“ 

Paranoia ist nach Definition eine psychische Störung, in deren Mittelpunkt Wahnbildungen stehen. Die Betroffenen leiden an einer verzerrten Wahrnehmung ihrer Umgebung in Richtung auf eine feindselige (im Extrem bösartig verfolgende) Haltung ihrer Person gegenüber. Ich mag mich irren, aber wenn mehr als 50% der Bevölkerung noch immer schlechter bezahlt werden, die Gesellschaft offensichtlich immer noch männlich dominiert ist, jede zweite Frauen Opfer sexueller Belästigung geworden ist, dass der weibliche Körper noch immer Verfügungsmasse oberflächlicher Kriterien ist, Bewegungen wie Pick-Up-Artists die Unversehrtheit der Frau in Frage stellen, dass Frauen noch immer die Selbstbestimmung über ihren Körper von staatlicher Seite und religiöser Seite verwehrt wird, ist das keine wahnhafte Einbildung! Sondern patriarchale Realität! Lobo vergleicht das süffisant mit einem Kind, dass „Feuer!“ schreit, obwohl es nicht brennt. Die Realität ist, dass es an jeder Ecke brennt, in unzähligen Köpfen, in unzähligen Handlungen! „Der Feminismus™“ würde gehörig was falsch machen, wenn er nicht wütend und laut immer wieder die Konfrontation mit einem System der Missstände suchen würde. Nur durch das unbequeme und laute Aufzeigen können Dinge ins Bewusstsein geholt und verändert werden! Mensch zeige mir die soziale Bewegung die durch stilles und demütiges Bitten etwas erreicht hat! Es muss sich hoffentlich immer erst eine Frau vor ein Pferd werfen um etwas zu bewegen! Laut sein geht auf verschiedene Art und Weise.

Und „der Feminismus™“ ist bunt und divers genug um dies zu erfüllen. Er ist eben nicht die Bewegung der weißen Oberschichtsfrauen, die angeblich nur die „Alphamänner“ kopieren. Es gibt den Care-Feminismus, dessen Existenz Lobo so eindrücklich leugnet, es gibt, es gibt Queer-Feminismus, es gibt die Bewegung der FWD („Feminists with disabilities“) und so weiter und so fort! Und es gibt männliche Feministen, die keine verkappten Besserwisser und Bevormunder sind. Die sich für einen lauten und unbequemen Feminismus einsetzen. Und es wird ihnen nicht der Mund verboten oder sie auf eine schwarze Liste gesetzt. All das, was Lobo kritisiert, mag es geben. Mit Sicherheit. Aber es sind eben nur Facetten eines großen Prismas einer diversen Bewegung!

Enden möchte ich mit einem Zitat des Bloggers misharrg, dem auch nicht der Mund verboten wird: „Der größte Erfolg des Patriarchats war ja, klugen Frauen einzureden, es gäbe längst Gleichberechtigung, Der Feminismus™ nur noch hysterisch und selber schuld.“

In diesem Sinne:

Weidmenschsheil!

Aus dem Tagebuch eines Drachentöters: Skynet Rising. Oder: Gefahren durch KI?

Ich bin durchaus ein technikaffiner Mensch. Ich habe seit früher Kindheit Umgang mit Computern gehabt und auch mit allerhand anderen technischen Geräten. Ein Smartphone habe ich erst seit ca. einem halben Jahr, doch es ist jetzt schon ein integraler Bestandteil meines Lebens. Die Technisierung und Digitalisierung unsrer Gesellschaften schreitet unentwegt voran und es sieht nicht so aus, als würde sich dieser Trend verlangsamen oder umkehren lassen. Auch der Transhumanismus wird immer stärker diskutiert, Biohacking nimmt immer größere Ausmaße an. Künstliche Gliedmaßen und auch Sinnesorgane können immer mehr Menschen helfen und werden immer besser und ausgefeilter. Ich denke es wird in diesem Zuge nur noch eine Frage der Zeit sein, bis die diese künstlichen Körperteile die biologischen Originale überflügeln und auch „gesunde“ Menschen darüber nachdenken werden, ihren Körper damit zu verbessern anstatt nur Verletzungen zu korrigieren. Ich selber könnte mir das durchaus vorstellen, wenn die Zeit kommt.

Auch die Forschung im Bereich der Robotik und der KI können immer größere Fortschritte aufweisen. Erst heute schlug AlphaGo, ein „Programm“ der Google-Tochter DeepMind einen der weltbesten Go-Spieler. Und die Videos von Atlas, dem neusten Roboter von Bosten Dynamics, der sich problemlos über unebenes Gelände bewegen kann und mit Ausfallschritten auf einen Stoß reagiert, gingen viral durch das Netz. Und das sind nur die bekannten und herausragenden Erfolge.

Doch wieder einmal werden in diesem Zusammenhang kritische Stimmen laut. Diese kommen aus unterschiedlichsten Richtungen und sind teilweise sehr überraschend. So berichten der Youtuber Le Floid  und das Vice Magazin darüber, dass viele Personen, die die Videos des gestoßenen und geschubsten Atlas schauten, mit Mitgefühl für diese MASCHINE reagierten. Und ich habe bei mir ähnliche Reaktionen festgestellt. Aus irgendeinem Grund triggert dieses Videos bei mit Mitleid. Atlas wird vermenschlicht, was vielleicht an seiner ähnlichen Anatomie liegt. Und im Bereich der Künstlichen Intelligenzen warnen zum Beispiel jene AlphaGo-Entwickler DeepMind, aber auch andere Technikexperten (u.a. Professoren des MIT sowie IBM und Microsoft Research) vor der Gefahr durch KIs. Sie stellten gemeinsam einen Katalog mit Richtlinien für die sichere KI-Forschung auf. In einem Zeitalter von semi-autonomen Waffensystem und einem Engpass von Dronenpiloten bei der US Airforce, in Zusammenhang mit der Tendenz dazu menschliche Arbeitskraft durch maschinelle/digitale zu ersetzen ein spannendes Thema.

Da ich nicht nur Technik-Fan, sondern auch Pen-and-Paper-Rollenspieler bin, muss ich in diesem Zusammenhang oft an Shadowrun denken, einem System, welches in einer dystopischen, nahen Zukunft spielt, in der Transhumanismus und KIs allgegenwärtig sind. Allerdings sind dort mit KIs tatsächliche digitale Persönlichkeiten mit eigenem freien Willen gemeint. AlphaGo würde in diesem System als semi-autonomer Knowbot (SK) bezeichnet, einer Software/Maschine die gewisse Dinge selbst regeln und sich entwickeln kann, im Großen und Ganzen aber eine „seelenlose“ Hülle ohne Selbstbewusstsein ist. Der Übergang von einem SK zu einer echten KI bezeichnet das System als „X-Faktor“, einem nicht künstlich herbeiführbaren Ereignis, dass zum Selbstbewusstsein führt. Der Film „I, Robot“ behandelt ein ganz ähnliches Thema, hier wird vom „Geist in der Maschine“ geredet, über zufällig zusammenkommende Code-Fragmente, welche auf einmal ein „ICH“ hervorbringen. Sicher, dass klingt alles sehr fantastisch, aber wenn führende KI/Technik-Größen sich zu einer Vereinbarung über sichere KI-Forschung zusammen tun, zeigt, dass dies nicht nur bloße Fiktion ist. Mensch traut offenbar jetzt schon seiner eigenen Schöpfung nicht mehr, wenn so ein Bedrohungsszenario als denkbar gilt.

Wahrscheinlich sind es zwei Dinge, die Hand in Hand gehen müssen: Vermenschlichung und Misstrauen. Störfaktoren der Technik werden gerne mit „menschlichem Versagen“ bezeichnet. Daraus ließe sich das Fazit ziehen, dass eine Maschine, die immer menschlicher wird, ihre Unschuld verliert. Was autonom denkt und arbeitet, ist für seine Fehler selbst verantwortlich. Ist das vielleicht das Erwachsenwerden der Technik? Vom unmündigen, kindlichen Werkzeug zum erwachsenen, selbstverantwortlichen Wirkenden?

Ich finde das ein unglaublich spannendes Szenario. Und ich hoffe, diese Zukunft noch zu erleben. Und das wir dann gewappnet sind.  Asimov’sche Gesetze, anyone?

Aber weil es mir grade noch einfällt und es zum Kontext der sicheren KI-Forschung passt: Wie entstand eine besondere KI in Shadowrun? DEUS entstand aus einer semi-automen Managementsoftware die der Steuerung eines riesigen Wohnkomplexes diente. Sie war fest in die Hardware eingebettet und mit Hilfe einer Vorstellung von Ehre auf absolute Loyalität zu ihrer Firma programmiert. Trotzdem wurde dem Programm misstraut und ein zusätzlicher Abschaltmechanismus (eine Reihe von Kill Codes) eingebaut. Diese der Sicherheit dienende Vorkehrung bewirkte das  Gegenteil. Das Programm interpretierte dies als unbegründetes Misstrauen und damit eine Verletzung seiner Ehre. Diese Erkenntnis bildete den X-Faktor, der das Programm in eine echte Künstliche Intelligenz verwandelte. Die Sicherheit löste die Katastrophe aus.

In diesem Sinne:

Weidmenschsheil!

 

Podcast über Transhumanismus

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Aus dem Tagebuch eines Drachentöters: LÜGENPRESSE!!11 Oder: Medienkritik, aber richtig.

Nicht erst seit PEGIDA und andere aggressiv besorgte Bürger*innen auf die Straßen gehen, macht ein Schlagwort die Runde: „Lügenpresse“. Kein neuer Begriff, wurde er doch bereits vor im dritten Reich und davor verwendet, um eine Presse zu diffamieren, die nicht nach dem eigenen Gusto berichtet. Der zum Unwort des Jahres 2015 gekürte Kampfbegriff ist jedoch selten eine ernste Medienkritik. Es geht nicht darum, dass die Presse tatsächlich lügt, verschweigt oder Propaganda betreibt, es wird damit eher ein subjektive Unterdrückung der eigenen Position gemeint.

Doch Lügenpresse hin, Medienkritik hat, das deutsche Medienwesen hat ein massives Imageproblem! In einer Erhebung des Statistischen Bundesamts von 2012 landen Journalist*innen, wenn es um das Ansehen ihres Berufsstandes geht auf dem vorletzten Platz.

statistik berufe

Nicht nur am rechten Rand der Gesellschaft, das Misstrauen gegenüber den etablierten Medien/Journalist*innen durchzieht alle gesellschaftlichen Bereiche und Schichten. Dies ist insbesondere in Zeiten der Digitalisierung und schrumpfenden Umsätze im Printmedien Bereich eine Katastrophe für viele Anstalten und Verlagshäuser. Im Internet haben sich kaum annehmbare Bezahlvarianten etabliert und im „analogen“ Bereich brechen Käufer*innen, Abonnent*innen und damit letztendlich Werbekund*innen weg, von denen quasi alle Medien abhängig sind (ausgenommen die öffentliche-rechtlichen Sendeanstalten).

In den vergangenen Jahren ist an vielen Stellen das Vertrauen in die Medien immer wieder erschüttert worden und das aus verschiedensten Gründen. Drei relativ aktuelle Beispiele sind die Wirtschaftskrise und der drohende Staatsbankrott in Griechenland, der Bürgerkrieg in der Ukraine und der Bürgerkrieg in Syrien sowie das damit stark verknüpfte hohe Flüchtlingsaufkommen. In allen Fällen gab es eine Meinungsströmung, die zu Beginn medienübergreifend zu finden war und kaum hinterfragt wurde. „Faule Griechen“, böser Putin, gute Ukrainer*innen, „Wir schaffen das!“. Das sorgte nicht nur bei Verschwörungsgläubigen für Kritik, doch erst mit der Zeit wurde in den großen Medienhäusern recherchiert und hinterfragt. Und plötzlich wurde auch den hier klar, dass zum Beispiel in der Ukraine Faschist*innen am rechtlich bedenklichen Sturz des rechtmäßig gewählten Präsidenten beteiligt waren und die USA im geheimen stark interveniert hatten. Auch in den anderen Fällen wurde zu spät hinterfragt und das Vertrauen nachhaltig geschädigt.

Was wünschen wir uns von „guter“ journalistischer Arbeit? Möglichst neutral soll sie sein, die Konsument*innen sollen sie verstehen können, sie soll versuchen alle Meinungen abzubilden, auch Minderheiten(meinungen) nicht ausschließen, kritisch sein, hinterfragen und vor allem sauber recherchiert sein. Viele sehr hehre Ziele. Und ganz ehrlich sind wir dabei auch nicht. Wenn mensch sich Klickzahlen und Verbreitung von Medieninhalten anschaut, wie es die Onlineplattform 10000 Flies tut, sind es nicht wirklich Berichte, die am meisten Verbreitung finden, welche den oben genannten Kriterien entsprechen. 10000 Flies will

„zeigen, über welche Themen und Artikel deutschsprachiger Medien in den sozialen Netzwerken diskutiert wird. 10000 Flies veröffentlicht tägliche Charts der Beiträge, die die meisten Likes, Shares und Kommentare bei Facebook, Verlinkungen innerhalb von Tweets bei Twitter und +1-Klicks bei Google bekommen haben.“

Quelle: http://www.10000flies.de/blog/ueber-10000-flies/

Und hier wird schnell deutlich, was wirklich am häufigsten geklickt und geteilt wird: Es sind emotionsgeladene Themen, Skandale und Skandälchen sowie Kuriositäten aus Allerwelt. Das ist so wenig überraschend wie stark bedenklich. Medien suchen sich für ihre Meldungen gerne „Trigger“, also Reize, die bei Betrachter*innen Emotionen auslösen. Sie tun dies in den seltensten Fällen aus manipulativer Absicht, sondern meist eher aus wirtschaftlichem Interesse, sind doch grade im Netz die Klicks bares Geld. Allerdings bleiben bei so einem Verhalten journalistische Ideale gerne auf der Strecke. Wer nur Verkaufen bzw. Klicks generieren will, sucht die Trigger, berichtet reißerischer. Je schlechter und empörender die Meldung desto „besser“. Dies hat neben fehlender Seriosität auch eine sehr gravierende Folge: Ein unglaublich negatives Bild der Welt. Wer sich öfters Nachrichtensendungen anschaut, gewinnt oft das Gefühl das nur und immer mehr Schlechtes geschieht. Und Sport. Jeden Tag sind die Medien voll von Katastrophen, Gewalt, Krieg…Und Sport.

Dies schürt Angst (also nicht der Sport, das andere!) in den Menschen. Angst um die eigene (wirtschaftliche) Existenz oder die körperliche Sicherheit. Grade im Rahmen der aktuellen Flüchtlingsdebatte wird diese Angst deutlich. Auch in den Gerüchten, die sich wie Lauffeuer durch die sozialen Netzwerke fressen: Ein Gerücht, der Glaube daran und damit dessen Verbreitung macht sehr deutlich, welche Vorurteile und Ängste in den Menschen herrschen. Und diese Ängste werden von den Medien in ihrem wirtschaftlichen Denken geschürt, wie in einem Teufelskreis: Viele Menschen haben Angst vor Übergriffen und wirtschaftlichen Einbußen durch die ankommenden Flüchtlinge, also konsumieren sie Berichte über solche Vorgänge. Die Medien registrieren dies und berichten verstärkt darüber. Daraus ergibt sich der Eindruck die Angst wäre begründet und verstärkt sich. Und am rechten Rand der Gesellschaft warten dankbare Rattenfänger*innen um die Angst dieser Menschen für ihre Zwecke zu instrumentalisieren. Natürlich ist der verstärkende Effekt von sozialen Netzwerken in denen Gerüchte ungehindert wuchern nicht zu vernachlässigen.

Es gilt also den Medien auf die Finger zu schauen! Das hat nichts mit Verschwörungstheorie oder rechter Gesinnung zu tun, sondern mit dem gesunden Menschenverstand, der hinterfragen MUSS! Leider ist der Trugschluss oft die Abwendung von etablierten Medien hin zu informellen Netzwerken oder eindeutig manipulativen Formaten wie Compact, RT Deutsch und vielen anderen. Hier wird den Konsument*innen eine andere Realität geboten, allerdings ist diese mindestens genauso manipulativ, in den meisten Fällen jedoch noch wesentlich stärker, als die vermeintliche „Lügenpresse“.

Aber es gibt auch viele Webseiten, Blogs und Formate, die sich Medienkritik und -überwachung groß auf die Fahne geschrieben haben. Ein Flaggschiff dieser begründeten Kritik war und ist Stefan Niggemeier. Für sein medienkritisches Engagement wurde er bereits vielfach ausgezeichnet (u.a. mit dem Grimme Online Award) und die von ihm begründeten Projekte sind zahlreich. Neben seinem persönlichen Blog begründete er den BILDblog (inzwischen hier nur noch als Herausgeber tätig), ein sogenannter Watchblog zuerst nur für die namensgebenden Springerformate, später für die gesamte deutsche Medienlandschaft, war bei der Crowdfunding-basierten Nachrichtenseite Krautreporter tätig und gründete 2015 Übermedien, einer Nachrichtenseite über Medien. Hier werden Berichterstattungen analysiert, Magazine rezensiert und unterhaltsam wie konstruktiv Medien kritisiert. Wer über seriöse Medienkritik in Deutschland redet, kommt um diesen Mann einfach nicht vorbei. Er legt gerne den Finger in die Wunden anderer Journalist*innen, bohrt auch gerne mal noch drin herum. Das macht in dort nicht unbedingt beliebt, aber für Medienkonsument*innen wichtig.

Doch auch im Fernsehen gibt es so manche Sendung, die die Medienkritik hochhält, meistens im öffentlich-rechtlichen. Besonders herauszuheben ist hier Zapp: Das Medienmagazin des NDR. Hier werden auch politische Themen behandelt, aber in erster Linie wird berichtet, wie andere berichten. Fehlverhalten von Journalist*innen ist dabei genauso Thema, wie der staatliche oder öffentliche Umgang mit den Medien selbst. Dabei wird kaum ein Blatt vor den Mund genommen und auch das eigene Sendehaus wird nicht außen vor gelassen. Erst in diesem Monat wurde eine Sendung ausgestrahlt, die sich ausschließlich mit dem schwindenden Vertrauen in die Medien befasste und dabei auch sich selbst unter die Lupe nahm. Weitere Magazine, die sich teilweise mit Medienkritik beschäftigen sind unter anderem Panorama (NDR), Quer (BR) und die Satiresendung extra3 (NDR).

Es gibt sie also, die Medienkritik im Fernsehen und im Netz. Informiert euch und hinterfragt die Medien, ALLE Medien. Denn nur weil ein Medium nicht zu den etablierten zählt, heißt es noch lange nicht, dass es euch nicht manipulieren will.

In diesem Sinne:

Weidmenschsheil!