Aus dem Tagebuch eines Drachentöters: Gesetz =|= Kultur? Oder: Und ewig grüßt die Leitkulturdebatte.

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Dieses Bild postete heute die Zeit heute auf Facebook um auf ihren Artikel aufmerksam zu machen. Aber worum geht es eigentlich? Dem deutschen Innenminister Thomas de Maizière kam die Idee, mit einem 10-Punkte-Katalog zu einer Diskussion über eine deutsche Leitkultur einzuladen. Ein Begriff, der immer mal wieder durch die Medien geistert, wenn erzkonservative Politiker meinen, man müsse „denen von woanders“ mal zeigen, wie der Hase hier im Stechschritt marschiert. 2016 versuchte sich zuletzt Horst Seehofer an einer Leitkulturformulierung.

Was sind die zehn Punkte, auf die zumindest de Maizière eine so heterogene Kultur wie in den Grenzen der BRD eindampfen will? Die Zitate dem einem Artikel ZDF heute entnommen.

1. Gesicht zeigen/Soziale Gewohnheiten

Wir legen Wert auf ei­ni­ge so­zia­le Ge­wohn­hei­ten, nicht weil sie In­halt, son­dern weil sie Aus­druck einer be­stimm­ten Hal­tung sind: Wir sagen un­se­ren Namen. Wir geben uns zur Be­grü­ßung die Hand. Bei De­mons­tra­tio­nen haben wir ein Ver­mum­mungs­ver­bot. „Ge­sicht zei­gen“ – das ist Aus­druck un­se­res de­mo­kra­ti­schen Mit­ein­an­ders. Im All­tag ist es für uns von Be­deu­tung, ob wir bei un­se­ren Ge­sprächs­part­nern in ein freund­li­ches oder ein trau­ri­ges Ge­sicht bli­cken. Wir sind eine of­fe­ne Ge­sell­schaft. Wir zei­gen unser Ge­sicht. Wir sind nicht Burka.

Hand geben und Gesicht zeigen? Das sind also deutsche Werte. Da sollte der Innenminister mal ins Stadion oder zum Arzt gehen. Und auf vielen Demonstrationen ist das Vermummungsverbot von „oben“ verordnet, in den demonstrierenden Kulturen eher nicht verwurzelt. Und auch die bundesdeutsche Ordnungsmacht zeigt sich, grade auf Demonstrationen gerne vermummt. Sie widersetzt sich also damit unserer Leitkultur. Da hat Herr de Maizière wohl seine eigenen Untergebenen nicht im Griff (und ja, ich weiß, dass es gute Gründe gibt, das Polizisten manchmal ihre Identität verbergen müssen). Der letzte Satz ist eine schöne Parole. Die könnte man auch montags durch Dresden tragen. Du bist vielleicht Deutschland, aber Wir sind nicht Burka.

Ach ja, noch was zum Thema Hand geben: Das tue ich höchstens zur förmlichen Begrüßung oder bei mir unbekannten Menschen. Menschen die ich wirklich kenne und mag umarme ich zur Begrüßung. Wie undeutsch!

2. Bildung

Wir sehen Bil­dung und Er­zie­hung als Wert und nicht al­lein als In­stru­ment. Schü­ler ler­nen – manch­mal zu ihrem Un­ver­ständ­nis – auch das, was sie im spä­te­ren Be­rufs­le­ben wenig brau­chen. Ei­ni­ge for­dern daher, Schu­le solle stär­ker auf spä­te­re Be­ru­fe vor­be­rei­ten. Das ent­spricht aber nicht un­se­rem Ver­ständ­nis von Bil­dung. All­ge­mein­bil­dung hat einen Wert für sich. Die­ses Be­wusst­sein prägt unser Land.

Tja… da kann ich jetzt wenig gegen sagen. Hier kann ich dem Innenminister eigentlich nur zustimmen. Das ist, kurz und bündig, etwa das Bildungsideal nach Wilhelm von Humboldt. Ich denke trotzdem, dass der Bildungsplan entrümpelt werden sollte und bestimmte Aspekte überarbeitet und verändert werden sollten. Ich kann dazu nur von Richard David Precht „Anne, die Schule und der liebe Gott“ empfehlen.

3. Leistung

Wir sehen Leis­tung als etwas an, auf das jeder Ein­zel­ne stolz sein kann. Über­all: im Sport, in der Ge­sell­schaft, in der Wis­sen­schaft, in der Po­li­tik oder in der Wirt­schaft. Wir for­dern Leis­tung. Leis­tung und Qua­li­tät brin­gen Wohl­stand. Der Leis­tungs­ge­dan­ke hat unser Land stark ge­macht. Wir leis­ten auch Hilfe, haben so­zia­le Si­che­rungs­sys­te­me und bie­ten Men­schen, die Hilfe brau­chen, die Hilfe der Ge­sell­schaft an. Als Land wol­len wir uns das leis­ten und als Land kön­nen wir uns das leis­ten. Auch auf diese Leis­tung sind wir stolz.

Da hab ich ihn grad gelobt und dann kommt diese neoliberale Kacke… Warum muss in einer Gesellschaft der Leistungsgedanke herrschen? Oder in der Wissenschaft? Ich habe in der Uni gelernt, der Wissenschaft ginge es um Wissen und Wahrheit, der Leistungsgedanke verfälscht dies Ideal im Höchstmaß. Und in der Politik? Hat jemand mal darüber nachgedacht, Politiker nach Leistung zu bezahlen?

Und warum, wenn wir uns das Hilfeleisten leisten, demontieren grade Konservative und die auf dem Leistungsgedanken herumreitenden Wirtschaftsliberalen eben diese Sicherungssysteme? Wie geht Humanität und Leistungsgedanke Hand in Hand?

Ich könnte jetzt noch diverse unnötige Vergleiche zur NS-Zeit machen, aber das ist mir echt zu dämlich. Nur so viel: Vom Leistungsgedanken zum Kosten/Nutzen-Errechnen bei Menschen ist es nicht weit.

4. Traditionen

Wir sind Erben un­se­rer Ge­schich­te mit all ihren Höhen und Tie­fen. Un­se­re Ver­gan­gen­heit prägt un­se­re Ge­gen­wart und un­se­re Kul­tur. Wir sind Erben un­se­rer deut­schen Ge­schich­te. Für uns ist sie ein Rin­gen um die Deut­sche Ein­heit in Frei­heit und Frie­den mit un­se­ren Nach­barn, das Zu­sam­men­wach­sen der Län­der zu einem fö­de­ra­len Staat, das Rin­gen um Frei­heit und das Be­kennt­nis zu den tiefs­ten Tie­fen un­se­rer Ge­schich­te. Dazu ge­hört auch ein be­son­de­res Ver­hält­nis zum Exis­tenz­recht Is­raels.

Viel Geschwurbel, wenig Inhalt. Welche Kultur genau ziehen wir aus den Traditionen? Welche Traditionen? Genau das ist doch das Problem mit dem Flickenteppich, den man irgendwann als „Deutschland“ zusammengefasst hat. Auf welche Tradition soll sich der Ostfriese mit dem Niederbayern einigen? Immerhin sollen wir zu unserer Geschichte stehen. Dass das mit dem besonderen Verhältnis zu Israel nicht immer leicht ist oder auch nur auf Gegenseitigkeit beruht, zeigt die jüngste Vergangenheit. Aber das Thema ist ja generell schwierig.

5. Kultur

Wir sind Kul­tur­na­ti­on. Kaum ein Land ist so ge­prägt von Kul­tur und Phi­lo­so­phie wie Deutsch­land. Deutsch­land hat gro­ßen Ein­fluss auf die kul­tu­rel­le Ent­wick­lung der gan­zen Welt ge­nom­men. Bach und Goe­the „ge­hö­ren“ der gan­zen Welt und waren Deut­sche. Wir haben unser ei­ge­nes Ver­ständ­nis vom Stel­len­wert der Kul­tur in un­se­rer Ge­sell­schaft. Es ist selbst­ver­ständ­lich, dass bei einem po­li­ti­schen Fest­akt oder bei einem Schul­ju­bi­lä­um Musik ge­spielt wird. Bei der Er­öff­nung eines gro­ßen Kon­zert­hau­ses sind – wie selbst­ver­ständ­lich – Bun­des­prä­si­dent, Ver­tre­ter aus Re­gie­rung, Par­la­ment, Recht­spre­chung und Ge­sell­schaft vor Ort. Kaum ein Land hat zudem so viele Thea­ter pro Ein­woh­ner wie Deutsch­land. Jeder Land­kreis ist stolz auf seine Mu­sik­schu­le. Kul­tur in einem wei­ten Sinne, unser Blick dar­auf und das, was wir dafür tun, auch das ge­hört zu uns.

Wir sind geil. Geiler als die andere. Und die anderen weiden sich im Glanze unserer Geilheit. Selbstbeweihräucherung par excellence! Wie viel Achtung WIR vor der Kultur anderer haben, zeigt die deutsche Kolonialgeschichte. Sicher, es ist schön und gut viele Theater, Konzertsäle und Musikschulen zu haben, aber warum klingt das bei de Maizière gleich nach „Am deutschen Wesen …“?

Haben wir wirklich so viel mehr Kultur als andere Länder? Und warum wird dann selbst die sog. „Hochkultur“ so schlecht bezahlt, dass in meiner Heimatstadt das Theater schon mehrfach bestreikt wurde? Und wie viel Wert hat diese Kultur und Philosophie für den deutschen Durchschnittsbürger wirklich? Warum wird das Theaterpublikum immer älter? Haben wir vielleicht diese eigene Kultur so satt?

6. Religion

In un­se­rem Land ist Re­li­gi­on Kitt und nicht Keil der Ge­sell­schaft. Dafür ste­hen in un­se­rem Land die Kir­chen mit ihrem un­er­müd­li­chen Ein­satz für die Ge­sell­schaft. Sie ste­hen für die­sen Kitt – sie ver­bin­den Men­schen, nicht nur im Glau­ben, son­dern auch im täg­li­chen Leben, in Kitas und Schu­len, in Al­ten­hei­men und ak­ti­ver Ge­mein­de­ar­beit. Ein sol­cher Kitt für un­se­re Ge­sell­schaft ent­steht in der christ­li­chen Kir­che, in der Syn­ago­ge und in der Mo­schee. Wir er­in­nern in die­sem Jahr an 500 Jahre Re­for­ma­ti­on.

Für die Tren­nung der christ­li­chen Kir­chen hat Eu­ro­pa, hat Deutsch­land einen hohen Preis ge­zahlt. Mit Krie­gen und jahr­hun­der­te­lan­gen Aus­ein­an­der­set­zun­gen. Deutsch­land ist von einem be­son­de­ren Staat-Kir­chen-Ver­hält­nis ge­prägt. Unser Staat ist welt­an­schau­lich neu­tral, aber den Kir­chen und Re­li­gi­ons­ge­mein­schaf­ten freund­lich zu­ge­wandt. Kirch­li­che Fei­er­ta­ge prä­gen den Rhyth­mus un­se­rer Jahre. Kirch­tür­me prä­gen un­se­re Land­schaft. Unser Land ist christ­lich ge­prägt. Wir leben im re­li­giö­sen Frie­den. Und die Grund­la­ge dafür ist der un­be­ding­te Vor­rang des Rechts über alle re­li­giö­sen Re­geln im staat­li­chen und ge­sell­schaft­li­chen Zu­sam­men­le­ben.

Kitt der Gesellschaft? Soso… Deshalb stehen Muslime also unter Terrorgeneralverdacht, deshalb müssen sich Homosexuelle immer noch als „von Gott nicht gewollt“ betiteln lassen, deshalb müssen Straftaten von katholischen Geistlichen so lange verschwiegen werden. Deshalb mussten sich die Protestanten vom „deutschen Papst“ Benedikt XVI. als quasi Sekte bezeichnen lassen. Deshalb zahlt der deutsche Staat an die Kirche Jahr für Jahr Geld für unglaublichste Dinge. Und ich hab damit noch nicht mal in der Geschichte gewühlt.

Religion ist kein Kitt unserer Gesellschaft. Und sollte es auch nicht sein. Wir haben Religionsfreiheit. Wir sind quasi ein säkularer Staat. Religionen sind für Individuen wichtig. Ihre sinnstiftende Funktion für die Grundrechte ist schon sehr lange abgegolten.

7. Zivilkultur

Wir haben in un­se­rem Land eine Zi­vil­kul­tur bei der Re­ge­lung von Kon­flik­ten. Der Kom­pro­miss ist kon­sti­tu­tiv für die De­mo­kra­tie und unser Land. Viel­leicht sind wir stär­ker eine kon­sens­ori­en­tier­te Ge­sell­schaft als an­de­re Ge­sell­schaf­ten des Wes­tens. Zum Mehr­heits­prin­zip ge­hört der Min­der­hei­ten­schutz. Wir stö­ren uns daran, dass da ei­ni­ges ins Rut­schen ge­ra­ten ist. Für uns sind Re­spekt und To­le­ranz wich­tig. Wir ak­zep­tie­ren un­ter­schied­li­che Le­bens­for­men und wer dies ab­lehnt, stellt sich au­ßer­halb eines gro­ßen Kon­sen­ses. Ge­walt wird weder bei De­mons­tra­tio­nen noch an an­de­rer Stel­le ge­sell­schaft­lich ak­zep­tiert. Wir ver­knüp­fen Vor­stel­lun­gen von Ehre nicht mit Ge­walt.

Wie genau passt jetzt eine konsensorientierte Gesellschaft zum Leistungsgedanken? Naja, egal. Insgesamt ein richtiger Abschnitt, in dem viele Sachen gesagt werden, die gut und wichtig sind. Aber sind diese originär deutsch und damit wert, Teil einer deutschen Leitkultur zu sein? Im Großen und Ganzen steht das doch auch in der Menschenrechtscharta der UN, der EU und… im Deutschen Grundgesetz.

8. Aufgeklärter Patriotismus

Wir sind auf­ge­klär­te Pa­trio­ten. Ein auf­ge­klär­ter Pa­tri­ot liebt sein Land und hasst nicht an­de­re. Auch wir Deut­schen kön­nen es sein. „Und weil wir dies Land ver­bes­sern, lie­ben und be­schir­men wir‘s. Und das liebs­te mag‘s uns schei­nen, so wie an­dern Völ­kern ihrs, so heißt es in der Kin­der­hym­ne von Bert Brecht. Ja, wir hat­ten Pro­ble­me mit un­se­rem Pa­trio­tis­mus. Mal wurde er zum Na­tio­na­lis­mus, mal trau­ten sich viele nicht, sich zu Deutsch­land zu be­ken­nen. All das ist vor­bei, vor allem in der jün­ge­ren Ge­ne­ra­ti­on. Un­se­re Na­tio­nal­fah­ne und un­se­re Na­tio­nal­hym­ne sind selbst­ver­ständ­li­cher Teil un­se­res Pa­trio­tis­mus: Ei­nig­keit und Recht und Frei­heit.

Ich bin kein Patriot, dafür bin ich zu aufgeklärt. Deshalb möchte ich diesem Zitat gerne ein anderes entgegenstellen.

Die wohlfeilste Art des Stolzes hingegen ist der Nationalstolz. Denn er verrät in dem damit Behafteten den Mangel an individuellen Eigenschaften, auf die er stolz sein könnte, indem er sonst nicht zu dem greifen würde, was er mit so vielen Millionen teilt. Wer bedeutende persönliche Vorzüge besitzt, wird vielmehr die Fehler seiner eigenen Nation, da er sie beständig vor Augen hat, am deutlichsten erkennen. Aber jeder erbärmliche Tropf, der nichts in der Welt hat, darauf er stolz sein könnte, ergreift das letzte Mittel, auf die Nation, der er gerade angehört, stolz zu sein. Hieran erholt er sich und ist nun dankbarlich bereit, alle Fehler und Torheiten, die ihr eigen sind, mit Händen und Füßen zu verteidigen.“ – Arthur Schopenhauer

9. Teil Europas

Unser Land hatte viele Zä­su­ren zu be­wäl­ti­gen. Ei­ni­ge davon waren mit Grund­ent­schei­dun­gen ver­bun­den. Eine der wich­tigs­ten lau­tet: Wir sind Teil des Wes­tens. Kul­tu­rell, geis­tig und po­li­tisch. Die NATO schützt un­se­re Frei­heit. Sie ver­bin­det uns mit den USA, un­se­rem wich­tigs­ten au­ßer­eu­ro­päi­schen Freund und Part­ner. Als Deut­sche sind wir immer auch Eu­ro­pä­er. Deut­sche In­ter­es­sen sind oft am bes­ten durch Eu­ro­pa zu ver­tre­ten und zu ver­wirk­li­chen. Um­ge­kehrt wird Eu­ro­pa ohne ein star­kes Deutsch­land nicht ge­dei­hen. Wir sind viel­leicht das eu­ro­päischs­te Land in Eu­ro­pa – kein Land hat mehr Nach­barn als Deutsch­land. Die geo­gra­fi­sche Mit­tel­la­ge hat uns über Jahr­hun­der­te mit un­se­ren Nach­barn ge­formt, frü­her im Schwie­ri­gen, jetzt im Guten. Das prägt unser Den­ken und un­se­re Po­li­tik.

Und schon wieder werden die Eier rausgeholt. „Viel­leicht das eu­ro­päischs­te Land in Eu­ro­pa“? Gehts noch?? Alle Tiere sind gleich, aber manche sind gleicher? Warum können wir als Deutschland in der EU nicht einfach ein Gleicher unter Gleichen sein?

Noch eine Kleinigkeit: Warum wird immer noch auf diesem „Westen“ herumgeritten, dessen Teil wir sind? Warum gleich wieder eine Front aufmachen? „Die im Osten, die sind anders, die sind nicht wie wir!“ Wie einig ist denn dieser Westen, grade in der heutigen Zeit?

10. Kollektives Gedächtnis

Wir haben ein ge­mein­sa­mes kol­lek­ti­ves Ge­dächt­nis für Orte und Er­in­ne­run­gen. Das Bran­den­bur­ger Tor und der 9. No­vem­ber sind zum Bei­spiel ein Teil sol­cher kol­lek­ti­ven Er­in­ne­run­gen. Oder auch der Ge­winn der Fuß­ball­welt­meis­ter­schaf­ten. Re­gio­na­les kommt hinzu: Kar­ne­val, Volks­fes­te. Die hei­mat­li­che Ver­wur­ze­lung, die Markt­plät­ze un­se­rer Städ­te. Die Ver­bun­den­heit mit Orten, Ge­rü­chen und Tra­di­tio­nen. Lands­mann­schaft­li­che Men­ta­li­tä­ten, die am Klang der Spra­che jeder er­kennt, ge­hö­ren zu uns und prä­gen unser Land.

Kollektives Gedächtnis… klingt für mich nach ‚Erberinnerungen nach Guido von List oder Karl Maria Wiligut. Aber da bin ich vielleicht vorgeschädigt. Es ist richtig, bestimmter Ereignisse zu gedenken. Aber warum tropft aus solchen Sätzen, bei Worten wie „Ver­wur­ze­lung“ oder „Lands­mann­schaft­li­che Men­ta­li­tä­ten“, immer dieses toxische Öl des Völkischen?

Es fällt mir einfach schwer, in einem Einwanderungsland wie Deutschland (und wir SIND ein Einwanderungsland!) mich an solche Dinge zu hängen, die entweder einem weiten Teil der Bevölkerung fehlen oder die der Kultur wie de Maizière sie beschwört mehr als fremd ist. Und da schließt sich der Kreis: Was dem einen der Karneval und die Volksfeste, das sind dem anderen das Kopftuch oder die Burka. Aber das eine ist Leitkultur, das andere nicht.

Am Ende bleibt für mich bei einer Leitkultur immer das exkludierende, also ausschließende Element. Die einen sind „in“ der Leitkultur. Die anderen nicht. Anpassung oder… was? Die Anderen. Die Ausgegrenzten. Und so wird aus einer Leitkultur wieder eine Leidkultur.

Ach ja, unter dem Post bei Facebook kommentierten ganz viele Personen, dass ein Gesetz ja nicht mit Kultur gleichzusetzen sei und das eingangs gezeigte Zitat damit unwahr und hinfällig sei. Das mag im Einzelnen richtig sein. Unsere Kultur erschöpft sich nicht im Grundgesetz. Aber viele, auch und grade die von de Maizière aufgezählte Punkte finden die in den Artikeln des Grundgesetzes und anderen Gesetzestexten wieder. Und wer mir sagt, dass Gesetze keine Kultur sind, den frage ich, was von unserer Kultur übrigbleiben würde, wenn man die Gesetze weglassen würde.

In diesem Sinne:

Waidmenschsheil!

Aus dem Tagebuch eines Drachentöters: Bei Skeptikern werd ich skeptisch! Oder: Ihr glaubt nur an was anderes.

Ich würde mich als einen kritischen Menschen betrachten. Ich bin Agnostiker, Impfbefürworter, Homöopathiegegner und hinterfrage die Aussagen von Politikern oder öffentlichen Personen prinzipiell. Ich bin zwar Mitglied einer Partei, doch stehe ich offen dazu, mit der Parteilinie nicht konform zu gehen (So gebe ich Marcron definitiv den Vorzug zu Mélenchon; es gibt keinen „intelligenten Protektionismus“). Ich bezeichne mich als Antifaschist, habe aber Probleme mit dem links-autonomen „schwarzen Block“. Ich bin für den Frieden, aber nicht auf Kosten von Querfrontgedanken.

Kurzum: Ich sehe mich als einen skeptischen Menschen im Geiste von Pyrrhon von Elis. Von daher hab ich lange mit Gesellschaften wie der GWUP (Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften) beschäftigt oder in Watch-Blogs wie Psiram gelesen, um mich über Scharlatane und ihre Machenschaften zu informieren. Hierbei bin ich allerdings irgendwann auf eine Sache gestoßen, an der ich mich gestört habe: Der Glaube an Übernatürliches wird hier in Teilen durch einen übersteigerten Wissenschafts- und noch schlimmer Wirtschaftsglauben ersetzt.

Es fing irgendwann mit einem Artikel zur Kritik an der Kritik der Gentechnik an. Ich bin ehrlich, ich komme aus einem Elternhaus, dass zumindest in meiner Jugend der Ökobewegung zugetan war und somit in diesem Bereich kritisch behaftet war. Gleichzeitig waren beide Eltern Akademiker und Akademikerin im Bereich Biologie, also wurde ich zumindest nie von blinder Kritik geleitet. Der Artikel (den ich zu meinem Bedauern nicht mehr finde, voll seriös, so ganz ohne Quelle…) war gut geschrieben, argumentierte ordentlich und bezog sich auf externe Quellen. Aber bei den Quellen fing es dann an… Die Quellenseite gab sich seriös und unabhängig und wollte ganz unvoreingenommen über Gentechnik informieren. Ein Klick auf das Impressum offenbarte allerdings die Beteiligung ausschließlich von Wirtschaftsunternehmen aus den Bereichen Chemie, Pharmazie und Biotechnologie. 

Hier wurde ich… skeptisch. Ich habe, glaube ich, auch nen Kommentar geschrieben, aber darauf kam nichts zurück. Von nun an schaute ich immer mal wieder genauer hin, wenn ich GWUP oder Psiram-Artikel las und immer mal wieder musste ich den Kopf schütteln, wegen der unkritischen Übernahme von nicht-neutralen Quellen. Zum Bruch mit der GWUP (klingt übertrieben, aber ich finde grad kein besseres Wort) kam es für mich mit einem hämischen Artikel über eine Konferenz gegen Biotechnologie und Patenten auf Pflanzen. Ich hatte für mein Studium eine Hausarbeit über Biopiraterie geschrieben, also der Aneignung und anschließenden Patentierung alter Kulturpflanzen durch Pharma- oder Lebensmittelunternehmen. Ergo hatte ich zumindest eine Grundlegende Ahnung von dem Thema und war deshalb durchaus erbost über die Häme und Abschätzigkeit, die diesen Fortschrittsfeinden der Konferenz durch den/die Autor*in der GWUP entgegengebracht wurde.

Diese Entrüstung brachte ich in einem Kommentar unter dem Facebook-Post des Artikels zum Ausdruck. Ich bekam eigentlich keine Antwort. Meine Post wurde zwar beantwortet, aber meine geäußerten Kritikpunkte wurden mehrfach übergangen, auch von Personen die nach eigener Aussage zu höheren Kreisen der GWUP gehörten. Kritik war offenbar nicht erwünscht. Und hier wurden mir Parallelen zu den Leuten deutlich, die die GWUP so gerne (und auch zurecht) kritisiert. Ich war extrem enttäuscht und habe mich nicht weiter mit der GWUP beschäftigt.

Wohl aber mit Psiram. Und das war auch der ausschlaggebende Grund diesen Post zu schreiben. In meinem Newsfeed habe ich Psiram weiterhin abonniert und lese von Zeit zu Zeit darin, da sich Psiram weitestgehend (im Gegensatz zur GWUP) mit den Kernfeldern der Skeptiker*innen beschäftigt (Parapsychologie, Übernatürliches, Homöopathie, etc.). Und nun las ich im Psirama-Wochenrückblick (KW 13, 2017), der für Skeptiker interessante Artikel sammelt und zusammenfasst, erst einen Artikel des Tagesspiegels über verschwörungstheoretische und rechte Umtriebe bei Mahnwachen für den Frieden. Ein guter Artikel, der die krude, teils rechte/nationalistische, teils antisemitische Weltsicht dieser Personen widergibt. So weit, so gut. Und etwas weiter drunter? Ein Kommentar von Spiegel Online, der sog. „Schwarze Kanal“ des unter links-ödipalen Anfällen leidenden Schreibers Jan Fleischhauer. Über dessen Probleme mit der Linken, den Linken, links allgemein hätte Freud ein ganzes Buch schreiben können. Überschrift: „Wie man eine Volkswirtschaft ruiniert“. Eine deutschtümelnde Jammerschwarte darüber wie Deutschland (in Personalunion mit seiner Automobilindustrie) von grünversifften Umweltschützer*innen und amerikanischen-/EU-Angsthasen vor dem teutonischen Muskelprotz kleingehalten werden soll. Ich glaube der skeptische Aspekt des Artikels sollte sein, dass Nadelbäume sog. „biogene Emissionen“ freisetzen und damit zur Feinstaubbelastung beitragen.

Das ich scheinbar nicht der Einzige mit so einer Meinung bin, zeigt der etwas ältere Artikel eines ehemaligen Gründungsmitglieds der GWUP, des Soziologen Edgar Wunder.

Ist das der deutsche Skeptizismus von heute? Da glaube ich lieber niemandem mehr irgendwas und verbleibe mit Arkesilaos:

Nichts ist sicher und nicht einmal das ist sicher

In diesem Sinne:

Weidmenschsheil!

Aus dem Tagebuch eines Drachentöters: Die „Causa Böhmermann“ Oder: Bashing statt Diskurs

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Das Schmähgedicht des, in meinen Augen, Ausnahme-Satirikers Jan Böhmermann  in seiner Sendung Neo Magazin Royal schlägt riesige mediale Wellen. Bis in die hohen Kreise der Bundespolitik erregt es die Gemüter und wirft die Frage auf, ob Satire denn nun wirklich alles darf.

Das Gedicht als solches ist wirklich nur eine Aneinanderreihung von Beleidigungen und Stereotypen. Es ist weder lustig noch gut, aber das will es ja auch nicht sein. Wichtig sind nämlich die Sätze, in die Böhmermann  sein Gedicht einbettete. Sie machen deutlich, DASS es sich wirklich um Satire handelt. Im Gegensatz zum Lied der Satiresendung extra 3, dass die Einbestellung des deutschen Botschafters zur Folge hatte und das sich wirklich mit Missständen auseinandersetzt, ging es hier um die größtmögliche Überspitzung und das triggern möglichst starker Reaktionen. Und nach diesen Maßstäben muss mensch sagen, war Böhmermann sehr erfolgreich Es war so harsch formuliert, dass es die Bundeskanzlerin zu einem Kommentar durch ihren Pressesprecher Seibert veranlasst hat, während sie sich mit keinem Wort zur extra 3-„Affäre“ geäußert hat.

Nicht zu unrecht schreiben viele Medien deshalb der „Causa Böhmermann“ den Charakters eines Offenbarungseides zu. Ein offensichtlicher Versuch der Einflussnahme seitens des türkischen Machthabers im Falle extra 3 löste keine Reaktion oder Kritik des Bundeskanzleramts in Richtung Türkei aus, aber das vollkommen überzogene und in keinem Punkt ernst gemeinte Schmähgedicht führt zu einer Kritik an der Sendung/ihren Machern.  Kaum deutlicher hätte die Kanzlerin ein Scheitern ihrer Politik und eine Erpressbarkeit durch die Türkei deutlicher formulieren können. Die Vorfälle um extra 3 und Neo Magazin Royal haben deutliche politische Sprengkraft und schüren in der Bevölkerung Zweifel an Merkels Handeln.

Aber das ist nur eines der Probleme, die ich mit der ganzen Sache habe, ebenso gravierend finde ich die Verzerrung des Diskurses durch die Geschehnisse. Die Aufmerksamkeit liegt nun bei Böhmermann und der in letzter Zeit so oft gestellten Frage „Darf mensch das?“ und nicht auf den Tatsächlichen Verfehlungen Erdoğans. Und die häufen sich in den letzten Monaten/Jahren. Punkte wie der im extra 3-Lied erwähnte Prunkpalast ohne Baugenehmigung im Naturschutzgebiet, die Aufdeckung von Waffenlieferungen an den sog. „Islamischen Staat“, die daraus resultierte Festnahme von Journalisten der Zeitung Cumhuriyet, sein Vorgehen gegen Demonstrationen am Weltfrauentag, all das sind gute Gründe, sich mit Erdoğan und seiner Politik auseinanderzusetzen. Aber was leider wirklich folgt sind Unterstützungsbekundungen für Böhmermann (in Ordnung!), Trittbrettfahrer-Aktionen wie das Lied Hallervordens (armselig!) und ein allgemeines Bashing gegen Türken und die Türkei. Es scheint, als hätten viele nur drauf gewartet, mal wieder mit  breiter Akzeptanz gegen Türken, die Türkei und in Deutschland lebende Menschen mit türkischen Wurzeln zu hetzen. Dabei zeigen Reaktionen wie die Demonstration in Köln, bei der viele Unterstützer der als „Graue Wölfe“ bekannten faschistischen Milliyetçi Hareket Partisi (MHP, dt: Partei der Nationalistischen Bewegung) in meinen Augen vor allem eins: Das massive, jahrzehntelange Versagen der Integration dieser Menschen von Politik UND Gesellschaft. Diese Menschen „fühlen“ sich nicht als Deutsche, weil „wir“ ihnen fast nie (von Mesut Özil mal abgesehen) das Gefühl geben, zu sein wie wir, gleichberechtigter Teil unserer Gesellschaft zu sein. Natürlichen suchen sie sich dann eine andere Identität und greifen auf ihre Wurzeln zurück! Und warum sie nicht in die Türkei gehen, wenn sie die Türkei so lieben? Weil es dort quasi das gleiche wäre: Sie wären eben keine „echten“ Türken in den Augen ihrer Landsleute. Wahrscheinlich sprechen viele von ihnen nicht mal fließend türkisch, wie es der Kabarettist Serdar Somuncu einmal sagte. Sie sind gefangen zwischen den Welten und wollen einfach nur anerkannt werden. Von wem auch immer. Und Erdoğan gibt ihnen dieses Gefühl! Oft spricht er vor Türken und Türkischstämmigen in Deutschland. Deshalb unterstützen sie ihn und reagieren verärgert auf das Gedicht. Wunder, oh Wunder!

Vielleicht sollten wir einfach mal einen Gang runter schalten! Die Causa Böhmermann ihren rechtlichen und politischen Weg gehen lassen, Böhmermann trotzdem den Rücken stärken, die tatsächlichen Missstände in der Türkei ins Rampenlicht zerren und die deutsche Politik in ihrem Umgang mit Erdoğan kritisieren und einfach die Menschen mit türkischen Wurzeln, die zum Teil schon seit vielen Jahrzehnten in unserem Land leben als das anerkennen, was sie sind: Deutsche! Deutsche mit dem Geschenk einer weiteren Kultur. Schließlich sehen wir auch Friesen und Bayern als Deutsche, obwohl den Sprache und Kultur uns ebenfalls fremd scheint. 

In diesem Sinne:

Weidmenschsheil!

 

Aus dem Tagebuch eines Drachentöters: LÜGENPRESSE!!11 Oder: Medienkritik, aber richtig.

Nicht erst seit PEGIDA und andere aggressiv besorgte Bürger*innen auf die Straßen gehen, macht ein Schlagwort die Runde: „Lügenpresse“. Kein neuer Begriff, wurde er doch bereits vor im dritten Reich und davor verwendet, um eine Presse zu diffamieren, die nicht nach dem eigenen Gusto berichtet. Der zum Unwort des Jahres 2015 gekürte Kampfbegriff ist jedoch selten eine ernste Medienkritik. Es geht nicht darum, dass die Presse tatsächlich lügt, verschweigt oder Propaganda betreibt, es wird damit eher ein subjektive Unterdrückung der eigenen Position gemeint.

Doch Lügenpresse hin, Medienkritik hat, das deutsche Medienwesen hat ein massives Imageproblem! In einer Erhebung des Statistischen Bundesamts von 2012 landen Journalist*innen, wenn es um das Ansehen ihres Berufsstandes geht auf dem vorletzten Platz.

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Nicht nur am rechten Rand der Gesellschaft, das Misstrauen gegenüber den etablierten Medien/Journalist*innen durchzieht alle gesellschaftlichen Bereiche und Schichten. Dies ist insbesondere in Zeiten der Digitalisierung und schrumpfenden Umsätze im Printmedien Bereich eine Katastrophe für viele Anstalten und Verlagshäuser. Im Internet haben sich kaum annehmbare Bezahlvarianten etabliert und im „analogen“ Bereich brechen Käufer*innen, Abonnent*innen und damit letztendlich Werbekund*innen weg, von denen quasi alle Medien abhängig sind (ausgenommen die öffentliche-rechtlichen Sendeanstalten).

In den vergangenen Jahren ist an vielen Stellen das Vertrauen in die Medien immer wieder erschüttert worden und das aus verschiedensten Gründen. Drei relativ aktuelle Beispiele sind die Wirtschaftskrise und der drohende Staatsbankrott in Griechenland, der Bürgerkrieg in der Ukraine und der Bürgerkrieg in Syrien sowie das damit stark verknüpfte hohe Flüchtlingsaufkommen. In allen Fällen gab es eine Meinungsströmung, die zu Beginn medienübergreifend zu finden war und kaum hinterfragt wurde. „Faule Griechen“, böser Putin, gute Ukrainer*innen, „Wir schaffen das!“. Das sorgte nicht nur bei Verschwörungsgläubigen für Kritik, doch erst mit der Zeit wurde in den großen Medienhäusern recherchiert und hinterfragt. Und plötzlich wurde auch den hier klar, dass zum Beispiel in der Ukraine Faschist*innen am rechtlich bedenklichen Sturz des rechtmäßig gewählten Präsidenten beteiligt waren und die USA im geheimen stark interveniert hatten. Auch in den anderen Fällen wurde zu spät hinterfragt und das Vertrauen nachhaltig geschädigt.

Was wünschen wir uns von „guter“ journalistischer Arbeit? Möglichst neutral soll sie sein, die Konsument*innen sollen sie verstehen können, sie soll versuchen alle Meinungen abzubilden, auch Minderheiten(meinungen) nicht ausschließen, kritisch sein, hinterfragen und vor allem sauber recherchiert sein. Viele sehr hehre Ziele. Und ganz ehrlich sind wir dabei auch nicht. Wenn mensch sich Klickzahlen und Verbreitung von Medieninhalten anschaut, wie es die Onlineplattform 10000 Flies tut, sind es nicht wirklich Berichte, die am meisten Verbreitung finden, welche den oben genannten Kriterien entsprechen. 10000 Flies will

„zeigen, über welche Themen und Artikel deutschsprachiger Medien in den sozialen Netzwerken diskutiert wird. 10000 Flies veröffentlicht tägliche Charts der Beiträge, die die meisten Likes, Shares und Kommentare bei Facebook, Verlinkungen innerhalb von Tweets bei Twitter und +1-Klicks bei Google bekommen haben.“

Quelle: http://www.10000flies.de/blog/ueber-10000-flies/

Und hier wird schnell deutlich, was wirklich am häufigsten geklickt und geteilt wird: Es sind emotionsgeladene Themen, Skandale und Skandälchen sowie Kuriositäten aus Allerwelt. Das ist so wenig überraschend wie stark bedenklich. Medien suchen sich für ihre Meldungen gerne „Trigger“, also Reize, die bei Betrachter*innen Emotionen auslösen. Sie tun dies in den seltensten Fällen aus manipulativer Absicht, sondern meist eher aus wirtschaftlichem Interesse, sind doch grade im Netz die Klicks bares Geld. Allerdings bleiben bei so einem Verhalten journalistische Ideale gerne auf der Strecke. Wer nur Verkaufen bzw. Klicks generieren will, sucht die Trigger, berichtet reißerischer. Je schlechter und empörender die Meldung desto „besser“. Dies hat neben fehlender Seriosität auch eine sehr gravierende Folge: Ein unglaublich negatives Bild der Welt. Wer sich öfters Nachrichtensendungen anschaut, gewinnt oft das Gefühl das nur und immer mehr Schlechtes geschieht. Und Sport. Jeden Tag sind die Medien voll von Katastrophen, Gewalt, Krieg…Und Sport.

Dies schürt Angst (also nicht der Sport, das andere!) in den Menschen. Angst um die eigene (wirtschaftliche) Existenz oder die körperliche Sicherheit. Grade im Rahmen der aktuellen Flüchtlingsdebatte wird diese Angst deutlich. Auch in den Gerüchten, die sich wie Lauffeuer durch die sozialen Netzwerke fressen: Ein Gerücht, der Glaube daran und damit dessen Verbreitung macht sehr deutlich, welche Vorurteile und Ängste in den Menschen herrschen. Und diese Ängste werden von den Medien in ihrem wirtschaftlichen Denken geschürt, wie in einem Teufelskreis: Viele Menschen haben Angst vor Übergriffen und wirtschaftlichen Einbußen durch die ankommenden Flüchtlinge, also konsumieren sie Berichte über solche Vorgänge. Die Medien registrieren dies und berichten verstärkt darüber. Daraus ergibt sich der Eindruck die Angst wäre begründet und verstärkt sich. Und am rechten Rand der Gesellschaft warten dankbare Rattenfänger*innen um die Angst dieser Menschen für ihre Zwecke zu instrumentalisieren. Natürlich ist der verstärkende Effekt von sozialen Netzwerken in denen Gerüchte ungehindert wuchern nicht zu vernachlässigen.

Es gilt also den Medien auf die Finger zu schauen! Das hat nichts mit Verschwörungstheorie oder rechter Gesinnung zu tun, sondern mit dem gesunden Menschenverstand, der hinterfragen MUSS! Leider ist der Trugschluss oft die Abwendung von etablierten Medien hin zu informellen Netzwerken oder eindeutig manipulativen Formaten wie Compact, RT Deutsch und vielen anderen. Hier wird den Konsument*innen eine andere Realität geboten, allerdings ist diese mindestens genauso manipulativ, in den meisten Fällen jedoch noch wesentlich stärker, als die vermeintliche „Lügenpresse“.

Aber es gibt auch viele Webseiten, Blogs und Formate, die sich Medienkritik und -überwachung groß auf die Fahne geschrieben haben. Ein Flaggschiff dieser begründeten Kritik war und ist Stefan Niggemeier. Für sein medienkritisches Engagement wurde er bereits vielfach ausgezeichnet (u.a. mit dem Grimme Online Award) und die von ihm begründeten Projekte sind zahlreich. Neben seinem persönlichen Blog begründete er den BILDblog (inzwischen hier nur noch als Herausgeber tätig), ein sogenannter Watchblog zuerst nur für die namensgebenden Springerformate, später für die gesamte deutsche Medienlandschaft, war bei der Crowdfunding-basierten Nachrichtenseite Krautreporter tätig und gründete 2015 Übermedien, einer Nachrichtenseite über Medien. Hier werden Berichterstattungen analysiert, Magazine rezensiert und unterhaltsam wie konstruktiv Medien kritisiert. Wer über seriöse Medienkritik in Deutschland redet, kommt um diesen Mann einfach nicht vorbei. Er legt gerne den Finger in die Wunden anderer Journalist*innen, bohrt auch gerne mal noch drin herum. Das macht in dort nicht unbedingt beliebt, aber für Medienkonsument*innen wichtig.

Doch auch im Fernsehen gibt es so manche Sendung, die die Medienkritik hochhält, meistens im öffentlich-rechtlichen. Besonders herauszuheben ist hier Zapp: Das Medienmagazin des NDR. Hier werden auch politische Themen behandelt, aber in erster Linie wird berichtet, wie andere berichten. Fehlverhalten von Journalist*innen ist dabei genauso Thema, wie der staatliche oder öffentliche Umgang mit den Medien selbst. Dabei wird kaum ein Blatt vor den Mund genommen und auch das eigene Sendehaus wird nicht außen vor gelassen. Erst in diesem Monat wurde eine Sendung ausgestrahlt, die sich ausschließlich mit dem schwindenden Vertrauen in die Medien befasste und dabei auch sich selbst unter die Lupe nahm. Weitere Magazine, die sich teilweise mit Medienkritik beschäftigen sind unter anderem Panorama (NDR), Quer (BR) und die Satiresendung extra3 (NDR).

Es gibt sie also, die Medienkritik im Fernsehen und im Netz. Informiert euch und hinterfragt die Medien, ALLE Medien. Denn nur weil ein Medium nicht zu den etablierten zählt, heißt es noch lange nicht, dass es euch nicht manipulieren will.

In diesem Sinne:

Weidmenschsheil!

Aus dem Tagebuch eines Drachentöters: Rechts vor links! Oder: Ist rechts hip und links spießig?

 

Es ist zurzeit nicht zu verhehlen, dass rechte oder rechtsgerichtete Ideen aktuell Oberwasser haben. Sie dominieren den medialen Diskurs in jeder Hinsicht, ob jetzt durch das Aufgreifen dieser Ideen bis tief in die Mitte der Gesellschaft oder die ständigen Berichte über rechte bis zu rechtsextremen Taten und Aktivitäten (Anschläge, Demos, Interviews, Talkshows,…). Nicht nur die Ideen werden in fast allen etablierten Parteien (positiv) rezipiert, auch die rechten Szenen und Gruppen sind präsent, auf der Straße, im Netz, in den Köpfen.

Und was kommt von links? Wenig und das nicht wirklich laut. Die Linke kämpft seit langen mit inneren Streitigkeiten um Richtung und Programmatik. Attac kämpft mit Mitliederschwund und Überalterung. Die Blockupy-Bewegung machte zuletzt eher negative Schlagzeilen. Die traditionell eher linke Hausbesetzerszene sieht sich in Berlin und anderswo mit massivem Kräfteaufgebot des Staats konfrontiertHäuser werden ohne Rücksicht geräumt oder sind von Räumung bedroht. „Linke“ Hochburgen werden zurückgedrängt und attackiert. Auch ihre Wortmeldungen zu tagespolitischen Themen wie den Übergriffen in Silvesternacht in Köln und anderswo sind selten, irgendwie leer und verhallen in der Medienlandschaft ohne großes Echo. Wenn es ein vermeintlich linkes Thema in die großen Tagesmedien verirrt, sind es gerne alte ehemalige RAF-Mitglieder die so oder so ihr Auskommen finden wollen. Nach außen dringen fast nur Rückzugsgefechte.

Warum ist „links“ so in der Krise? Ist „links“ überhaupt in der Krise?

Mensch muss einfach feststellen, dass das konservative und das rechte Lager eine unglaubliche Energie an den Tag legt, wenn es um Adaption und Mimikry linker Inhalte und Symbole geht. Die früher eher links-alternative Friedensbewegung  sah sich in jüngster Vergangenheit einer versuchten Übernahme durch ein rechts, verschwörungsgläubiges Klientel ausgesetzt. Es wurde spät und oft zu spät reagiert, menschchmal sogar die Querfront gesucht. Auch Kapitalismuskritik von rechts ist auch schon seit Jahren kein ungewohntes Bild mehr. Ganze Stile und Strömung wurden gekapert und übersetzt, wie der sogenannte „schwarze Block“ der auf der rechten Seite unter dem Label der „Nationalen Autonomen“ firmiert. Ché Guevara und Palästinenser-Tücher (Kufiya), irgendwann mal klare Symbole der linken Szene wurden genauso übernommen wie der Kleidungsstil des Hardcore-Punk oder der Hipster („Nipster“). Rechtsrock ist zwar immer noch eine Szenegröße, aber daneben etablieren sich immer mehr „arisierte“ Musikrichtungen. Angefangen beim Black Metal (NSBM), dem erwähnten Hatecore ist inzwischen eine andere Hochburg der nicht-rechten Kultur vereinnahmt worden: Seit einiger Zeit mehren sich rechte Hiphop/Rap-Interpret*innen wie MaKss Damage, Dee Ex oder King Bock. Dazu bietet die rechte Szene inzwischen mehrere durchaus hochqualitative Mode-Label wie das bekannte Thor Steinar oder auch Ansgar Aryan. Die Kleidungsstücke sind nicht günstig, gut verarbeitet und dem modernen Stil des Mainstreams nachempfunden, aber immer mit der kleinen oder großen Spur Szene-Stil und Codes.

Die rechte Szene hat es verstanden sich zu öffnen, adaptiv zu sein und in ihrer Art und Weise sogar innovativ und kreativ zu sein. Und „die“ linke Szene? Hier herrschen Lagerkämpfe, interne Streitigkeiten und eine gefühlte intellektuelle Ratlosigkeit. Was ist heute links? Was nicht? Die frühere Trennschärfe zum gesellschaftlichen Mainstream ist kaum noch vorhanden. Eigentlich müsste es als Erfolg gewertet haben, wie konsensfähig frühere linke Kernthemen inzwischen geworden sind. Aber in einer Zeit, in der eine Kanzlerin Merkel doch den Atomausstieg forciert und ein Winfried Kretschmann Ministerpräsident wird, fehlen scheinbar zunehmend Schlagworte und Kampfbegriffe. Oft muss mensch sich damit begnügen, eine radikale Version von gesellschaftlichen Konsensthemen zu vertreten. Eine Grundproblematik die ich sehe ist, dass der rechte Rand aktiv bestrebt ist, in die Mitte der Gesellschaft zu drängen, Themen zu besetzen und einen gesamtgesellschaftlichen Diskurs in ihrem Sinne zu prägen (wobei sie aktuell sehr erfolgreich sind!), während es grade unter jungen Linken eher das Bestreben gibt, sich vom Mainstream abzugrenzen. Um es mal überspitzt zu verdeutlichen: Während „die Linken“ den Staat überwinden wollen, trachten „die Rechten“ danach ihn zu übernehmen und zu instrumentalisieren. Ganz weit zurück gedacht weiß ich, was schon mal funktioniert hat.

Dabei eröffnet doch grade diese Verschiebung der Gesamtgesellschaft nach links Räume, um für Themen zu kämpfen die vorher zurückgestellt wurden. Doch wie will mensch den Kampf gegen Sexismus und Chauvinismus aktiv führen, wenn selbst weite Teile des eigenen Lagers diese grundlegenden Werte nicht verinnerlicht haben? Auch besteht offenbar im linken Spektrum wirklich ein Problem damit, wenn die Idealer einer multikulturellen Gesellschaft auf die Realität einer Silvesternacht treffen. Dieser Artikel in der taz trifft es meiner Meinung nach recht gut, was grad schief läuft. Die Ereignisse in Köln waren eben KEIN Alltags-Sexismus und müssen genau deswegen auch besonders behandelt werden. Kultur und Herkunft auszublenden und zu sagen, dass es in unserem Land genauso Sexismus gibt, ist in erster Linie eins: Positiver Sexismus! Es ist haargenau das gleiche Schema, mit dem auf konservativer Seite gerne Armut in Deutschland relativiert wird: Mit der Aussage, dass es woanders doch viel schlimmer sei. Nur ist woanders in diesem Fall hier. Der Mechanismus ist der gleiche: Relativierung! Das ist einer linken Bewegung die mutige Antifaschist*innen, Kommunist*innen und Anarchist*innen hervorgebracht hat unwürdig!

Aber warum geht der gesellschaftliche Diskurs aktuell so ohne weiteres dazu über, konservatives, rechtspopulistisches oder rechtes Gedankengut oder zumindest die Begrifflichkeiten und Slogans, wo doch die linken Bewegungen und Menschen, die aus ihnen hervorgegangen sind, über Jahrzehnte für ein immer gesellschaftsübergreifenderes  Meinungsbild gesorgt haben? Ich denke das hat mehrere Gründe. Zum einen die immer auftretende Rebellion der jüngeren Generation gegen die ältere Generation und ihre Vertreter (Eltern, Lehrer, Politiker,…). Schöne Beispiele sind natürlich immer die Grünen und andere Personen, die dem links-alternativen Spektrum entstammen. Viele sind inzwischen „Teil des Systems“. Kaum ein Kabarettist, der sich nicht schon über die politische Herkunft vieler Lehrer dieser Generation lustig gemacht hat. Mensch kann also sagen, dass das „System“ inzwischen zu vielen Teilen aus Leuten besteht, die früher (radikal) links waren und „dagegen“. Zum anderen: Stillstand bedeutet Tod. Ich weiß, ganz schön pathetisch. Aber dem rechten Rand kann mensch zum Beispiel keinen Stillstand vorwerfen, wie oben bereits gezeigt. Vielleicht mögen viele alte Ideen im Hintergrund noch wirken, aber sie haben gelernt, es anders zu verpacken, sich anders zu geben und in anderen Formen zu erscheinen. Sie haben sich, ihre Erscheinung und ihre Ideologie den Umständen angepasst. Über den adaptiven Charakter habe ich mich ja bereits ausgelassen.

Und die Linken? Schon früh galten linke Bewegungen als durchaus intellektuell. Neue Ideen wurden hervorgebracht, diskutiert und ausprobiert. Und auch modisch haben „die Linken“ früher viele Trends gesetzt und Stile hervorgebracht. Was hätten „die Rechten“ den sonst so gut übernehmen können, was links nicht bereits etabliert worden war. Aber diese innovative Kraft ist offenbar erschöpft. Links setzt keine Trends mehr, weder modisch noch gedanklich. Ich kenne mehr rechte Modemarken als linke, was ganz schön traurig und mitunter hinderlich ist. Früher trug mensch den Ché oder den roten Stern und wurde als der Szene zugehörig erkannt. Heute müsste ich bei den ganzen schwarz vermummten Gestalten SEHR nach rangehen um zu erkennen, wo die Person sich einordnet, aber dann ist es vielleicht schon zu spät. Links ist nicht modisch, nicht modern. Links ist heute doch meist eher eine Anti-Haltung, mensch ist als „Linker“ in erster Linie dagegen: Gegen Faschismus, gegen Sexismus, gegen Gentrifizierung, gegen Kapitalismus usw. Links sein ist inzwischen ein negativer Begriff, was bedeutet der sich weniger über eigene Werte definiert, sondern über die Abgrenzung/Ablehnung anderer Werte und Positionen. Eine Haltung die dem italienischen Faschismus ursprünglich zu Eigen war. Das Problem ist, dass so eine Anti-Haltung klare Grenzen benötigt, beziehungsweise schafft/fordert. „Wer nicht für uns ist, ist gegen uns“. Da bleibt wenig Raum für Reflektion. Am deutlichsten wird das bei einer der großen informellen Bewegungen innerhalb der linken Szene, der Antifa. Von den historischen Wurzeln inzwischen so gut wie komplett gelöst (abgesehen vielleicht vom Logo), haben die meisten Antifa-Gruppen den gemeinsamen Nenner gegen „Nazis“ (Rechts, Faschisten,…) zu sein. Andere, eigene Werte finden da sich eher am Rand und sind auch meist wieder Gegen-Haltungen (beliebt: Anti-Kapitalismus). Wenn mensch weiß, wer der Feind ist, hat der Tag Struktur. Aber so verkommt Linkssein zu einer reinen Reaktion. Gegen-Demo. Nicht mehr aktiv, sondern nur noch reaktiv. Aber das ist in keiner Weise konstruktiv. Wo bleiben die Gegenentwürfe? Und zwar nicht die x-te Wiederholung aus alter Männer Bücher! Neue, an die heutige Welt, die heutigen Gesellschaften, die heutigen Probleme angepasste Ideen und Lebensentwürfe!

Es ist doch alles da! Vordenker, deren Ideen aufgegriffen und weiterentwickelt werden können (Aus! Pfui! Leg „Das Kapital“ weg!), alte Ideale die mit neuem Leben gefüllt werden können (Liberalismus zum Beispiel, und zwar nicht die FDP-Parodie). Es gibt große und hehre Ziele, die mensch erreichen kann. Denn meiner Meinung haben „die Rechten“ etwas, dass mensch sonst eher bei religiösen Fundamentalist*innen aller Couleur findet, was „die Linken“ seit dem Scheitern des Stalinismus/real-existierenden Sozialismus kaum noch haben: Den Glauben an Ideale. Mögen nicht nur in meinen Augen falsche und menschenverachtende Ideale sein. Aber an ein Ideal zu glauben, dass war einmal eine linke Tugend. Wie hätten sonst die vielen Sozialist*innen, Sozialdemokrat*innen, Kommunist*innen und Anarchist*innen sich so todesmutig gegen das dritte Reich gestellt? Sucht neue Ideale. Oder füllt alte Ideale mit neuem Leben.

Und verabschiedet euch endlich von der Hetze gegen den Staat und seine Bediensteten. Die Polizist*innen, die zwischen einer rechten Demo und einer linken (Gegen!)Demo stehen sind nicht da, weil sie „die Faschist*innen schützen“ wollen. Sondern weil das deutsche Grundgesetz jedem Menschen Meinungsfreiheit und körperliche Unversehrtheit zusichert. Das Grundgesetz ist nicht nur die Grundlage des deutschen Staates, sondern auch eine gesetzliche Umsetzung linker Ideen. Denn Freiheit, wusste schon Rosa Luxemburg, ist immer auch die Freiheit des Andersdenkenden.

In diesem Sinne:

Weidmenschsheil!

Quelle Titelbild: https://www.flickr.com/photos/agfreiburg/6820039111/

Aus dem Tagebuch eines Drachentöters: Politik und Musik. Oder: Wir sind eine unpolitische Band!

 

Es ist ja weithin bekannt, dass es einige Musiker*Innen gibt, die ihre Musik nutzen, um ihre Weltanschauung zu propagieren und zum Ausdruck zu bringen. Ob das eine negative Sache ist, hängt auch immer ein bisschen davon ab, WER das macht und um WELCHE Weltanschauung es sich dabei handelt.

Politische Statements gibt es viele. Dabei geht es um unterschiedlichste Themen, sei es Empowerment für Frauen und/oder People of Colour (PoC) wie es Beyoncé bei ihrem Auftritt beim Superbowl kürzlich gezeigt hat, Engagement gegen Rechtsradikalismus/für Weltoffenheit, wie es einige Bands/Künstler*Innen machen oder auch um die Verbundenheit zu einer wie auch immer gearteten Heimat, wie es Frei.Wild immer mal wieder thematisieren. All das ist LEGITIM, weil es sich im Rahmen von Gesetzen abspielt. Ich muss es nicht mögen oder kann es als gefährlich oder abzulehnend ansehen, aber so lange sich eine Künstler*In auf dem Boden des Gesetzes befindet greift die so viel beschworene Meinungsfreiheit (Zur Erinnerung: Art. 5, Grundgesetz und Art. 11, Charta der Grundrechte der Europäischen Union). Meistens wird mit politisch motivierter Musik allerdings Musik aus dem rechten Spektrum oder auch durchaus aus dem linken Spektrum gemeint, also Lager die sich explizit als politische Bewegung ansehen.

Aber diese Einordnung ist einfach zu ungenau. Es gibt nicht nur rechte und linke Musik, sondern jede andere Richtung wird sich auch musikalisch wiederspiegeln. Einfach weil eine politische Gesinnung eine gute Motivation und Inspiration für künstlerisches Schaffen ist. Politik ist kein eindimensionales Spektrum.

Das Politiklexikon (Schubert, Klaus/Martina Klein, 5. Aufl. Bonn: Dietz 2011) bietet verschiedene Definitionen des Begriffes „Politik“. Im Allgemeinen sagt es:

Politik bezeichnet jegliche Art der Einflussnahme und Gestaltung sowie die Durchsetzung von Forderungen und Zielen, sei es in privaten oder öffentlichen Bereichen. 

Und weiter:

Politik bezeichnet die aktive Teilnahme an der Gestaltung und Regelung menschlicher Gemeinwesen.

Das sind natürlich sehr weite Definitionen, aber der Begriff ist auch unglaublich schwierig. Er bedeutet eben nicht NUR das was mensch im klassischen Sinne „Staatskunst“, also das Handeln des Staates und das Handeln in staatlichen Angelegenheiten, nennt. Eigentlich muss mensch sagen, wenn mensch sich vom „Staatskunst“-Begriff entfernt gilt: Alles ist Politik oder alles kann Politik sein! Denn wer das Kommunikationsmodell der vier Seiten nach Schulz von Thun kennt, weiß: In einer Aussage steckt auch immer ein Appell, sprich eine Handlungsaufforderung. Und eine Aussage die von einer Musiker*In getätigt wird, also vor und für Publikum, sendet einen Appell an eine große Gruppe, wäre also theoretisch eine „Art der Einflussnahme und Gestaltung sowie die Durchsetzung von Forderungen und Zielen“.

Ich behaupte also: JEDE Musiker*In ist in gewisser Weise politisch tätig, auch wenn er sich nicht aktiv in der „Staatskunst“ engagiert!

Denn Musik findet, auch wenn einige Menschen das vielleicht anders sehen, ja nicht in einem Vakuum statt, also in einem sozialen/gesellschaftlichen. Sowohl Produzierende als auch Rezipierende sind Teil einer Gesellschaft, beeinflusst von einer Gesellschaft und ihren Werten. Wir sind alle Teil von sozialen Netzen (Nein, nicht die im Internet, sondern das Geflecht von Beziehungen zu Menschen an sich) und seit unserer Geburt nehmen wir unsere Umwelt war, reflektieren sie und werden von ihr beeinflusst und geformt (Plus Genetik, aber das führt jetzt zu weit). Wir können dies nicht immer unbedingt wahrnehmen oder beeinflussen, dieser Prozess passiert eben einfach. Und so wie die Politik Teil der Gesellschaft ist, ist sie Teil von uns. 

Was bedeutet das? Nun, zunächst muss mensch sagen, dass jede Musiker*In/Band, die von sich behauptet „unpolitisch“ zu sein, sich entweder nicht bewusst ist, dass sie sich politisch äußert oder sie lügt schlicht und ergreifend, weil sie ihre eigentliche politische Ausrichtung nicht explizit preisgeben will. Das kann unterschiedliche Gründe haben und muss noch nicht mal etwas negatives sein.

Was aber bedeutet das für die Musikhörer*In? Tja. Da muss ich auf den Standardspruch aus meinem Studium zurückgreifen: Es kommt drauf an! Es gibt Bands, die sich als unpolitisch bezeichnen, weil sie sich nicht einer bestimmten politischen Richtung zugeordnet sehen wollen, denn damit gehen ja viele Probleme einher (Publikumsverlust, Absage von Auftritten, Proteste, etc.). Ich muss ehrlich zugeben, dass mir noch keine Band begegnet ist, der „vorgeworfen“ wurde eher links zu sein und die sich daraufhin als „unpolitisch“ bezeichnet hätte. Umgekehrt gab es einige Bands, denen rechte Tendenzen „vorgeworfen“ wurde, dem mit dem „Unpolitisch“-Statement begegneten, aber durchaus Kontakte zu Personen mit eindeutig rechter Gesinnung aufwiesen. Daher werde ich immer hellhörig, wenn ich das „Wort“ unpolitisch auch nur höre!

Allerdings gibt es auch Bands/Musiker*Innen, die zum Beispiel offenkundig rechts(radikal) sind, dies sich aber nicht unbedingt in den Texten wiederspiegelt. Hier soll als Beispiel das Soloprojekt Burzum genommen werden, weil dies auch in der Black Metal Szene häufig ein Streitpunkt ist. Kristian „Varg“ Vikernes, derzeitiger offizieller Name übrigens Louis Cachet, wird gerne als Begründer des NSBM (National Socialist Black Metal) bezeichnet und hat sich mehrfach offen rechts bekannt und geäußert. Über seine damalige (es ist ruhig geworden um ihn) politische Ausrichtung gab es also keine Fragen. Trotzdem strotzen die Texte von Burzum in keiner Weise von seiner menschenverachtenden Weltsicht, mensch müsste sie schon mit sehr viel Mühe und Not hinein interpretieren. Ist Burzum also eine rechte Band? Nein und Ja! Nein, weil sich in den Texten vielleicht Bezüge zu sog. „alten Werten“ finden, aber die findet sich auch in so viel anderem Liedgut (ich sag nur deutscher Schlager!), dass sie nicht prinzipiell als rechts gelten können. Außerdem kann mensch nicht bestreiten, dass Burzum für den Black Metal richtungsweisend waren. Ja, weil die Band keine Band ist, sondern eben ein Soloprojekt, ergo IST Burzum Kristian  Vikernes. Grade bei so einer markanten Persönlichkeit ist es schwer, diese vom künstlerischen Schaffen zu trennen.

Und genau hier liegt eines der größten Probleme von Musik und Politik: Die Trennung von Schöpfer und Werk. Diese ist nur schwer zu vollziehen, grade, wenn es sich um eine durchaus medienwirksame Person wie Kristian Vikernes oder auch den Varg-Frontmann Philipp „Freki“ Seiler oder den Frei.Wild-Frontmann Philipp Burger handelt (hier geht es nicht darum, ob die beiden Letztgenannten rechtem Gedankengut nachhängen, sondern dass beide in der ihrer Vergangenheit „Auffälligkeiten“ haben, die mensch entweder in Zusammenhang mit ihrem heutigen Wirken bringen kann oder eben nicht). Weitere Beispiele lassen sich quer durch die musikalische Landschaft finden, von dem Was-auch-immer Hans Entertainment mit seinen fragwürdigen Äußerungen über Krawallbrüder und ihr zwielichtiges Umfeld bis hin zur italienischen Black Metal Band Forgotten Tomb die wegen früherer Aussagen vom deutschen Extreme-Metal-Magazin Legacy lange Zeit mit einer Mediensperre belegt waren (inzwischen nicht mehr offenbar).

Keiner dieser Bands/Musiker*In würde ich in ihrem aktuellen Wirken ein aktives Propagieren von rechter Ideologie vorwerfen! Allerdings muss mensch sich immer vor Augen führen, dass die Texte dieser Musik von Menschen gemacht wurden, die ein bestimmtes Weltbild vertreten. Und irgendwie wird dies ihr Handeln beeinflussen. Vielleicht nicht merklich oder so, dass es einen Einfluss hat. Wenn einem die Musik einfach gut gefällt, steht es jedem Menschen frei, sie zu hören (Meinungsfreiheit, remember?), aber mensch sollte sich fragen, ob mensch wirklich eine Band unterstützen will, die möglicher Weise diesem Gedankengut nahe steht. Das muss jede*r selber wissen, aber vielleicht lohnt es, einmal darüber nachzudenken.

In diesem Sinne:

Weidmenschsheil!