Aus dem Tagebuch eines Drachentöters: Darkly Venus Aversa Teil 8 – Gedanken toten Lebens. Oder:

 

Nun schaffe ich es im achten Teil der Serie doch mal, in meinem Heimatland vorbei zu schauen. Völlig unerwartet stieß ich bei meinen Recherchen zu geeigneten Bands auf Gedanken Toten Lebens, ein One-Woman-Black-Metal-Project.

Im Internet finden sich nicht viele Informationen über das Projekt. Begründet wurde es im Jahr 2012 von der Musikerin unter dem Pseudonym Solveig, von der es zwar ein Bild aber keinen Namen gibt. Zwar erfährt mensch auch, dass sie von 2011 bis 2014 unter dem anderen Namen Nebelschrei bei deutschen Band Aigilas gesungen hat, ein Herkunftsort für Gedanken Toten Lebens gibt es jedoch nicht. Im Gegensatz zum letzten besprochenen Soloprojekt Coldnight übernimmt Solveig allerdings nicht die komplette Instrumentalisierung, sondern ist für das Gesamtkonzept, die Texte und den Gesang verantwortlich. Bei der Musik holt sie sich die Unterstützung anderer Bands. So wurden auf der bislang einzigen selbstbetitelten Veröffentlichung des Projekts, welche 2015 in Eigenregie erschien, sämtliche Instrumente vom Musiker Freigeist eingespielt, der zusammen mit Solveig bei der Band Aigilas tätig war.

Dies sind auch so ziemlich alle Informationen die sich von der Band finden lassen. Auch auf der eigenen Facebook-Präsenz ist zu lesen, dass die Musik für sich spricht und darum nicht viele Worte verloren werden sollen. Daneben wird große Bewunderung für das Werk des als Vordenker bezeichneten Friedrich Nitzsche ausgedrückt und von ihm zitiert. Solveig und Gedanken Toten Lebens umgeben sich mit einer mystischen Aura, welche sich auch in der Bildsprache der Band wiederfindet, welcher ich ausnahmsweise vor der Musik widme, um bereits einen Eindruck des Ganzen zu geben. Stimmungsvollen Bilder in einer blaustichigen schwarz/weiß-Optik gehalten und zeigen Naturszenerien nebelverhangener Wälder und Felder. Das meiner Meinung nach eindrücklichste Bild zeigt einen knorrigen toten Ast, der aus vertrocknetem Strauchwerk ragt, nebelumspielt und von einem drohenden wolkenverhangenen Himmel gekrönt. Dieses Bild spielt in quasi poetischer Art und Weise den Projektnamen wieder. Ein weiteres Bild zeigt die durchscheinende Silhouette von vermutlich Solveig vor dem Hintergrund einer düsteren Waldszenerie. Diese Bilder sprechen eine Sprache von Melancholie, Einsamkeit, der Vergänglichkeit allen Seins.

Zu dieser Bildsprache passend, spielen Gedanken Toten Lebens eine atmosphärische und ambientige Form des Black Metal, mit den Themenschwerpunkten der Natur, der Philosophie und des Todes, die in deutschen Texten vorgetragen werden. Das Album „Gedanken Toten Lebens“ umfasst bei einer Gesamtlänge 36:22 Minuten (also eher dem Umfang einer EP) sieben Tracks von denen der Längste fast sieben Minuten Spielzeit erreicht.

Tracklist:

  1. Am Rande des Waldes
  2. Der Freitod
  3. Urkraft
  4. Leichenstarre
  5. Erwachen im Scheine des Mondes
  6. Stimmen der Toten
  7. Die Erhabenheit der letzten Dinge

Es beginnt mit einem sehr stimmungsvollen Intro („Am Rande des Waldes“) aus einem Klangteppich (Keyboard) über das sich Solveigs Stimme erhebt und den titelgebenden Text des deutschen Schriftstellers  Josef Magnus Wehner rezitiert. Wenn der Autor auch kritisch betrachtet werden sollte, ist diese der Romantik angelehnte Lyrik doch ein sehr erhabener Beginn. „Der Freitod“ beginnt mit klassischem Black Metal, schnell und treibend, doch so sobald Solveigs Gesang einsetzt, wird die Musik ein jedes Mal ruhig und untermal nur noch zurückhaltend. Es wird deutlich, dass der Text über eine Person, die den Suizid in einem Moor sucht, zentral ist und verständlich sein soll. Nach einem Zwischenspiel aus Vogelgesang und dem Klang eines schlagenden Herzens nimmt das Lied noch einmal Fahrt auf und kommt, wie die Protagonistin des Textes, zum Ende. Deutlich ruhiger beginnt „Urkraft“. Akustisches Gitarrenspiel und flüsternder Gesang wiegen einen in trügerischer Sicherheit, bevor Musik und Gesang in voller Kraft über mich herein brechen. Textlich handelt das Lied von der titelgebenden Urkraft, der Wurzel allen Seins, quasi dem göttlichen Funken. „Leichenstarre“ handelt vom Monolog einer toten oder sterbenden Person aus den Tiefen eines Grabes. Auch musikalisch wirkt der Song düsterer und aggressiver als die vorhergegangenen. Es fehlt das träumerische und mystische, dass den ersten Titeln zu Eigen war, was im Einklang mit dem Text steht. Ganz ähnlich das nun folgende „Erwachen im Scheine des Mondes“. Auch dies wirkt recht aggressiv, wird aber hin und wieder an stillen Momenten unterbrochen. Auch hier wird die Wahrnehmung einer Toten geschildert, eines Geistes, der sich vom Körper befreit. Fast doomig beginnt „Stimmen der Toten“, einem Lied über die Frage nach dem Sinn des Seins. Die Musik ist schleppend, jedoch alles andere als eintönig. Und dann folgt wieder der Bruch wenn der geflüsterte Gesang einsetzt und nur noch von einer akustischen Gitarre begleitet wird, bis die düster-schleppende Musik wieder einsetzt. Mit ruhigen Akustikgitarren klingt der Song letztlich aus und macht der „Die Erhabenheit der letzten Dinge“ platz. Dieser Song ist nun wieder deutlich schneller und eingängiger, als die vorausgegangenen, die Mystik der ersten Tracks findet sich jedoch nicht wieder ein. Wie passend für den letzten Song, handelt der Text vom Ende, vom Vergehen und dem Tod. Musikalisch werden ein schnelles Schlagzeug und dichte Gitarrenteppiche geboten, die manchmal von dem Klang einer gezupften Geige untermalt werden. Und so klingt das Stück aus.

Bei Gedanken Toten Lebens stehen die Texte merklich im Vordergrund. Sie sind immer klar und deutlich zu verstehen, auch tritt die Musik oft in den Hintergrund wenn Solveigs Stimme einsetzt, was nochmal die Wichtigkeit des Textes betont. Diese Texte sind sehr gut, meiden Klischees und tragen das namentliche Konzept des Projekts durch die gesamte Veröffentlichung gut mit. Sowieso bilden hier Musik, Text und Optik eine wundervolle Einheit. Alles wirkt in sich schlüssig und spiegelt sich in allen Aspekten wieder. Die Musik ist relativ klassischer Black Metal, wartet jedoch immer wieder mit Abwechslung und Nuancen auf, die das Zuhören niemals langweilig werden lassen. Für Freunde von ambientigem und depressivem Black Metal definitiv ein interessantes Album. Ich für meinen Teil hätte mir eine höhere Spiellänge gewünscht, aber vielleicht hätte das Konzept dann nicht mehr so gut getragen. Mein Anspieltipp: Der Freitod und Urkraft, einfach weil mir das träumerisch-mystische in Musik und Text so gut gefällt.

Ich hoffe doch, dass wir von diesem Projekt in Zukunft noch öfters etwas zu hören bekommen!

In diesem Sinne:

Weidmenschsheil!

Gedanken toten Lebens bei Facebook
Gedanken toten Lebens bei SoundCloud

 

 

 

Advertisements

Aus dem Tagebuch eines Drachentöters: Darkly Venus Aversa im Gespräch Teil 1 – Smirking Revenge

Ich hatte ja vor einiger Zeit mal eine kleine Überraschung für meinen Blog angekündigt. Und hier ist es nun: Mein erstes Interview mit einer der von mir vorgestellten Bands, Smirking Revenge. Die Fragen wurden beantwortet von Gabrielle Bordeleau, Bassistin und Back-Vocal-Sängerin.  Keine langen Worte von mir, das Wort hat die Künstlerin!

(aus dem Englischen übersetzt)

Drachentöter: Beschreibt eure Band und euren Musikstil. Was denkt ihr, macht eure Band besonders?

Gabrielle Bordeleau: Wir sind eine Mixtur aus Black, Death, Nu Metal und Naturgewalt. Was uns besonders macht, ist dass wir uns nicht durch einen bestimmten Stil einschränken lassen. Unsere Kompositionen folgen unseren Inspirationen und wir haben keine Fesseln. Das Faktum, dass wir eine Band nur aus Frauen sind ist auch etwas, das mensch selten im Metal findet und das bringt einen femininen und boshaften Touch mit sich.

 

 

DT: Wie hat die Band zusammen gefunden? Was waren eure Ziele/Intentionen?

GB: Roxanne und Joannie (Gitarristin und Schlagzeugerin) hatten ein anderes Projekt namens Aenygmist, eine rein weibliche Black-Metal-Band, die von 2007 bis 2012 aktiv war. Die Band trennte sich, aber beide wollten weiter zusammen Musik machen. Sie fanden Charlotte (unsere Ex-Sängerin) und danach mich, im Jahr 2013. Charlotte verließ 2015 die Gruppe um eigene Projekte zu verfolgen und wir dann trafen Marie.

Unsere Absichten sind eine Botschaft mit unserer Musik zu vermitteln. Wir sprachen über die Vor- und Nachteile von Technologie in unserer EP “Mind Uploading“, veröffentlicht 2014. Aber mit unserem kommenden Album “Magna Mater“, dass wir bald die Aufnahme wird, haben wir das Ganze auf ein neues Level. Die Umwelt wird dabei ein wichtiges Thema sein. Musikalisch wird es wird vieles anders als die vorherigen EP zu sein, weil der künstlerische Prozess ist nicht der Gleiche ist. Die EP diente mehr der Findung eines eigenen Sounds.

 

 

DT: Was sind eure musikalischen und anderweitigen Einflüsse? Welche Musikgenres bevorzugt ihr personlich?

GB: Wir alle hören gerne Nu Metal Bands wie Korn, Mudvayne, Slipknot, Kitte, etc. Auch die Band Gojira ist ebenfalls einflussreich für uns.

 

 

DT: Wer schreibt bei euch die Songs? Arbeitet ihr alle zusammen oder wer ist hauptsächlich verantwortlich?

GB: Zuerst schreibt Roxanne (Gitarre) ihre eigenen Parts, dann Joannie ihr Drumming, ich schreibe meine Bass Parts und dann fügt Marie ihre Texte hinzu. So tragen wir alle etwas bei.

 

 

DT: Was inspiriert euch zu dem was ihr tut?

GB: Ungerechtigkeit, Leidenschaft, Natur.

 

 

DT: Wie beeinflusst die Musik euch und eure Umwelt?

GB: Ich denke, Musik ist der Grund, warum wir alle heute noch am Leben sind. Musik unterstützte uns, als wir es brauchten, sie hat uns verstanden und tut es auch heute noch. Wenn die Musik so gut ist, dass du erschauderst, ist das ein Gefühl, das mensch mit Worten nicht beschreiben kann. Und dafür leben wir!

 

 

DT: Wie bewerbt ihr eure Band und eure Auftritte?

GB: Meistens über unsere Facebook-Seite. Aber wir sind auch auf Reverbnation und Bandcamp. Eine Website befindet sich im Aufbau.

 

 

DT: Beschreibt eure Show visuell und musikalisch. Nutzt ihr bestimmte “special effects”?

GB: Wir lieben besondere Makeups. Nicht unbedingt solche im Black-Metal-Stil. Wir verändern sie gerne abhängig vom Gig.

 

 

DT: Was ist eure Meinung über die heutige Musikindustrie?

GB: Nun, sie hat ihre Vor- und Nachteile. Mit Internet kannst du alles, was du willst streamen und das erhöht die Sichtbarkeit von Underground-Bands. Aber es gibt jetzt so viel Auswahl, so viel Musik zum Hören, die Frage ist: Wo soll mensch anfangen?

Auch mit Musik den Lebensunterhalt verdienen, ist fast unmöglich, vor allem im Metall. Verdammt, sogar größeren Nummern wie Deftones müssen touren, nur um ihre Rechnungen zu bezahlen! (Link)

 

 

DT: Was eure größte/beste Show? Was war die schlimmste?

GB: Unsere größte Show war im Juni, als wir mit Beyond Creation in Jonquière, Quebec, aufgetreten sind. Die schlimmste war in Quebec City am 1. November 2014, aber es war auch die lustigste Show, weil die Leute so schräg waren und die Lokation echt gruselig. Dann gab es auch eine Show in Trois-Rivières, wo fast niemand gekommen ist.

 

 

DT: Erzählt über euer Leben als Band. Wie ist es zusammen zu arbeiten und zu spielen?

GB: Wir kommen zum Glück wirklich gut miteinander aus. Wir sind nicht nur Bandkolleginnen, sondern Freundinnen, was nicht für jede Band der Fall ist. Wir teilen Erfahrungen, Gefühle, Freude, Trauer usw.

 

 

DT: Beschreibt die Extrem Metal Subkultur in Quebec. Gibt es einen Unterschied zum Rest Kanadas? Habt ihr Erfahrung mit Publikum anderswo? Was ist da der Unterschied?

GB: Es ist eine enge Gemeinschaft. Jeder kennt jeden. Wir haben bisher nur in Kanada gespielt, daher kann ich über die Unterschied zwischen der Szene hier und woanders nichts sagen.

 

 

DT: Wie sind eure Verbindungen zur Szene? Habt ihr Bands, mit denen ihr besonders gerne auftretet? Habt ihr Lieblingsclubs oder –Festivals?

GB: Wir haben engen Kontakt zu Ordoxe, Insurrection, Spacemak3r, Eternal Judgment, alles Metal Bands aus Quebec. Wir spielen wirklich gerne im Katacombes in Montreal.

 

 

DT: Denkt ihr, dass es einen Unterschied gibt, wenn mensch ein weiblicher und kein männlicher Metalhead ist? Was sind eure individuellen Erfahrungen?

GB: Ja, denn als Frau in einer männlichen komponierten Szene, hast du viel mehr Druck. Zum Beispiel, wenn eine rein männliche Band an einem Abend keine gute Show abliefert, wird mensch nicht sagen, „das kommt, weil es Männer sind“. Aber wenn während unseres Sets etwas schief geht, werden einige Leute denken, „das kommt, weil es Frauen sind“. Wir kriegen zu oft Kommentare wie „ihr seid gut für ein Frauen-Band“. Auch neigen einige Menschen Frauen nach ihrem Aussehen zu beurteilen, als durch ihr Talent. Das ist das, was uns die Gesellschaft lehrt.

Aber es auch ein Vorteil sein, eine Frau zu sein. Die Menschen sind neugierig und Frauen im Metall zu sehen, ist erfrischend.

 

 

DT: Glaubt ihr, dass es rein weibliche Bands schwerer haben, bekannt oder berühmt zu werden?

GB: Es kann ein Vorteil und ein Nachteil sein. Menschen neigen dazu, gegenüber Frauen in Metall wesentlich kritischer zu sein, aber es ist auch etwas das manche Leute gerne öfter sehen wollen.

 

 

DT: Hattet ihr schlechte Erfahrungen mit Booker*innen, Promoter*innen oder dem Publikum, weil ihr eine rein weibliche Band seit?

GB: Nicht soweit ich mich erinnern kann. Vielleicht mit einigen Leuten aus dem Publikum, die sexistische Kommentare von sich gegeben haben-

 

 

DT: Was sind eure Pläne für die Zukunft? Arbeitet ihr an einer neuen Veröffentlichung?

GB: Wir werden bald unser full-length Album «Magna Mater» aufzunehmen. Wir möchten es im August veröffentlichen.

 

 

DT: Was sind eure Träume und Ziele für die Band?

Wir wollen gehört werden und wir möchten unsere Musik mit der Welt teilen!

 

 

DT: Letzte Worte, die ihr teilen möchtet?

GB: Wenn ihr uns erreichen möchtet, hier ein paar Links

Smirking Revenge bei facebook

Smirking Revenge bei bandcamp

Smirking Revenge bei twitter

Smirking Revenge bei reverbnation

Smirking Revenge bei Instagram

Smirking Revenge Youtube-Channel

Smirking Revenge Email

Und rock weiter! \m/

 

Ich danke der Band herzlich für das Interview!

 

In diesem Sinne:

Weidmenschheil

Aus dem Tagebuch eines Drachentöters: Kultur im Archiv. Oder: Das Aufbewahren der Asche?

 

Aktuell bin ich Berlin und mache ein Praktikum im Rahmen meines Studiums. Ich bin hierhergekommen, um an einem Ort zu arbeiten, der so in Deutschland einzigartig sein dürfte: Dem Archiv der Jugendkulturen (AdJ). Da Archiv ist ein im Jahr 1997 unter anderem vom Jugendkulturforscher Klaus Farin gegründeter eingetragener Verein (e.V.), der es sich zur Aufgabe gemacht hat, Material aus und über Jugendkulturen zu sammeln, aufzubereiten, zu erforschen und der Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen. Es erhebt dabei den Anspruch, eine von Werturteilen freie, dennoch kritische und differenzierte Auseinandersetzung mit Jugendkulturen und Szenen zu ermöglichen. Das AdJ ist quasi das Gedächtnis deutscher und internationaler Subkulturen.

Aber was tut das Archiv im genauen und warum ist diese Arbeit in meinen Augen so unglaublich wichtig? Das Kernstück des AdJ ist auf jeden Fall die Bibliothek/Sammlung. Der Bibliotheksbestand umfasst über 8000 Bücher und Broschüren, mehr als 40.000 Fanzines, Zeitschriften, Zeitungen, 600 Magister- und Diplomarbeiten, über 7.000 CDs, LPs, MCs, DVDs und Videos sowie zehntausende Zeitungsartikel, Poster und Flyer aus allen erdenklichen Jugendkulturen. Die thematischen Bereiche erstrecken sich von Skateboarding über Science Fiction, Fußball, Comic, Skinheads, Punk, Rap/Hiphop, Graffiti, Techno bis hin zu Heavy Metal oder Gothic. Auch der Bereich der Popkultur wird ebenfalls erfasst. Ein Großteil dieser Sammlung ist für die Öffentlichkeit jederzeit in der Präsenzbibliothek einsehbar. Natürlich bemühen sich die Mitarbeiter*innen, die Bestände immer zu erweitern und auf einem möglichst aktuellen Stand zu halten. Neben eigenen Einkäufen lebt das Archiv von Spenden und Nachlässen von anderen Archiven oder privaten Sammlungen. So wurde vor kurzem der Bestand des aufgelösten Berliner Rock- und Pop-Archiv, das versuchte die West- und Ostberliner Musikgeschichte seit 1958 zu dokumentieren, aufgenommen und eingepflegt.

Ein besonderes Augenmerk wird bei dieser Arbeit auf das Sammeln sogenannter „Fanzines“ gelegt, also aus der entsprechenden Szene heraus oft in Eigenarbeit verlegte nicht-professionelle Erzeugnisse. In diesem Bereich ist besonders die Sammlung von deutschen Punk-Fanzines hervorzuheben, die das Wirken der Szene von ihrem Beginn Ende der 1970er Jahre protokollieren. Die hier zusammengetragenen Bestände dürften in dieser Größe deutschlandweit einzigartig sein. Ein starker Fokus liegt natürlich auch auf der Stadt Berlin und ihrer Subkulturgeschichte. Dies ist nicht der Lage des Archivs geschuldet, sondern auch dem besonderen historischen Status der Stadt Berlin in der Zeit der Teilung und Wiedervereinigung Deutschlands, die viel Freiraum für die Entfaltung der Szenen bot. 

Neben dem reinen Zurverfügungstellen dieser Materialien werden diese natürlich auch zu wissenschaftlichen Zwecken und Projekten genutzt. Die Ausstellung „Der zweite Blick„, die sich mit verschiedenen Szenen und deren Aspekten beschäftigt, zieht zurzeit als Wanderausstellung  durch viele Stationen im gesamten Bundesgebiet. Weitere aktuelle Projekte sind unter anderem das „Berliner Pop- und Subkulturarchiv„, das seinen Fokus auf den besonderen Umstands Berlins richtet, sowie die „Diversity Box„, die sich mit Homo- und Transfeindlichkeit Kontext von Jugendkulturen und der Gesamtgesellschaft befasst. Ein weiteres, dauerhaftes, Projekt ist das „Graffitiarchiv„, welches sich sich seit 2009 den Themen Graffiti und Streetart widmet. Dabei geht es um politische Bildungsarbeit, Öffentlichkeitsarbeit sowie die Organisation von Graffiti-Workshops, bei denen Jugendlichen der (legale) Umgang mit Streetart nahe gebracht wird.  Es wird also deutlich, dass das AdJ mehr ist, als ein Ort an dem Vergangenes bewahrt wird. Natürlich werden die Bestände genutzt um historisch zu arbeiten, aber es ist auch das Ansinnen der Mitarbeiter*innen den aktuellen Jugendkulturen und ihren Entwicklungen auf der Spur zu bleiben. Zu dem Zweck werden auch aktuelle Publikationen aus den Szenen bezogen und inhaltlich erfasst.

Das Archiv arbeitet zum einen natürlich selbst wissenschaftlich, aber es bietet auch Schüler*innen, Student*innen, Journalist*innen und Wissenschaftler*innen den Bestand an, um aus den Quellen Inhalte für eigene Arbeiten zu ziehen. Einige dieser Abschlussarbeiten werden wiederum in die Bibliothek des Archivs aufgenommen und stehen somit der Öffentlichkeit kostenlos zur Verfügung.

Doch es ist leider alles andere als eitel Sonnenschein! Das Führen eines Archivs und eines Vereins kostet Geld. Auch die Mitarbeiter wollen bezahlt werden, auch wenn viele aus Idealismus bei der Sache sind. Einen Teil des Auskommens  bestreitet das Archiv aus den Mitgliedsbeiträgen des (Förder)Vereins, weitere Mittel müssen mühsam bei Stiftungen und Fördermitteln von Stadt, Bund und anderen privaten Organisation organisiert werden. Dies ist oft eine Zitterpartie, da sich viele Antragssteller*innen um nicht-wachsende Töpfe streiten. Oft können Mitarbeiter nur für den Zeitraum eines Projekts beschäftigt und bezahlt werden. Archivarisches Arbeiten und Forschen ist nicht billig!

Für seinen Stellenwert und Bedeutung für die einzelnen Szenen ist das Archiv der Jugendkulturen leider erstaunlich unbekannt. Dabei wird hier quasi das Gedächtnis ganzer Generationen von Punks, Skins, Hiphopper oder Waver aufbewahrt. Wer WIRKLICH was über den Ursprung der eigenen Szene erfahren will und sich nicht mit fragwürdigen Wikipediaartikeln zufrieden gibt, der sollte das Archiv nutzen und unterstützen. Es lohnt sich! Kann doch die Asche der Geschichte durchaus den Funken enthalten, der ein Feuer zum Lodern bringt.

In diesem Sinne:

Weidmenschsheil!

Blog des AdJ

Website des Archivs der Jugendkulturen

Das AdJ bei Facebook

Unterstütze das Archiv!

Aus dem Tagebuch eines Drachentöters: Darkly Venus Aversa Teil 6 – Mortals. Oder: Von der Vergänglichkeit des Lebens.

 

Nachdem ich mich jetzt zwei Folgen lang am Kaukasus aufgehalten habe, diesmal wieder eine Reise auf einen neuen Kontinent, zurück nach Nordamerika, diesmal in die USA zu Mortals (Englisch: Sterbliche).

Gegründet wurde die Combo 2009 in Brooklyn, New York und sind bis heute äußerst aktiv. Zurzeit besteht die Band aus dem Dreigespann Caryn Havlik (Schlagzeug), Lesley Wolf (Gesang und Bass) und Elizabeth Cline (Gesang und Gitarre). Havlik und Wolf spielen außerdem noch in anderen Bands, unter anderem Belus und Slaywhore, einer All-Female-Slayer-Tribute-Band. Elizabeth Cline hingegen ist neben dem Musikerinnendasein auch als Journalistin und Autorin tätig. Sie schrieb unter anderem für NewYorker.com, The Daily Beast, New York Magazine, The New Republic und einige weitere Publikationen, veröffentlichte 2012 das Buch „Overdressed: The Shockingly High Cost of Cheap Fashion“ über die Hintergründe von Billig-Mode. Im Rahmen dieses Themas ist die studierte Politikphilosophin auch öfters Gast an Universitäten des Landes, unter anderem dem Fashion Institute of Technology, dem Boston College und der George Washington University.

Neben diesen Aktivitäten ist Mortals auch eine sehr aktive Live-Band, deren Touren sie bereits durch die ganze Welt geführt haben. Erst im vergangenen Jahr tourte die Band ausgiebig durch Europa und spielte auch in Deutschland einige Konzerte (Hamburg, Osnabrück, Köln, München, Leipzig und Berlin). Neben der russischen Gruppe Blackthorn gehört also auch Mortals zu den eher bekannten Bands, denen ich mich hier widme. Obwohl die Band „erst“ seit sieben Jahren existiert, kann sie bereits eine größere Menge an Veröffentlichungen vorweisen. Hierzu zählen neben einer Demo, einer Split-Veröffentlichung mit der Band Repellers, sowie zwei EPs auch die beiden full-length Alben „Encyclopedia of Myths“ (2009) und „Cursed to See the Future“ (2014). Da ich es mir irgendwie angewöhnt habe inzwischen, neben einem kurzen Bandbericht auch eine Rezension eines Albums der Band zu schreiben, werde ich dies auch hier tun, auch wenn sich zu beiden Alben einige Rezensionen online finden lassen. Wie üblich widme ich mich der letzten full-length Veröffentlichung der Band, also „Cursed to See the Future“.

Das Album wurde 2014 durch das amerikanische Label Relapse Records (U.a. MyrkurToxic Holocaust und Razor), bei dem Mortals unter Vertrag stehen, veröffentlicht. Es kommt auf eine Spiellänge von 47:43 Minuten und umfasst 6 Tracks. Die Musik ist dem aktuellen Stil der Gruppe entsprechend eine Mischung aus Black Metal und Sludge. Das Cover zeigt eine apokalyptisch-höllische Szenerie aus Tod und Sterben und ist in schwarz/weiß gehalten. Es ist über diverse Onlinehändler erhältlich und kann auch komplett bei Spotify gehört werden.

Tracklist:

  1. View from a Tower
  2. Epochryphal Gloom
  3. The Summoning
  4. Devilspell
  5. Series of Decay
  6. Anchored in Time

Das Album beginnt heavy mit „View from a Tower“, einem Stampfer im Midtempo für Tod und Vergänglichkeit. Aus einem Meer schwerer Gitarrenriffs  erhebt sich der growlende Gesang, ohne ihn zu dominieren. Weite Teile des Songs kommen jedoch ohne Gesang aus Mit einigen Breaks und Geschwindigkeitswechseln ein spannender Einstieg. Drückend und dröhnend steigt „Epochryphal Gloom“ ein. Unheilvoll und schleppend zäh, ohne eine Spur langweilig zu sein. Im Verlauf der ersten Minuten nimmt das Stück dann etwas mehr Fahrt auf, ohne die drückende Schwere zu verlieren. Der Gesang ist fast Nebensache, tut aber seinen Teil zu einem echten Gänsehaut-Feeling bei. „The Summoning“ fährt von Beginn an ein wesentlich höheres Tempo, aber auch hier dominieren die schweren Gitarrenriffs, die von wummerndem Bass und gemächlichem Schlagzeug flankiert werden. „Devilsspell“ schlägt in die gleiche Kerbe, etwas schneller, unglaublich drückende Gitarrenwände und ein Bass, der einen aus den Stiefeln pusten möchte. „Series of Decay“ beginnt sehr Black Metal-lastig: Schnell, sägende Gitarre, hämmerndes Drumming. Im Verlaufe des Songs kommen auch Doom-Elemente zum Tragen, aber der schwarzmetallische Einfluss überwiegt. Dem tut auch die epische Länge von 9:29 Minuten (längster Song des Albums) keinen Abbruch. Als letztes schickt die Band den kürzesten Song der Platte, „Anchored in Time“ ins Sludge Rennen (haha, Wortwitz…). Hier geht es wieder deutlich doomiger zu, langsamer, drückender und viel Gänsehautpotential. Am Ende wünscht mensch sehr doch irgendwie nochmal die gleiche Spielzeit.

Zusammenfassend: Mortals spielen Sludge/Doom Metal mit einem spürbaren Black Einschlag. Außer dem abschließenden „Anchored in Time“ liegen alle Songs Genretypisch deutlich jenseits der 6-Minuten-Marke. Dabei hat kein Song mehr als ein paar Zeilen Text, aber auf den scheint es der Band auch weniger anzukommen. Vielmehr wollen sie mit ihrer Musik erfolgreich eine erdrückende, düstere Atmosphäre erzeugen. Diese ist eigentlich durchgängig dicht und unheilsschwer. Auf die Texte will ich gar nicht näher eingehen, sie sind stimmig, aber der Musik deutlich untergeordnet. Ein unglaublich stimmungsvolles Album, das mensch sich wieder und wieder anhören kann, ohne dass es dadurch Stimmung einbüßt. Wessen Musikgeschmack Black und Doom umfasst ist hier genau richtig, aber auch Black Metal Purist*innen sollten mal ein Ohr riskieren! Anspieltipp: „Epochryphal Gloom“

Bleibt als letztes noch, die Bildsprache der Band zu untersuchen. Dazu hab ich mir mal das Instagram-Profil der Band beschaut. Dort präsentiert sich das Trio ganz im Gegensatz zur Musik lebenslustig und meist mit einem Lächeln im Gesicht. Auf typische „Poser“-Promofotos wird fast zur Gänze verzichtet, viel häufiger sieht mensch die Bands im Kreis von Fans, Freund*innen und Kolleg*innen. Hier wird quasi keine Kunstfigur für die Bühne erschaffen, die Musikerinnen geben sich komplett natürlich, zeigen nur ihre Freude an dem was sie tun. Das Musikvideo zu „View from a Tower“ kommt zwar in schwarz/weiß-Optik daher, wirkt aber eher untypisch, auch wenn es einen blutigen Roadtrip im Wechsel mit Aufnahmen der Musikerinnen zeigt. Sogar eine Reminiszenz an „Psycho“ findet sich. Genretypische Elemente und Gepose/große Gesten finden sich jedoch nicht. Ein gutes Video allemal, auch wenn es mich etwas verwirrt zurücklässt.

Mensch kann also über Mortals sagen: Drei hochprofessionelle Musikerinnen, die ihr Handwerk sehr gut verstehen. Gute Kompositionen die sehr viel Stimmung erzeugen, hier stimmt einfach die Mischung. Die Drei sind wie gesagt keine Unbekannten mehr, aber vielleicht ist da bei der hohen musikalischen Qualität die geboten wird noch eine Schippe mehr drin! Auch den anderen Beschäftigungsfeldern der Musikerinnen sollte mensch durchaus mal etwas Aufmerksamkeit schenken, denn auch diese können sich durchaus sehen, respektive hören, lassen!

In diesem Sinne:

Weidmenschsheil!

Mortals bei Bandcamp
Mortals bei Facebook
Mortals-Homepage
Mortals bei Instagram
Mortals bei Myspace
Mortals bei ReverbNation
Mortals bei Twitter

 

Aus dem Tagebuch eines Drachentöters: Darkly Venus Aversa Teil 5 – DivahaR. Oder: Die armenische Finsternis!

Neue Woche, neue Band! Diesmal kein neuer Kontinent und auch keine große Entfernung zum Heimatland der letzten Band, aber allein auf Grund eines Landes, das sonst kaum im Fokus des westeuropäischen Metalheads steht, eine zu beachtende Besonderheit: Die all-female-Band DivahaR aus Armenien.

DivahaR (Ich konnte kein Bedeutung ermitteln, mea culpa) wurden im Jahr 2009 gegründet und sind bis heute aktiv. Sie stammen aus der Millionenstadt Yeravan, der Hauptstadt Armeniens. Zuerst bestand die Band nur aus den Mitgliedern Dev (Gesang, am Anfang auch Gitarre) und Urubani (Gitarre). Schließlich stieß im Jahr 2010 Skadi (ebenfalls Gitarre) hinzu. Zu diesem Zeitpunkt war die Band bereits eifrig dabei, Songs zu schreiben. Die Bassistin Freya kam 2010 zur Band, verlies diese jedoch letztes Jahr wieder. 2014 kam schließlich die Keyboarderin Belus hinzu, die das Line-Up vervollständigte. Der Schlagzeuger Koryun Bobikyan (Kill Ritual, ex-Sworn, ex-Ayas, ex-Stryfe) ist kein ständiges Mitglied der Band (meine Voraussetzung um über diese Band zu schreiben, sondern unterstützt diese lediglich bei ihrer Live-Performance.

Die Zahl der Veröffentlichungen ist noch überschaubar. Im Jahr 2013 wurde die Single „Alien“ inklusive eines Musikvideos veröffentlicht. Im Jahr 2014 unterschrieb die Band einen Vertrag mit dem griechischen Metal-Label Sleaszy Rider Records (Holocaust, Ancient, Rotting Christ u.a.) und veröffentlichten im gleichen Jahr ihr Debüt-Album „Divarise“ für das sie sich prominente Unterstützung als Gastsänger in Form des Mayhem-Sängers Attila Csihar holen konnten. Zu diesem Album wurde 2015 ein weiteres Musikvideos zu dem Song „Shadows“ veröffentlicht. Die Band ist auch live sehr aktiv und konnte bereits auf größeren Festivals spielen, so unter anderem 2014 auf dem Carpathian Alliance Festival, auf dem große Bands wie WATAIN, Borknagar, Taake, Anaal Nathrakh, Wardruna  und Finntroll spielten.

Da solche Gastsänger und Festival-Auftritte ja nicht von Ungefähr kommen, werde ich mich hier auch dem full-length Album der Band widmen. Das Album „Divarise“ umfasst 8 Songs bei einer Spielzeit von 43:54 Minuten. Das Cover zeigt neben dem Bandlogo einen düsteren Steinmonolithen, der von Sonnenstrahlen umspielt wird, möglicherweise der „Rabenstein“, der dem fünften Track seinen Namen gibt. Die Texte der Band drehen sich um die armenische Geschichte, Mythen, sowie heidnische/pantheistische Elemente, also Bereiche die sich um im Pagan Metal finden lassen. Der Bezug auf ihr Heimatland findet sich nicht nur in den Texten. So veröffentlichten sie am 100. Jahrestag des Völkermordes an den Armeniern ein Bild mit der Aufschrift „Armenian Genocide 1915“ zum Gedenken.
Das Album „Divarise“ findet sich dankenswerter Weise auf Spotify, so dass es sich jeder zu Gemüte führen kann.

Tracklist:

  1. Shadows
  2. Blindness (feat. Attila Csihar)
  3. Call of the Fire
  4. Alien
  5. Ravenstone
  6. Into the Heights
  7. Areakan
  8. Insane Silence

Das Album versteckt sich nicht hinter einem Intro, sondern die Musikerinnen steigen sofort harsch und schnell mit „Shadows“ ein. Kam unerwartet, haut einen aber im positiven Sinne sofort um. Die Band feuert aus allen Rohren, hämmerndes Schlagzeug, sägende Gitarren und ein hauchzartes Keyboard, dass dem Ganzen eine stimmungsvolle Note gibt, ohne irgendwie Kitsch aufkommen zu lassen. Dazu kreischt und keift Dev in einer klassischen Black Metal-Manier, die keine Wünsche offen lässt. Erst nach zwei Minuten gibt es eine ruhigere Verschnaufpause, in der das Keyboard düstere Stimmung verbreitet. Es folgt ein instrumentaler Part, der sehr stimmungsvoll gelungen ist, bevor es brachial weiter geht. Der Text handelt von der inneren Leere, Schmerz und Zerrissenheit und den Kampf dagegen ein Schatten zu werden. Ein grandioser Einstand! „Blindness“ beginnt nicht minder energiegeladen, eine ähnliche Mixtur wie davor, aber hier zeigt sich, wie gut ein Keyboard im Black Metal eingesetzt werden kann, um den gewissen Unterschied zu machen. Der Text handelt vom Kampf gegen eine geblendete, blutdürstige Menschheit. Die ersten Strophen keift Dev in gewohnter Manier, bis die unheilvoll krächzende Stimme Attilas einsetzt, bis gegen Ende ein Wechselgesang einsetzt. Das Zusammenspiel der eher harschen, wuterfüllten Stimme Devs und der gequält krächzenden Stimme Attillas passt sehr gut. „Call of the Fire“ beginnt ruhig und nimmt gefühlt etwas Aggressivität raus, während Dev vom befreienden Feuer singt, dass aus der Dunkelheit rettet und zu Höherem ruft. Der Song wirkt melodischer als die vorangegangenen. Das folgende Lied handelt nicht etwa von einem Außerirdischen, sondern „Alien“ ist ein Fremde, ein Ausgestoßener in einer Festung der Einsamkeit. Auch dieser Song ist relativ ruhig, das Schlagzeug meist zurückhaltender. Das Lied gehört dem Zusammenspiel aus Keyboard und Gitarre. Grade die Gitarrenlinie sticht aus den bisherigen Songs heraus, nicht das typische Sägen des klassischen Black Metal, tiefer, dröhnender, Unheils schwer. Textlich nicht minder düster ist nun „Ravenstone“, ein Lied über Vergehen und Tod. Eventuell gibt es hier Anspielungen auf den armenischen Genozid, aber das Spekulation. Die Musik ist wieder schneller und harscher, eine drückende Stimmung, gesteigert durch die leisen Keyboardklänge. „Into the Heights“ beginnt wieder mit eher klassischen Heavy Metal-Gitarrenlinien, die von hämmerndem Schlagzeug und Keyboard getragen werden. Später wird es dann wieder klassisch schwarzmetallisch, eine schöne Abwechslung. Der Text handelt von einer Art Katharsis und einem befreiten Aufsteigen zu höheren Gefilden. Der Übergang zu „Areakan“ ist fast fließend. Ein klassischer Black Metal Brecher. Schnell, rau, hart, kompromisslos. Der Text handelt soweit ich es erkennen kann, von armenischer Mythologie und frühen armenischen Stämmen. Der letzte Song „Insane Silence“ legt nochmal richtig los,  wechselnde Melodien, zum ersten Mal mehr Raum für das Keyboard, ohne dass es unpassend wirkt. Mal melodisch ruhig, mal metallisch rasend. Es werden nochmal alle Register gezogen und nach 6:29 Minuten ist Schluss.

Ich bin beeindruckt! Ich hatte schon etwas erwartet, aber trotzdem bin ich wirklich überwältigt. Von der ersten bis zur letzten Minute hat mich das Album gefesselt. Der Sound ist klassischer Black Metal, aber durch das Keyboard um so viel Stimmung erweitert ohne das auch nur einen Augenblick  ein abgleiten ins Kitschige/Epische droht. So muss dieses Instrument im Black Metal eingesetzt werden! Da können sich viele Bands ein Beispiel nehmen. Das Album ist düster und dreckig, gut abgemischt und produziert. Die einzelnen Songs sind fast alle über fünf Minuten lang, wirken aber nicht langatmig, durchgehend wird Stimmung erzeugt. Ich wüsste nicht, was mensch da groß kritisieren sollte! DivahaR machen meiner Meinung nach alles richtig. Genug Melodie, genug Härte! Devs Stimme ist klassisch, aber stimmungsvoll und zeigt keine Schwächen. Anspieltipp: Alles!!

Aber widmen wir uns noch abschließend der Bildsprache der Band. Die Outfits sind körperbetont in schwarz und Leder, ohne aufreizend zu sein, jedoch auch nicht im klassischen Black Metal Stil. Hier spricht die Musik für sich, die Künstlerinnen bleiben eher unauffällig, fast schon erfrischend „normal“. Auffällig ist auch, dass der Fokus vom Schlagzeuger weggelenkt wird. Im Video zu „Alien“ ist er eine gesichtslose Gestalt in Kutte im Hintergrund der Band. Das Video arbeitet stark mit schwarz/weiß-Kontrasten und spiegelt den Textinhalt (Ausgestoßenheit, Fremdartigkeit) gut wieder. Schlicht, aber bildgewaltig. Auf den Promofotos zeigt sich die Band in Bühnenoutfit, gerne in einer träumerischen, unwirklichen Natur, die den Fokus zurück auf die Band wirft. Auch hier spiegeln sich Textfacetten wieder.

Freunde des klassischen Black Metal sollten hier definitiv ein Ohr riskieren, es lohnt sich definitiv!

 

In diesem Sinne:

Weidmenschsheil!

DivahaR bei Facebook
DivahaR bei Google+
DivahaR bei Myspace
DivahaR bei ReverbNation
DivahaR bei SoundCloud
DivahaR bei YouTube

Aus dem Tagebuch eines Drachentöters: Darkly Venus Aversa Teil 4 – Blackthorn. Oder: Die dornigen Hexen.

 

Hier ist nun der vierte Teil meiner Reihe und wieder hab ich eine Band aus einem neuen Land auf einem neuen Kontinent aufgetan. Diesmal führt mich der Eintrag nach Russland zur All-Female-Band Blackthorn.

Die Band Blackthorn (englisch; Schwarzdorn, Name des Dornenbusches Schlehe) stammt aus Moskau und gründete sich im Jahr 2004 und sich auch bis heute sehr aktiv. Die Band besteht nach einigen Besetzungswechseln aktuell aus den fünf Musikerinnen Aina Tornheim (Gesang/Screams/Songwriting), Elvira Alchemida Gitarre/Growls/Keyboard/Komposition), Greta/Tatyana Grevizirskaya (Bass), Acotath/Polyana Blackthorn (Schlagzeug) und Less/Yelena Lesnykh (Geige). Einige Mitglieder der Bands spielen/spielten auch bereits in anderen russischen Extreme Metal Bands, unter anderem bei AnfelShallow RiversInstorm, und Khaos Labyrinth. In ihrer über zehn Jahre währenden Geschichte hat die Band bereits einige Veröffentlichungen hervor gebracht, darunter allein die drei full-length Alben „Gossamer Witchcraft“ (2009), „Codex Archaos“ (2011) und zuletzt „Witch Cult Ternion“ (2015). Des Weiteren wurden eine Demo und mehrere Singles veröffentlicht. Die ersten beiden Alben erhielten gute Bewertungen (87% für „Gossamer Witchcraft92% für „Codex Archaos“) in der Encyclopaedia Metallum und auch das neuste Werk konnte sich auf Internetportalen durchaus über Zuspruch erfreuen. Die Band steht zurzeit beim russischen Label MSR Productions unter Vertrag, welches sich russischen Bands aus den Genres des Symphonischen Black Metal und des Death Metal verschrieben hat. Zu den dort verlegten Bands gehören neben Blackthorn unter anderem die Bands DemogorgonSinful (Elvira Alchemida war 2010-2012 Teil dieser Band) , Sinister Frost und Will of Hatred (zu der ich irgendwann auch noch einen Beitrag machen werde).
Da es für mich äußerst praktisch ist, mich zur Erfassung der Musik in einer Rezension zu ergehen, werde ich mich diesmal dem letzten Album der Band widmen um einen Einblick in ihr Schaffen zu erhalten und weiterzugeben. „Witch Cult Ternion“ erschien erst im Dezember vergangenen Jahres über MSR Productions und im USOUNDWORKS Studio und MAGNA OPERA Studio aufgenommen, gemixt und gemastert. Bei einer Spiellänge von etwas über einer Stunde beinhaltet das Werk 14 Tracks, davon 3 reine Instrumentalstücke sowie 2 Musikvideos des Tracks „The Spectral Evildence“. Im Januar diesen Jahres veröffentlichte MSR Productions eine digitale Extended Version des Albums, auf welchem zwar die Videoclips fehlen, das jedoch um 5 weitere instrumentale Tracks erweitert wurde. Für meine Rezension schaue ich mir die Extended Version vom Januar an, welche auf Spotify zur Verfügung steht. Das Album bringt es in dieser Version auf eine Länge von einer Stunde und fünfzehn Minuten.

Tracklist:

  1. Witch Cult Ternion
  2. Bleeding Milliads
  3. Obey the Noxdimensions
  4. Strix Nebulosa
  5. Heathendust
  6. The Spectral Evildence
  7. Graven on a Deathless Sin
  8. Moonbreed Sigil
  9. Threnody in Flames
  10. Witch Cult Ternion: Mater Mortis (instrumental)
  11. Moonbreed Sigil: Incantamentum (instrumental)
  12. Threnody in Flames: Finis Tantum Initium Est (instrumental)
  13. Strix Nebulosa (Dea Inversa) (instrumental)
  14. Heathendust (Suspiria) (instrumental)
  15. The Spectral Evildence (Pavor Nocturnus) (instrumental)
  16. Graven on a Deathless Sin (In Aeternum) (instrumental)
  17. Moonbreed Sigil: Incantamentum (instrumental)
  18. Threnody in Flames: Finis Tantum Initium Est (instrumental)

 

Dann hör ich mal rein. Das Album und der Titel gebende Track beginnen mit epischen Klängen und untermalenden (Synthi-) Chören. Langsam steigern sich diese, dann kommt der Umschwung und die Gitarren steigen ein, weiter begleitet von Chören, bis die Growls und Screams mit unterfeuernden Double Bassdrums einsetzen. Der Sound sehr abwechslungsreich, klar Gesang, Growls, wechselnde Tempi, getragen von Keyboard Epik. Das Ganze ist sehr melodisch und weiß zu gefallen, aber wenn die omnipräsenten Keyboards etwas zu dominant sind. Nightwish meets Dimmu Borgir. „Bleeding Milliads“ kommt etwas langsamer, aber auch druckvoller daher. Das Keyboard tritt etwas mehr in den Hintergrund. Mehr Raum für den Rest. Besonders der Wechsel von klarem Gesang und tiefem Gekrächze ist sehr stimmungsvoll. Singen dann Aina Tornheim (Klargesang)und Elvira Alchemida (Growls) gemeinsam hat das Gänsehautfaktor. „Obey the Noxdimensions“ klingt dann zu Beginn wieder einen Zahn zu, die Drums rasen, dann Wechselgesang und epische Untermalung. Hier werden auch die Keyboards zurückgeschraubt und setzen eher feine Akzente. Nach ähnlichem Muster ist “ Strix Nebulosa“ aufgebaut. Der Black Metal Anteil wird spürbar hochgeschraubt, grade die rasenden Parts wissen zu gefallen. „Heathendust“ hat deutliche Nightwish Anleihen, aber mit der Spur mehr Härte die nötig ist. Hier hat der Klargesang eine sehr prominente Rolle. Im nächsten Song („The Spectral Evildence“) steigt der Gothic/Power Anteil wieder, gleitet jedoch dank der guten Schlagzeugarbeit und den Growls nie ins unerträglich kitschige ab. „Graven on a Deathless Sin“ ist ein durchweg schneller Song, mit interessanten Melodien. Beide Gesangarten harmonieren gut mit der angezogenen Geschwindigkeit und auch die Keyboardparts ergänzen das Klangbild gut. Das Intro zu „Moonbreed Sigil“ erinnert mich wieder stark an Nightwish, aber die eingängigen Gitarren in Kombination mit Yelena Lesnykhs Geigenspiel formen schnell eine eigene Note. Es folgt der letzte Song mit Gesang, „Threnody in Flames“. Ein Wechselspiel aus rasenden und getragenen Abschnitten, ohne die Keyboards und den Klargesang wäre dies eine echt raue Black Metal Nummer. Meiner Meinung nach eine der besten Nummern des Albums! Es folgen die rein instrumentalen Nummern. Diese will ich hier, auch wenn es in vielen Punkten ungerecht ist etwas zusammen, auch weil es ja teilweise instrumentale Versionen vorheriger Songs sind. Schöne Melodien, mal melancholisch, mal rau, aber bestimmt immer abwechslungsreich!

Abschließende Worte: Blackthorn spielen symphonischen Black Metal mit starken Gothic-Akzent. Das heißt epische Melodien und ein großflächiger Einsatz von Keyboards. Die Klänge legen sie wich ein Mantel um den Black Metal. An vielen guten Stellen ergänzt dies den Sound gut, aber manchmal ersticken zu dichte Keyboardteppiche die Stimmung. Manchmal stimmungsvoll, nimmt es doch einigen Nummern eine wünschenswerte Härte. Der Gesang ist durchweg gut, in allen seinen Formen. Der Klargesang erinnert an gute Nightwish-Zeiten, die Growls sind gekonnt und schön fies. Das Zusammenspiel funktioniert großartig. Textlich werden die Themen bearbeitet, die sich in der Schnittmenge zwischen Goth und Black Metal befinden: Dunkelheit, Tod, Okkultismus,…

„Witch Cult Ternion“ ist ein klasse Album für Menschen, die sowohl Black Metal mögen, als auch ihre Gothic Seite nicht verleugnen. Hier wird eine gute Synthese geboten. Meine Anspieltipps sind  „Graven on a Deathless Sin“ und „Threnody in Flames“.

Kommen wir nun zur Bildsprache der Band. Wie bereits am Titelbild zu sehen, präsentieren sich die Musikerinnen nicht in der Aufmachung des klassischen Black Metals sondern neigen auch optisch eher dem Gothic zu. Die Kleidung ist körperbetonend, jedoch nicht aufreizend. Hier wird keine überbordende Boshaftigkeit zelebriert, sondern viel mehr zeigen sich die Bandmitglieder als gothichafte Hexen (eine Symbolik, die sich in Bildern und Texten häufig findet), als willensstarke Frauen.

Der Videoclip zu „The Spectral Evildence“ greift auch viele dieser Elemente auf. In der düsteren Natur werden Rituale durchgeführt, die Band begleitet dieses Ritual mit ihrer Musik. Tatsächlich tauchen hier männliche Kultisten auf, diese vergehen jedoch im Feuer des Rituals, während zum Schluss nur Frontfrau Tornheim übrigbleibt.

Blackthorn dürften insgesamt eine der weniger unbekannten Bands sein, weisen doch Fotos und Produktion einen hohen Grad an Professionalität auf. Dies sollte jedoch kein Hinderungsgrund sein, mal ein Ohr zu riskieren, wenn mensch Gefallen an der Mischung aus Gothic und Black Metal findet.

In diesem Sinne:

Weidmenschsheil!

Blackthorn bei Bandcamp
Blackthorn bei Facebook
Blackthorn bei Instagram
Blackthorn bei Myspace
Blackthorn bei ReverbNation
Blackthorn bei Twitter

Aus dem Tagebuch eines Drachentöters – White, male and privileged! Teil 4. Oder: Auch Worte sind Taten.

<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<TRIGGER WARNUNG>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>

Dieser Text enthält Passagen, die manche Personen in ihren Gefühlen verletzen könnten!

<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<TRIGGER WARNUNG>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>

Ich bin ein Freund von extremer Musik. Laut, schnell, grelle Gitarren, Double Bass, Growl, Scream, Shout, sowas eben. Ich hör auch anderes, aber wenn es blackt, doomt oder deatht hör ich doch schon eher hin, als wenn es dudelt, popt oder hopt. Mit diesen Stilrichtungen geht natürlich nicht nur extreme Musik, sondern auch ein besonderer Habitus einher. Wie zeigt mensch sich, wie gibt mensch sich. Sowohl auf, als auch vor der Bühne. Die Extreme finden sich natürlich auch in den Texten wieder. Hier geht es seit den jungen Jahren der Rockmusik um Provokation. Immer extremere Themen, immer extremer aufbereitet. Hatte man früher nur eine „sympathy for the devil“, wird heute lautstark verschiedensten Göttern und Dämonen gehuldigt, Krieg besungen und von Gewalt getextet. 

Ein normaler Vorgang, weil eine immer radikalere Botschaft von Nöten ist um an zu ecken. Dies führt zur allerlei Stilblühten.  Am offensichtlichsten ist das Kokettieren mit  rechtsextremen Inhalten oder anderen menschenverachtenden Ansichten. Allerdings führt dies meist dazu, dass eine Band zur Unperson wird, für größere Teile der Gesellschaft und Szene untragbar (es sei denn, man trägt ein Geweih und einen Punkt im Logo). Aber mir geht es um eine andere Erscheinung, die viel stärker unter dem Radar bleibt und nur von wenigen engagierten Personen und nur selten von den Medien aufgegriffen wird: Frauenfeindlichkeit (Misogynie) und Sexismus.

Woran denkt man bei diesem Thema zuerst? Deutschrap vielleicht. Interpreten wie der frühe Sido oder King Orgasmus One wurden schon von den Medien für bestimmtes Gebaren und bestimmte Texte  gerügt. Viele Künstler dieses Genres pflegen ein Männlichkeitsverständnis, das sich an sexistischen Klischees und einer Abwertung von Personen die diesem nicht entsprechen orientiert.

Aber dieses Männlichkeitsverständnis findet sich genauso in vielen anderen Subkulturen. Wo explizite Männlichkeit eine große Rolle spielt, ist Sexismus oft nicht weit. Beispiel wäre hier die Skinhead-Szene (Schusterjungs – Mein Engel). Frauen werden als „Anhängsel“ gesehen und eigenen sich höchstens als Sexobjekt. Aber es muss gar nicht mal so offensichtlich sein. Ost reicht auch schon, dass eine Szene männlich dominiert ist, wie sie Skate-Szene. „Ganz gut für ein Mädchen“, möchte Respekt ausdrücken, drückt aber unverhohlen Vorurteile aus. Frauen werden zu „Mädchen“, also quasi verniedlicht und mensch unterstellt ihnen, dass eine bestimmte Tätigkeit von Frauen kaum so gut betrieben werden könnte, wie von Männern. Das die Besonderheit von einer fähigen nicht männlichen Person aber in erster Linie daher rühren, dass diese in einer männlich dominierten Szene nur schwer Fuß fassen können, wird gerne vernachlässigt. Vielleicht gäbe es viel mehr weibliche oder sogar trans* Rapper*Innen, Skater*Innen und so weiter, wenn der Habitus der Szene sie nicht versuchen würde, sie auszuschließen. Nur um das klar zu stellen: Kaum eine Szene/Subkultur kann sich hierbei wirklich ausnehmen!

Auch in der extremen Musik sind Frauen (und Trans*Personen sowieso) eine Seltenheit. Sie werden belächelt, geschmäht oder sogar offen und aggressiv angegriffen und ausgeschlossen. „You will never be part of Black Metal!“, tönte Akhenaten, Kopf hinter dem einflussreichen Solo-Projekt Judas Iscariot in Richtung der Szenegängerinnen. Nicht männliche Personen haben einen schweren Stand in diesen Szenen, von ihnen wird mehr erwartet. Sie müssen eine bessere Szenekenntnis haben, „härter“ sein und mehr aushalten um nur einen äquivalenten Status zu haben, wie ein männlicher Szenegänger. Eine Duldung erhalten sie oft nur durch diese Anstrengung oder die Zurverfügungstellung von Sexualität, welche ihnen dann im gleichen Atemzug wieder vorgeworfen wird (Es mag Ausnahmen geben!).

Doch das ist das, was quasi „vor der Bühne“ stattfindet. Wie sieht es auf der Bühne aus? Grade in den extremeren Spielarten des Death Metal, aber auch im Metalcore, dem Black Metal und selbst im Power Metal findet sich Sexismus in unterschiedlichsten Formen. Ich sage vorneweg, dass ich mich hier erstmal mit gegen Frauen gerichteten Sexismus beschäftige. Eine ernsthafte Auseinandersetzung mit Trans*Personen und Homosexuellen finden im Szenekontext häufig erst gar nicht statt. Meistens nur beschränkt auf kurze abfällige Bemerkungen über „fags“. Wie zumindest radikale Teile der Szene zu diesem Thema stehen, sollte seit den frühen Tagen des Black Metal klar sein (Mord durch Emperor-Schlagzeuger). Auch der bekennende Homosexuelle Gaahl  (Wardruna, Ex-Gorgoroth) wurde nach seinem Outing von Teilen der Black Metal-Community mit Schmähungen überzogen. An Frauen arbeiten sich jedoch ganze Szenen ab, Entschuldigung für die Objektivierung! 

Viele Metal-Genres (aber auch viele andere Musikarten) kennen runtergebrochen zwei verschiedene Frauentypen: Die Reine und die Verdorbene. Die Reine ist eine gute Seele, treue Frau eines Helden, die keusch zurück bleibt und dessen Tod beweint oder eine gute Zauberin, ein Engel oder ähnliches. Diese Figur ist entweder gänzlich unsexualisiert oder einem einzigen Mann „zugehörig“. Die Verdorbene ist gerne Hexe, Dämonin (Sukkubus) oder ähnliches. Ungebunden (auch sexuell), willensstark und meistens irgendwie böse. Oft ist sie eine Verführerin, die Männer ins Unglück stürzt. Nennt mich paranoid, aber warum ist die sexuell befreite Frau tendenziell eher böse als die Frau, die treu zu einem Mann steht, während es bei Männern keinen Unterschied macht?

Der Power Metal erschöpft sich meistens darin, die Frau als schmückendes Beiwerk des strahlenden Helden abzubilden, als Preis für seine Taten (diverse Manowar-Cover). Textlich finden sie sich kaum wieder. Ist vielleicht auch besser so, wäre wohl kaum mehr schmeichelhaft. Ähnlich wie im Power Metal hält es meist auch der Pagan Sektor, der von vergangenen „Helden“ singt.

Jetzt wirds in meinen Augen/Ohren abartig. In Genres wie Death Metal und Grindcore werden nicht selten und explizit Vergewaltigungen und Morde (gerne auch in Verbindung) an Frauen grade zu zelebriert. Bis ins Detail werden solche Szenerien ausgeschmückt und auf CD gebannt und von Bühnen herunter gebrüllt, mitgesungen und beklatscht. Ein vielgescholtenes Beispiel dafür geben zum Beispiel Debauchery mit ihren vielsagenden Track „Chainsaw Masturbation“ ab (Wer sich das dazugehörige Shirt anschauen will, soll das wo anders tun!). Die Band Cemetery Rapist macht in ihrem Namen schon deutlich, wo es hingeht. Aus dem Grindcore ging mit dem Porngrind ein ganzes Genre hervor, dass sich ausschließlich mit mit sexuellen/pronographischen Inhalten beschäftigt (und darunter eben auch Vergewaltigung!). Auch der Black Metal ist alles andere als schuldfrei. Beispiel haft ist hier zum Beispiel die deutsche Gruppe Eisregen, die sich grad in ihrer frühen Phase in Tötungsfantasien ergingen. Beispielhaft wären hier Songs wie „1000 tote Nutten“, „19 Nägel für Sophie“, „Futter für die Schweine“ oder nur als Beispiel für Lookism/Fatshaming der Song „Kathie das Kuchenschwein“. Aber auch internationale Szenegrößen geben sich solchen Fantasien hin, wie zum Beispiel die Band Urgehal auf den Albumcovern von „Through Thick Fog Till Death“ und „Demonrape“ zeigt.  Fragt man solche „Künstler“ dann nach solchen Texten, dann geht es da nur um Fantasien, die mit der Realität nichts zu tun haben, mensch sei absolut kein Frauenfeind. Das es nicht nur bei Worten bleibt, zeigt der Fall von Satyricon, deren Sessiongitarristen Steinar Gundersen and A.O. Gronbech auf einer Tour in Kanada wegen Vergewaltigung eines weiblichen Groupies festgenommen wurden. Auch Gorgoroth-Gittarist Infernus wurde 2006 eines „schweren sexuellen Übergriffes“ (nicht Vergewaltigung) für schuldig befunden

Stellt sich mir doch die Frage, warum ergehen sich solche Bands dann in solchen Texten? Provokation? In einer Welt die auch heute voller Gewalt gegen Frauen ist? Gewalt, die leider absolut alltäglich ist und dennoch wenig mediale Beachtung bekommt? Naja, für die meisten Musiker wahrscheinlich.

Diese Songtexte sind sicher keine Aufforderung, soweit kann man nicht gehen, aber sie schaffen seinen Raum. Einen Raum „in dem Männer noch Männer sein dürfen“. In dem eine klare Rangordnung herrscht, aus dem Frauen ausgegrenzt werden, weil sie Frauen sind.  Sie festigen damit eine bestimmte gesellschaftliche Struktur, denn diese „Kunst“ findet ja nicht im Vakuum statt, sondern wird von Individuen in einer Gesellschaft für andere Individuen in einer Gesellschaft produziert. Man(n) mache sich einfach mal folgendes Bild: Du befindest dich in einem Konzertraum voller vielleicht alkoholisierter, auf jeden Fall durch Adrenalin und Endorphin enthemmter Frauen, von denen dir viele körperlich überlegen sind. Und oben auf der Bühne schmettert eine Sängerin fröhlich ein Lied über Kastration. Angenehme Situation? Ich glaube nicht! Für Frauen auf Extreme Metal-Konzerten bestimmt aber keine seltene. Schließlich sind sie fast auf allen Konzerten in einer deutlichen Minderheit.  Sexuelle Übergriffe sind auch auf Metal Festivals zu finden. Es muss ja keine Vergewaltigung sein. Eine Hand an der falschen Stelle, herabwürdigende Bemerkungen, es fängt im Kleinen an! Nur weil eine leicht bekleidete, weibliche Person crowdsurfen will, ist dass keine Aufforderung/Entschuldigung, sie in einer Weise anzufassen, die mehr ist, als das Weitertragen auf der Menge! Ich höre jetzt diverse Männer und Frauen protestieren, dass das ja gar nicht stimmen würde und dass man sich ja kaum irgendwo sicherer fühlen könnte als auf einem Szenekonzert, wo jeder auf jeden Acht gibt. Aber ist das wirklich so? Ganz ehrlich? Ich bin male, white und privileged und ich sehe das anders. Ich ende mit diesem schönen Zitat:

„Eine Frau muss nackt und sturzbetrunken über ein Festival laufen können, ohne dass ihr etwas zustößt.“(Quelle)

Hier der Artikel des Noisey Magazins, der mich zu dem Eintrag bewegt hat.

In diesem Sinne:

Weidmenschsheil!