Aus dem Tagebuch eines Drachentöters: Bei Skeptikern werd ich skeptisch! Oder: Ihr glaubt nur an was anderes.

Ich würde mich als einen kritischen Menschen betrachten. Ich bin Agnostiker, Impfbefürworter, Homöopathiegegner und hinterfrage die Aussagen von Politikern oder öffentlichen Personen prinzipiell. Ich bin zwar Mitglied einer Partei, doch stehe ich offen dazu, mit der Parteilinie nicht konform zu gehen (So gebe ich Marcron definitiv den Vorzug zu Mélenchon; es gibt keinen „intelligenten Protektionismus“). Ich bezeichne mich als Antifaschist, habe aber Probleme mit dem links-autonomen „schwarzen Block“. Ich bin für den Frieden, aber nicht auf Kosten von Querfrontgedanken.

Kurzum: Ich sehe mich als einen skeptischen Menschen im Geiste von Pyrrhon von Elis. Von daher hab ich lange mit Gesellschaften wie der GWUP (Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften) beschäftigt oder in Watch-Blogs wie Psiram gelesen, um mich über Scharlatane und ihre Machenschaften zu informieren. Hierbei bin ich allerdings irgendwann auf eine Sache gestoßen, an der ich mich gestört habe: Der Glaube an Übernatürliches wird hier in Teilen durch einen übersteigerten Wissenschafts- und noch schlimmer Wirtschaftsglauben ersetzt.

Es fing irgendwann mit einem Artikel zur Kritik an der Kritik der Gentechnik an. Ich bin ehrlich, ich komme aus einem Elternhaus, dass zumindest in meiner Jugend der Ökobewegung zugetan war und somit in diesem Bereich kritisch behaftet war. Gleichzeitig waren beide Eltern Akademiker und Akademikerin im Bereich Biologie, also wurde ich zumindest nie von blinder Kritik geleitet. Der Artikel (den ich zu meinem Bedauern nicht mehr finde, voll seriös, so ganz ohne Quelle…) war gut geschrieben, argumentierte ordentlich und bezog sich auf externe Quellen. Aber bei den Quellen fing es dann an… Die Quellenseite gab sich seriös und unabhängig und wollte ganz unvoreingenommen über Gentechnik informieren. Ein Klick auf das Impressum offenbarte allerdings die Beteiligung ausschließlich von Wirtschaftsunternehmen aus den Bereichen Chemie, Pharmazie und Biotechnologie. 

Hier wurde ich… skeptisch. Ich habe, glaube ich, auch nen Kommentar geschrieben, aber darauf kam nichts zurück. Von nun an schaute ich immer mal wieder genauer hin, wenn ich GWUP oder Psiram-Artikel las und immer mal wieder musste ich den Kopf schütteln, wegen der unkritischen Übernahme von nicht-neutralen Quellen. Zum Bruch mit der GWUP (klingt übertrieben, aber ich finde grad kein besseres Wort) kam es für mich mit einem hämischen Artikel über eine Konferenz gegen Biotechnologie und Patenten auf Pflanzen. Ich hatte für mein Studium eine Hausarbeit über Biopiraterie geschrieben, also der Aneignung und anschließenden Patentierung alter Kulturpflanzen durch Pharma- oder Lebensmittelunternehmen. Ergo hatte ich zumindest eine Grundlegende Ahnung von dem Thema und war deshalb durchaus erbost über die Häme und Abschätzigkeit, die diesen Fortschrittsfeinden der Konferenz durch den/die Autor*in der GWUP entgegengebracht wurde.

Diese Entrüstung brachte ich in einem Kommentar unter dem Facebook-Post des Artikels zum Ausdruck. Ich bekam eigentlich keine Antwort. Meine Post wurde zwar beantwortet, aber meine geäußerten Kritikpunkte wurden mehrfach übergangen, auch von Personen die nach eigener Aussage zu höheren Kreisen der GWUP gehörten. Kritik war offenbar nicht erwünscht. Und hier wurden mir Parallelen zu den Leuten deutlich, die die GWUP so gerne (und auch zurecht) kritisiert. Ich war extrem enttäuscht und habe mich nicht weiter mit der GWUP beschäftigt.

Wohl aber mit Psiram. Und das war auch der ausschlaggebende Grund diesen Post zu schreiben. In meinem Newsfeed habe ich Psiram weiterhin abonniert und lese von Zeit zu Zeit darin, da sich Psiram weitestgehend (im Gegensatz zur GWUP) mit den Kernfeldern der Skeptiker*innen beschäftigt (Parapsychologie, Übernatürliches, Homöopathie, etc.). Und nun las ich im Psirama-Wochenrückblick (KW 13, 2017), der für Skeptiker interessante Artikel sammelt und zusammenfasst, erst einen Artikel des Tagesspiegels über verschwörungstheoretische und rechte Umtriebe bei Mahnwachen für den Frieden. Ein guter Artikel, der die krude, teils rechte/nationalistische, teils antisemitische Weltsicht dieser Personen widergibt. So weit, so gut. Und etwas weiter drunter? Ein Kommentar von Spiegel Online, der sog. „Schwarze Kanal“ des unter links-ödipalen Anfällen leidenden Schreibers Jan Fleischhauer. Über dessen Probleme mit der Linken, den Linken, links allgemein hätte Freud ein ganzes Buch schreiben können. Überschrift: „Wie man eine Volkswirtschaft ruiniert“. Eine deutschtümelnde Jammerschwarte darüber wie Deutschland (in Personalunion mit seiner Automobilindustrie) von grünversifften Umweltschützer*innen und amerikanischen-/EU-Angsthasen vor dem teutonischen Muskelprotz kleingehalten werden soll. Ich glaube der skeptische Aspekt des Artikels sollte sein, dass Nadelbäume sog. „biogene Emissionen“ freisetzen und damit zur Feinstaubbelastung beitragen.

Das ich scheinbar nicht der Einzige mit so einer Meinung bin, zeigt der etwas ältere Artikel eines ehemaligen Gründungsmitglieds der GWUP, des Soziologen Edgar Wunder.

Ist das der deutsche Skeptizismus von heute? Da glaube ich lieber niemandem mehr irgendwas und verbleibe mit Arkesilaos:

Nichts ist sicher und nicht einmal das ist sicher

In diesem Sinne:

Weidmenschsheil!

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Aus dem Tagebuch eines Drachentöters: LÜGENPRESSE!!11 Oder: Medienkritik, aber richtig.

Nicht erst seit PEGIDA und andere aggressiv besorgte Bürger*innen auf die Straßen gehen, macht ein Schlagwort die Runde: „Lügenpresse“. Kein neuer Begriff, wurde er doch bereits vor im dritten Reich und davor verwendet, um eine Presse zu diffamieren, die nicht nach dem eigenen Gusto berichtet. Der zum Unwort des Jahres 2015 gekürte Kampfbegriff ist jedoch selten eine ernste Medienkritik. Es geht nicht darum, dass die Presse tatsächlich lügt, verschweigt oder Propaganda betreibt, es wird damit eher ein subjektive Unterdrückung der eigenen Position gemeint.

Doch Lügenpresse hin, Medienkritik hat, das deutsche Medienwesen hat ein massives Imageproblem! In einer Erhebung des Statistischen Bundesamts von 2012 landen Journalist*innen, wenn es um das Ansehen ihres Berufsstandes geht auf dem vorletzten Platz.

statistik berufe

Nicht nur am rechten Rand der Gesellschaft, das Misstrauen gegenüber den etablierten Medien/Journalist*innen durchzieht alle gesellschaftlichen Bereiche und Schichten. Dies ist insbesondere in Zeiten der Digitalisierung und schrumpfenden Umsätze im Printmedien Bereich eine Katastrophe für viele Anstalten und Verlagshäuser. Im Internet haben sich kaum annehmbare Bezahlvarianten etabliert und im „analogen“ Bereich brechen Käufer*innen, Abonnent*innen und damit letztendlich Werbekund*innen weg, von denen quasi alle Medien abhängig sind (ausgenommen die öffentliche-rechtlichen Sendeanstalten).

In den vergangenen Jahren ist an vielen Stellen das Vertrauen in die Medien immer wieder erschüttert worden und das aus verschiedensten Gründen. Drei relativ aktuelle Beispiele sind die Wirtschaftskrise und der drohende Staatsbankrott in Griechenland, der Bürgerkrieg in der Ukraine und der Bürgerkrieg in Syrien sowie das damit stark verknüpfte hohe Flüchtlingsaufkommen. In allen Fällen gab es eine Meinungsströmung, die zu Beginn medienübergreifend zu finden war und kaum hinterfragt wurde. „Faule Griechen“, böser Putin, gute Ukrainer*innen, „Wir schaffen das!“. Das sorgte nicht nur bei Verschwörungsgläubigen für Kritik, doch erst mit der Zeit wurde in den großen Medienhäusern recherchiert und hinterfragt. Und plötzlich wurde auch den hier klar, dass zum Beispiel in der Ukraine Faschist*innen am rechtlich bedenklichen Sturz des rechtmäßig gewählten Präsidenten beteiligt waren und die USA im geheimen stark interveniert hatten. Auch in den anderen Fällen wurde zu spät hinterfragt und das Vertrauen nachhaltig geschädigt.

Was wünschen wir uns von „guter“ journalistischer Arbeit? Möglichst neutral soll sie sein, die Konsument*innen sollen sie verstehen können, sie soll versuchen alle Meinungen abzubilden, auch Minderheiten(meinungen) nicht ausschließen, kritisch sein, hinterfragen und vor allem sauber recherchiert sein. Viele sehr hehre Ziele. Und ganz ehrlich sind wir dabei auch nicht. Wenn mensch sich Klickzahlen und Verbreitung von Medieninhalten anschaut, wie es die Onlineplattform 10000 Flies tut, sind es nicht wirklich Berichte, die am meisten Verbreitung finden, welche den oben genannten Kriterien entsprechen. 10000 Flies will

„zeigen, über welche Themen und Artikel deutschsprachiger Medien in den sozialen Netzwerken diskutiert wird. 10000 Flies veröffentlicht tägliche Charts der Beiträge, die die meisten Likes, Shares und Kommentare bei Facebook, Verlinkungen innerhalb von Tweets bei Twitter und +1-Klicks bei Google bekommen haben.“

Quelle: http://www.10000flies.de/blog/ueber-10000-flies/

Und hier wird schnell deutlich, was wirklich am häufigsten geklickt und geteilt wird: Es sind emotionsgeladene Themen, Skandale und Skandälchen sowie Kuriositäten aus Allerwelt. Das ist so wenig überraschend wie stark bedenklich. Medien suchen sich für ihre Meldungen gerne „Trigger“, also Reize, die bei Betrachter*innen Emotionen auslösen. Sie tun dies in den seltensten Fällen aus manipulativer Absicht, sondern meist eher aus wirtschaftlichem Interesse, sind doch grade im Netz die Klicks bares Geld. Allerdings bleiben bei so einem Verhalten journalistische Ideale gerne auf der Strecke. Wer nur Verkaufen bzw. Klicks generieren will, sucht die Trigger, berichtet reißerischer. Je schlechter und empörender die Meldung desto „besser“. Dies hat neben fehlender Seriosität auch eine sehr gravierende Folge: Ein unglaublich negatives Bild der Welt. Wer sich öfters Nachrichtensendungen anschaut, gewinnt oft das Gefühl das nur und immer mehr Schlechtes geschieht. Und Sport. Jeden Tag sind die Medien voll von Katastrophen, Gewalt, Krieg…Und Sport.

Dies schürt Angst (also nicht der Sport, das andere!) in den Menschen. Angst um die eigene (wirtschaftliche) Existenz oder die körperliche Sicherheit. Grade im Rahmen der aktuellen Flüchtlingsdebatte wird diese Angst deutlich. Auch in den Gerüchten, die sich wie Lauffeuer durch die sozialen Netzwerke fressen: Ein Gerücht, der Glaube daran und damit dessen Verbreitung macht sehr deutlich, welche Vorurteile und Ängste in den Menschen herrschen. Und diese Ängste werden von den Medien in ihrem wirtschaftlichen Denken geschürt, wie in einem Teufelskreis: Viele Menschen haben Angst vor Übergriffen und wirtschaftlichen Einbußen durch die ankommenden Flüchtlinge, also konsumieren sie Berichte über solche Vorgänge. Die Medien registrieren dies und berichten verstärkt darüber. Daraus ergibt sich der Eindruck die Angst wäre begründet und verstärkt sich. Und am rechten Rand der Gesellschaft warten dankbare Rattenfänger*innen um die Angst dieser Menschen für ihre Zwecke zu instrumentalisieren. Natürlich ist der verstärkende Effekt von sozialen Netzwerken in denen Gerüchte ungehindert wuchern nicht zu vernachlässigen.

Es gilt also den Medien auf die Finger zu schauen! Das hat nichts mit Verschwörungstheorie oder rechter Gesinnung zu tun, sondern mit dem gesunden Menschenverstand, der hinterfragen MUSS! Leider ist der Trugschluss oft die Abwendung von etablierten Medien hin zu informellen Netzwerken oder eindeutig manipulativen Formaten wie Compact, RT Deutsch und vielen anderen. Hier wird den Konsument*innen eine andere Realität geboten, allerdings ist diese mindestens genauso manipulativ, in den meisten Fällen jedoch noch wesentlich stärker, als die vermeintliche „Lügenpresse“.

Aber es gibt auch viele Webseiten, Blogs und Formate, die sich Medienkritik und -überwachung groß auf die Fahne geschrieben haben. Ein Flaggschiff dieser begründeten Kritik war und ist Stefan Niggemeier. Für sein medienkritisches Engagement wurde er bereits vielfach ausgezeichnet (u.a. mit dem Grimme Online Award) und die von ihm begründeten Projekte sind zahlreich. Neben seinem persönlichen Blog begründete er den BILDblog (inzwischen hier nur noch als Herausgeber tätig), ein sogenannter Watchblog zuerst nur für die namensgebenden Springerformate, später für die gesamte deutsche Medienlandschaft, war bei der Crowdfunding-basierten Nachrichtenseite Krautreporter tätig und gründete 2015 Übermedien, einer Nachrichtenseite über Medien. Hier werden Berichterstattungen analysiert, Magazine rezensiert und unterhaltsam wie konstruktiv Medien kritisiert. Wer über seriöse Medienkritik in Deutschland redet, kommt um diesen Mann einfach nicht vorbei. Er legt gerne den Finger in die Wunden anderer Journalist*innen, bohrt auch gerne mal noch drin herum. Das macht in dort nicht unbedingt beliebt, aber für Medienkonsument*innen wichtig.

Doch auch im Fernsehen gibt es so manche Sendung, die die Medienkritik hochhält, meistens im öffentlich-rechtlichen. Besonders herauszuheben ist hier Zapp: Das Medienmagazin des NDR. Hier werden auch politische Themen behandelt, aber in erster Linie wird berichtet, wie andere berichten. Fehlverhalten von Journalist*innen ist dabei genauso Thema, wie der staatliche oder öffentliche Umgang mit den Medien selbst. Dabei wird kaum ein Blatt vor den Mund genommen und auch das eigene Sendehaus wird nicht außen vor gelassen. Erst in diesem Monat wurde eine Sendung ausgestrahlt, die sich ausschließlich mit dem schwindenden Vertrauen in die Medien befasste und dabei auch sich selbst unter die Lupe nahm. Weitere Magazine, die sich teilweise mit Medienkritik beschäftigen sind unter anderem Panorama (NDR), Quer (BR) und die Satiresendung extra3 (NDR).

Es gibt sie also, die Medienkritik im Fernsehen und im Netz. Informiert euch und hinterfragt die Medien, ALLE Medien. Denn nur weil ein Medium nicht zu den etablierten zählt, heißt es noch lange nicht, dass es euch nicht manipulieren will.

In diesem Sinne:

Weidmenschsheil!